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SEKA-Journal Nr. 16 - Dezember 2005 |
Ende September / Anfang Oktober 2005
fand im SEKA-Haus - in Zusammenarbeit mit dem Belgrader Lesbenzentrum "Labris" - das zweite Seminar mit dem Titel "Wichtig ist es, nicht allein zu sein" statt, ein 6-tägiges Seminar für überwiegend junge Lesben aus ländlichen Gebieten und Kleinstädten der Region des ehemaligen Jugoslawien.In den vergangenen Jahren meldeten sich immer wieder junge lesbische Frauen bei uns und baten um Hilfe - sei es, dass sie Opfer von Gewalt geworden waren (aufgrund ihres Lesbisch-Seins), oder aufgrund von Problemen mit den Eltern und dem Umfeld allgemein, aufgrund psychischer Krisen, massiver existentieller Probleme - oder aber weil sie spürten, dass sie "anders seien", aber für diese ihre Identität keinen Namen hatten.
Wir vermittelten sie - soweit möglich - an Lesben-Organisationen in der Region. Es zeigte sich aber, dass es solche Organisationen nur in den Großstädten Zagreb und Rijeka (Kroatien), in Ljubljana (Slowenien) und Belgrad (Serbien) gab. Für Lesben in Bosnien-Herzegowina, Montenegro und Mazedonien, wie auch aus ländlichen Regionen und Kleinstädten in allen Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien, gab es keinerlei unterstützende Angebote.
Wir versuchten, sie an Frauenorganisationen (Beratungsstellen / Frauenhäuser) zu vermitteln, was meist auf Schwierigkeiten stieß (s. Zusatzinformation). Wir hielten Kontakt über Telefon, e-mails und luden sie in dringenden Fällen für einige Tage ins SEKA-Haus ein, um ihnen ein Mindestmass an psychologischer Unterstützung zu bieten. Eines der grössten Probleme der (jungen) Lesben war, wie sich immer wieder zeigte, ihre Isolation.
Gemeinsam mit Lepa Mladjenovic, einer der Mitbegründerinnen des Belgrader Lesbenzentrums Labris (gleichzeitig auch eine der engagiertesten Friedens-Aktivistinnen der "Frauen in Schwarz" sowie Mitbegründerin des Belgrader Frauenzentrum gegen Gewalt) entwickelten wir die Idee eines Programms "Förderung lesbischen Lebens" in den Balkan-Ländern. Als wichtigste Ziele dieses Programms sahen wir, das Durchbrechen der Isolation von Lesben, psychologische Unterstützung und Stärkung bzgl. der eigenen Identität, Hilfe bei der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen, Vermittlung von Informationen, Ermutigung und Fortbildung potentieller lesbischer Aktivistinnen und Sensibilisierung von Mitarbeiterinnen / Aktivistinnen von Frauenorganisationen bzgl. (potentieller) lesbischer / bisexueller Klientinnen.
Innerhalb dieses Programms veranstalteten wir im April 2004 in Kuca SEKA ein erstes Seminar "Wege aus der Angst" für Teilnehmerinnen an der Gay Pride Parade 2001 in Belgrad, die aufgrund der damals erlebten Gewalt noch immer unter massiven Ängsten und anderen Symptomen litten. Im Herbst 2004 fand dann ein Seminar für (junge) Lesben aus ländlichen Gebieten und Kleinstädten der Region des ehemaligen Jugoslawien statt. Die sehr positiven Erfahrungen mit diesem Seminar zeigten uns, dass es wichtig wäre, weitere derartige Seminare im SEKA-Haus anzubieten.
Durch die finanzielle Unterstützung der filia-Frauenstiftung und von privaten Förderinnen konnten wir schliesslich ein zweites Seminar für junge Lesben und Frauen, die sich ihres Lesbischseins erst bewusst geworden waren, anbieten.
Auf unsere Einladung zum Seminar, die wir ab Februar 2005 hauptsächlich über die Homepages verschiedener Lesben- bzw. gemischten Lesben- und Schwulenorganisationen in Kroatien, Serbien und Montenegro, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina verbreiteten, gab es zahlreiche interessierte Reaktionen. Dennoch hatten wir im April 2005 noch immer zu wenige Anmeldungen. Es war deutlich, dass - wie schon im Jahr zuvor - bereits der Schritt, sich für ein solches Seminar anzumelden, für viele Frauen sehr angstbesetzt war. Trotz reger e-mail Kommunikation und vieler Telefonate mit Interessentinnen, hatten sich bis Ende April nur 7 Teilnehmerinnen fest angemeldet.
Wir beschlossen, den für Mai vorgesehenen Seminartermin auf den Herbst zu verschieben, um mehr Zeit für die Werbung für das Seminar zu haben. Wir entschieden uns dafür, weil die vielen Kontakte uns gezeigt hatten, dass es nicht am mangelnden Interesse lag, dass die Frauen sich nicht anmeldeten, sondern an den grossen Hemmungen, Ängsten, Zweifeln. Wir waren uns sicher, dass viele interessierte Frauen einfach mehr Zeit und Unterstützung benötigten.
So kontaktierten die Labris-Mitarbeiterinnen (die in diesem Jahr die Organisation des Seminars grösstenteils übernahmen) in den Sommermonaten viele Kontaktpersonen und potentiell interessierte Lesben in Kleinstädten der gesamten Region des ehemaligen Jugoslawiens nicht nur per e-mail sondern auch telefonisch.
Daraufhin meldeten sich insgesamt 18 Frauen an, dann aber auch einige wieder ab. Schliesslich kamen zum Seminar 11 Frauen. (Eine Teilnehmerinnenzahl von 12 hatten wir ursprünglich geplant. Eine grössere Gruppe ist für ein Selbsterfahrungsseminar ungünstig.)
Die Anreise war insbesondere für die Frauen aus Serbien und aus Mazedonien sehr langwierig (24 - 28 Stunden Reisedauer), doch die Frauen nahmen das in Kauf.
Von den 11 Teilnehmerinnen der Gruppe kamen fünf aus Serbien, drei aus Bosnien-Herzegowina, zwei aus Mazedonien und eine aus Kroatien. Drei Teilnehmerinnen waren zwischen 31 und 41 Jahre, die übrigen zwischen 21 und 27 Jahre alt.
Zwei Frauen waren berufstätig, zwei arbeitslos, sechs waren Studentinnen, vier von ihnen jobbten nebenbei, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, eine Frau war Aktivistin in einer Frauenorganisation. Einige der Frauen leben sehr isoliert. Für sie war das Seminar der erste Schritt heraus aus dieser Isolation.
Am ersten Tag hatte die Gruppe Gelegenheit, sich besser kennenzulernen und Sicherheit und Vertrauen aufzubauen - als Grundlage für die Gruppenarbeit. Dies ermöglichten wir durch verschiedene Psychodrama-Techniken (Tanz- und Bewegungsspiele, soziometrische Übungen, Arbeit mit Symbolen u.ä.). Damit lernten die Frauen auch gleich die Methoden unserer Arbeit kennen, die ihnen gut gefielen, wenn auch zu Anfang noch alle etwas gehemmt waren.
Wie stets erarbeiteten wir auch die Regeln der Gruppenarbeit gemeinsam (mit ‚anonymen Zetteln', um zu ermöglichen, das jede ihre Bedürfnisse oder Ängste möglichst ehrlich benennen konnte.) Diese Übung war den Frauen sehr wichtig, wie sie uns am Ende sagten. Sie spürten dadurch, dass ihre Bedürfnisse und Ängste wirklich wichtig genommen wurden.
Ebenfalls mit Symbolen erarbeiteten wir die Themen, Bedürfnisse und Wünsche, die die Teilnehmerinnen bzgl. der Gruppenarbeit hatten.
Genannt wurden: "gesellschaftliche Reaktionen auf Homosexualität, Homophobie, Mechanismen und Strategien" (9 Teilnehmerinnen); "Meine persönliche Geschichte als Lesbe" (8 Teilnehmerinnen); "Was mich hindert und was mich stärkt in der Entwicklung meiner lesbischen Identität"(8 Teilnehmerinnen); "Sexualität" (8 Teilnehmerinnen); "Feminismus / lesbischer Aktivismus / LGBTT-Bewegung in Ex-Jugoslawien und weltweit" (7 Teilnehmerinnen); "Kinder in lesbischen Beziehungen" (6 Teilnehmerinnen), "Gemeinsam Spass haben, Tanzen, sich besser Kennenlernen" (4 Teilnehmerinnen); "Transgender, Transsexualität und Queer" (3 Teilnehmerinnen)
Wir schlossen die Arbeit des Vormittags ab mit einer Imaginationsübung, die der Entlastung, Selbstunterstützung und Verbindung mit den eigenen Ressourcen dient. Insbesondere die Vorstellung der eigenen inneren "Lichtquelle" und des "Loswerdens von überflüssigem Ballast" gefiel den Frauen sehr gut.
Am Nachmittag erarbeiteten wir mit dem Soziogramm "Chancen und Hindernisse" Aspekte gesellschaftlicher Diskriminierung, bzgl. der Kriterien: weiss - schwarz, Frau - Mann, hetero - homosexuell, behindert - nichtbehindert, Stadt - Land. Sowohl die Akteurinnen als auch die Zuschauerinnen konnten konkret wahrnehmen, wie ungleich - je nach Gruppenzugehörigkeit - die gesellschaftlichen Chancen und Hindernisse verteilt sind. Danach konnten die Frauen ihre Erfahrungen, Gedanken und Gefühle, die durch das Spiel ausgelöst worden waren, mit den anderen teilen (= Sharing).
Dabei berichteten sie über Erfahrungen eigener Benachteiligung / Ausgrenzung, eigene Strategien, damit klar zu kommen, aber auch Erfahrungen mit Behinderung / Krankheit bzw. reflektierten sie ihre Haltung gegenüber Behinderten und Minderheiten.
Die Übung rief bei den meisten Teilnehmerinnen starke Gefühle von Betroffenheit, Wut und teils auch Trauer hervor. Gleichzeitig empfanden die Frauen sie allerdings als sehr nützlich und bewusstseinsfördernd.
An den beiden folgenden Tagen gaben wir den Teilnehmerinnen Raum, ihre eigenen Lebensgeschichten - im Hinblick auf die Entwicklung ihrer lesbischen Identität - zu erarbeiten (durch eine Imagination und Zeichnung) und mit der Gruppe (in dem Masse, wie das jede wollte) zu teilen - mit Unterstützung von uns als Therapeutinnen.
Wichtige Aspekte in der Erarbeitung der jeweiligen Geschichte waren u.a.: Was war für mich am schwersten? Was hat mich - in mir und in meiner Umgebung - am meisten unterstützt, mir geholfen, meinen Weg zu finden - trotz aller Hindernisse?
Anschliessend hatten die übrigen Gruppenteilnehmerinnen die Möglichkeit, Sharings zu geben bzw. Fragen zu stellen (über deren Beantwortung entschied die betroffene Teilnehmerin selbst). Sowohl durch die Geschichten der Teilnehmerinnen als auch ganz besonders durch die Sharings entstand rasch eine sehr grosse Nähe und Offenheit unter den jungen Frauen. Jede fühlte sich angenommen, wertgeschätzt und unterstützt, mit ihrer eigenen von den anderen oft ganz unterschiedlichen Lebensgeschichte. Hier flossen auch die - teils sehr traumatischen - Kriegserfahrungen einiger Frauen (von den unterschiedlichen Seiten der Front ) mit ein und führten zu einem grösseren gegenseitigen Verständnis.
Die meisten der jungen Frauen lebten ihre lesbische Identität noch immer mehr oder weniger versteckt. Einige hatten wenigstens Unterstützung im Freundeskreis.
Mehrere hatten sehr traumatische Erfahrungen hinter sich (inner- oder ausserfamiliäre Gewalt). Wir schoben daher am Ende der Arbeit an den Lebensgeschichten eine kurze theoretische Einheit ein, bzgl. der "Auswirkungen von Gewalt und Ausbeutung in der Familie" und über das inner-psychische Konstrukt des "inneren Kindes". Gemeinsam mit den Teilnehmerinnen erarbeiteten wir die typischen Gefühle von Kindern (oder auch Erwachsenen Opfern), die Gewalt und Ausbeutung erleben, und die daraus resultierenden Überlebensstrategien. Die Teilnehmerinnen empfanden die Vermittlung dieses theoretischen Hintergrunds als sehr entlastend. Er half ihnen, sich selbst, ihre Gefühle und ihre Schwierigkeiten besser zu verstehen.
In der Nachmittagssitzung des dritten Tages schlugen wir der Gruppe vor, das Thema "gesellschaftliche Reaktionen auf Homosexualität, Homophobie, Mechanismen und Strategien" in einem Soziodrama: "Podiumsdiskussion im Fernsehen" zu erarbeiten.
Die Gruppe entschloss sich für das Thema: "Hetero - nicht die einzige Lebensweise", das in einer "Podiumsdiskussion im mazedonischen Fernsehen" diskutiert werden sollte.
Das Spiel machte allen grossen Spass.
Am nächsten Tag werteten wir es aus und arbeiteten sowohl typische Mechanismen der Homophobie und deren Wirkungsweise, wie auch Strategien zum Umgang mit den Auswirkungen der Homophobie bzw. der Befreiung von Homophobie heraus.
Dabei wurde den Teilnehmerinnen deutlich, dass sowohl die Mechanismen der Homophobie als auch deren Wirkungsweise (Gefühle und Reaktionen, die diese Mechansimen bei den Betroffenen auslösen) genau dieselben sind, die Gewalt und Ausbeutung in der Familie hervorrufen, d.h. dass Homophobie eine Form von Gewalt ist. Für die Teilnehmerinnen war es sehr wichtig, dies so klar zu erkennen.
Anschliessend hatten die Teilnehmerinnen Gelegenheit, in Paaren für sich herauszuarbeiten, mit welchen der diskutierten Mechanismen sie in ihrem eigenen Leben konfrontiert sind und inwiefern die diskutierten Strategien für sie selbst von Bedeutung sein könnten bzw. welche Aspekte sie in ihrem eigenen Leben evtl. nutzen könnten.
Am Nachmittag und am Abend des vierten Tages erarbeiteten wir noch die Themen "Sexualität" und "Kinder in lesbischen Beziehungen". Besonders der Austausch über Fragen, Probleme oder Unsicherheiten bzgl. des Themas Sexualität, den wir locker gestalteten, war den Frauen sehr wichtig. Dabei gab es auch viele witzige Kommentare und Gelächter.
An verschiedenen Abenden hatten wir über die Geschichte des SEKA-Projekts, sowie über feministisches Engagement und die Lesben-/Schwulenbewegung in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien und weltweit gesprochen. Ausserdem hatte jede Teilnehmerin mehrere Info-Broschüren und die Labris-Lesbenzeitung bekommen.
Den letzten Tag widmeten wir der Erarbeitung "Feministischer Arbeitsprinzipien", in dem wir den Prozess der gemeinsamen Gruppenarbeit (anhand der Erfahrungen der Teilnehmerinnen) in Kleingruppen auswerteten und in einen theoretischen Rahmen stellten. Dies half den Frauen ihre eigenen Erfahrungen einzuordnen - und war insbesondere für die Teilnehmerinnen eine gute Grundlage, die vorhatten, sich in näherer oder fernerer Zukunft als Aktivistinnen zu engagieren.
Die Frauen äusserten sich in diesem Zusammenhang sehr begeistert über die Psychodrama-Elemente (Arbeit mit Symbolen, Imaginationen, die verschiedenen Erwärmungsübungen ... und den Humor ...) und insbesondere über die Technik des Sharings. Sie hatten sehr deutlich empfunden, wie rasch die Sharings die Nähe und Verbundenheit in der Gruppe wachsen liessen und verhinderten, dass bewertet oder kommentiert wurde. Sehr wichtig war allen Teilnehmerinnen auch, dass jede genug Raum und Zeit hatte und dass sie keinerlei Druck empfanden, gleichzeitig aber eine klare Struktur bestand ("ein sicherer Rahmen und darin Freiheit für jede ...", wie eine es ausdrückte).
Schliesslich hatten die Teilnehmerinnen in einer Übung mit Symbolen Gelegenheit zur Evaluation ihrer persönlichen Erfahrungen während des Seminars: "Was mir hier am Wichtigsten war", bzw. "Was ich mitnehme".
Ich will hier nur einige Antworten wiedergeben:
"Was ich mitnehme ist das Gefühl, wie Ihr, in Kuca SEKA, mich hier empfangen habt, das werde ich nie vergessen, ich habe mich nie irgendwo so willkommen gefühlt und so am richtigen Platz ..."
"Das Wichtigste, was ich mitnehme, das seid Ihr, das sind wir, auch wenn ich von Euch getrennt sein werde, werde ich nie mehr allein sein. Ich trage Euch in meinem Herzen."
"Ich habe hier so viel gelernt, über mich, von Euch, ich fühle mich jetzt so klar, wie dieser Kristall hier ... und stark ..."
"Ich danke Euch allen, dass Ihr mir zugehört habt und mich so angenommen wie ich bin. Ich habe Euch Dinge erzählt, über die ich noch nie mit jemandem gesprochen habe ..."
"... tolle lesbische Vorbilder, die mir immer gefehlt haben ..."
"Ich nehme mit: ganz viel Stärke und Mut und Euch alle...und: wir werden uns schreiben und uns wiedersehen! Versprochen!?!"