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SEKA-Journal Nr. 17 - Dezember 2006 |
"... all die Augenblicke des Glücks, die ich wieder erleben konnte ..."
Gespräch mit Veteranen des Pilotprojekts in Gorazde
Seit Anfang des Jahres engagiert sich eine Gruppe von 11 Veteranen bzw. noch aktiven Offizieren für den Aufbau eines Klubs für Veteranen in Gorazde - als psychosoziales Hilfsangebot für kriegstraumatisierte (ehemalige) Soldaten.
SEKA hat die Schulung dieser Ehrenamtlichen - wie auch die Fortbildung einer Gruppe von professionellen KollegInnen - übernommen. In bisher zwei Seminarblöcken ermöglichte SEKA-Therapeutin Gabriele Müller den 10 Männern und einer Frau Entlastung von eigenen traumatischen Erfahrungen, sowie Fortbildung zu den Themen "psychologisches Trauma", "Trauma-Heilungsprozess", "Kommunikation", "Grundlagen der psychosozialen Arbeit" und andere Themen mehr (siehe auch unser Rundbrief vom Juni 2006, bzw. Informationen auf der SEKA-Website (Aktionsbrief Gorazde und "Krieg beenden - Frieden leben ...")
Vor einigen Tagen konnte nun der Klub mit dem Namen "Svjetlost Drine" gegründet werden. "Svjetlost Drine" heißt übersetzt "Licht der Drina" und bedeutet, dass der Klub für die kriegstraumatisierten Soldaten "ein Licht in der Dunkelheit" sein soll.
Im Folgenden drucken wir Auszüge aus einem Gespräch ab, das Volontärin Esma Drkenda mit dreien der im Klub engagierten Veteranen geführt hat:

Vortrag zum Thema "Kommunikation"
Rizo Dacic (RD), geboren 1954 in Montenegro, aufgewachsen in Gorazde, Maschinenbauingenieur, zeitweise Lehrer an der Technischen Mittelschule Gorazde; während des Krieges als Kommandant in der Verteidigung Gorazdes; 2004 pensioniert; lebt in Gorazde, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.
Hamed Bezdrob (HB), aus Gorazde, vor dem Krieg als Monteur in der Möbelbranche tätig; während des Krieges als Kämpfer in der Verteidigung Gorazdes; nach dem Krieg demobilisiert, arbeitslos, verheiratet, zwei Söhne; überzeugter Humanist; sozial engagiert; Mitglied im Vorstand des Vereins demobilisierter Kämpfer Gorazde.
Mesud Kumro (MK), geboren 1954 in der Gemeinde Foca; Schulbesuch in Gorazde, Studium der Naturwissenschaften in Sarajevo; vor dem Krieg in Gorazde tätig als Lehrer für Geografie, Erzieher, dann Kommandant der Verkehrspolizei in Gorazde; während des Krieges weiter bei der Polizei tätig, Teilnahme an Kämpfen zur Verteidigung Gorazdes; inzwischen pensioniert.
Was hat Sie motiviert, dass Sie sich auf diese Weise für Ihre ehemaligen Mitkämpfer1 einsetzen wollen?
RD: In erster Linie der Wunsch, solidarische Hilfe zu leisten für die ehemaligen Soldaten, die von den staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen mit ihren Problemen vergessen sind.
HB: Gemeinsam mit meinen Mitbürgern in Gorazde habe ich all die Schrecken überlebt, die der Krieg gebracht hat, die ständigen Angriffen auf unsere Stadt, den extremen Mangel an Lebensmitteln, das Leben ohne Wasserversorgung und Elektrizität ... Die Verteidiger der Stadt waren nur schlecht bewaffnet und das einzige, was sie hatten, war ihr Wille und ihre Entschiedenheit, diese Stadt zu verteidigen und zu schützen - Frauen, Kinder - das nackte Leben. Ich war einer von ihnen.
Allerdings, als der Krieg zu Ende war und das Leben begann, sich zu normalisieren, da fingen andere Probleme an, mit denen ich und meine Mitkämpfer konfrontiert waren. Wir mussten mit der Tatsache fertig werden, dass das, was wir gegeben hatten, um diese Stadt zu verteidigen, auf einmal nichts mehr galt - im Gegenteil, dass wir deswegen diskriminiert wurden. Das weckte bei der Mehrzahl von uns das Gefühl, wertlos und ausgestoßen zu sein.
Als mir die Mitarbeit in diesem Projekt hier vorgeschlagen wurde, habe ich sie - im Bewusstsein meiner eigenen Probleme und der Probleme meiner Mitkämpfer - als eine Chance erkannt, anderen zu helfen, die jetzt dieselben Probleme durchleiden, die ich bereits durchlebt habe. Meine außerordentlich schweren Erfahrungen während des Krieges und nach dem Krieg haben mich motiviert, aktiv in diesem Projekt mitzuarbeiten und meine Hilfe anzubieten.
MK: Es ist mir wichtig, jede Gelegenheit zu nutzen, um meinen Mitkämpfern zu helfen, mit denen ich während des gesamten Krieges Gutes und Schlechtes geteilt habe. Durch Gespräche mit ihnen, aber auch weil ich bei mir selbst Verhaltensveränderungen bemerkt habe, bin ich mir bewusst geworden, dass wir an den Folgen von Kriegstraumata leiden. Als mir von den Vertretern der Veteranenverbände die Mitarbeit in diesem Projekt vorgeschlagen wurde, war mir zuerst nicht klar, wie ich bei der Bewältigung dieses Problems helfen könnte. Aber ich war bereit, im Rahmen meiner Möglichkeiten dazu beizutragen.

Gruppenspiel "Klassenreise"
HD: Ich sehe als Hauptproblem die ungelösten existentiellen Fragen: Arbeitslosigkeit, ungeklärte Sozialversicherung, Wohnungsfrage, aber eine große Zahl von Veteranen leidet auch an massiven Kriegstraumata und an Krankheiten, die dadurch hervorgerufen wurden. Viele haben jedes Vertrauen in sich selbst und in andere verloren, jedes Gefühl von Sicherheit, sie sehen keinerlei Perspektive, dies verstärkt ihre Ängste noch.
Für die Arbeit im Klub ist es sehr wichtig, dass der Helfer selbst die Probleme der ehemaligen Mitkämpfer kennt. Wir Ehrenamtlichen können den Klub-Besuchern Informationen geben bzgl der Verwirklichung ihrer Rechte und können sie an die zuständigen Institutionen vermitteln. Viele der Veteranen wissen nichts über ihre Rechte und die nötigen Schritte, wie sie diese verwirklichen können, sie wissen nichts über die Fristen oder über Hilfe von Seiten der Institutionen, die ihnen zusteht.
RD: Die Existenzbedrohung durch Arbeitslosigkeit und die ungelöste Wohnungsfrage wecken zusätzlich Gefühle von Ohnmacht - insbesondere bei der gegenwärtigen ökonomischen und politischen Situation im Land.
Ich denke, dass wir durch die Arbeit im Klub unseren Mitkämpfern helfen können, aus ihrer psychischen und sozialen Isolation herauszufinden, und dass wir sie motivieren können unsere Unterstützung anzunehmen ...
MK: Meiner Ansicht nach bestehen die gravierendsten Probleme der Veteranen heute - neben den existentiellen Fragen - in der Ausgrenzung, dem Mangel an Verständnis und der Missachtung von Seiten der Gesellschaft.
Wir können im Klub durch offene Angebote, zwanglose Gespräche, durch Gruppenarbeit und indem wir durch verschiedene Initiativen weitere Kreise der Gesellschaft einbeziehen zur Lösung der Probleme beitragen. Im Gespräch mit Hilfesuchenden können wir auf wertschätzende und unaufdringliche Art Informationen über Hilfsmöglichkeiten anbieten oder auch eigene Erfahrungen teilen. Außerdem werden wir die Interessen der Veteranen in den Organen der lokalen Gemeinde vertreten.
HB: Mit dem Klub wollen wir unseren ehemaligen Mitkämpfern deutlich machen, dass sie nicht allein sind, dass sie einen Ort haben, an dem sie willkommen sind. Indem wir ihnen zuhören, ihnen zeigen, dass wir ihre Probleme verstehen evtl. auch eigene Erfahrungen teilen, können Sie Vertrauen fassen... Wenn nötig, werden wir sie ermutigen, dass sie fachliche psychologische oder psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen und ihnen den Kontakt zu den entsprechenden KollegInnen vermitteln.
MK: Genau, auf diese Art in einem wertschätzenden Gespräch können wir dem Mitkämpfer Mut machen und ihm zeigen, dass es für jede Situation eine Lösung gibt. Wichtig ist, dass wir den Klub so einrichten, dass die Besucher sich sicher, entspannt, willkommen und wertgeschätzt fühlen können.
RD: Dabei kommt es besonders auf unsere Haltung im Kontakt mit den Besuchern an: Vertraulichkeit und Verständnis für die Probleme des Mitkämpfers sind unabdingbar. Wir können dazu beitragen, auch durch Vermittlung von Kenntnissen zur Selbsthilfe, dass die Mitkämpfer ihr verlorenes Selbstwertgefühl und ihre Würde zurückgewinnen. Eine enge Zusammenarbeit mit den Fachkräften der Institutionen, ist außerordentlich wichtig.

Thema Kommunikation: Szene "Die versalzene Pita"
RD: Ich bin sehr zufrieden mit dem, was wir bisher erreicht und gelernt haben. Die Seminare haben mein persönliches Wissen über die Probleme traumatisierter Menschen bereichert. Ich habe eine Materie erarbeitet, die die Grundlage für die zukünftige Klubarbeit ist und habe wichtige Techniken zur Selbsthilfe kennen gelernt.
Die Fortbildung hat mir geholfen, dass ich meine eigene Traumatisierung durch verschiedene Kriegserlebnisse erkenne, die ich bisher nicht hatte überwinden können. Durch verschiedene Übungen und Techniken, kann ich jetzt gut damit klar kommen. Z.B. nutze ich häufig die Imaginations-Übungen und die Techniken zur besseren Kontrolle der PTSP-Symptome. Diese Erfahrung ist wichtig für meine zukünftige Arbeit im Klub und im Kontakt mit Mitkämpfern, die ebenfalls an Kriegstraumata leiden. Außerdem bemühe ich mich, in meiner Kommunikation mit anderen mehr "aktiv zuzuhören". Überhaupt betrachte ich Kommunikation jetzt auf andere Art - ich bin mir nun auch der nicht-verbalen Anteile mehr bewusst.
HB: Ich kann nur sagen, ich bin begeistert von der Seminararbeit.
Die Fortbildung hat mir geholfen, dass ich meine eigenen Fähigkeiten erkannt habe, derer ich mir bisher nicht bewusst war, obwohl ich sie intuitiv in meinem bisherigen Leben genutzt hatte. Außerdem habe ich durch die Seminare meine Erfahrungen im Krieg und nach dem Krieg auf neue Weise begriffen und mir wurde bewusst, was mit mir geschehen ist - warum ich diese oder jene Reaktionen und Verhaltensweisen habe und was sie hervorgerufen hat - und dass das "normal" ist nach allem, was ich überlebt habe ...
Das was ich in den Seminaren gelernt habe, nutze ich in meinem Alltag, zuallererst für mich selbst z.B. die Techniken der Selbstkontrolle, aber auch im Umgang mit meiner Familie und meinen Freunden. Die Seminare haben mir neue Kraft und Energie gegeben. Sie haben mich ermutigt, mich mehr am gesellschaftlich-politischen Leben zu beteiligen; denn ich habe begriffen, dass ich viel mehr für die Lösung der Probleme der Veteranen tun kann, wenn ich z.B. bei den Kommunalwahlen für einen Sitz im Gemeinderat kandidiere.
Besonders berührt hat mich die Wertschätzung und das Vertrauen, das ich bisher auf den Seminaren erfahren habe. Es ist mir sehr wichtig, dass ich zu einer Gruppe Menschen gehöre, die ähnliche Überzeugungen haben und die Bereitschaft auf diese Art und Weise unseren ehemaligen Mitkämpfern zu helfen.
MK: Mit den bisherigen Seminare bin ich außerordentlich zufrieden.
Es ist mir wichtig, dass die Themen der Seminare einen direkten Zusammenhang mit dem Leben haben und dass wir über das Thema "Kriegstrauma bei Soldaten" sprechen konnten, was ein TABU-Thema ist in unserer Region.
Es hat mir gefallen, dass in die Seminararbeit ständig alle Teilnehmer einbezogen wurden und ich habe begriffen, wie wichtig das gemeinsame Erarbeiten der Regeln für die Gruppenarbeit ist. Dass die Meinung eines jeden von uns wertgeschätzt wird und dass niemand den Beitrag eines anderen gering schätzt, aber gleichzeitig auch das Recht auf seine eigene Meinung hat.
Durch die Fortbildung habe ich gelernt, meine Empfindungen und Gefühle bewusster wahrzunehmen und mein Verhalten zu kontrollieren. Ich nutze für mich die Techniken der Selbsthilfe und Selbstkontrolle, wie z.B. "Umschalten auf positive Bilder", "Innerer sichere Ort", "Safe", die ich vielleicht auf meine Weise und unbewusst auch schon früher manchmal genutzt habe, aber sie waren mir nicht als Techniken bekannt.
Die Mehrzahl der Symptome von PTSP (Posttraumatische Belastungsstörung), die wir gelernt haben, habe ich bei mir selbst erkannt, mir die Veränderungen in meinem Verhalten bewusst gemacht und begriffen, dass dies die Folgen dessen sind, was ich im Krieg erlebt habe. Durch die Fortbildungen habe ich gelernt, dass es einen Ausweg daraus gibt und auch die Art und Weise, wie ich das verändern kann - und mir wurde bewusst, dass ich dazu eine ganze Menge Ressourcen in mir habe. Es ist mir jetzt viel leichter, seit ich weiß, dass das quasi normal ist, was mit mir geschieht, und wie ich damit umgehen kann.
Das durch die Fortbildungen erworbene Wissen nutze ich auch in meiner Familie, mit meinen Freunden und mit den ehemaligen Mitkämpfern. ...
Für die Arbeit im Klub habe ich durch die Seminare sehr viel bekommen bzgl. der Themen "Kommunikation", "Bedürfnisse und Grenzen", sowie zu einigen Aspekten von Gruppendynamik und Deeskalation (falls nötig) im Klub. Jetzt weiß ich genau, wie und auf welche Art ich in der Klubarbeit einem Mitkämpfer, der an PTSP leidet, helfen kann, solange er noch nicht in einer chronischen Phase ist. Ich habe begriffen, wie sehr eine adäquate Therapie Menschen helfen kann, ihre Lebensweise zu verändern; denn jeder Mensch besitzt diese Kraft und Energie in sich, er muss sich dessen nur bewusst werden.
MK: Ich erinnere mich, dass ich am Anfang ein wenig verwirrt war ... Ich weiß selbst nicht, wie es kam, dass ich mich auf alle diese Übungen so einließ ... Aber ich weiß, dass ich schon nach den ersten eine riesige Entlastung und Erleichterung verspürte. Im Gespräch mit anderen habe ich dann gehört, dass es ihnen genauso ergangen ist, das hat mich begeistert. Unsere Leiterin hat in den Seminaren eine große Professionalität bewiesen, mit ihrer Haltung und ihrer Beziehung zur Gruppe und damit, wie sie jedem Einzelnen ihre Aufmerksamkeit gewidmet, wie sie die ganze Gruppe in die Gruppenarbeit mit einbezogen hat, in der sie sich auch selbst als ein Gruppenmitglied mit einschloss. Und sie hat neben ihrer Professionalität noch ein großes Maß an Wärme und Verständnis in die Gruppe eingebracht. Mir gefällt ihre Vorgehensweise: eine leichte Einführung ins Thema, die Kombination von Theorie und Praxis, die Möglichkeit der selbständigen Arbeit und das Darstellen der persönlichen Erfahrungen und Sichtweisen zu allen Themen, das Gefühl der Freiheit in der Arbeit, sowie die Möglichkeit der Arbeit an sich selbst.
RD: Die Methode der Arbeit in den Seminaren gefällt mir sehr gut. Ich habe mich leicht daran gewöhnt und mich gut auf alle Übungen und Spiele einlassen können. Die Atmosphäre in der Gruppe war sehr entspannt, was außerordentlich zu der effektiven Arbeit beigetragen hat.
HB: Es ist schon wahr, ich war überrascht von der Arbeitsweise, denn ich war einer solchen Methode noch nicht begegnet. Aber es hat mir gefallen, wie die Leiterin in einer Atmosphäre der gegenseitigen Wertschätzung auf einfache aber qualitativ hervorragende Art das Seminar leitete. Dadurch erreichte sie, dass alle Teilnehmer interessiert an jedem Thema teilnahmen und viele Dinge bei sich selbst erkannten.

Seminarleiterin Gabriele Müller
erhält zum Abschied ein Bild von Gorazde
HB: Als ich von den Plänen für den "Klub für Veteranen" erfuhr, hörte ich, dass Therapeutin Gabriele Mueller ihre Hilfe für die Realisierung des Projekts angeboten hatte ... Ich war angenehm überrascht, dass sie uns Kämpfern helfen wollte, und es war mir nicht besonders wichtig, dass sie gerade eine Frau war, sondern ihre Bereitschaft und ihr Wunsch zu helfen. Bis dahin hatte hier niemand jemals Männern so ein Angebot gemacht, und besonders nicht ehemaligen Soldaten.
MK: ... Ich hatte schon einige Zweifel Ich konnte nicht so recht glauben, dass eine Frau bereit war, bedingungslos ihre Arbeit und Mühe zu investieren, um Männern zu helfen, die sich plötzlich in einer Situation gefunden haben, in der sie ein Gewehr nahmen, um ihre Familie, ihre Nachbarn, ihre Stadt zu verteidigen. Wir wurden durch die Gewalt der Umstände zu Kriegern und viele von uns hätten nie zuvor geglaubt, dass sie sich in solchen Situationen finden würden, wie es dann im Krieg geschah. Aber durch die Seminare habe ich gespürt, dass Gabriela den ehemaligen Kämpfern in Gorazde wahrhaftig helfen will, und heute würde ich sie für keine andere Therapeutin auf der Welt mehr eintauschen.
RD: Diese Tatsache habe ich leicht akzeptiert, denn ich war mir dessen bewusst, dass uns jede Hilfe dringend notwendig ist. Darüber hinaus war ich fasziniert von der Tatsache, wie gut Gabriele dieses Problem sieht und versteht und helfen will im Gegensatz zur Regierung Bosnien-Herzegowinas.
RD: Es gibt viele Organisationen und Personen, die in diesem humanitäre Arbeit tun, aber es gibt für sie kaum Unterstützung von Seiten der aktuellen Regierung. Hier muss sich dringend etwas ändern - insbesondere bzgl. des Problems PTSP.
HB: Ich weiß, dass ein solches Projekt für Gorazde große Bedeutung hat, ich weiß, dass es sehr viele gibt, die unsere Hilfe brauchen und dass in ganz Bosnien-Herzegowina viele Menschen an den Folgen der Kriegstraumata leiden, die Regierung dem aber wenig Aufmerksamkeit schenkt. Ich würde mir wünschen, dass im gesamten Bosnien-Herzegowina sich so viele Fachleute wie möglich mit dieser Problematik beschäftigen und damit dem Beispiel von Therapeutin Gabriele Müller folgen würden.
MK: Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich bei Gabriele bedanken - für all jene Augenblicke des Glücks, die ich in der letzten Zeit wieder erleben konnte; danke dass sie uns versteht, wertschätzt und uns lehrt, dass wir möglichst gut unsere eigenen Bedürfnisse und die anderer Menschen erkennen, und dass wir mit diesen Fähigkeiten das Gefühl für die Schönheit des Lebens wiedergewinnen. Ich bin glücklich, dass ich zu einer Gruppe von Menschen gehöre, die sich darum bemühen, das Problem PTSP bei (ehemaligen) Soldaten grundsätzlich anzugehen. Und ich bin stolz darauf, dass dies vielleicht hier seinen Anfang nimmt, in Gorazde, der Stadt, die vom Krieg her noch den Namen trägt "Stadt der Tapferkeit". 2
Fragen: Esma Drkenda, Übersetzung: Mirjana Bilan
1 Von den Menschen in Gorazde wird in der Regel für die Soldaten des vergangenen Krieges das Wort "borci" (=Kämpfer) oder "suborci" (=Mitkämpfer) verwendet, da die meisten dieser Soldaten keine ausgebildeten Soldaten waren, sondern Männer, die sich plötzlich in der Situation sahen, ihre Stadt zu verteidigen gegen den fortgesetzten Angriff einer übermächtigen und hervorragend ausgerüsteten Armee. Siehe auch Überleben in Gorazde - im Krieg und heute
2 Die "UN-Schutzzone" Gorazde wäre - wenn es nach der Internationalen Gemeinschaft und der damaligen bosnischen Regierung gegangen wäre - genauso "geopfert worden", wie dies mit den Schutzzonen Srebrenica und Zepa geschehen ist. Nur die unglaubliche Widerstandskraft und der verzweifelte Mut der Bevölkerung Gorazdes - sowie der Aufschrei der Medien bzgl. des Falles von Srebrenica und Zepa - bewirkten, dass Gorazde nicht dasselbe Schicksal erlitt wie Srebrenica und Zepa: Massaker und Vertreibung.
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