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SEKA-Journal Nr. 15 - Dezember 2004 |
Eine der wichtigsten Grundlagen unserer Arbeit ist das Konzept des SEKA-Hauses:
SEKA ist nicht nur ein Erholungs-, Therapie und Bildungshaus für Frauen und Kinder, sondern ein Frauenfriedensprojekt und ein Projekt, das sich tatkräftig für Menschenrechte von Frauen und Kindern und für eine Verbesserung der Lebenssituation von Frauen und Kindern einsetzt, insbesondere für das Recht auf ein Leben ohne Gewalt. Dies bedeutet für die konkrete Arbeit mit den Gruppen:
Das SEKA-Haus ist ein sicherer Ort - gerade für die Frauen und Kinder, die (zum Teil extreme) Gewalt erlebt haben. Im SEKA-Haus gibt es keine Gewalt - das vermitteln wir den Frauen und Kindern gleich in der Gesprächsrunde am ersten Abend. Bei etwaigen Übergriffen von Frauen gegenüber ihren Kindern, oder von älteren Kindern gegenüber kleineren, greifen wir sofort beruhigend aber klar ein. An die Intervention schließt sich dann später ein Gespräch mit der Mutter, dem älteren Kind, bzw. mit beiden oder sogar allen Kindern an.
SEKA ist ein offenes Haus und ein Haus der Verständigung und des Friedens.
Wir machen ebenfalls von Anfang an deutlich, dass SEKA ein Ort für alle Frauen und Kinder ist - gleichgültig welcher Bevölkerungsgruppe, welcher Religion sie angehören bzw. wie sie leben. Allen begegnen wir hier mit liebvoller Anteilnahme, Achtung, Offenheit und Wertschätzung. Allerdings erwarten wir die Bereitschaft zum gegenseitigen Respekt auch von unseren BesucherInnen.
Das heißt: in SEKA ist Platz für alle Erfahrungen und Erlebnisse, aber nicht für Bewertungen und Verallgemeinerungen. Frauen und Kinder finden Unterstützung, ihre Erlebnisse, Gefühle, Ängste, Träume und Wünsche auszudrücken und sie lernen, die Unterschiedlichkeit von Erfahrungen und Gefühlen anzuerkennen, oder aber auch, sich in den Erfahrungen der anderen wiederzuerkennen.
Manchmal erfahren Frauen und Kinder zum ersten Mal in ihrem Leben, dass jemand ihren Schmerz und das erfahrene Leid anerkennt. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für die Verarbeitung von Traumata und für die Heilung seelischer Wunden.
SEKA ist ein Ort der Frauen-Solidarität: Das Projekt ist entstanden aus der Solidarität und durch die aktive Hilfe vieler Frauen aus Deutschland und anderen europäischen Ländern für Frauen und Kinder, die Krieg und Gewalt im ehemaligen Jugoslawien überlebt haben.
Die Solidarität zwischen Frauen zu stärken, gegenseitiges Verständnis, gegenseitige Unterstützung und Ermutigung und das Lernen von einander zu fördern, ist daher ebenfalls eines der wichtigsten Ziele unserer Arbeit.
SEKA ist ein Ort der Frauen-Stärke: In SEKA unterstützen wir Frauen und Kinder (und hier besonders die Mädchen), sich ihrer Stärken und Fähigkeiten einerseits, sowie ihrer Rechte andererseits bewusst zu werden. Wir stärken Mädchen und Frauen in ihrem Selbstbewusstsein, ihrer Kritikfähigkeit und ihrem Durchsetzungsvermögen. Wir unterstützen sie, sich aus Abhängigkeiten zu befreien und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Wir fördern sie darin, sich zusätzliche Fähigkeiten anzueignen. Wir ermutigen sie, sich aktiv in Gesellschaft und Politik einzumischen, um die gesellschaftlichen Bedingungen für Frauen und Kinder zu verbessern und zu einer Demokratisierung der Gesellschaft beizutragen.
Diese wichtigsten Grundlagen für unsere Projektarbeit prägen die Atmosphäre des SEKA-Hauses und auch die Zusammenarbeit im SEKA-Team. Und sie geben die grundsätzliche Richtung vor in der Arbeit mit den Gruppen während der Erholungsaufenthalte.
Doch noch ein anderes wichtiges Medium ist für den Erfolg der Erholungsaufenthalte von unverzichtbarer Bedeutung: das Meer und die Schönheit der Insel Brac.
Die Bedeutung des Meeres
Bei allen Gruppen, die im Sommer ins SEKA-Haus kommen, steht natürlich die physische und psychische Erholung und hier ganz besonders die täglichen Ausflüge zum Meer im Vordergrund. In der Regel begleiten drei SEKA-Mitarbeiterinnen (Therapeutinnen und Pädagoginnen) die Gruppe zum Strand. Dies ist eine Voraussetzung für eine intensive Betreuung und Unterstützung der jeweiligen Gruppe.
Für viele der Frauen und besonders Kinder, die im Sommer zu uns kommen, bedeutet der Aufenthalt im SEKA-Haus ihre erste Begegnung mit dem Meer. Für andere ist es ein Wiedersehen nach ca. 10-15 Jahren, während derer sie wegen der Kriegsereignisse keine Möglichkeit hatten, das Kriegsgebiet zu verlassen. Manchmal löst schon der Anblick des Meeres Tränen aus. Die Schönheit des Meeres und der Insel Brac rühren an die Gefühle des Mangels, der jahrelangen Entbehrung, des "Gefangenseins" und der Bedrohung. Das Meer weckt einerseits Erinnerungen an früher, an Urlaube am Meer - und an ein "normales Leben in einer friedlichen Welt" und andererseits weckte es auch den Schmerz über den Verlust dieses "normalen Lebens".
Angst und Faszination
Grundsätzlich verknüpfen wir alle mit dem Meer vielerlei unterschiedliche existentielle Gefühle: Es erfüllt uns mit Gefühlen von Weite, Sehnsucht, Freiheit, Schönheit, Unvergänglichkeit, aber auch mit Angst vor seiner Ungezähmtheit und Unberechenbarkeit. Das Meer fordert uns heraus, diese Angst zu bezwingen, mutig zu sein und uns diesem unberechenbaren Element anzuvertrauen.
Gerade für die traumatisierten Frauen und Kinder ist das Meer zu Anfang beängstigend und faszinierend zugleich; es weckt die Gefühle von Ausgeliefertsein, Bedrohung, Angst bis hin zur Panik, Gefühle, die mit der erlebten traumatischen Situation verknüpft sind. Gleichzeitig spüren Frauen und Kinder aber auch die starke Faszination von Meer und (Sand-) Strand. Meer und Sand fordern geradezu dazu auf, einzutauchen, sie zu berühren, sinnlich zu erleben.
Vertrauen wieder gewinnen
Wir unterstützen Frauen und Kinder in ihrer vorsichtigen Annäherung an das Meer. Zu Anfang geben wir in erster Linie Halt und Sicherheit. Dann fördern wir mit einfachen Übungen das Vertrauen, dass das Meerwasser sie trägt. Wenn Frauen und Kinder sich in ihrem eigenen Tempo ganz allmählich auf das Meer einlassen können, verlieren sie immer mehr ihre Ängste. Sie gewinnen allmählich Vertrauen - zuerst in die Therapeutinnen als Begleitung, dann in das Wasser und schließlich, wenn sie dann Schwimmen lernen, in sich selbst. Es ist für Frauen und Kinder ein wichtiges und heilendes Erlebnis, sich im Meer alleine sicher bewegen zu können. Diese Erfahrung fördert ihr Vertrauen in sich selbst, in andere und gibt ihnen das Gefühl, die Kontrolle über einen Teil ihres Lebens wieder zu erlangen.
Das sinnliche Erleben von Wasser, Sonne und Strand fördert gleichzeitig die Fähigkeit, ganz da zu sein und in der Gegenwart zu leben, ja das Leben zu genießen.
Es ist berührend zu sehen, wie auch die Frauen hingebungsvoll mit den Kindern im Sand spielen, wie sie mit uns im Wasser herumtollen, wie sie von Tag zu Tag mutiger, ausgelassener und freier werden. Wie sie den Glauben zurückgewinnen, dass das Leben doch auch schön sein kann - und nicht nur Schmerz, Angst, Mangel, Gewalt und Erschöpfung beinhaltet.
Diese gemeinsame Annäherung ans Meer ist für uns als SEKA-Mitarbeiterinnen gleichzeitig die beste und einfachste Möglichkeit, in der Regel sehr rasch einen intensiven Kontakt zu Frauen und Kindern herzustellen. Sie wirkt wie ein Katalysator. Bereits der erste Tag am Strand verbindet und schafft eine erste Grundlage des Vertrauens als Voraussetzung dafür, dass die Frauen unsere weitergehenden Angebote annehmen können. Ob im Wasser, am Strand oder auf Spaziergängen nutzen die Frauen rasch jede Gelegenheit für Einzelgespräche mit den Mitarbeiterinnen.
Besonders entlastend für die Mütter ist auch unsere intensive Beschäftigung mit den Kindern am Strand und auch am Abend im Kindertherapie-Häuschen. Für manche der Mütter ist es das erste Mal, dass sie ohne Probleme und Bedenken anderen Menschen ihre Kinder anvertrauen.
Als ob ich endlich nach Hause gekommen bin ...
Das Konzept und die Atmosphäre des SEKA-Hauses ermöglichen Frauen und Kindern, sich zu Hause zu fühlen und Vertrauen zu gewinnen.
Elvira S. (Name geändert) aus Srebrenica drückt dies mit ihren Worten aus:
"Ich kann gar nicht sagen, was mir hier am besten gefällt", sagt sie nachdem sie einige Tage im SEKA-Haus verbracht hat: "Es ist alles: die Schönheit der Insel, das Meer, das ich nie zuvor gesehen habe, das wunderschöne Haus SEKA, so liebevoll eingerichtet, aber am allermeisten seid Ihr das, jede von Euch, jede auf ihre Art. Hier musst Du Dich einfach wohlfühlen. Es ist, als ob ich endlich nach Hause gekommen bin - ich, die ihr ursprüngliches Zuhause für immer verloren hat. Ich weiß nicht, ob ihr ahnt, was uns das bedeutet. Euer liebevoller Empfang, die Art, wie ihr uns verwöhnt, die Aufmerksamkeit und das Verständnis, das wir und unsere Kinder hier erleben, Eure Geduld, Eure Heiterkeit, Eure Liebe ... Ich hätte nicht geglaubt, dass ich mich noch einmal im Leben so schön fühlen würde ..."