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SEKA-Journal Nr. 17 - Dezember 2006 |
"Ich glaube, wir können einen Weg finden ..."
Aus der psychodramatischen Einzelarbeit
Als Biljana mich um einen Einzeltermin bittet, meint sie: "Ich möchte mit Dir über meinen Glauben reden. Ich habe Angst, dass ich ihn verloren habe - durch die "Gehirnwäsche", die ich von der Familie meines Ex-Mannes erlebt habe."
In einem früheren Gespräch hat sie mir von dem Martyrium erzählt, dass sie sechs Jahre lang erlitten hatte - in der Familie ihres Ex-Mannes, eines serbisch-orthodoxen Priesters. Sie hatte gelebt wie eine Sklavin in einem Gefängnis und war täglich von der Schwiegermutter und dem Ehemann physisch und psychisch misshandelt und terrorisiert worden. Ihre ältere (inzwischen 5-jährige) Tochter Sandra war ihr sofort nach der Geburt von der Schwiegermutter weggenommen worden. Die jüngere - jetzt 4 jährige - Tochter Valentina wurde zwar in ihrer Obhut belassen, aber sowohl Grossmutter als auch Vater versuchten, das Kind ständig gegen die Mutter zu beeinflussen. Während dieser Leidenszeit hatten die Misshandler jeden Kontakt zu Biljanas eigener Herkunftsfamilie, die etwa 100 km entfernt lebte, unterbunden.
Ihr Mut und eine erstaunliche Geistesgegenwart halfen der jungen Frau, die erste Gelegenheit zur Flucht für sich und die jüngere Tochter zu nutzen. Sie kehrte zu ihren Eltern zurück, die sie wieder bei sich aufnahmen und - entsprechend ihrer Möglichkeiten - unterstützen.
Nach ihrer Flucht versuchte Biljana alles, um ihre ältere Tochter zu sich zu holen, was ihr aber nicht gelang. Obwohl sogar das Gericht vorläufig entschied, dass die Tochter bei der Mutter leben sollte - bis zu einer endgültigen Entscheidung, verweigerte die Familie von Biljanas Mann die Herausgabe des Kindes. Weder die Sozialbehörde noch die Polizei sahen sich im Stande, ihr bei der Durchsetzung des Gerichtsbeschlusses zu helfen. Wie Biljana erklärt, ist die Familie in dieser Stadt sehr "angesehen" und mit den staatlichen Autoritäten eng verwoben.
Nach einigen Monaten des vergeblichen Kampfes um ihre Tochter fühlte sie sich erschöpft, entmutigt, zunehmend hilflos und depressiv.
Sie entwickelte Angstzustände und hatte grosse Schuldgefühle, weil sie ihre ältere Tochter zurückgelassen hatte ...
Es fiel ihr immer schwerer, ihren Alltag zu bewältigen. Sie sah keinen Ausweg aus ihrer Krise.
Arbeit an den Ressourcen ...

Das Meer heilt
Zu Beginn des ersten Termins wird deutlich, dass es Biljana nicht so sehr um "Religionsfragen" geht, als darum, sich mit der gesamten Situation auseinanderzusetzen und einen Weg zu finden bzgl. ihrer Tochter Sandra. Ihr Glaube stellt in diesem Zusammenhang eine Ressource dar, die ihr früher Kraft, Zuversicht und eine Leitlinie für ihr Handeln gegeben hatte und die sie nun fürchtet verloren zu haben.
Zuerst sprechen wir über ihren Glauben früher. Sie beschreibt ihr Gottesbild als das eines "liebevollen, verständnisvollen und väterlichen Gottes" - im Gegensatz zu dem "strengen, strafenden und rachsüchtigen Gott der Familie ihres Mannes". Ich bestärke sie in ihrem Gottesbild, erzähle ihr ein wenig von der psychodramatischen Philosophie, die "Gott in jedem Menschen" sieht und die uns darin unterstützen will, dass wir "für die Freude leben" und in liebevoller und wertschätzender Verbundenheit mit anderen Menschen. Das gefällt Biljana sehr. Ich unterstütze sie darin, dass sie "ihren eigenen Glauben haben kann" und dass sie "direkt mit Gott im Kontakt sein kann und dazu nicht die offizielle Kirche benötigt" (gegen die sie inzwischen eine Abneigung entwickelt hat). Biljana ist erleichtert ...
Ich schlage ihr vor, dass wir - wenn sie möchte - die Steine und Muscheln, die im Therapieraum auf einem Tuch ausgebreitet sind, als Symbole nutzen können, um zu sehen, was sie den ausser ihrem Glauben noch zusätzlich als innere oder äussere Unterstützung (Ressource) nutzen kann.
Sie stimmt zu - die Steine haben sie ohnehin schon fasziniert. Und wir erarbeiten so auf einem Tuch als "kleiner Bühne" Biljanas "Stärken, Potentiale und Fähigkeiten, die sie in sich hat", indem wir schauen, was ihr z.B.in dieser schwierigen Situation (ihrer "Gefangenschaft" in dieser Familie) geholfen hat, auszuhalten, nicht verrückt zu werden, sich nicht umzubringen und schliesslich die erste Gelegenheit zu ergreifen mit der kleinen Tochter zu fliehen. Im Rückblick auf diese Zeit (aus der "sicheren Perspektive der heutigen Beobachterin") erarbeiten wir eine ganze Menge wichtiger Ressourcen:
Ihr Durchhaltevermögen; ihre realistische Einschätzung der Situation; Anpassungsfähigkeit, um sich und die jüngere Tochter zu schützen; Entschiedenheit, irgendwann zu fliehen; die Fähigkeit, sich selbst und ihr Kind zu beruhigen; eine unglaubliche Kraft, diesen Terror auszuhalten, ohne verrückt zu werden; die Fähigkeit, sofort ihre Gelegenheit zur Flucht zu erkennen; ihre blitzartige Entschlossenheit zu fliehen - ohne finanzielle Mittel in einer fremden Stadt; ihr Mut ... und andere Fähigkeiten mehr. Für jede dieser Ressourcen wählt Biljana ein Symbol und gibt ihm einen Platz im Verhältnis zu dem Symbol, das sie für sich selbst ausgewählt hat. Sie ist sehr überrascht und berührt, als sie realisiert, wie viele Ressourcen sie hat.
Ich animiere sie, als "Biljana heute" auf die "Biljana damals" zu blicken: "Was denkst Du über diese Biljana damals, wie empfindest Du gegenüber ihr?"
"Sie hatte es so furchtbar schwer ... es tut mir leid um sie ... es ist ein Wunder, dass sie das alles ausgehalten hat ... und sie war so jung ..." sie seufzt tief und fährt fort: "aber sie ist stark ... das habe ich nie so empfunden ... und mutig, wie sie geflohen ist ... ohne irgendetwas und ohne irgendjemanden, der ihr geholfen hätte ..." Ich frage Biljana, ob sie gerne hören will, wie ich diese "Biljana damals" sehe und erlebe, welche Gefühle ich ihr gegenüber habe. Das möchte sie sehr gerne.
Ich sage ihr, wie bewundernswert ich es finde, wie sie trotz dieser furchtbaren Situation ihre innere Kraft bewahren konnte und dann im richtigen Moment diesen mutigen Schritt tat. Welche Hochachtung ich vor ihr habe und dass ich nicht weiss, wie ich in dieser Situation reagiert hätte.
Biljana seufzt noch einmal tief und schaut mich an: "Danke ... Weißt Du, dass der Druck auf meiner Brust viel leichter ist. Ich fühle mich nicht mehr so schlecht und schuldig ... Ich glaube, ich habe alles getan, was mir möglich war ... Es tut mir nur so leid, dass ich Sandra nicht mit mir nehmen konnte ..."
Auf diese Weise ist es Biljana möglich, Verständnis für sich als Opfer zu spüren, realistisch zu sehen, dass ihr keine andere Möglichkeit blieb, und gleichzeitig sich selbst als "Überlebende" wahrzunehmen - mit ihrer ganzen Stärke und ihren Potentialen, die ihr dies möglich gemacht haben. Durch diese Interventionen wird Biljanas Selbstachtung gestärkt.
Die eigenen Überlebensstrategien verstehen ...
In der nächsten Stunde problematisiert Biljana, dass sie zwar "damals so stark und mutig und entschlossen war", aber dass sie inzwischen voller Ängste sei und sich keine eigene Entscheidung mehr zutraue ... Sie würde immer tun, was andere ihr sagen, obwohl sie hinterher oft merkt, dass das falsch war.
Ich richte ihren Blick noch einmal auf die Situation in den 6 Jahren, in denen (wie sie mir mit verschiedensten Beispielen erzählt hatte) ihr Überleben bzw. mindestens ihre körperliche Unversehrtheit davon abhing, dass sie "absolut gehorsam" war und keinen "eigenen Willen" zeigte. Jahrelange hatte sie eine schwersttraumatische Situation erleben müssen. Ich erkläre Biljana mit einfachen Worten den Begriff Trauma und welche Folgen ein komplexes Trauma hat. Dies hilft ihr, ihre eigene Reaktion besser zu verstehen (sie erkennt auch andere Symptome wieder, die ich benenne, die sie sich nicht hatte erklären können und für die sie sich geschämt hatte). Das Verständnis ihrer eigenen Reaktionsweise als "folgerichtige Reaktion auf diese extreme Situation" entlastet sie.
Sie formuliert den Wunsch, dass sie ihre Stärke und Entschlossenheit wiedergewinnen möchte ... Sie sucht sich ein Symbol für die "zukünftige Biljana, die sich wieder stark und frei fühlt". Gegen Ende der Stunde vermittle ich ihr mit der Imaginationsübung "Lichtkreis" (in die ich als Ressource ihr Gottesbild miteinfliessen lasse) noch eine Möglichkeit der Selbstberuhigung und Selbstunterstützung. Ausserdem biete ich ihr an, ihr Symbol für die "zukünftige Biljana" bis zum nächsten Termin zu behalten und sich ein wenig damit zu beschäftigen. Das möchte sie sehr gerne.
Zu Anfang der nächsten Stunde berichtet Biljana mir, dass sie sich viel ruhiger und zuversichtlicher fühlt. Sie hat die Übung mehrfach für sich genutzt, besonders vorm Einschlafen und sie hat ihr gut getan. Auch mit ihrem Symbol für die "zukünftige Biljana" hat sie sich viel beschäftigt. "Ich hab das Gefühl, als ob ich diese Biljana schon ein bisschen mehr bin ... Es ist als ob meine Energie von früher - bevor das alles passiert ist - wieder zurückkehrt.
In dieser Stunde möchte Biljana sich mit dem Verhältnis zu ihrer älteren Tochter Sandra beschäftigen, die sie nun schon monatelang nicht mehr gesehen hat.
"Sie ist ja erst fünf Jahre alt ..."

Ein Symbol zur Erinnerung an die Gruppenarbeit ...
Biljana beschäftigen die Fragen, wie Sandra wohl über sie denkt / ihr gegenüber fühlt? Ob sie sie hasst? Sich im Stich gelassen fühlt? Und gleichzeitig: Habe ich eine Chance, dass sie jemals bei mir leben wird - oder habe ich sie für immer verloren?
Wir arbeiten auf der "grossen Bühne" - mit Puppen als Symbolen. Biljana wählt je eine Puppe für sich selbst und für beide Töchter. Im Psychodrama hat sie die Möglichkeit, "der älteren Tochter Sandra" all das zu sagen, was sie ihr nie sagen konnte. Im Rollenwechsel mit "Sandra" hört sie was die "Mutter" ihr sagt (ich wiederhole die Sätze kurz), lässt als "Sandra" diese Worte aber gar nicht an sich heran. Ich nutze die Technik des "psychodramatischen Interviews", um mit Biljana in der Rolle von "Sandra" zu sprechen. Es wird deutlich, dass "Sandra" völlig unter dem Einfluss von Grossmutter und Vater ist. Sie glaubt das, was sie ihr sagen. Von der Mutter redet sie schlecht. Sie nimmt ihr übel, dass "sie mir meine Schwester weggenommen hat".
So schmerzhaft diese Szene für Biljana auch ist, sie erlebt sie gleichzeitig als sehr hilfreich. In der Nachbesprechung meint sie: "Ich habe dadurch begriffen, dass sie ja nur ein kleines Mädchen von 5 Jahren ist. Sie hat gar keine Chance, eine eigene Meinung zu haben ... Sie glaubt, was ihr gesagt wird und sie profitiert ja auch davon ... Sie ist die Prinzessin ... und ausserdem hat sie ja an mir erlebt, was geschieht, wenn man »nicht gehorsam ist«."
Wir sprechen über die Überlebensmechanismen von Kindern in Misshandlungssituationen, z.B. die "Identifikation mit dem/der MisshandlerIn".
Biljana hilft das, zu verstehen, dass sie die Einzige ist, die für Sandra etwas verändern kann - wenn sie die Kraft dazu hat. Es ist uns beiden klar, dass dies ein schwerer Kampf werden wird und dass sie dazu jede mögliche Unterstützung braucht.
Wir überlegen, welche Personen und Institutionen sie einschalten, bzw. um Unterstützung bitten könnte (eine/n gute/n AnwältIn, das Frauenforum in Bratunac zur psychisch-moralischen Unterstützung, das Zentrum für Rechtshilfe für Frauen in Zenica - zu dem ich den Kontakt herstellen kann, den Ombudsman für Menschenrechte in Banja Luka (für die Republika Srpska).
Biljana ist entschieden, dass sie um ihre Tochter kämpfen will, sie fühlt, dass ihre Kraft und Zuversicht zurückkehrt.
Aber - gesetzt den Fall, dass sie Sandra wiederbekommt - wenn diese sich verweigert und gar nicht bei ihr bleiben will? Wie kann sie mit so einer Situation umgehen?
In der letzten Stunde arbeiten wir psychodramatisch zu diesem Thema.
Eine psychodramatische "Zukunftsprobe"
Biljana stellt sich vor, Sandra ist bei ihr, aber sie bockt, will nicht essen, bekommt Wutanfälle ... Sie baut diese Szene auf: Die beiden Töchter im Kinderzimmer, sie selbst kommt, ruft sie zum essen. "Sandra" will nicht essen, sagt "Ich warte bis die Oma mich holt ... ich bleibe hier nicht ...".
Ich schlage einen Rollenwechsel vor und spreche mit Biljana in der Rolle von "Sandra". "Sandra" ist wütend, verunsichert, hat Angst ... sperrt sich, "wartet nur darauf, dass die Oma mich holt" ... Am Ende sagt sie ihrer Mutter: "Ich hasse dich, du bist gar nicht meine Mutter. Meine Mutter ist tot."
Biljana - wieder in ihrer eigenen Rolle - ist sehr betroffen von diesen Sätzen. Sie fühlt sich wie gelähmt, eine tiefe Trauer und Hilflosigkeit überfallen sie. Sie hat keine Vorstellung, wie sie darauf reagieren könnte, sie sieht keinen Ausweg.
In dieser Situation scheint es mir, dass sie ein "Modell" benötigt. Ich schlage ihr vor, dass ich einmal in ihrer Rolle ausprobieren könnte, wie es möglich wäre zu reagieren. Und dass sie in der Rolle von "Sandra" fühlen könnte, wie diese Reaktion "der Mutter" auf sie wirkt. Biljana stimmt zu. Ich erinnere sie noch an unsere Gruppenarbeit zu Kommunikation auf der Basis von Wertschätzung (das Bennennen der eigenen Gefühle ... aber auch das Bewusstsein im Umgang mit Kindern, dass "ich hier die Erwachsene bin, die die Situation gestalten kann".)
In der Rolle von "Biljana" sage ich zu "Sandra": "Ich weiß, wie schwer das für Dich ist, Sandra. Ich kann verstehen, dass Du wütend bist und Angst hast. Ich bin sehr traurig, dass es alles so gekommen ist ... Aber ich bin auch zuversichtlich, dass wir drei einen Weg finden werden und ich wünsche mir das sehr ... Denn ich bin Deine Mutter und ich habe Dich sehr lieb ..."
Biljana als "Sandra" bockt zwar weiter, aber in der Nachbesprechung sagt Biljana: " Das war sehr schön, was Du als "Mutter" gesagt hast ... und wenn ich als "Sandra" es auch nicht hören wollte ... etwas von diesen Worten ist zu mir durchgedrungen ... Und das gibt mir Mut ... Ich glaube nun wirklich, wir können einen Weg finden."
Wir besprechen, dass es wichtig ist, dass sie sich auch in diesem Prozess Unterstützung sucht. Ich sage ihr zu, dass sie, wenn sie möchte, auch gerne mich kontaktieren kann.
Gabriele Müller
Anmerkung 1: Namen geändert
Anmerkung 2: Ein "komplexes Trauma" entsteht, wenn Menschen über längere Zeit vielen schwersttraumatischen Situationen ausgesetzt sind. Sie sind gezwungen sich an die Situation anzupassen und innerpsychische Überlebensstrategien zu entwickeln, die unter "normalen" Bedingungen hinderlich bzw. gar selbstdestruktiv wirken.
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