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SEKA-Journal Nr. 15 - Dezember 2004 |
Die dritte Gruppe im Sommer 2004 kam über die Frauenorganisation "Medica Visoko" zu uns, ein Unterprojekt des Frauentherapiezentrums Medica Zenica in der zentralbosnischen Kleinstadt Visoko.
Die Frauen und Kinder der Gruppe sind Überlebende von Srebrenica und leben inzwischen in Visoko.
Krieg und Blockade in Srebrenica
Der Name Srebrenica hat im Juli 1995 eine furchtbare Berühmtheit erlangt. Er steht für das Versagen oder vielmehr den Unwillen der internationalen Gemeinschaft, die Stadt, die 1993 zur UN-Schutzzone erklärt worden war, vor der Eroberung durch die bosnisch-serbischen Milizen zu schützen. Die niederländischen UN-Blauhelme - überfordert und alleingelassen - erlaubten nicht nur die "Übernahme" der Stadt durch General Mladic und seine Truppen, sondern unterstützten außerdem die Selektion aller Männer und Jungen über 14 Jahren und ermöglichten damit das darauffolgende Massaker an ca. 8.000 unbewaffneten Männern und Jungen.
Srebrenica ist eine kleinere Stadt in Ostbosnien, dicht an der Grenze zu Serbien, ursprünglich bekannt für ihre Bodenschätze, insbesondere Silberminen, von denen sich auch der Name ableitet (srebro = Silber). Vor dem Krieg war sie besiedelt von Serben und Bosniaken (Muslimen), wobei die Mehrheit der Bevölkerung muslimisch war.
Der Krieg begann in Srebrenica im Frühjahr 1992 mit der Einkesselung und Belagerung durch die bosnisch-serbischen Milizen, unterstützt von Miloševics Jugoslawischer Volksarmee.
Ohne fließendes Wasser und Strom, fast ohne Lebensmittel, unter ständigem Granat- und Sniper-Beschuß, stets bedroht von der Eroberung lebten die Menschen jahrelang in einer "Hölle". Zigtausende Menschen, die aus ihren Städten und Dörfern vertrieben worden waren, suchten zusätzlich Schutz in Srebrenica. Die Eingekesselten leisteten verzweifelt Widerstand, da sie wussten, was die Eroberung für sie bedeuten würde - die Nachrichten von Massakern und von Folter- und Vergewaltigungslagern hatten mit den Flüchtlingen auch Srebrenica erreicht. Viele Male schien der Fall Srebrenicas kurz bevorzustehen. Da humanitäre UN-Konvois von den Belagerern systematisch verhindert oder geplündert wurden, nahm die Hungersnot furchtbare Ausmaße an. Besonders Kleinkinder und alte Menschen verhungerten oder starben an Infektionskrankheiten, da es in der Stadt keinerlei Medikamente mehr gab; viele Menschen fielen Granaten und Snipern zum Opfer. Der Abwurf von Lebensmittelpaketen durch NATO-Flugzeuge war nur ein "Tropfen auf den heißen Stein". Nur den Kräftigsten gelang es, solche Lebensmittel zu ergattern.
In einer verzweifelten Aktion, in der sie die Fahrzeuge des französischen Generals Morillon bei einem Besuch der Enklave einschlossen und an der Abfahrt hinderten, ertrotzten schließlich die Frauen von Srebrenica, dass Srebrenica im April 1993 vom UN-Sicherheitsrat zur UN-Schutzzone erklärt wurde, die von Blauhelmen geschützt werden sollte.
Aber auch dieser Beschluss der internationalen Gemeinschaft war halbherzig: Die Zahl der Blauhelme, die nun nach Srebrenica abkommandiert wurden, war viel zu klein, außerdem waren sie nur leicht bewaffnet und hatten kein Mandat für einen effektiven Schutz der Bevölkerung. Sie konnten den Schutz der Stadt nicht sicherstellen. Der Beschuss Srebrenicas ging weiter - wenn auch mit etwas geringerer Intensität. Immerhin erreichten nun hin und wieder humanitäre Konvois mit Lebensmitteln und anderen Versorgungsgütern die ausgehungerte Enklave.
"Schutzzone ohne Schutz"
Ihr Ziel, Srebrenica zu erobern, hatten Karadzic und Mladic jedoch nicht aufgegeben. Im Sommer 1995 machten sie schließlich ernst damit. Die vom niederländischen Kommandeur der UN-Blauhelme dringend erbetenen NATO-Luftschläge blieben aus; als Mladics Truppen am 06. Juli eine erneute Offensive auf die Stadt starteten. Mit ihrer leichten Bewaffnung hatten die Blauhelme den schweren Waffen der Eroberer nichts entgegenzusetzen, außerdem war ihnen Waffeneinsatz nur zur Selbstverteidigung gestattet. Eine absurde Situation. Am 11. Juli schließlich begann die Einnahme der Stadt durch die bosnischen Serben. Viele der bosniakischen Verteidiger versuchten, sich in Gruppen durch die Wälder nach Tuzla (zum von der bosnischen Armee gehaltenen Gebiet) durchzuschlagen. Die Zivilbevölkerung Srebrenicas versuchte, sich im UN-Camp im Vorort Potocari in Sicherheit zu bringen. In Todesangst flehten die Menschen um Hilfe und Schutz durch die Blauhelme.
Diese - von der internationalen Gemeinschaft und dem UN-Kommando für Bosnien-Herzegowina im Stich gelassen - fürchteten um ihre eigene Sicherheit. Mladic drohte ihnen offen. Nach verschiedenen Verhandlungsgesprächen stimmte der niederländische UN-Kommandant von Srebrenica schließlich zu, die Separation der Männer und Jungen ab 14 Jahren von den Frauen, Mädchen und kleineren Jungen - angeblich zu "Überprüfung bzgl. ihrer Teilnahme an Kriegsverbrechen" (!!!) - zuzulassen. Ebenso die Deportation der Frauen und Kinder ins von der bosnischen Armee gehaltene Gebiet in der Nähe der Stadt Tuzla.
Die betroffenen Menschen wussten, dass dies den Tod der Jungen und Männer bedeutete, sie versuchten verzweifelt, die Blauhelme zu überzeugen, sie nicht auszuliefern.
Doch die Entscheidung war gefallen. Am 12. Juli begann die Selektion der Männer und Jungen, sowie die Deportation der Frauen und Kinder in Bussen und auf Lastwagen, ständig bedroht von den serbischen Milizen.
Fadila R. *, eine der Frauen aus der Gruppe, die ins SEKA-Haus kam, erinnerte sich: "Niemand wusste, ob die Fahrt wirklich zum Gebiet der bosnischen Armee ging oder doch in ein Lager oder zur Exekution ...Wir waren voller Panik, Entsetzen und Todesangst ... Die Kinder waren so verstört und spürten die Anspannung und Bedrohung, dass sie nicht einmal weinten. Obwohl wir kein Wasser hatten und nichts zu essen. Wenn Du denkst, dass Du sterben musst, hast Du keinen Hunger mehr ... Ich war damals hochschwanger und mit meiner zweijährigen Tochter. Ich weiß nicht, woher ich die Kraft genommen habe, aber ich habe noch versucht, die anderen um mich herum zu beruhigen und ihnen Zuversicht zu geben - in diesem Wahnsinn ... Während der Fahrt gelang es einigen von uns, durch Schlitze in der Plane des Lastwagens zu spähen. Da waren schreckliche Szenen: Felder oder Fußballplätze voller Hunderter gefangener Männer, unsere Männer. Sie knieten in Reihen auf der Erde, die Arme über dem Kopf. Manche nur im Unterhemd. Es war furchtbar, wir wussten alle, dass wir sie nie wieder sehen würden ..."
Schließlich wurden die Deportierten kurz vor dem von der bosnischen Armee gehaltenen Gebiet aus den Bussen und von den Lastwagen getrieben. In der glühenden Hitze dieses Julitages, ohne Wasser, ohne Lebensmittel mussten sie den Rest des Weges zu Fuß zurücklegen. Schließlich erreichten sie Tuzla, wo Tausende tagelang auf der Landebahn des Flughafens unter freiem Himmel kampieren mussten, bis sie in der bereits von Flüchtlingen völlig überfüllten Stadt in Sammelunterkünften untergebracht werden konnten.
Die Überlebenden von Srebrenica
Die Überlebenden Frauen und Kinder waren in einem schwerst traumatisierten Zustand, nach den Jahren der Hölle in Srebrenica und den furchtbaren Ereignissen der vergangenen Tage, in der zermürbenden Sorge und Ungewissheit um das Schicksal ihrer männlichen Familienangehörigen. Dennoch mussten sie weiter funktionieren, mussten die Frauen unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte für ihre Kinder und die Alten und Kranken sorgen.
In den folgenden Wochen erreichte nur eine geringe Anzahl der Männer, die versucht hatten, sich durch die Wälder, durch die feindlichen Linien und Minenfelder in Sicherheit zu bringen, Tuzla. Auch einigen wenigen Überlebenden von Massenexekutionen war die Flucht gelungen. Sie berichteten von den Massakern, den gezielten Exekutionen, mit denen Mladic Tausende gefangener muslimischer Männer hatte ermorden lassen. Jede dieser Nachrichten verbreitete Entsetzen unter den Frauen, doch auch jeder, der es geschafft hatte zu überleben, nährte ihre Hoffnung, dass vielleicht gerade auch ihr Mann, ihr Vater oder Bruder es überlebt haben könnte.
Auf diese Weise lebten die Frauen jahrelang zwischen Hoffen und Bangen. Die Kinder wuchsen in dieser Atmosphäre auf, in der sich alles um die "Verschwundenen" drehte, immer verbunden mit Angst, den stereotypen Erzählungen über die traumatischen Erfahrungen, mit Verzweiflung, Ohnmacht und Schmerz ...
In den Jahren nach Kriegsende wurden viele der Überlebenden von Srebrenica auf andere Städte und Dörfer der bosnischen Föderation verteilt, um Tuzla zu entlasten.
Viele bemühten sich um Auswanderung, andere versuchten sich an ihren neuen Wohnorten mühsam ein neues Leben aufzubauen, da sie sich nicht vorstellen konnten, jemals wieder zurückzukehren - dahin, wo ihnen soviel Schreckliches geschehen war.
Einige Frauen kamen auf diese Weise mit ihren Kindern nach Visoko, bzw. in die umliegenden Ortschaften.
Inzwischen weiß man, dass in den Massakern nach der Eroberung von Srebrenica etwa 8000 muslimische Männer und Jungen ermordet wurden. Sie wurden in Massengräbern verscharrt, einige erneut ausgegraben und wieder an anderen Orten verscharrt, um die Spuren zu verwischen, nachdem das Haager Tribunal mit der Untersuchung der Massaker begonnen hatte.
Inzwischen sind viele der Massengräber gefunden und exhumiert. Der Prozess der Identifizierung der sterblichen Überreste gestaltet sich allerdings sehr schwierig und mühsam. Bisher weiß immer noch die Mehrzahl der Überlebenden von Srebrenica nicht, was genau mit ihren Angehörigen geschah; noch immer können sie den Trauerprozess nicht abschließen.
Dies bedeutet nach wie vor auch eine große Belastung für die Kinder, die nicht nur ohne Väter, aufwachsen, sondern auch in einer Atmosphäre, in der die Schrecken der Vergangenheit und der damit verbundene Schmerz manchmal "gegenwärtiger sind" als die Gegenwart.
Viele der Überlebenden sind erst jetzt - nach Jahren - in der Lage, sich mit den traumatischen Ereignissen auseinander zu setzen und sie mehr und mehr zu verarbeiten, bzw. den Trauerprozess zuzulassen. Darin benötigen sie psychologische Begleitung.
Die Gruppe, die aus Visoko zu uns ins SEKA-Haus kam, bestand aus 7 Frauen und 11 Kindern bzw. Jugendlichen. Ursprünglich stammten alle aus Dörfern in der Umgebung Srebrenicas und waren erst im Laufe des Krieges vor den serbischen Milizen nach Srebrenica geflohen. Sie hatten die Hölle der Belagerung und die Eroberung von Srebrenica erlebt. Alle Frauen hatten ihre Männer verloren, die meisten auch noch weitere männliche Verwandte. Bis auf einen Mann, der bereits während des Krieges an der Front vermisst war, waren die anderen Ehemänner, wie auch Väter, Brüder, Onkel, Vettern oder Schwager in Potocari selektiert worden. Seitdem hatten die Frauen nichts mehr von ihnen gehört.
Nur eine der Frauen hatte vor kurzem die sterblichen Überreste ihres Mannes und des Schwiegervaters identifizieren und beisetzen können. Alle anderen hatten zwar keine Hoffnung mehr, dass ihre Angehörigen noch am Leben seien, aber sie hatten noch keinerlei Informationen über deren Tod, konnten den Trauerprozess auch 9 Jahre nach dem Massaker nicht für sich abschließen.
Da die Frauen ursprünglich aus einer ländlichen, sehr traditionellen Umgebung kamen, hatten sie meist nur die Hauptschule besucht - teils nicht abgeschlossen und waren ohne Berufsausbildung. Die meisten hatten sehr jung geheiratet. Die fehlende Berufsausbildung erschwerte es ihnen zusätzlich, (bei einer generellen Arbeitslosenrate im heutigen Bosnien-Herzegowina von 70 - 80%) eine Arbeit zu finden. Nur eine der Frauen konnte eine Anstellung als Näherin finden, nachdem sie einen entsprechenden Qualifizierungskurs durchlaufen hatte.
Alle leben zur Zeit mit ihren Kindern von der "Kriegswaisenrente", welche die Kinder vom Staat bekommen. Für alle ist klar, dass sie mit ihren Kindern nie wieder in ihre Heimatorte bei Srebrenica zurückkehren werden, da sie sich "nach allem was geschehen ist", nicht vorstellen können, wieder dort zu leben. Fast alle hatten zwar ihre Dörfer nach dem Krieg unter SFOR-Schutz noch einmal besucht. Ihre Häuser dort waren alle völlig zerstört. Sie haben nun begonnen, für sich und ihre Kinder in Visoko ein neues Leben aufzubauen.
Die Arbeit mit der Gruppe
Frauen und Kinder der Gruppe fühlten sich im SEKA-Haus sehr schnell "zuhause".
Begeistert waren sie von den täglichen Ausflügen zu unterschiedlichen Stränden, denn keines der Kinder und nur eine der Frauen war jemals am Meer gewesen.
Mit unserer behutsamen Unterstützung und stetigen Ermutigung konnten Kinder wie Frauen sich täglich auch immer mehr von ihren anfänglichen Ängsten vor dem Wasser befreien, wurden immer mutiger und ausgelassener und lernten fast alle bis zum Ende des Erholungsaufenthalts schwimmen. (Siehe auch "Konzept der Erholungsaufenthalte").
Die gemeinsamen Tage am Strand bewirkten, dass wir rasch einen guten Kontakt zu allen Frauen und Kindern bekamen. Die Frauen waren von Anfang an sehr interessiert an Einzelgesprächen, Einzelarbeit im Therapieraum wie auch psychologisch-sozialpädagogischer Gruppenarbeit.
Gruppenarbeit mit den Frauen
An der Gruppenarbeit, mit der wir am dritten Abend des Erholungsaufenthalts begannen, nahmen alle 7 Frauen der Gruppe regelmäßig teil.
Wie immer in der Arbeit mit traumatisierten Frauen war es uns wichtig, zu Anfang mit den Teilnehmerinnen Sicherheit und Vertrauen als Basis für die Gruppenarbeit aufzubauen. Dazu gehörte die Erarbeitung der Gruppenregeln ("Was benötige ich, dass ich mich in der Gruppe sicher und frei fühle?") und ein vertieftes Kennenlernen der Frauen untereinander, die sich zwar bisher alle kannten, aber dennoch vieles nicht voneinander wussten.
Außerdem formulierten die Frauen ihre Wünsche und Bedürfnisse bzgl. der Gruppenarbeit und des Aufenthalts generell. Als vordringlichste Bedürfnisse wurden immer wieder genannt: Entlastung, Entspannung / neue Energie tanken, eine schöne gemeinsame Zeit mit den Kindern zu erleben, sowie Unterstützung bzgl. akuter Probleme und Fragen.
Den Schwerpunkt der Gruppenarbeit legten wir auf die Aspekte Stärkung / Stabilisierung / Arbeit an Ressourcen der Frauen, Vermittlung von Techniken zur Selbstunterstützung, Förderung der Beziehungen unter den Frauen als zukünftiges Unterstützungspotential im Alltag, sowie auf die Bearbeitung von aktuellen Themen, welche die Frauen interessierten. Solche Themen waren:
Rolle als alleinerziehende Mutter, Veränderung der eigenen traditionellen Frauenrolle; Traditionelle Frauenrolle / Männerrolle im Hinblick auf die Erziehung der eigenen Kinder; Solidarität unter Frauen; Gewalt in der Familie; Selbstwahrnehmung / Selbstwertschätzung; aktuelle Lebensbedingungen und Probleme; Zukunftswünsche, Zukunftsplanung, Entwicklung von Strategien; Kommunikation und Selbstbehauptung.
Neben Gruppengesprächen arbeiteten wir mit Symbolen, Rollenspielen, verschiedenen kreativen und imaginativen Techniken, sowie auch Bewegungs- und Tanz-Übungen und Übungen zur Selbst-Unterstützung.
Die Frauen nahmen sehr aktiv und interessiert an all diesen - für sie ungewohnten - Übungen teil und äußerten immer wieder ihre Begeisterung, dass diese Art der Arbeit es ihnen möglich machte, sich zu öffnen und ihre Erfahrungen, Gedanken und Gefühle zu teilen, ohne dass sie dies als so schmerzhaft und schwer empfanden.
In der Evaluation am letzten Gruppenabend wurde deutlich, dass für die Frauen - neben der Bearbeitung aktueller Probleme - die Arbeit an ihren Ressourcen und bzgl. ihrer Selbstwahrnehmung / Selbstwertschätzung besonders wichtig war.
Fadila drückte dies stellvertretend für andere so aus:
"Erst hier bin ich mir bewusst geworden, was ich in meinem Leben alles geschafft habe, allein - ganz auf mich gestellt - und teils unter furchtbaren Bedingungen. Ich habe erkannt, dass ich eigentlich sehr stark bin. Aber bisher habe ich überhaupt nicht über mich nachgedacht, weil ich immer nur die anderen gesehen habe und immer nur für sie da war ... Die Gespräche hier in der Gruppe und die Übungen haben mir geholfen, mich aus einem anderen Blickwinkel zu sehen ... Ich weiß jetzt, dass ich mich selber mehr achten möchte, dass ich das Recht habe auf meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche, dass ich nicht immer nur die gehorsame Tochter und Schwiegertochter oder die sich aufopfernde Mutter sein muss ...Ich habe hier ein Stück Liebe zu mir selbst gefunden ..."
Und Senada C.* betonte: "Die Imaginationsübung ‚Meine innere weise Frau' war für mich unglaublich wichtig: Es war, als ob ich eine Person in mir entdeckt habe, eine andere Senada, von der ich nichts gewusst hatte. Eine Senada, die sich selbst annehmen kann, die sich positiv sieht und ermutigt - und nicht nur kritisiert und unter Druck setzt. ... Aber auch die Rollenspiele, die wir gemacht habe, wie wir direkt kommunizieren und unsere Interessen vertreten können, haben mir sehr geholfen ...Ich glaube, am wichtigsten ist, dass ich angefangen habe, an mich selbst zu glauben ...und das will ich auch meiner Tochter vermitteln. Sie soll nicht die gleichen Fehler machen wie ich ..."
Mit dem Ritual "Loslassen / Transformieren / Botschaften schicken" beendeten wir die Gruppenarbeit mit den Frauen. Auf unterschiedlich farbige Zettel konnten die Frauen jeweils schreiben, was sie "hinter sich lassen, bzw. loswerden wollten", auf andere Zettel, was sie "transformieren wollten" und auf wieder andere "Botschaften an geliebte Menschen, die nicht mehr am Leben oder unerreichbar" waren. Die Frauen nutzten diese Übung intensiv, schrieben Berge von Zetteln, die dann schließlich gemeinsam im Freien in einem Feuer-Ritual verbrannt wurden.
Senija D.* meinte danach: "Ich fand das sehr schön, zum Abschluss. Ich habe mich durch die Gespräche und die Arbeit mit den Therapeutinnen hier von vielem Schmerzhaftem befreit, aber mit diesem Ritual habe ich das Gefühl, als ob diese Last jetzt wirklich von mir genommen wurde ...Wunderschön fand ich auch, dass ich dadurch die Möglichkeit hatte, denen, die gewaltsam aus meinem Leben gerissen wurden, eine Botschaft zu schicken. Das hat mich sehr berührt ...Ich fühle mich, als ob sich eine Wunde in mir geschlossen hat."
Einzelgespräche und Einzelarbeit mit den Frauen
Alle Frauen der Gruppe nahmen neben zahlreichen Einzelgesprächen am Strand, auf Spaziergängen oder am Abend auf der Terrasse auch das Angebot zur therapeutischen Einzelarbeit an.
Die Themen der Einzelgespräche und der therapeutischen Einzelarbeit waren immer wieder die traumatischen Erlebnisse während des Krieges und beim Fall Srebrenicas, sowie die Erfahrungen als Flüchtlinge, der traumatische Verlust des Ehemannes und anderer naher männlicher Angehöriger sowie die jahrelange Ungewissheit über deren Schicksal, aber auch die aktuelle Lebenssituation, insbesondere das Überleben mit geringen finanziellen Mitteln.
In der Einzelarbeit nutzte ich die Symbolarbeit mit Steinen und Muscheln auf der "kleinen Bühne" hauptsächlich, um den Frauen einen Überblick über ihr derzeitiges Leben zu ermöglichen, aber auch, um einzelne traumatische Erlebnisse zu bearbeiten.
Immer wieder war es wichtig, Informationen über die Wirkungsweise von Trauma und Traumafolgen zu geben, um den Frauen zu helfen, ihre Symptome und Verhaltensweisen zu verstehen und einordnen zu können.
Außerdem arbeiteten wir mit der Inszenierung von Situationen des alltäglichen Lebens (z.B. Auseinandersetzung mit der Schwiegermutter oder dem erwachsenen Sohn) auf der "großen Bühne". Hier setzte ich auch die psychodramatischen Techniken des Rollenwechsels oder des Psychodramatischen Interviews ein, die den Frauen helfen konnten, die Situation aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, bzw. neue Verhaltensweisen und Konfliktlösungsstrategien auszuprobieren.
Nicht nur Opfer ...
Senija konfrontierte sich mit Hilfe der "kleinen Bühne" mit ihren Erfahrungen und Gefühlen während der Eroberung von Srebrenica, der für sie sehr traumatischen Tage im UN-Camp in Potocari, der Trennung von ihrem Mann und ihrem Bruder und der Deportation Richtung Tuzla, mit ihrem kleinen 2jährigen Sohn und der kranken Mutter und Schwiegermutter.
Sie wählte ein Symbol für "Senija damals in Srebrenica". Anschließend unterstützte ich sie mit detaillierten Fragen, über die traumatischen Situationen zu sprechen.
Senija hatte ihre Erlebnisse tausendmal erzählt, allerdings in der stereotypen Form, wie sie für traumatisierte Menschen typisch ist.
Die Arbeit mit dem Symbol ermöglichte ihr einerseits, genügend Distanz zu bewahren, um nicht von den Erinnerungen und damaligen Gefühlen überrollt zu werden, andererseits aber doch sehr konkret über das zu sprechen, was sie damals erlebt hatte, was es für sie bedeutet hatte, wie sie sich gefühlt hatte; d.h. Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle zusammenzubringen und damit mehr zu integrieren. Sehr wichtig war dabei, dass sie heute Verständnis und Anteilnahme empfinden konnte für die Senija damals, ja schließlich auch Liebe und Achtung für den Mut und die Stärke dieser Senija, die "überlebte und ihr Kind beschützen konnte, und die sich durchkämpfte und trotz allem wieder für sich, ihren Sohn, ihre Mutter und Schwiegermutter eine neue Existenz aufbaute ..."
Senija war erstaunt, dass sie diese Konfrontation ganz gut verkraftete und als Entlastung erlebte: "Ich hätte nicht gedacht, dass ich so über das alles sprechen kann ... und jetzt ist mir nicht nur viel leichter, sondern ich fühle mich richtig stark ... Du hast mir bewusst gemacht, dass ich nicht nur ein Opfer war, sondern, dass ich überlebt habe ...sie haben es nicht geschafft, mich zu vernichten ... Senad (Anmerkung: ihr Mann) wäre stolz auf mich ..."
Alle Frauen der Gruppe wünschten sich zu erfahren, was mit ihrem Mann bzw. den anderen Angehörigen geschah. Gleichzeitig betonten sie die Notwendigkeit, dass die Verantwortlichen bestraft würden, hatten allerdings diesbezüglich wenig Hoffnung.
Wissen wollen, was geschehen ist ...
Elvira erzählte von ihrem Misstrauen und Unverständnis, dass nicht einmal ehemalige (serbische) Bekannte, ihr erzählen wollten, ob sie etwas über das Schicksal ihres Vaters oder Mannes wussten: "Als ich Srebrenica zum zweiten Mal nach dem Krieg besucht habe, habe ich verzweifelt versucht, ehemalige Bekannte zu finden und sie zu fragen, ob sie etwas wissen, was mit meinem Vater oder Faruk geschehen ist. Alle behaupten sie, dass sie bei der Eroberung von Srebrenica gar nicht dabei gewesen seien, aber zumindest einen Kollegen meines Vaters habe ich selbst gesehen, in Potocari, mit einem Gewehr in der Hand ... Weißt Du, es erbittert mich - diese Mauer des Schweigens. Ich denke nun, dass sie alle mit dabei waren, dass jeder von ihnen der Mörder meines Vaters oder meines Mannes sein kann.
Ich kann ihnen gegenüber nicht mehr unbefangen sein ... weil ich immer daran denken muss. Wahrscheinlich tue ich manchen Unrecht, weil sie wirklich unschuldig sind. Aber warum sagt mir niemand, was er weiß ..." Andererseits wusste auch Elvira, dass die Karadz ic-Leute in der Republika Srpska und besonders in Srebrenica mit allen Mitteln zu verhindern suchen, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Zu diesem Zweck wurden auch Serben, die z.B. mit Journalisten sprechen wollten, mit Morddrohungen und anderen Mitteln unter Druck gesetzt.
Ich habe etwas sehr Wichtiges für mich erledigt ...
Senada bearbeitete in der Einzelarbeit die schmerzhafte Erfahrung mit der Identifikation ihres Ehemanns und des Schwiegervaters.
"Als sie mich anriefen, sagten sie mir nur, dass ich evtl. meinen Schwiegervater identifizieren sollte - anhand der Kleider, die er getragen hatte. Erst als ich meinen Schwiegervater identifiziert hatten, eröffneten sie mir, dass ich auch meinen Mann identifizieren sollte. Das war für mich ein absoluter Schock. Ich konnte mich gar nicht innerlich vorbereiten. Es ging alles viel zu schnell. Meine Schwiegermutter, die mit mir war, ist ohnmächtig geworden. Ich musste dann meine ganze Kraft zusammensammeln und auch die Sachen von Samir identifizieren ... Es waren seine, ich kannte sie ganz genau, die Jeans waren noch in so gutem Zustand und auch sein Hemd. Es waren Sachen, die mir meine Schwester aus Deutschland geschickt hatte, während des Krieges - sehr gute Qualität. Sie sahen fast aus wie neu, unglaublich, nur im Hemd sah man die Einschusslöcher in Schulter und Brust ... Es war sehr schwer, das anzuschauen ... es war als ob ich vor mir sehe, was geschehen war ... Aber weißt Du, dennoch bin ich froh, dass er gefunden wurde, und dass ich die Sachen identifizieren konnte ... Ich weiß jetzt, er ist tot und er hat jetzt seinen Frieden. Ich konnte ihn begraben. Zuvor dachte ich, ich kann nicht nach Srebrenica gehen und ihn dort bestatten. Aber er gehört dahin und es war ein sehr feierliches Begräbnis, dort auf dem Friedhof beim Mahnmal für die Opfer (Anmerkung: von Srebrenica). Und ich bin stark gewesen und ruhig. Ich habe etwas sehr Wichtiges für mich erledigt ..."
Das Thema "Vater":
Erinnerung an den realen Menschen
Für alle Frauen war auch der Umgang mit dem Thema "Vater" ihren Kindern gegenüber wichtig.
Sadeta H.* erzählte, dass ihr 12jähriger Sohn Adis überhaupt nicht über seinen Vater sprechen wollte, er vermied das Thema oder verließ den Raum, wenn jemand begann, über ihren noch immer vermissten Mann zu sprechen. Sie wollte ihn nicht belasten und klammerte das Thema "Vater" inzwischen in den Gesprächen mit dem Sohn ebenfalls aus, auch um ihn nicht mit ihrer eigenen Trauer zu belasten.
Durch mein Nachfragen stellte sich heraus, dass die ältere Generation, die Großmütter, älteren Tanten etc. mit ihren Bekannten noch immer fast täglich über den Krieg sprechen, über den Fall Srebrenicas, die Massaker, darüber, welche Massengräber gefunden wurden, wer nun identifiziert ist ... meist auch im Beisein der Kinder.
Adis war beim Fall Srebrenicas noch zu klein, als dass er noch eigene klare Erinnerungen an den Vater hätte. Das Thema Vater verbindet sich daher nur mit den Gesprächen über Gewalt, Grausamkeit, Grauen, Schmerz und Hilflosigkeit - bzw. mit der unausgesprochenen Botschaft (von Seiten der Mutter) es besser zu vermeiden.
Das Tabu, das dadurch entstanden ist, belastet das Kind allerdings ebenso. Adis hat keine Möglichkeit, sich im positiven Sinn mit seinem Vater zu beschäftigen, mit dem wirklichen Menschen, der dieser war.
Und er hat auch keine Möglichkeit, die Gefühle, die dies alles in ihm auslöst auszudrücken und das Trauma, das seiner Familie geschehen ist, zu verarbeiten.
Teilweise erlebte Adis sogar, dass er von anderen Kindern - z.B. in der Schule - verspottet oder provoziert wurde, weil er keinen Vater habe.
Ich ermutigte Sadeta daher, mit ihrem Sohn über den Vater zu reden. Über den Vater, wie er war als Mensch, über die vielen auch schönen Begebenheiten, an die sie sich erinnert: Wie sie sich kennen gelernt und geheiratet hatten, wie er reagierte, als Adis geboren wurde, wie sie als Familie zusammenlebten: Erinnerungen an den realen Menschen, mit Stärken und Schwächen, um dem Kind die Möglichkeit zu geben, sein eigenes Bild von seinem Vater zu entwickeln - ein Bild, das nicht nur geprägt ist von dem traumatischen Verlust oder andererseits von der Stilisierung zum Helden.
Wir sprachen auch über die negativen Auswirkungen der ständigen Gespräche der älteren Frauen über die traumatischen Ereignisse im Beisein der Kinder und wie sich das verändern ließe.
Arbeit mit den Kindern im "Kucica"
Das Kindertherapiehaus ("Kucica") erweckte nicht nur bei den jüngeren Kindern Staunen und große Begeisterung, sondern auch bei den jugendlichen bzw. heranwachsenden Mädchen.
Die Kinder und besonders die Jugendlichen, die unter Kriegsbedingungen und in Flüchtlingslagern aufgewachsen waren, hatten daher ein riesiges Nachholbedürfnis zu spielen. Sie probierten zu Anfang alle Spielsachen aus. Besonderes Interesse fanden neben Memory, Puzzlen, LEGO-Steinen die Puppen, Tierpuppen und Handpuppen, sowie das Tischtheater.
Die Kinder erfanden - unterstützt und angeregt von Pädagogin Vesna Šobot oder Kindertherapeutin Esmeralda Sunko - Szenen, die sie besonders mit dem Tischtheater spielten. In einer Vielzahl von Rollen, mit unglaublichen Verwicklungen aber schließlich Happy End schufen die Kinder ihre eigenen Märchen. Oder sie spielten Szenen mit den Tierpuppen / Puppen oder in Rollenspielen.. Dabei gelang es ihnen hervorragend, sich über den Ablauf der Szenen und die Rollenverteilung zu einigen.
Themen dieser Szenen waren z.B.:
Mit dem jeweiligen glücklichen Ende in ihren Spielen erfüllten sich die Kinder ihren starken Harmoniewunsch, bzw. den Wunsch, dass eine "gute Autoritätsperson" bzw. "ein guter Geist" kommen sollte und die Welt in Ordnung bringen Indem sie selbst die Rolle dieses "Geists" übernahmen, konnten sie die Folgen ihrer traumatischen Erfahrungen ein Stück weit "heilen" und ihr inneres Gleichgewicht wiedergewinnen.
Im Anschluss an die Theaterstücke ergaben sich oft Gespräche über die Themen, um die es in dem Stück gegangen war. Alle sagten ihre Meinung zu diesem Thema. Die Kinder genossen es, dass auch die Erwachsenen oder die älteren Kinder sich für ihre Meinung interessierten.
Die Kolleginnen nutzten mit den Kindern auch die Tier- oder Handpuppen, um sie damit zu animieren, über sich selber zu sprechen, wie sie sich wahrnahmen, was sie liebten, was ihnen wichtig war, wie sie sich am vergangenen Tag gefühlt hatten und ähnliches mehr. Auch diese "Arbeit mit Symbolen" wurde von den Kindern sehr gut angenommen. Es machte ihnen Spaß, sich auf diese Weise mitzuteilen.
Wie stets boten wir auch den Kindern dieser Gruppe Malen mit unterschiedlichsten Farben (Wasserfarben, Wachsmalkreiden, Buntstifte oder Fingerfarben) an.
Sie nahmen das an, malten auch schöne Bilder, wollten dann aber gerne wieder etwas anderes spielen. Wir hatten den Eindruck, dass sie das Malen "über hatten"; offensichtlich war das eine der wenigen Spielmöglichkeiten gewesen, zu der sie auch in den Flüchtlingscamps oder in Kindergarten und Schule Gelegenheit bekommen hatten.
Natürlich gab es auch für diese Gruppe die beiden Überraschungen: den Foto-Workshop und die Aktion "T-Shirt-Bemalen". Beide Aktivitäten begeisterten die Kinder. Insbesondere das Fotografieren "mit dem eigenen Fotoapparat" war für sie etwas Besonderes . Interessant bei den Motiven dieser Kindergruppe war, dass sie fast nur sich selbst, ihre Mutter, Schwester oder Bruder und teilweise noch andere Kinder oder Frauen der Gruppe fotografierten. Andere Motive (die es bei den Fotos anderer Gruppen zahlreich gab) interessierten sie kaum. Wir erklärten uns diesen Umstand zum einen mit dem Nachholbedarf an Fotos (nur wenige der Frauen hatten einen Fotoapparat - und Fotos aus den Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren gab es keine ...), aber auch mit dem Bedürfnis, sich selbst und die eigene Familie, "die, die mir wichtig sind", abzubilden, wie um sich zu bestätigen, dass sie existieren.
An einem Abend fuhren wir mit der gesamten Gruppe zu einem Folklorekonzert nach Supetar. Auch die Kinder genossen diesen Ausflug und tanzten ausgelassen mit. An einem anderen Abend veranstalteten wir eine Nachtwanderung von Postira nach Splitska am Meer entlang. Für die Kinder war das ein richtiges Abenteuer, das sie aber mutig und mit viel Gelächter bestanden.