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SEKA-Journal |
| Über Velida | Die Situation | Psychodrama | Die Täter |
Velida S.* ist 48 Jahre alt, Psychologin. Sie hat selbst Krieg, Lager-Internierung und Vertreibung erlebt. Seit der Rückkehr in ihre Heimatstadt arbeitet sie als Schulpsychologin. Die Atmosphäre in der Kleinstadt ist auch heute noch von starken Spannungen und unterschwelligen Konflikten zwischen Kroaten und Bosniaken geprägt. Diesen Spannungen, die sich auch unter den Kindern und Jugendlichen fortsetzen, versucht sie in ihrer Arbeit entgegenzuwirken.
Die Emotionen bei der bosniakischen Bevölkerung wurden in den letzten Monaten zusätzlich dadurch aufgewühlt, dass erneut Massengräber exhumiert wurden und die Angehörigen von Vermissten die sterblichen Überreste identifizieren mussten.
Velida, als einzige Psychologin in ihrer Stadt, wurde gebeten, die betroffenen Angehörigen zu der Identifikation zu begleiten und sie psychologisch zu unterstützen. Sie stimmte zu. Allerdings wusste sie da noch nicht, dass es sich um 80 Menschen handeln würde und dass die gesamte Aktion sehr schlecht und ohne jede Einfühlung in die Situation der Betroffenen organisiert war. Velida tat, was ihr möglich war, die Menschen zu unterstützen, ihnen zu helfen, ihre extremen Gefühle von Schmerz, Wut, Verzweiflung, Trauer auszudrücken. Irgendwie überstand sie diesen Tag....
Doch danach fühlte sie sich maßlos erschöpft und von einem tiefen Gefühl der Sinnlosigkeit wie gelähmt. Sie versuchte, sich selbst zu helfen, sie sagte sich, das dieser Zustand vorbeiginge. Doch auch 4 Wochen danach fühlte sie noch immer diese Lähmung und Depression. Als sie ins SEKA-Haus kam, erzählte sie mir davon. Mein Angebot, daran zu arbeiten, nahm sie gerne an.
Zu Anfang schilderte mir Velida, was an jenem Tag geschehen war und wie sie sich seitdem fühlte.
Es wurde deutlich, dass die Organisatoren dieser Aktion die 80 Menschen morgens zum Busbahnhof bestellt hatten. Listen mit den Namen wurden verlesen, die Menschen auf zwei Busse verteilt, die sie nach V., dem Ort der Identifikationen, bringen sollten. Erst auf Velidas Nachfragen wurden ein paar spärliche Informationen über die Prozedur gegeben, im Ton als handle es sich um irgendeine Verkaufsaktion und nicht um die traumatische Konfrontation mit den sterblichen Überresten geliebter Menschen. Die Atmosphäre im Bus war sehr bedrückt. Velida nutzte die Fahrt, um mit mehreren Menschen zu sprechen, die alleine waren und niemanden zu ihrer Unterstützung hatten.
Als sie in V. ankamen, waren dort schon Hunderte von Menschen, viele von ihnen Überlebende von Srebrenica; denn V. war einer der Orte, an denen die sterblichen Überreste aus den Massengräbern zur Identifikation vorbereitet wurden.
Die Menschen, die Velida begleitete, mussten zuerst warten, dann wurden sie in kleinen Gruppen zur Identifikation gerufen. Velida konzentrierte sich darauf, den Menschen beizustehen, bei denen sie sah, dass sie die Situation nicht verkrafteten. Sie versuchte, sie darin zu unterstützen, selbst zu entscheiden, ob sie sich der Konfrontation aussetzen wollten oder ob sie sich Blut abnehmen lassen wollten, für eine genetische Identifizierung (die inzwischen möglich ist). Viele Menschen sahen es als ihre Pflicht an, sich zu konfrontieren, da es das Letzte sei, was sie für ihre Angehörigen noch tun könnten. Für andere war es wichtig, durch die Identifikation mit eigenen Augen Gewissheit zu bekommen, dass ihre Tochter, ihr Mann, ihr Sohn, wirklich tot war. Einige entschieden sich gegen die Konfrontation und für den Bluttest.
Die Menschen, die aus dem Identifikationsraum kamen, unterstützte Velida darin zu reden, ihre Gefühle auszudrücken, zu weinen, zu klagen. Besonders konzentrierte sie sich auf die, die blass und wie versteinert von der Konfrontation zurückkamen.
Als sie schließlich wieder zurückfuhren, war Velida körperlich und seelisch völlig erschöpft. Auch in den folgenden Tagen, nachdem sie sich ausgeruht hatte, verschwand die Erschöpfung nicht, sondern steigerte sich eher noch zu der Lähmung und Depression, die sie nun noch immer empfand.
Ich schlug Velida vor, auf der "kleinen Psychodramabühne" (ein blaues Seidentuch als Untergrund) mit den "kleinen Symbolen" (Steine, Halbedelsteine, Glaskugeln, Muscheln u.ä.) zu arbeiten, um sich diese Szene und was da geschehen war nochmal konkret anzusehen. Velida, die Psychodrama kennt und auch selbst anwendet, war sofort dazu bereit.

Psychodrama-Einzelarbeit
Mit den Symbolen stellte sie zuerst die Szene der Abfahrt dar: Ich fragte sie dann, als ob die Szene "hier und jetzt" geschehen würde, wie sie, Velida, sich in dieser Situation fühle, wie sich ihr Körper anfühle, was sie denke, was sie tue.
"Ich bin verwundert und ärgerlich, warum die Verantwortlichen diese Aktion so schlecht und ohne jede Einfühlung organisiert haben, ich fühle die Angst und das Leid um mich herum und finde, dass man damit anders umgehen müsste. Die Menschen wissen nicht, was auf sie wartet, sie sind nicht informiert darüber, dass sie gar nicht verpflichtet sind, persönlich die Identifikation vorzunehmen, dass es inzwischen die Bluttests gibt. Ich fühle eine körperliche Anspannung. Ich spreche mit den Organisatoren und bitte sie, die Menschen zu informieren, wie das Ganze ablaufen soll. Sie geben dann einige Informationen, aber so als würden sie über irgend eine Nebensächlichkeit reden ... Ich bin immer noch ärgerlich, aber ich konzentriere mich jetzt auf meine Aufgabe. Ich spreche mit den Menschen. Ich habe das Gefühl, das ist in Ordnung, ich kann ihnen mit meinem Wissen und meiner Erfahrung als Psychologin helfen. In dieser Rolle fühle ich mich sicher und auch geschützt. Meine körperliche Anspannung lässt nach. Die Situation ist schwierig, es sind so viele Menschen, aber ich weiß, dass ich stark bin und ich tue, was ich kann, ich bin mir auch meiner Grenzen bewusst ..."
Wir arbeiten auf der kleinen Bühne die gesamte Situation durch. Immer wieder bitte ich Velida aus ihrer Rolle in der Szene zu sprechen, wie sie ihren Körper wahrnimmt, was sie fühlt, was sie denkt, was sie tut.
Es wird deutlich, dass durch die Massivität der Situation in Velida starke Gefühle von Wut und Ohnmacht ausgelöst werden, die sie aber zur Seite schiebt, um für die anderen da zu sein.
Ich bitte sie, aus ihrer Position heute, mit Abstand und Überblick, die Velida von damals zu betrachten und mir zu sagen, welche Gedanken und Gefühle sie hat, wenn sie Velida so sieht.
"Es ist eine ganz schwere Situation für Velida. Sie ist alleine mit soviel Leid, soviel Schmerz, Wut, Verzweiflung. Sie tut ihr Bestes. Ja, doch, es ist gut, was sie macht, sie hilft den Menschen, dass sie nicht in ihrem Schmerz versteinern, dass sie ihn wenigstens ausdrücken können, den Schmerz und alle diese Gefühle. Da ist eine Frau, die völlig zusammenbricht. Sie ist allein, hat niemanden. Velida stützt sie, hält sie, lässt sie weinen, gibt ihr Unterstützung und Verständnis."
In einem psychodramatischen Interview mit Velida in der Rolle der "Frau", sagt die "Frau", wie wichtig es für sie ist, dass Velida da ist, dass sie ihr geholfen hat, "nicht verrückt zu werden vor Schmerz", dass Velida genau das Richtige getan hat und ihr geholfen hat, wieder Boden unter den Füßen zu spüren.
Wieder in ihrer Rolle sagt Velida mit einem Seufzer: "Ja, das was ich tun konnte, was in meiner Macht lag, habe ich getan. Aber ... so vieles liegt nicht in meiner Macht ... es ist so entsetzlich ... alles, was geschehen ist, vor Jahren, was die Menschen durchlitten haben. Und nun nachdem gerade ein wenig die Wunden vernarbt sind, müssen sie das wieder erleben, alles wird wieder aufgerissen, als ob es heute wäre ... Und die Täter von damals wandeln unbehelligt auf unseren Straßen, sitzen in den Cafés und lassen es sich gut gehen ... Es ist so ungerecht ... Ich habe das Gefühl, alles was ich tue, hat gar keinen Sinn. Ich fühle eine solche Wut, aber auch solche Ohnmacht ...".

Auf meinen Vorschlag wählt Velida Symbole für "die Täter" aus und gibt ihnen einen Platz auf der Szene. Ich unterstütze sie darin, ihre Gefühle und Gedanken, die sie bzgl. der Täter hat, auszudrücken.
Dann biete ich ihr an (denn im Psychodrama ist alles möglich), mit "den Tätern" das zu tun, was sie am liebsten tun würde.
"Ich möchte, dass sie verurteilt werden und ins Gefängnis kommen. Ja, ich will sie ins Gefängnis werfen."
Ich sage ihr, dass sie das hier auf der Psychodrama-Bühne tun kann.
Velida bereitet symbolisch ein "Gefängnis" und wirft "die Täter" hinein. Im gleichen Moment wird ihre Körperhaltung aufrechter und entspannter.
Auf meine Frage, wie sie sich jetzt fühlt, schaut sie mich direkt an und sagt: "Besser. Zufrieden. Das ist es, was nötig ist: Gerechtigkeit ... Ich weiß ja, dass das hier nur symbolisch ist, und trotzdem fühle ich mich besser. Hier wenigstens kann ich der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen."
Wir sprechen darüber, warum Gerechtigkeit und die Verurteilung der Verbrechen nicht nur für die Opfer nötig ist, sondern für die ganze Gesellschaft - weil sie die Grundlage für das Zusammenleben bildet. Weil sie deutlich macht, ob es Regeln gibt, die für alle gelten, und damit Sicherheit - oder ob Willkür herrscht und Gewalt.
Wir sprechen über das kollektive und das Transgenerationen-Trauma. Darüber, dass die Kinder und Enkel für die Verbrechen der Väter und Großväter (oder auch (Groß-) Mütter) bezahlen müssen.
Am Ende möchte Velida "den Tätern" noch etwas sagen.
"Ihr habt so viel Leid über so viele Menschen gebracht. Das, was ihr getan habt, kann nie wieder gut gemacht werden. Und das ist schrecklich! Das Einzige, was ihr tun könnt und was ihr tun solltet, ist, die Verantwortung für eure Verbrechen zu übernehmen. Ihr meint vielleicht, dass ihr das nicht nötig habt, dass ihr doch sehr gut lebt. Aber ich sage euch, was ihr getan habt, habt ihr nicht nur den Opfern angetan sondern auch euren Kindern und Enkeln. Eure Kinder und Enkel werden mit dieser furchtbaren Last weiterleben müssen in einer Atmosphäre, die durch eure Untaten vergiftet ist. Wenn ihr schon nicht an die Opfer denkt, so denkt wenigstens an eure Kinder."
Dann atmet Velida tief ein und aus und sagt: "Ja, so ist es. Ich glaube daran, dass sie auf irgendeine Art werden bezahlen müssen. Und ich bin jetzt damit ruhig. Es quält mich nicht mehr so. Sie sind auch nur Menschen, wie ich. Sie sind keine Dämonen."