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SEKA-Journal Nr. 16 - Dezember 2005 |
Samira ist 17 Jahre alt.
Sie ist zeitweise sehr ernst und grüblerisch, dann wieder noch ein richtiges Kind. Zu ihrer Mutter, mit der zusammen sie ins SEKA-Haus gekommen ist, hat sie ein zwiespältiges Verhältnis, das zwischen Liebe, Abhängigkeit und Wut pendelt.Durch verschiedene informelle Gesprächen in den ersten Tagen hat Samira Vertrauen zu mir gefasst. Sie bittet mich um einen Einzeltermin, weil sie merkt, dass sie Hilfe braucht. Gleichzeitig hat sie Angst davor, an das Thema zu rühren, das sie so sehr belastet.
Zuerst lasse ich sie erzählen. Sie spricht über die Konflikte mit ihrer Mutter, von der sie sich bevormundet und oft gekränkt fühlt, kommt dann aber schnell zu ihrem eigentlichen Thema: dem Tod ihres Vaters, der vier Jahre zuvor an Krebs starb.
Sie möchte noch immer nicht wahrhaben, dass er wirklich tot ist. Sie bricht in Tränen aus.
Sie hat ihren Vater sehr geliebt, hatte eine viel grössere Nähe zu ihm als zu ihrer Mutter. Als er krank wurde, war sie 12 Jahre alt. Er war mehrfach im Krankenhaus, wurde operiert. Sie sah, wie krank er war, aber niemand sagte ihr, dass es Krebs sei. Alle - auch ihr Vater selbst - behaupteten, er werde wieder gesund. Mit ihrer Angst um ihn fühlte sie sich völlig allein. Am Todestag des Vaters schickte die Mutter die inzwischen 13jährige morgens unter einem Vorwand weg. Erst Tage später, nachdem der Vater schon beerdigt war, kam sie wieder nach Hause. Die Mutter und die übrigen Verwandten, waren der Meinung gewesen, "für das Kind sei das besser so".
Als Samira vom Tod des Vaters erfuhr, war sie wie erstarrt: "Ich konnte das nicht glauben, dass er tot war und dass sie mir nichts gesagt hatten. Ich war entsetzt und so wütend. Aber niemand wollte meine Wut verstehen. Er war einfach weg ..." Samira fiel in eine Depression, sie zog sich in sich zurück und begann gleichzeitig, gegen ihre Mutter zu revoltieren, der sie die Schuld an allem gab. "Es war als, ob sie schuld war an seinem Tod ... ich hasste sie und gleichzeitig waren sie und meine Schwester, das Einzige, was mir geblieben war."
Es war für Samira lange nicht möglich, mit der Mutter über den Tod des Vaters zu sprechen. Denn jedes Mal brach die Mutter in Tränen aus. Die 10 Jahre ältere Schwester verbot Samira, "die Mutter damit zu quälen" - so wurde der Tod des Vaters zum Tabuthema in der Familie. Samira verbarg ihre Tränen und ihren Schmerz vor den anderen, gleichzeitig wuchs ihre Wut. Mit der Wut kamen aber auch die Schuldgefühle. Sie sah, wie ihre Mutter litt, sie wollte ihr helfen, war damit aber überfordert. Sie befand sich in einem Gefühlschaos, aus dem sie keinen Ausweg wusste.
Erst als die Mutter die Gelegenheit bekam, an einer Therapiegruppe im SEKA-Haus teilzunehmen, begann sich allmählich auch die Kommunikation zwischen Mutter und Tochter zu verändern. Sie begannen über den Tod des Vaters zu sprechen. "Ich war froh, dass wir nun darüber miteinander sprechen konnten, aber es war begrenzt, was ich ihr sagen konnte. Sie war selbst so verletzlich ..."
Samira denkt noch immer täglich an den Vater. Sie vermisst ihn: "Er hat mich immer verstanden, er war immer für mich da, ich konnte mit ihm über alles reden. Das kann ich mit meiner Mutter nicht."
Ich ermutige Samira, mir vom Vater zu erzählen, sich zu erinnern an verschiedene Situationen mit ihm.
Sie erzählt mir von gemeinsamen Spielen und Abenteuern mit dem Vater, der ihr Freiheiten liess, "wie einem Jungen". Von Streichen und gemeinsamen Geheimnissen, die sie beide vor der Mutter hatten. "Ich war die Tochter meines Vaters und meine Schwester die Tochter meiner Mutter," erzählt Samira.
Sie erinnert sich an den Kriegsausbruch, ihr Vater in Uniform ... "Ich weiss noch, wie er mich einmal mitnahm auf einen Hügel und mir die Front zeigte, von wo unsere Feinde uns beschossen. Und dann haben sie wirklich geschossen. Er hat sich über mich mich auf den Boden geworfen und dann sind wir zurückgekrochen ... Mama hat sich dann furchtbar darüber aufgeregt ... Aber ich war stolz ..."
Samira erinnert sich auch an die schwere Verwundung ihres Vaters: "Wir wussten tagelang nichts von ihm ... Dann hiess es, er sei schwer verwundet und im Krankenhaus in Bugojno ... Wir lebten damals noch in G., einem Dorf in der Nähe. Meine Mutter packte das Wichtigste zusammen und schlug sich mit uns nach Bugojno durch ... Das war gefährlich, denn der Krieg war überall. Aber wir schafften es. Wir kamen bei Verwandten unter. Und dann wollten wir meinen Vater besuchen. Ich erinnere mich noch genau, obwohl ich gerade erst 6 Jahre alt war. Am Eingang zum Krankenhaus warteten wir auf den Arzt. Als er meine Schwester und mich sah, sagte er meiner Mutter, sie könne uns nicht mitnehmen. Aber ich wollte zu meinem Vater und bekam einen Wutanfall. Da liess er uns gehen. Es war furchtbar. Ich glaube, ich habe nie etwas Schlimmeres erlebt: Überall lagen Verwundete auf den Gängen. Sie stöhnten und schrien, es war ein unglaublicher Lärm. Mein Vater lag mit mehreren anderen in einem Zimmer. Sie hatten ihm das Bein amputiert ..."
Aufgrund des Mangels an Verbandmaterial war der frische Stumpf nicht verbunden. Das war zu viel für das kleine Mädchen. Sie rannte aus dem Krankenhaus davon. Es dauerte einige Zeit, bis sie diesen Schock überwand. Auch als der Vater aus dem Krankenhaus entlassen wurde, dauerte es einige Zeit, bis sie ihre Scheu vor ihm verlor.
"Wir haben nie über diese Situation gesprochen," sagt Samira unter Tränen. "Es tut mir so leid, dass ich damals davongelaufen bin. Ich fühlte mich danach, als ob ich ihn verraten, im Stich gelassen hätte. Aber in diesem Moment konnte ich nicht glauben, dass er wirklich mein Vater war, mein starker schöner Vater ... Ich wüsste so gern, ob er mir das verziehen hat."
Ich schlage Samira vor, diese Situation aus der Distanz, von heute aus zu betrachten. Was denkt sie heute über dieses kleine 6jährige Mädchen und über die ganze Situation?
"Das war eine furchtbare Situation," sagt Samira leise, nach einigem Nachdenken, "schon für jeden erwachsenen Menschen, ich weiss, wie es für meine Mutter war, sie hat es mir erzählt - und für ein sechsjähriges Kind war das unerträglich, das sollte eine Sechsjährige nicht sehen müssen ..." Nach einer Pause fuhr sie fort: "Ich glaube, dass mein Vater das verstanden hat. Er hat immer alles verstanden, was ich ihm gesagt habe. Er war ein wunderbarer Mensch ..." Sie weint.
....
Beim nächsten Termin erzählt Samira mir noch von anderen Erlebnissen mit ihrem Vater - als er wieder gesund war und mit seiner Prothese "sogar Fussball gespielt hat - er liess sich nicht unterkriegen". Von gemeinsamen Unternehmungen, vielen Gesprächen. Davon, dass sie ihm ihre Geheimnisse anvertrauen konnte - "sogar in welchen Jungen ich verliebt bin". Und dann seine erneute Erkrankung, Operationen, und sein letzter Kampf ums Überleben. Der Tag, an dem sie ihn zum letzten Mal sah, sich flüchtig verabschiedete, weil sie nicht wusste, dass sie ihn nicht mehr wiedersehen würde.
"Das Schlimmste für mich ist," überlegt Samira, "dass ich mich nicht von ihm verabschieden konnte ..."
Ich schlage ihr vor, dass sie dies hier "symbolisch tun könne", ihm all das sagen, was sie ihm nicht mehr sagen konnte. Sie ist einverstanden.
Sie wählt als Symbol einen dunkelblauen Stein für ihren Vater und einen schwarzen Stein für sich selbst.
Sie sagt "ihrem Vater", wie sehr sie ihn vermisst, dass sie ihn so sehr liebt und wie leid es ihr tut, dass sie sich nicht verabschiedet hat. Sie sagt ihm, dass sie manchmal nicht weiterleben wollte ohne ihn ... dass sie auch wütend war, dass er einfach so gegangen ist, dass er nicht mit ihr geredet hat, dass er sterben würde ... Sie sagt ihm, wie wichtig er für sie immer war und noch ist, der wichtigste Mensch in ihrem Leben ...
Als sie alles gesagt hat, was ihr wichtig ist, frage ich sie, ob sie sich vorstellen kann, dass sie an der Stelle ihres Vaters sei. Sie willigt ein.
Ich spreche dann mit ihr in der Rolle des "Vaters", frage "ihn", wie er heute sein früheres Leben sieht. Frage ihn, was er empfindet, wenn er vom Jenseits aus auf die Erde blickt und seine Familie sieht, insbesondere seine Tochter Samira, die ja jetzt schon fast erwachsen ist. Samira als "Vater" sagt mir, dass es ihm leid tut, dass er die Familie verlassen musste, dass er wisse, was für eine schwere Zeit sie alle hatten ... besonders Samira. Er sagt, dass er Samira besonders liebt und stolz auf sie ist, aber dass er nicht möchte, dass sie sich in ihrem Schmerz verkriecht, "denn das Leben liegt noch vor ihr".
Ich frage den "Vater", ob es etwas gibt, was er Samira direkt sagen möchte.
Samira als "Vater" sagt zu dem Symbol, das "Samira" verkörpert: "Samira, ich liebe Dich sehr. Ich weiss, wie sehr Du Dir wünschst, dass ich noch da wäre. Aber es ist nicht so. Du musst realisieren, dass ich tot bin. Ich möchte, dass Du weiterlebst und glücklich bist."
Anschliessend spreche ich mit Samira darüber, wie sie diese Worte des "Vaters" empfindet.
"Es schmerzt mich," antwortet sie mir, "aber ich weiss, dass er recht hat. Ich muss mich verabschieden, damit ich mein Leben leben kann ..."
Danach spricht Samira über das komplizierte Verhältnis zu ihrer Mutter. "Ich habe versucht, die Liebe, die ich zu meinem Vater hatte, auf meine Mutter zu übertragen, weil sie doch jetzt die Einzige ist, die ich noch habe ... aber das schaffe ich nicht ... ich kann sie nicht so lieben wie ihn."
Ich erkläre Samira, dass das auch gar nicht nötig ist. Die Liebe zu ihrem Vater ist einzigartig und unabhängig von der Liebe zu ihrer Mutter. Diese Liebe braucht sie nicht "herzugeben". So wie ihr Vater immer in ihrem Herzen sein wird, mit all den Erinnerungen an ihn, so wird auch ihre Liebe zu ihm weiter da sein ... Darüber ist Samira ist sehr erleichtert.
Zwei weitere Einzelstunden haben dann Samiras Verhältnis zu ihrer Mutter zum Thema. In mehreren Szenen erarbeitet sie neue Möglichkeiten der Kommunikation mit der Mutter, insbesondere in Konfliktsituationen. Am Ende sagt mir Samira: "Weißt Du, jetzt sehe ich, dass mein Vater und meine Mutter einfach zwei unterschiedliche Menschen sind. Ich glaube, ich kann meine Mutter jetzt realer sehen, weil ich sie nicht mehr ständig mit meinem Vater vergleiche. Und ich glaube, ich kann ihr vergeben ... Der Tod meines Vaters quält mich nicht mehr so, ich bin noch traurig, aber ich kann es mehr akzeptieren, wie es ist."