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SEKA-Journal Nr. 14 - Juni 2004 |
Vesna, Du bist nun seit Januar 2002 SEKA-Teamfrau. Du lebst aber in Banja Luka. Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass Du Dich entschlossen hast, hier im Projekt SEKA mitzuarbeiten? Wie hast Du SEKA überhaupt kennengelernt?
Vesna Šobot: Im Herbst 1999 hatte die Frauenorganisation "Vidra" in Banja Luka, bei der ich ehrenamtlich mitarbeitete, eine Einladung von SEKA bekommen - zu einer Gruppe im SEKA-Haus, die die psychologische Unterstützung von Kolleginnen aus verschiedenen Frauenorganisationen zum Ziel hatte. Auch eine Kollegin von Vidra konnte an dieser Gruppe teilnehmen. Meine Kolleginnen waren der Meinung, dass ich fahren sollte, da mir der Aufenthalt im SEKA-Haus und die Arbeit in der Gruppe gut tun würde. Eine Gruppe Frauen und Kinder aus Banja Luka hatte im Sommer 1999 im SEKA-Haus einen Erholungsaufenthalt verbracht und war voller Begeisterung zurückgekehrt. Ihre Erzählungen hatten mich neugierig gemacht und obwohl ich mir unter "psychologischer Unterstützung bzw. Therapie" nicht viel vorstellen konnte, entschloss ich mich, zu dem Seminar zu fahren.
Soweit ich weiss, warst Du damals die einzige Teilnehmerin aus der "Republika Srpska" - dem serbisch dominierten Teil Bosnien-Herzegowinas? Wie war das für Dich?
Vesna Š.: Ja, ich war die einzige aus der RS. Ich war sehr aufgeregt, dass ich zum ersten Mal durch die Föderation reisen würde. Es war so eine Mischung aus Freude und Angst oder Ungewissheit. Ich freute mich, ans Meer zu reisen - seit dem Krieg zum ersten Mal - und ins SEKA-Haus, von dessen Mitarbeiterinnen meine Kolleginnen so begeistert gesprochen hatten. Doch ich hatte auf der Teilnehmerinnenliste gesehen, dass die anderen Teilnehmerinnen aus der Föderation in Bosnien-Herzegowina und aus Kroatien kamen. Wie würden sie alle auf mich reagieren? Würden sie mich akzeptieren? Wie würde die Atmosphäre in der Gruppe sein? Würde es Streit geben? Nach all dem Schlimmen, was dieser Krieg angerichtet hatte ... Am schwierigsten empfand ich, dass ich auf Samia* aus Stari Vitez treffen würde. Dort hatte es schlimme Kämpfe und furchtbare Massaker von Seiten der bosnischen Kroaten an der muslimisch-bosniakischen Bevölkerung gegeben. Wie würde Samia als Muslimin auf mich als Kroatin reagieren? Heute muss ich sagen, dass ich damals erst den Bruchteil einer Ahnung hatte, was dort wirklich geschehen war, welche extremen Grausamkeiten Kroaten an der bosniakischen Bevölkerung verübt hatten. Was genau geschehen war, habe ich später von Samia erfahren.
Ein anderes Problem war: Wie kam ich überhaupt nach Brac? Es gab damals überhaupt noch keine direkte Verbindung. Es war klar, dass ich in Jajce, in Donji Vakuf oder Livno** umsteigen musste. Da die Auskünfte, die ich erhielt, nicht gerade sicher waren, erbot sich schließlich ein Arbeitskollege meines Mannes, mich bis Jajce zu bringen, wo ich dann in den Bus nach Split steigen könnte. Damit fühlte ich mich sicherer, da ich nicht riskieren wollte, evtl. in einem fremden Ort übernachten zu müssen.
Es klappte dann alles erstaunlich gut ... Schließlich war ich auf der Fähre von Split nach Brac und ich schaute ein wenig um mich, ob ich vielleicht eine andere Teilnehmerin meiner Gruppe entdecken würde - obwohl ich ja nicht wusste, wie sie aussehen.
Eine Frau saß in meiner Nähe, bei der ich das Gefühl hatte, "die ist auch aus Bosnien". Ich habe sie dann gefragt und ... es stellte sich heraus, dass es Samia war - aus Stari Vitez!!! In diesem ersten Kontakt mit Samia ist meine Angst verschwunden. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch ...
Wie war denn Dein erster Eindruck von Kuca SEKA?
Vesna Š.: Schon der Empfang an der Fähre war für mich etwas Besonderes. Das werde ich nie vergessen: Mirjana und Gabi begrüßten uns, als ob wir alte Freundinnen oder liebe Familienangehörige wären. Dieses Willkommen ließ die ganze Anspannung von mir abfallen. Und dann die Atmosphäre im Haus: Herzlichkeit, Wärme, Lachen. Ich hatte das Gefühl, als ob ich nach Hause käme ... und so ging es nicht nur mir ...
Aber auch das Haus an sich war für mich wie ein Wunder: So viel Schönheit, wie es da auf dem Berg liegt und zum Meer blickt, der Garten, die Blumen und jedes liebevolle Detail, wie es eingerichtet ist ... Ich fühlte mich, als ob ich in ein wunderschönes Märchen gekommen wäre ...

Vesna S. im Gespräch mit Frauen einer Therapiegruppe
Wie hast Du die therapeutische Arbeit in der Gruppe erlebt?
Vesna Š.: Am ersten Abend haben wir uns eher formlos kennengelernt. Wir haben geredet und gelacht, Gespräche über die Familie, Alltag. Den Krieg oder andere belastende Themen haben wir an diesem Abend noch vermieden.
Nur auf einem Spaziergang mit einer der anderen Teilnehmerinnen hat diese, Bobana*, mir von den Grausamkeiten der serbischen Seite im Krieg um Sarajevo erzählt. Ich ging stillschweigend davon aus, dass sie Kroatin sei, da sie mit Mann und Kind während des Krieges nach Kroatien geflohen war. Aber am Ende des Gesprächs wurde mir deutlich, dass das nicht sein konnte. Ich fragte sie dann direkt und sie antwortete mir, dass sie Serbin sei, ihr verstorbener Mann aber Kroate. Ich weiß noch genau, wie mich dieses Gespräch aufgerüttelt hat. Als ob mir Schuppen von den Augen fielen. Mit einem Mal war mir klar, wie sehr auch ich andere "in Schubladen gesteckt" hatte und wie wenig das mit der Wirklichkeit zu tun hatte. Bobana ist neben Samia zu einer meiner besten Freundinnen geworden ...
Die Arbeit in der Gruppe war für mich neu, aber gerade die Arbeit mit Symbolen machte mir Spaß und erinnerte mich an meinen Beruf als Kindergärtnerin und Vorschullehrerin. Besonders war für mich die Art und Weise, wie unsere beiden Therapeutinnen Edita Ostojic und Nurka Babovic unsere Gruppe leiteten: Sie haben so schnell eine Atmosphäre der Entspannung, der Sicherheit und des Vertrauens geschaffen, dass es uns nicht schwer fiel, uns zu öffnen und auch sehr persönliche und schmerzliche Erfahrungen einzubringen. Diese Art Seminar war praktisch für alle etwas Neues: selbst im Zentrum der Arbeit zu stehen und nicht nur irgendwelche Inhalte vermittelt zu bekommen wie in üblichen Seminaren ... Dass wir unsere Probleme bearbeiteten, uns unserer eigenen Stärken und Fähigkeiten bewusst wurden, uns von dem, was uns bedrückte, entlasteten ... Damit wuchs in uns eine neue Energie. Gleichzeitig lernten wir vieles über uns selbst und von den anderen, was wir später an andere weitergeben konnten - in unserer Familie, unserem Umfeld, der Arbeit in unseren Organisationen.
Als ich von unserem ersten Gruppentreffen nach Banja Luka zurückkehrte, war ich vollkommen begeistert und versuchte, den anderen zu Hause zu erzählen, was ich erlebt hatte. Aber es war sehr schwer, das wirklich in Worte zu fassen. Ich habe immer wieder gesagt, "so etwas könnt Ihr euch gar nicht vorstellen, das müsst ihr erleben".
Was hat sich für Dich geändert durch die Teilnahme an der Gruppe im SEKA-Haus?
Vesna Š.: Schon vom ersten Gruppentreffen an (insgesamt traf sich unsere Gruppe zu vier Terminen, jeweils für vier Tage) habe ich mich verändert und das hat auf positive Weise auf meine Familie ausgestrahlt - und auch sie hat sich verändert...
Ich habe begriffen, dass ich mich selbst wichtig nehmen will bzw. muss. Wenn ich zufrieden und ausgeglichen bin, dann fühlt sich meine ganze Umgebung besser, dann habe ich auch Kraft für die anderen. Ich habe verstanden, dass ich nur mich selbst verändern kann, aber nicht das Recht habe, andere zu verändern. Aber wenn ich mein Verhalten ändere und in meiner Kommunikation klar bin, dann bekomme ich auch klare Antworten und die anderen verändern sich oft von selbst. Durch diese Erkenntnis haben sich die Beziehungen in unserer Familie sehr verbessert. Zum Beispiel das Thema Grenzen, das wir in der Gruppe bearbeitet haben, war für mich sehr wichtig: mir meiner eigenen Grenzen bewusst zu werden und sie deutlich zu machen, aber auch die Grenzen der anderen zu respektieren.
Und: durch die Gruppe habe ich neue Freundinnen gefunden, mit denen mich eine sehr wichtige tiefe Erfahrung verbindet...

Mit Kindern aus Splitska im Kucica
Wie kam es denn nun dazu, dass Du SEKA-Teamfrau geworden bist?
Vesna Š.: Schon vom ersten Kontakt an hat sich zwischen mir und den SEKA-Teamfrauen eine besondere Beziehung ergeben, sie bedeuteten für mich etwas ganz Besonderes und offensichtlich hatten sie das Gefühl, dass ich "ins SEKA-Team passen könnte".
Im Sommer 2001 habe ich dann zum ersten Mal als Pädagogin während zweier Erholungsaufenthalte mit den Kindern gearbeitet. Wieder habe ich eine neue und wunderschöne Erfahrung im SEKA-Haus gemacht, diesmal als Teil des Teams. Die Konzeption und die Form der Erholungsaufenthalte hat mir sehr gefallen. Nach der Erfahrung mit meiner eigenen Therapiegruppe hatte ich auch keinerlei Berührungsängste oder Unsicherheiten mehr im Kontakt mit den Frauen und Kindern, von denen eine Gruppe nur aus Bosniakinnen bestand, die zweite jedoch aus serbischen, kroatischen und bosniakischen Frauen und Kindern.
Die Arbeit mit dieser zweiten Gruppe hat mich besonders beeindruckt. Frauen und Kinder kamen aus drei verschiedenen Dörfern aus der Bosanska Posavina (Republika Srpska an der Grenze zu Slawonien/Kroatien), einem überwiegend kroatischen, einem überwiegend bosniakischen und einem überwiegend serbischen Dorf. Alle drei Dörfer waren während des Krieges von der jeweils anderen Seite völlig zerstört und verbrannt worden.
Es hat mich zutiefst berührt, wie offen die Frauen aus diesen drei Dörfern nach kurzer Zeit miteinander sprachen - auch über all die schrecklichen und schmerzhaften Kriegserlebnisse.
Jede sprach nur über das, was sie selbst erlebt hatte, ohne Verallgemeinerungen oder Schuldzuweisungen. Diese Erfahrung hat mir eine ganz neue Hoffnung gegeben - und in mir wuchs allmählich ein Gefühl, hier im SEKA-Haus genau am richtigen Platz zu sein.
Gleichzeitig erschien es mir aber unvorstellbar, ich hatte doch meine Familie, mein ganzes Umfeld in Banja Luka ... Als mich Mirjana dann einige Monate später gefragt hat, ob ich mir vorstellen könnte, regelmäßig in SEKA mitzuarbeiten, bekam ich richtig Herzklopfen - aber ich bat mir erst noch Bedenkzeit aus, denn ich musste zuerst mit meiner Familie reden.
Diesbezüglich hatte mir die Teilnahme an der Therapiegruppe sehr geholfen: Meine Familie war sehr selbständig geworden und hatte sich daran gewöhnt, dass ich auch eigene Interessen habe ...
Heute habe ich das Gefühl, mein Leben ist geradezu optimal: Jedesmal wenn ich nach Brac fahre, freue ich mich auf meine Arbeit in SEKA, und wenn ich nach einigen Wochen wieder nach Banja Luka fahre, freue ich mich auf meine Familie und die sich auf mich. Mein Leben hat dadurch eine ganz neue Qualität bekommen. Vor kurzem sagte mein Mann, als er mich vom Bus abholte: "Weißt Du, es ist, als seien wir wieder frisch verliebt ..."
Im letzten Sommer hast Du nun schon zum dritten Mal während der Erholungsaufenthalte mit den Kindern gearbeitet. Die Kinder dieser Gruppen sind oft stark traumatisiert und leben noch immer in einer Umwelt voller Zerstörung, voller nationalistischer Hetze und (latenter) Gewalt. Wie begegnest Du dem? Was ist Dir in der Arbeit mit den Kindern am Wichtigsten?
Vesna Š.: Für mich ist es besonders wichtig, gleich zu Anfang eine Vertrauensbasis aufzubauen, das ist mir bisher auch immer gelungen, selbst mit Kindern, die sehr verschlossen, verängstigt oder aggressiv waren. Vielleicht ist das eine Gabe, die ich habe, dass ich sehr rasch einen guten Kontakt zu den Kindern herstellen kann. Ich höre gerne zu - Diesbezüglich haben mir meine Therapiegruppe und die Fortbildungsseminare in Kuca SEKA sehr geholfen: Ich habe gelernt, selbst nicht so viel zu reden, keine "Ratschläge" zu geben, aber doch zu spüren, wann es wichtig ist etwas zu sagen. Das tue ich dann eher in der Form, dass ich etwas von mir mitteile, vielleicht eine eigene Erfahrung, in der sich das Kind wiederfinden kann.
Etwas vom Allerwichtigsten in SEKA ist die Vertraulichkeit, dass alles, was ein Kind oder eine Frau sagt, unter uns bleibt, und dass nie über irgend etwas gelacht oder abwertend reagiert wird. Alles, alle Erfahrungen von jedem Kind, von jeder Frau, werden hier anerkannt, wertgeschätzt. Gleichzeitig lassen wir jeder Frau, jedem Kind Zeit, sich allmählich zu öffnen.
Das Schlimmste ist, wenn man bewertet oder verurteilt wird. Und genau das haben fast alle erfahren in den letzten Jahren: Nur aufgrund ihres Namens wurden sie schon abgestempelt ...
Daher ist meine wichtigste Grundlage in der Arbeit mit den Kindern, sie einfach anzunehmen, wie sie sind, sie ernst und wichtig zu nehmen. Das spüren sie sofort. Die Spiele, die Methoden und Aktivitäten sind da zweitrangig, die orientiere ich an den Bedürfnissen und Wünschen der Kinder. Aber diese Grundhaltung, das ist das Wichtigste in unserer Arbeit in Kuca SEKA; sie hilft Kindern und Frauen, sich zu öffnen und neue, heilende Erfahrungen zu machen. Dieses liebevolle Angenommenwerden spüren alle, die ins SEKA-Haus kommen, und das ist das Geheimnis der Wirkung von Kuca SEKA.
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Vesna S. stellt bei der Fotausstellung |
Du arbeitest sehr viel, hast sehr lange Arbeitstage. Aber es scheint, als ob Du nie müde wirst. Woher nimmst Du diese schier unerschöpfliche Energie?
Vesna Š.: Wenn du eine Arbeit tust, die du wirklich liebst, die dich ausfüllt und die dir ermöglicht, deine Kenntnisse und Fähigkeiten und dich selbst als ganzen Menschen einzubringen, dich weiter zu entwickeln, dann macht dich das glücklich - und ein glücklicher Mensch ist voller Energie ...
Auch unser wunderbares Team gibt mir Kraft, die berührenden und schönen Erfahrungen mit all den Frauen und Kindern, die hierher kommen, und die vielen Rückmeldungen, Telefonate, Postkarten, Briefe usw., die wir bekommen, das gibt mir immer wieder neue Energie. Wenn du in jeder dieser Rückmeldungen spürst, dass das, was wir hier tun, wirklich gut und hilfreich ist, dann gibt dir das neue Motivation und hilft dir auch, Durststrecken und Probleme zu überwinden.
Es war immer schwierig, die Finanzierung für SEKA zu sichern. Für das Jahr 2004 sieht die Finanzlage aber besonders bedrohlich aus. Insbesondere für die therapeutischen Angebote wie Therapiegruppen, Fortbildungen für Therapeutinnen lassen sich kaum mehr Geldgeber finden. Wie schätzst Du das ein: Hat sich das Thema "Trauma" erledigt? Sind die therapeutischen Angebote in SEKA inzwischen überflüssig?
Vesna Š.: Zuerst möchte ich sagen, dass ich das schrecklich fände, wenn SEKA aus finanziellen Gründen aufgeben müsste. Das Wichtigste an SEKA sind gerade die therapeutischen Angebote, bzw. die Kombination von psychologischer Hilfe und ganz konkreter Friedensarbeit. Vielleicht sehen das die Geldgeber anders, aber meine Erfahrung ist die, dass die Kriegstraumata jetzt erst wirklich an die Oberfläche kommen. Gleichzeitig leben die Menschen unter furchtbar schweren Bedingungen: Die ökonomische Situation in Bosnien-Herzegowina und in den kroatischen ehemaligen Kriegsgebieten ist verzweifelter denn je, die Menschen haben keine Perspektive und verlieren allmählich jede Hoffnung. Die Folgen sind: eine massive Zunahme von Suiziden, von schweren Erkrankungen wie z.B. Krebs, Herzinfarkten oder Schlaganfällen, von Gewalt in der Familie und generell, Drogenkonsum, Alkoholismus, psychischen Erkrankungen ...
Gerade hier ist SEKA so wichtig, weil das Projekt zu einem großen Teil Multiplikatorinnen unterstützt und fortbildet: Aktivistinnen und Mitarbeiterinnen von Organisationen, die in den (ehemaligen) Kriegsgebieten mit den am meisten betroffenen und benachteiligten Bevölkerungsgruppen arbeiten und sich außerdem für Demokratisierung und ein friedliches Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen einsetzen. Diese Aktivistinnen und Mitarbeiterinnen arbeiten fast alle unter extrem schwierigen Bedingungen: fast ohne Geld, angefeindet und schikaniert von den Nationalisten, die besonders in den ehemaligen Kriegsgebieten noch immer an der Macht sind. Diese Frauen sind, wenn sie zum ersten Mal zu einer Gruppe oder einem Seminar ins SEKA-Haus kommen meist völlig ausgebrannt.
Die meisten der Frauen haben außerdem offensichtlich noch nie über ihre eigenen Kriegstraumata sprechen können - offen und ohne, dass jemand sie beschuldigt oder bewertet. Manchmal scheint es mir, als ob die Situation heute noch viel schwerer sei als direkt nach dem Krieg, als wir alle noch Hoffnung hatten, dass es jetzt schnell bergauf geht ...
Viele der Frauen wirken auf mich, wenn sie das erste Mal kommen, wie "Roboter", völlig erstarrt, wie abgestorben, funktionieren sie nur, sie leben nicht ... Und schon nach den ersten drei Tagen Gruppenarbeit - das ist für mich jedes Mal unglaublich aber auch wunderschön zu beobachten: Das sind andere Frauen, lebendig, emotional, warm, fröhlich - es grenzt an ein Wunder! Sie haben erfahren, was es bedeutet, all den Schmerz und all die unterdrückten Erfahrungen und Gefühle auszudrücken und mit anderen zu teilen - mit anderen "von der anderen Seite", die dich verstehen und auffangen, mit dir weinen und lachen, singen und tanzen ... Mit dieser Erfahrung, mit neuer Energie, neuem Mut und vielen Erkenntnissen kehren sie zurück in ihre Umgebung. Ihre Veränderung wirkt auf ihr gesamtes Umfeld, das weiß ich aus vielen Rückmeldungen, aber am besten aus meiner eigenen Erfahrung.