|
SEKA-Journal Nr. 16 - Dezember 2005 |
Die erste Gruppe Frauen und Kinder im Sommer 2005 kam über die Frauenorganisation "Sunce" (= "Sonne") aus Bugojno, Zentralbosnien, zu uns.
Durch ihre strategisch wichtige zentrale Lage (Verkehrsverbindung Split - Sarajevo) war die Stadt Bugojno eine der am erbittertsten umkämpften Städte während des Krieges in Bosnien-Herzegowina. 1992 begann die Aggression von Seiten der Jugoslawischen Volksarmee und der Karadzic-Serben auf die Stadt und ihre Umgebung. Aus den umliegenden Dörfern, die im Zuge der Aggression verwüstet wurden, suchten tausende Menschen in Bugojno Zuflucht. Viele serbische Familien verliessen in dieser Zeit die Stadt in Richtung des serbisch dominierten Gebiets. Als dann im Frühjahr 1993 die zusätzliche Offensive von Seiten der bosnischen Kroaten begann, führte dies zu massiven Konflikten zwischen der bosniakischen und der kroatischen Bevölkerung in der Stadt. Viele kroatische Familien flohen aus Angst vor Vegeltung für die von den kroatischen Nationalisten verübten Grausamkeiten, z.B. im Lašva-Tal. Die verbliebenen Kroaten und Serben in Bugojno wurden diskriminiert, angefeindet und die Männer interniert - viele in der Gefangenschaft misshandelt.
Bis zum Ende des Krieges lag Bugojno ununterbrochen unter massivem Artilleriebeschuss. Viele Menschen kamen um oder wurden verletzt. Gegen Ende des Krieges glich die Stadt einem Trümmerfeld, die wirtschaftliche und Infrastruktur waren völlig zerstört.
Das Abkommen von Dayton (November 1995) beendete zwar die Kriegshandlungen und sollte die Rückkehr der Flüchtlinge, insbesondere auch der Kroaten und Serben, sichern. Die Stadtregierung, die von dem militanten Flügel SDA (bosniakische Nationalisten) dominiert wurde, versuchte die Rückkehr der serbischen und kroatischen Familien zu verhindern.
Auch heute noch ist die Lage in der Stadt sehr angespannt. Viele der Menschen, die während des Krieges nach Bugojno geflohen waren, konnten noch immer nicht in ihre Heimatorte zurückkehren.
Die wirtschaftliche Lage in der Stadt ist noch immer äusserst schwierig, die Arbeitslosigkeit liegt um die 70%. Die Rückkehr der vertriebenen / geflüchteten Bevölkerung - insbesondere der kroatischen und serbischen Familien - begann erst ab dem Jahre 1999 in nennenswerter Zahl und ist bis heute noch nicht abgeschlossen. Eine grosse Anzahl kroatischer Familien lebt heute in Kroatien, serbische Familien in der Republika Srpska - dem auch heute noch serbisch dominierten Teil Bosnien-Herzegowinas. Das noch immer gespannte Klima in der Stadt wirkt wenig ermutigend für serbische und kroatische Rückkehrer-Familien. Darüber hinaus werden die Hilfen für Rückkehrer immer geringer. Das Leben in Bugojno bedeutet für den Grossteil der Bevölkerung Kampf ums tägliche Überleben.
Belagerung, ständige Granatierung, Vertreibung, Flucht, Verlust von Familienangehörigen und Freunden, Hunger, Kälte, Leben unter extremem Stress verursachten schwere Traumatisierung, psychosomatische und psychische wie physische Erkrankungen. Der Bedarf an psycho-sozialer Hilfe ist immens.
Die Organisation "Sunce" (gegründet 1999) leistet insbesondere Frauen, Kindern, Jugendlichen und alten Menschen Unterstützung. Die Mitarbeiterinnen und Aktivistinnen richten ihre Angebote dabei an Angehörige aller Bevölkerungs- und Religionsgruppen.
Seit Frühjahr 2003 stehen die Mitarbeiterinnen / Aktivistinnen von Sunce im Kontakt mit Kuca SEKA. Einige von ihnen nahmen an Therapiegruppen und Fortbildungsseminaren teil. In Kenntnis des Programms der psychologisch begleiteten Erholungsaufenthalte baten sie uns bereits im Jahr 2003, eine Gruppe von Frauen und Kindern aus Bugojno in unser Programm der Erholungsaufenthalte einzuschliessen. Dies ist uns nun im Sommer 2005 gelungen.
Die Gruppe setzte sich zusammen aus neun Kindern, einer Jugendlichen und 8 Frauen - 9 BosniakInnen, 7 KroatInnen und zwei Kindern aus einer gemischten Ehe.
Alle Frauen hatten den Krieg in Bosnien-Herzegowina überlebt, überwiegend in ihren Heimatorten. Fünf Frauen stammten aus Bugojno, die übrigen aus umliegenden Orten, aus denen sie während des Krieges nach Bugojno fliehen mussten. Zwei Frauen hatten ihre Männer verloren, eine Frau, die in gemischter Ehe gelebt hatte, war geschieden.
Alle Frauen leben wirtschaftlich unter sehr harten Bedingungen. Obwohl sie alle qualifizierte Berufe haben, müssen sie sich und ihre Familien mit kleinen Jobs und zeitweiligen Honoraren durchbringen. Von den Ehemännern hat nur einer eine feste Arbeitsstelle, die übrigen sind arbeitslos, bzw. finden nur zeitweise Gelegenheitsarbeiten.
Drei der Frauen engagieren sich überwiegend ehrenamtlich in der Organisation "Sunce". Mehrere Frauen hatten zusätzlich zu den traumatischen Kriegserfahrungen persönlich massive Gewalt erlebt, eine der Frauen über viele Jahre.
Von den Kindern / Jugendlichen hat nur die 17jährige bewusst die Kriegszeit erlebt, drei der Mädchen erlebten den Krieg als Kleinkinder.
Doch auch bei den übrigen Kindern, die nach dem Krieg geboren wurden, machten sich die traumatischen Erfahrungen ihrer Mütter / Eltern deutlich bemerkbar.
Obwohl keines der Kinder bewusste Erinnerungen an den Krieg hatte, waren die Folgen des Krieges und der Traumatisierung von Müttern / Eltern bzw, anderer Verwandten bei den Kindern noch deutlich zu spüren. Ausnahmslos alle Kinder litten stark unter Ängsten: vor dem Meer / vor Wasser überhaupt, vor Dunkelheit, Angst, dass etwas Schlimmes geschieht, Angst vor Hunden, lauten Geräuschen uvm. Von den Müttern erfuhren wir, dass einige Kinder auch Probleme hatten, abends einzuschlafen, bzw. Alpträume. Auch im Kontakt mit anderen, insbesondere Erwachsenen zeigten sie zuerst Ängstlichkeit und Unsicherheit. Alle hatten Selbstwertprobleme und ein geringes Selbstbewusstsein. Bei einigen Kindern äusserte sich all das durch Zurückgezogenheit und Passivität, bei anderen durch Zappeligkeit, Nervosität oder auch Aggressivität.
Insbesondere gab es zu Anfang des Aufenthalts auch aggressives bzw. provozierendes und abwertendes Verhalten von seiten der Jungs gegenüber den Mädchen.
Aufgrund der Gespräche mit den Müttern schlossen wir, dass eine Hauptursache für die Ängste der Kinder die unverarbeiteten Kriegs- und Gewalterfahrungen der Mütter / Eltern waren, die sie unbewusst an die Kinder weitergegeben hatten (Transgenerationen-Trauma). Darüber hinaus verstärkten auch familiäre Schwierigkeiten und das Leben in einem Umfeld voller unterschwelliger Spannungen die Ängste der Kinder und wirkten verunsichernd.
Im folgenden möchte ich an zwei Beispielen die Arbeit mit den Frauen und Kindern beschreiben:
Als die 12jährige Meliha mit ihrem 6jährigen Bruder Amir und der Mutter Indira ins SEKA-Haus kommt, ist sie sehr verschlossen und ernst. Am ersten Abend im Kindertherapiehaus, als die Kolleginnen Vesna Šobot und Dubravka Tokic vom SEKA-Haus erzählen und darüber, wie wir hier miteinander umgehen, als die anderen Kinder aufgeregt über ihre Reise ins SEKA-Haus erzählen und wissen wollen, wohin es am nächsten Tag zum Strand geht, sagt sie nur wenig. Interessiert aber distanziert betrachtet sie die Spiele und Bücher, nimmt sich schliesslich eines und beginnt zu lesen, während die anderen Kinder begeistert verschiedene Spiele ausprobieren.
Ihr Bruder Amir will nicht im Kindertherapiehaus bleiben, er spricht weder mit den Kindern noch den Kolleginnen, rennt zu seiner Mutter, die mit den anderen Frauen auf der Terrasse sitzt und fordert ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit, die er auch bekommt. Auch Amir ist ein sehr ernstes verschlossenes Kind, allerdings gleichzeitig mürrisch und häufig aggressiv.
In den folgenden Tagen am Strand wird deutlich, dass beide Kinder grosse Angst vorm Wasser haben. Meliha ist allerdings gleichzeitig sehr ehrgeizig, sie will unbedingt Schwimmen lernen. Auch Indira hat Angst vorm Meer, nimmt aber die Hilfe von uns Mitarbeiterinnen an, hält sich fest oder lässt sich halten. Auch sie will ihre Angst vorm Wasser überwinden.
Amir bleibt am Strand, er kommt dem Meer nicht einmal nahe und bekommt Wutanfälle, wenn Mutter und Schwester ins Wasser gehen. Noch immer verweigert er jeden Kontakt zu den anderen Kindern und Frauen der Gruppe - und auch zu uns Mitarbeiterinnen.
In der Dynamik zwischen Mutter und Kindern wird rasch deutlich, dass Indira völlig auf den kleinen Sohn konzentriert ist. Die Tochter ignoriert sie die meiste Zeit, kümmert sich zwar um Kleidung und Essen für diese, aber ihre ganze emotionale Zuwendung und Aufmerksamkeit ist dem Sohn vorbehalten. Darüber hinaus macht sie Meliha geradezu zur "Sklavin" des kleinen Bruders. Meliha muss sich ständig um den Kleinen kümmern, ihm jeden Willen erfüllen, sich von ihm anbrüllen, terrorisieren und sogar schlagen lassen. Amir ist "Mamas kleiner Prinz".
Obwohl Indira noch jung ist (um die 30 Jahre - sie hat jung geheiratet) erzieht sie ihre Kinder ausserordentlich patriarchal. Dies steht im Gegensatz zu ihrem eigenen Verhalten: sie kleidet sich modisch-sportlich, ist schlagfertig, diskutiert gern und ist (zumindest theoretisch) für Frauenrechte. Allerdings ist in ihrem Verhalten auch eine gewisse Härte zu spüren und eine Distanz.
Gleichzeitig ist sie jedoch sehr bereit zu Einzelgesprächen und auch interessiert an der Gruppenarbeit. Am zweiten Abend äussert sie auch, dass sie gerne einen therapeutischen Einzeltermin haben möchte. Sie habe ein konkretes Thema, von dem sie sich "befreien" wolle.
In verschiedenen Gesprächen mit Indira am Strand erreichen wir, dass sie Meliha mehr Freiheiten lässt und gleichzeitig Amir mehr Grenzen setzt. Letzteres ruft bei dem Kleinen zuerst massive Wutanfälle hervor.
Durch die gemeinsamen Tage am Strand, die Spiele im Wasser und die Abende im Kucica gewinnt Meliha allmählich Vertrauen zu uns Mitarbeiterinnen. Sie spürt, dass wir sie unterstützen - auch gegenüber der Mutter. Und sie findet Freundinnen. Im Wasser nimmt sie unsere Unterstützung an, lässt sich halten und wird dann mit jedem Tag freier und mutiger. Sie lernt als eines der ersten Kinder Schwimmen, dann Tauchen und schliesslich Springen von der Mole.
Nach einer Woche ist sie nicht wiederzuerkennen: sie strahlt, ist fröhlich, übermütig, albert mit den anderen herum und ist nun gut in die Kindergruppe integriert. Ihr Selbstbewusstsein ist sehr gewachsen. Sie sucht Körperkontakt zu uns Mitarbeiterinnen, schmust und holt sich die Zuwendung, die sie braucht. Nur in der Beziehung zur Mutter ist noch immer eine Anspannung zu spüren. Es ist deutlich, dass sie sich immer wieder vernachlässigt und zurückgesetzt fühlt gegenüber dem Bruder. Allerdings reagiert sie nun mehr und mehr mit Wut und Ärger, den sie dem Kleinen und auch der Mutter zeigt.
Im Kucica spielt sie gerne Rollenspiele mit ihren Freundinnen, in denen sie "erwachsene Frauen" spielen. In diesen Rollen imitiert sie ihre Mutter. Es wird deutlich, dass sie sie sowohl bewundert und um ihre Liebe kämpft, aber auch eine Riesenwut auf sie hat.
Ein Konflikt zwischen Meliha und dem Bruder ist der Auslöser für ein langes Gespräch mit einer der Therapeutinnen. Meliha kann ihre Wut und Frustration äussern. Die Kollegin erzählt ihr, dass sie solche Gefühle gut kennt, weil sie sich als Mädchen gegenüber ihrem Bruder auch sehr ungleich behandelt fühlte. Meliha fühlt sich erleichtert, dass ihre Gefühle ‚normal' sind. Sie will ganz genau wissen, wie das bei der Kollegin damals war ...
Am Abend sprechen die Kolleginnen mit der Kindergruppe über das Thema "gleiche Rechte für Mädchen und Jungen" und was das konkret für unser Verhalten bedeutet. Dabei kommt auch das zeitweise provozierende Verhalten der Jungs gegenüber den Mädchen zur Sprache. Schliesslich einigen sich die Kinder auf Verhaltensregeln, "die für alle gelten und mit denen sich alle gut fühlen".
Meliha hat sich an der Diskussion rege und selbstbewusst beteiligt.
Amir hat nach einigen Tagen gemerkt, dass im SEKA-Haus andere Regeln gelten als zu Hause. Hier ist er nur eines von neun Kindern, die alle gleich behandelt werden. Zuerst trotzt er, sondert sich ab, versucht Schwester und Mutter zu tyrannisieren. Doch schliesslich wird es ihm langweilig zu bocken; denn dadurch bekommt er auch nicht mehr Aufmerksamkeit. Zuerst akzeptiert er, wenn eine der Therapeutinnen mit ihm spielt, ob am Strand oder im Kinderhaus. Dann allmählich spielt er auch mit einzelnen anderen Kindern.
Er hört auch offensichtlich genau zu, was abends im Kinderhaus besprochen wird, tut aber so, als wäre er ‚beschäftigt'. Nach einigen Tagen beginnt er am Strand ein wenig im flachen Wasser zu plantschen. Schliesslich lässt er es auch zu, dass seine Mutter oder eine der Kolleginnen ihn mit Schwimmflügeln oder auf der Luftmatratze mit ins Wasser nehmen. Er macht die Erfahrung, dass er nichts muss, dass wir ihn lassen, dass wir aber nicht erlauben, wenn er seine Schwester, seine Mutter oder andere terrorisiert. Lange Zeit antwortet er uns nicht, wenn wir mit ihm sprechen, ihm etwas erklären, im Grenzen setzen. Doch mit der Zeit normalisiert sich sein Verhalten immer mehr. Immer häufiger beteiligt er sich bei gemeinsamen Aktivitäten am Strand oder im Kucica. Sein aggressives Verhalten lässt deutlich nach, einzig gegenüber seiner Mutter versucht er es immer wieder mit den gewohnten Wutanfällen.
Indira nimmt mit grossem Interesse an der abendlichen Gruppenarbeit der Frauen teil. Insgesamt finden neun Gruppenabende statt. Neben anderem erarbeiten wir die Themen "Sorge um mich selbst als Frau" und "Umgang mit den Kindern".
Bezgl. des ersten Themas beschäftigen die Frauen sich in Paaren mit den Fragen: Welche Informationen / Botschaften habe ich als Kind (Mädchen) von meinen Eltern / meiner Umgebung bekommen hinsichtlich der Wahrnehmung meiner eigenen Gefühle und Bedürfnisse und meiner Grenzen? Welche haben mich eher gehindert, welche waren unterstützend?
Anschliessend tragen wir die Ergebnisse auf einer Wandzeitung zusammen, aufgeteilt in hinderliche und unterstützende Botschaften. Dabei wird deutlich, dass die hinderlichen Botschaften bei weitem überwogen hatten, aber auch die "unterstützenden" im Grunde nur eingeschränkt unterstützend waren - und eher Forderungen enthielten oder verunsichernd wirkten. Wir überlegen gemeinsam, welche Botschaften wir uns gewünscht hätten, bzw. welche wir heute unseren Töchtern mitgeben möchten.
Nach einer intensiven Diskussion über diese Punkte hat jede Frau Gelegenheit, für sich selbst aufzuschreiben, was ihr früher geholfen hat (als inneres Potential oder in ihrer Umgebung), bzw. was ihr heute hilft, für sich zu sorgen und ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse zu vertreten.
Indira beteiligt sich intensiv an der Erarbeitung dieses Themas. In der Abschlussrunde des Gruppenabends meint sie nachdenklich: "Für mich war dieses Thema heute sehr wichtig, mir ist vieles bewusst geworden, was mich geprägt hat ... besonders wichtig war mir aber, dass ich gemerkt habe, dass ich die Botschaften, die ich selbst als Mädchen bekommen habe, automatisch an meine Tochter weitergegeben habe ... Das möchte ich verändern ..."
An den folgenden Gruppenabenden arbeiten wir weiter an den Themen "Bedürfnisse", "Grenzen" und "Kommunikation", sowie "innere und äussere Ressourcen". Indira beteiligt sich sehr aktiv an Übungen und Gesprächen. Als besonders wichtig empfindet sie die Imaginationsübung "innerer sicherer Ort und innere Helferin". Diese Übung unterstützt sie auch in der Konfrontation mit dem traumatischen Thema, das sie in den Einzelarbeitsterminen bearbeitet. "Ich habe mich an meinem ‚sicheren Ort' zum ersten Mal seit sehr langer Zeit ganz sicher und geborgen gefühlt ... und diese Frau, die da war, empfand ich wie eine liebevolle und verständnisvolle Mutter, wie ich sie so nie hatte ... Sie hat mir gesagt, dass ich ein wertvoller Mensch bin - trotz allem, was geschehen ist ... Das werde ich in mir bewahren ..."
Aufbauend auf dem Thema "Sorge um mich selbst" bearbeiten wir mit der Frauengruppe dann das Thema "Umgang mit den Kindern". Die Frauen interessieren sich besonders für die Themen "Kommunikation mit den Kindern in schwierigen Situationen", "Grenzen setzen" und "Umgang mit aggressivem Verhalten von Kindern".
Da es uns als Therapeutinnen in erster Linie um Erziehungsstile und die "innere Haltung" gegenüber dem Kind geht, spielen wir als Leiterinnen drei kurze Szenen zum Thema "Mutter und Kind im Supermarkt", in denen wir jeweils einen anderen Erziehungsstil charakterisieren:
Während der Szenen sollen die Hälfte der Frauen auf die verbale Kommunikation zwischen Mutter und Kind, die andere auf die non-verbale Kommunikation achten.
Nach jeder Szene teilen die Frauen mit, was ihnen aufgefallen war, dann geben wir ein Feedback aus unseren Rollen und diskutieren mit der Gruppe, welche Wirkung das jeweilige Verhalten der Mutter auf das Kind hatte.
Mit den Fragen: "Worin habe ich mich in diesen Szenen mit meinem eigenen Verhalten wiedergefunden? Was war mir neu / eine Anregung? Was würde ich gerne in meinem Alltag im Kontakt mit meinen Kindern anwenden?" regen wir die Frauen zur Reflektion und intensiver Diskussion an - über die Szenen und das eigene Erziehungsverhalten, über die Fragen der gegenseitigen Wertschätzung, über Klarheit und Entschiedenheit aber auch Flexibilität ...
Indira wird noch einmal deutlich, wie unterschiedlich sie mit ihren beiden Kindern umgeht: mit der Tochter eher autoritär und streng, vom Sohn dagegen lässt sie sich manipulieren und durch dessen Aggressivität unter Druck setzen.
Auf ihren Wunsch demonstriere ich in zwei kurzen Szenen das Beispiel eines Umgangs mit einem sehr aggressiven Kind. (Indira spielt die Rolle ihres kleinen Sohnes.) In der Rolle von "Amir" kann sie sehr gut den Unterschied spüren zwischen der Mutter "die Grenzen setzt, das Kind, sich selbst oder andere schützt" (auch durch Körperkraft) und der Mutter, die ihre eigene Aggression gegenüber dem Kind ausagiert: "Das aggressive Verhalten der Mutter hat mir wahnsinnige Angst gemacht und gleichzeitig meine Wut verstärkt, ich spürte kurz richtigen Hass auf sie ...", schildert Indira ihre Gefühle in der Rolle. "In der anderen Szene, als die Mutter mich festhielt und klar aber auch beruhigend mit mir sprach, wollte ich zwar erst nicht zuhören, aber dann habe ich mich beruhigt, ich spürte ihre ruhige Autorität und akzeptierte die Grenze, die sie mir setzte. Ich wusste, sie hat recht und - irgendwie fühlte ich mich sicher mit ihr." Und nach kurzem Nachdenken: "Diese beiden kurzen Szenen haben mir mehr geholfen als viele Vorträge. Ich weiss jetzt, wie ich mit Amir umgehen kann, wenn er seine Wutanfälle hat. Es ist wichtig, dass ich realisiere, dass ich die Mutter bin und dass ich keine Angst vor ihm haben muss, aber dass ich auch meine Verantwortung wahrnehmen muss."
Zusätzlich zur Gruppenarbeit bearbeitet Indira in mehreren Terminen therapeutischer Einzelarbeit eine für sie sehr traumatische Gewalterfahrung aus dem ersten Kriegsjahr, über die sie noch nie mit jemandem gesprochen hatte. Es ist für sie von grosser Bedeutung, dieses Erlebnis, das sie lange in sich verschlossen hatte, mit einem anderen Menschen zu teilen. Durch die behutsame Auseinandersetzung mit dieser Erfahrung - mit Hilfe von Symbolen - beginnt sie, sich selbst besser zu verstehen: die Gefühle von Angst und Schuld einerseits und die massive Wut andererseits, die sie oft empfndet, ihre Angst, Gefühle zu zeigen und Nähe zuzulassen, ihre selbstdestruktiven Anteile und ihr Mangel an Selbstachtung. Sie erkennt, dass ihr schwieriges Verhältnis zu ihrer Tochter mit ihrem negativen Selbstbild von sich als Frau zusammenhängt; dass sie sich selbst die Schuld für die erlebte Gewalt gibt und sich dafür ablehnt - und in ihrer Tochter, die nun in die Pubertät kommt, sich selbst sieht.
In einer symbolischen Konfrontation mit den Tätern gelingt es Indira, diesen ihren Hass, ihre Verachtung und Wut entgegenzuschleudern und sie symbolisch zu bestrafen. Danach fühlt sie sich "sehr befreit". Durch die Unterstützung der Therapeutin gelingt es ihr, sich selbst anzunehmen, zu trauern darüber, was ihr geschehen ist, aber auch ihre Stärke zu sehen, mit der sie überlebt hat.
Ihr Verhältnis zu ihren Kindern verändert sich. Immer wieder gibt es Momente der Annäherung zwischen Mutter und Tochter. Meliha spürt, dass ihre Mutter anders ist, entspannter, fröhlicher, liebevoller. Sie ist noch vorsichtig, aber geniesst es offensichtlich, dass die Mutter sie mehr wahrnimmt, sie lobt für ihre Erfolge beim Schwimmen und Tauchen oder Springen. Manchmal sitzen die beiden nun nebeneinander am Strand und reden miteinander. Manchmal gibt es kurze Berührungen, Meliha lehnt sich gegen Indira und diese lässt es zu.
Und Amir, der "kleine Prinz"? Auch er hat sich verändert. Mit der Mutter gibt es noch ab und zu Kämpfe, aber Amir wirkt ruhiger, zufriedener und manchmal sogar fröhlich, zum Beispiel wenn er mir stolz sein selbst gestaltetes T-Shirt zeigt, oder sich im Wasser um die Luftmatratze balgt.
Sicher ist da noch einiges an Unterstützung nötig. Am letzten Tag schlagen wir Indira vor, Kontakt zum Frauentherapiezentrum Medica in Zenica aufzunehmen, wenn sie merkt, dass sie weiter Unterstützung braucht - für sich selbst oder im Umgang mit den Kindern. (Leider gibt es in Bugojno keine Möglichkeit der psychologischen Hilfe.) Allerdings haben sie alle drei in den 2 Wochen im SEKA-Haus grosse Schritte gemacht.
Das drückt sich für mich besonders in einem Bild aus, das ich nie vergessen werde: Meliha am vorletzten Tag ihres Aufenthalts im stürmischen Meer. Jubelnd springt sie in die tosenden Wellen und lässt sich von ihnen an den Strand werfen und dann steht sie da und erwartet furchtlos und begeistert die nächste Welle: selbstbewusst, glücklich und frei ...
Und Indira schreibt am letzten Tag ins SEKA-Gästebuch: "Ich fühle mich, als ob ein grosser Stein von mir abgefallen ist, der mir all die Jahre auf der Brust lag und mich fast erdrückte. Zum ersten Mal kann ich wieder frei atmen ... Ich danke Euch von Herzen, dass ihr mich wieder ins Leben zurückgebracht habt. Ich liebe liebe Euch sehr."
Der 9jährige Adnan ist sehr ängstlich, angespannt und übernervös. Er kann kaum still sitzen, kann sich schlecht auf eine Sache konzentrieren. Ist seine Mutter Renata in der Nähe, nimmt seine Anspannung sichtlich zu. Renata ist alleinerziehend und - wie wir am ersten Abend von ihr erfahren - geschieden. Sie ist bosnische Kroatin, ihr geschiedener Mann ist Bosniak (Muslim). Sie ist auf ihren Ex-Mann wütend, da er sie nach ihrem Gefühl zu wenig finanziell unterstützt; er zahlt nur die vorgeschriebenen Alimente für die Kinder, hat aber ein recht gutgehendes Kleinunternehmen. Den Kindern hat sie über längere Zeit den Kontakt zum Vater verboten, obwohl dieser nur ein paar Strassen weiter wohnt. Sie redet sehr negativ über ihren geschiedenen Mann - auch vor den Kindern. Adnan wirft sie oft vor, dass er werde wie sein Vater.
Renata ist beiden Kindern gegenüber sehr streng und fordernd. Es hat den Anschein, als ob sie überhaupt kein Verständnis für ihre Kinder hat, als ob sie ihr nur Last seien. Über kleine angebliche Verfehlungen der Kinder lässt sie sich stundenlang negativ aus. Positives Verhalten bemerkt sie nicht. Zärtlichkeiten der Kinder wehrt sie ab. Renata wirkt auf uns ausserordentlich unzufrieden und voller unterdrückter Aggression.
Adnan reagiert auf das Verhalten der Mutter manchmal bockig ("Ich will nicht"), meist aber angespannt und ängstlich, in manchen Situationen geradezu paralysiert. Offensichtlich hat er panische Angst, etwas falsch zu machen und den Ärger der Mutter auf sich zu ziehen.
Die 10jährige Sanja hat bessere Abwehrmechanismen entwickelt: Sie hat eine Art "Schutzwall" um sich herum gebaut. Sie schaltet auf "Durchzug", hört die Vorwürfe der Mutter gar nicht mehr, was diese dann erst recht auf die Palme bringt. Allerdings ist es auch für uns zu Anfang schwer, zu Sanja durchzudringen. Oft hört sie nicht zu. Gleichzeitig zeigt sie weder durch Mimik noch durch Gestik, was sie denkt oder fühlt.
Von Anfang an ist uns Mitarbeiterinnen klar, dass zwar die Kinder unsere Unterstützung benötigen, von besonderer Wichtigkeit aber die Arbeit mit der Mutter ist.
Am ersten Abend sprechen wir, wie stets, auch mit den Frauen dieser Gruppe über die Hausordnung in SEKA, insbesondere über die Regel "keine Gewalt", d.h. auch nicht von Müttern gegenüber den Kindern. Gleichzeitig bieten wir den Frauen an, dass sie sich bei akuten Konflikten mit den Kindern oder bei generellen Erziehungsfragen gerne an uns wenden können.
Renata nimmt dieses Angebot schon an diesem ersten Abend an. Sie fühlt sich mit der Erziehung der Kinder völlig überfordert, hat das Gefühl, dass sie "überhaupt nicht mehr auf mich hören, alles verweigern". Wir besprechen, dass sie sich in den nächsten Tagen in konkreten Situationen an uns Mitarbeiterinnen wenden kann. Sie ist auch damit, einverstanden, dass wir von unserer Seite eingreifen, wenn wir es für nötig finden.
So kommt es in den folgenden Tagen am Strand zu verschiedenen Interventionen unsererseits, an die sich jeweils Gespräche mit Renata anschliessen. Immer wieder ist die Art und Weise ihrer Kommunikation mit den Kindern Thema, der Kommando-Ton, das sich "Festbeissen" an Kleinigkeiten, der Streit über unsinnige Dinge, der ihr die Energie raubt, in wichtigen Fragen konsequent zu sein.
Wir geben Renata ein Beispiel, wie es möglich ist, sich in Ruhe mit den Kindern zu besprechen. Wir machen deutlich, dass Kommunikation etwas Gegenseitiges ist, in der jede Seite zu Wort kommt. Wir zeigen ihr, wie einfach es ist, die Mitarbeit der Kinder zu gewinnen, wenn wir uns wirklich mit ihnen beschäftigen und uns für sie interessieren.
Offensichtlich ist diese pädagogische und wertschätzende Haltung den Kindern gegenüber für Renata sehr ungewohnt. Aber sie ist bereit zu lernen.
Sie bittet um einen therapeutischen Einzeltermin.
Die Themen des ersten Termins drehen sich hauptsächlich um ihr Verhältnis zu ihren Kindern und die Beziehung der Kinder zum Vater. Renata fühlt sich von ihrem Ex-Mann im Stich gelassen. Sie erkennt, dass sie ihre Wut auf ihren Ex-Mann an den Kindern auslässt. Es wird ihr klar, dass die Kinder ein Recht auf den Kontakt zum Vater haben, an dem sie nach wie vor hängen. Dass sie und ihr Ex-Mann zwischen ihrer gescheiterten Beziehung als Ehepartner und ihrer Elternschaft unterscheiden müssen. Renata fühlt sich schuldig, dass sie all die Zeit ihre Wut an ihren Kindern ausgelassen hat. Wir sprechen darüber, dass Schuldgefühle nicht hilfreich sind, aber dass sie jetzt ihr Verhalten ändern kann, sich um einen anderen Kontakt zu den Kindern bemühen kann.
In den nächsten Tagen ist zu spüren, dass sie sich mehr um ihre Kinder bemüht. Sie spielt mit ihnen im Wasser, hilft ihnen beim Schwimmenlernen. Besonders Adnan ist glücklich über diese Zuwendung. Sanja reagiert zurückhaltender. Aber auch ihr ist deutlich anzumerken, dass sie sich über das Interesse der Mutter freut, allerdings auch skeptisch ist, wie lange es wohl anhält.
Und natürlich gibt es auch viele Situationen, in denen Renata in ihre alten Verhaltensweisen zurückfällt.
In einem weiteren Einzeltermin spricht Renata über ihre Beziehung zu Fahir, ihrem Ex-Mann, über die grosse Liebe, die sie verbunden hat, die sie sich sogar - über die Fronten hinweg - den ganzen Krieg über erhalten konnten. Geheiratet haben sie erst nach dem Krieg. Sie waren so überzeugt, dass sie das schaffen würden, dass sie ‚unzertrennlich' seien.
Durch die massiven Zerstörungen in der Stadt gab es allerdings wenig Wohnraum und sie mussten im Haus von Fahirs Mutter leben. Diese lehnte Renata ab. Renata gehörte für sie zu den ‚Feinden'. Ihr Mann verteidigte Renata, wenn er zu Hause war. Doch wenn er auf der Arbeit war, machte die Mutter ihr das Leben zur Hölle. Das war Renata nicht gewohnt.
"Meine Eltern haben mich immer wie eine Prinzessin behandelt. Sie waren wohlhabend. Sie haben mir jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Vor dem Krieg hatte ich ausserdem eine gutbezahlte Stelle. Ich war unabhängig. Und nun sass ich auf einmal fest mit zwei Kleinkindern im Haus meiner Schwiegermutter, die mich nur schikanierte und beschimpfte.
Wenn Fahir da war, hat er mich beschützt. Er hat oft mit seiner Mutter gestritten. Aber wenn er da war, hielt sie sich zurück. Er wusste gar nicht, wie schlimm es in Wirklichkeit war."
Renata fühlte sich von ihrem Mann nicht verstanden, sie wurde immer verzweifelter. Schliesslich gelang es Fahir doch, eine eigene Wohnung zu finden. Aber die Ehe war schon ein Trümmerhaufen. Die Ehepartner hatten nur noch Streit. Schliesslich ging Fahir. Renata fühlte sich zutiefst verletzt, im Stich gelassen und überfordert mit den Kindern. Sie zog zu ihren Eltern, die aber - da sie durch den Krieg selbst alles verloren hatten - ihr finanziell kaum helfen konnten.
Für Renata ist es wichtig, dass sie - aus einer gewissen Distanz - "verstehen kann, wie alles gekommen ist". Und: zum ersten Mal verspürt sie nicht nur Wut sondern auch Trauer - über das Zerbrechen ihrer grossen Liebe.
Sanja und Adnan sind nicht mehr wiederzuerkennen - es ist ihr 9. Tag im SEKA-Haus. Braungebrannt und ausgelassen toben sie mit den anderen Kindern im Wasser herum. Längst sind die Schwimmflügel vergessen. Beide schwimmen wie die Fische. Sie springen von der Mole und tauchen um die Wette.
Adnan hat einen guten Teil seiner Ängste verloren - auch gegenüber seiner Mutter. Leicht lässt er sich für alle Aktivitäten begeistern - ob am Strand oder im Kucica. Er kommt gut mit den anderen Kindern zurecht, hat Freunde gefunden.
Sanja hat viel von ihrer Reserviertheit aufgegeben. Sie zeigt nun viel offener ihre Gefühle, ob Freude, Trauer oder Wut. Mit zwei anderen Mädchen hat sie sich angefreundet. Die drei stecken immer zusammen, vertrauen sich ihre Geheimnisse an und necken sich mit den Jungs.
Im Kucica spielt Adnan besonders gerne mit den Tierpuppen und dem Tischtheater. Wenn die Kinder Familienszenen spielen, spielt er immer wieder einen Vater, der kommt und Geschenke mitbringt. Doch dann geht er wieder.
Nach einer dieser Szenen erzählt Adnan der Therapeutin von seinem eigenen Vater. Dass er ihn sehr liebt, aber nur selten sehen darf, weil die Mutter es nicht will. Die Eltern streiten sich nur. Adnan findet das schrecklich. Er möchte so gern, dass die Eltern sich vertragen. Die Kollegin sagt ihm, dass sie seine Gefühle sehr gut verstehen kann.
Sanja spricht nicht über den Vater. Sie blockt dieses Thema ab. Sie will überhaupt nicht über ihre Familie sprechen. Aber den Familienszenen mit den Puppen / Tierpuppen schaut sie gerne zu. Einmal übernimmt sie die Mutterrolle und streitet sich mit dem Vater, macht ihm Vorwürfe, dass er nie da sei, sie alles alleine machen müsse ... Die Therapeutin fragt sie, was sie von ihrem "Mann" erwarte. Sanja lässt die "Mutter" antworten: "Dass er sich um uns kümmert, es sind ja auch seine Kinder. Er bringt uns kein Geld, wovon sollen wir leben?" Die Therapeutin macht sich laut Gedanken, dass das sicher schwer ist für die Kinder, wenn die Eltern sich so streiten. Sanja schweigt.
Renata nimmt - wie auch alle anderen Frauen - regelmässig an den Gruppenabenden teil.
Die Gruppenarbeit ist für sie neu. Insbesondere die Imaginationsübungen (zur Selbstunterstützung und Verbindung mit den inneren Ressourcen) faszinieren sie, lösen in ihr aber gleichzeitig auch eine starke Unruhe aus. Auch das Thema "Sorge um mich selbst" verwirrt sie und wühlt sie auf.
In einem weiteren Einzeltermin möchte Renata herausfinden, was sie so beunruhigt und verwirrt. Sie hat das Gefühl, dass es etwas mit ihrer ständigen Unzufriedenheit zu tun hat, die sie ihr Leben lang spürt.
Renatas Unruhe, stellt sich heraus, hat damit zu tun, dass durch die Erfahrungen im SEKA-Haus und insbesondere durch die Gruppenarbeit ihre eigenen rigiden Normen und Verhaltensweisen massiv erschüttert werden und sie darüber hinaus immer mehr realisiert, dass sie für ihr Leben und das ihrer Kinder verantwortlich ist. Dies widerspricht offenbar der Erfahrung ihres bisherigen Lebens.
Sie ist als Einzelkind aufgewachsen innerhalb einer sehr traditionellen Familie. Es gab strenge Normen. Doch wenn sie innerhalb des vorgeschriebenen Rahmens blieb, wurde sie verwöhnt und bekam alles, was sie sich wünschte - hauptsächlich Materielles.
"Ich musste mich um nichts kümmern, meine Eltern sorgten in allem für mich. Sie räumten mir jedes Hindernis aus dem Weg. Über meinen Vater bekam ich gleich nach dem Schulabschluss eine gutbezahlte Stelle. Dann lernte ich Fahir kennen und auch er trug mich auf Händen."
Der Krieg warf sie schlagartig aus ihrer behüteten Welt. Das Haus ihrer Eltern wurde zerstört. Als Kroatin verlor sie ihre Stelle. Ihre Familie war mit einem Mal mittellos. Aber da war ihr Verlobter, der ihnen half, obwohl er "zu den Feinden gehörte". Er unterstützte sie materiell, besuchte sie, so oft er konnte. Gleich nach dem Krieg heirateten sie.
Sie erwartete nun, dass Fahir ihr den früheren Lebensstandard bieten würde. Stattdessen mussten sie im Haus der Mutter unterkommen, die sie terrorisierte.
"Ich fühlte mich betrogen" erinnert sich Renata. "Ich war so wütend auf alles, auf das Schicksal, auf seine Mutter. Aber gegen sie hatte ich keine Chance, also liess ich meine Frustration und Wut jeden Tag an Fahir aus. Ihn machte ich für alles verantwortlich. Auch als er endlich eine Wohnung fand, konnte ich nicht aufhören ... Wir stritten jeden Tag ... Eigentlich kann ich verstehen, warum er gegangen ist", fügt sie leise hinzu.
Im weiteren Gespräch erkennt Renata, dass sie ihre lebenslange Unzufriedenheit damit zusammenhängt, dass sie "in einem goldenen Käfig aufwuchs".
"Ich musste nie für irgendetwas kämpfen, etwas wirklich selber erarbeiten. Es war bequem, aber es hat dazu geführt, dass ich mir selber überhaupt nichts zutraue, auch heute noch nicht, obwohl ich jetzt schon mehrere Jahre meine Kinder alleine erziehe. Irgendwie warte ich immer noch darauf, dass jemand kommt und mir die Verantwortung abnimmt ... Und weil das nicht geschieht, bin ich frustriert und wütend ... aber eigentlich habe ich Angst, dass ich es alles nicht schaffe."
Für Renata ist es wichtig, dass sie sich ihrer eigenen Stärken und Fähigkeiten bewusst wird und dass sie eine realistische Einschätzung ihrer Probleme bekommt. Dabei hilft ihr die Gruppenarbeit und die Gespräche mit den anderen Frauen.
Als wichtige konkrete Unterstützung erlebt sie die Gruppenarbeit zum Thema "Umgang mit den Kindern". Sie erkennt sich selbstkritisch in den ersten beiden Szenen wieder (s.o.), ist aber auch zuversichtlich, dass sie ihre Kommunikation mit den Kindern verändern kann.
Bei unserem letzten Termin geht es darum, wie sie die Verantwortung für ihr Leben und für ihre Kinder übernehmen kann und von wo sie diesbezüglich Unterstützung bekommen kann. Wir reden noch einmal über die Bedürfnisse von Kindern bzgl. Sicherheit (Struktur und Grenzen) und Freiheit (Selbstverantwortung und Vertrauen). Am Ende unseres Gesprächs sagt Renata: "Ich weiss, dass das nicht leicht wird für mich, aber ich bin so froh, dass ich hier erkannt habe, welche Fehler ich in meinem Leben gemacht habe und wie ich das ändern kann. Es ist, als ob ich mein ganzes Leben im Nebel verbracht habe und jetzt heraustrete und sehe, wo ich mich befinde ..."
An einem der letzten Tage rennt Adnan mit strahlenden Augen auf mich zu. Er war mit Mutter und Schwester auf dem kleinen Markt in Postira. "Weißt Du was wir gemacht haben", ruft er aufgeregt und hüpft vor mir auf und ab. "Was habt ihr denn gemacht", frage ich neugierig. "Wir haben Papa eine Postkarte geschrieben ... Wir lieben Dich, Sanja und Adnan ... und weißt Du was? Mama hat dann auch noch unterschrieben!" Adnan umarmt mich stürmisch. Ich umarme ihn und als ich hochschaue sehe ich Renata. Sie lächelt mir zu.