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SEKA-Journal Nr. 14 - Juni 2004 |
Im März 2004 beendeten wir mit einem "psychodramatischen Abschlusskolloquium" den zweiten Fortbildungszyklus "Theorie und Praxis des Psychodramas" für Psychologinnen, Sozialarbeiterinnen und Pädagoginnen. In neun sechstägigen Seminaren im Zeitraum von drei Jahren hatten die zwölf Teilnehmerinnen Philosophie, Theorie und Praxis der Methode Psychodrama kennengelernt, um diese in ihren unterschiedlichen Arbeitsgebieten anwenden zu können.
Die Frauen arbeiten in sehr unterschiedlichen Arbeitsfeldern, so z.B. in einem Frauentherapiezentrum, Frauenberatungsstellen, in einer Frauenorganisation im ländlichen Bereich, im Gesundheitszentrum, im Zentrum für Sozialarbeit, als Assistentinnen an der Universität (Fachbereich Sozialarbeit), mit minderjährigen Delinquenten, als Schulpsychologinnen in Schulen ... einige Frauen haben mehrere Arbeitsfelder.
Wie stets war die Gruppe auch gemischt, was die Zugehörigkeit zu den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen des ehemaligen Jugoslawiens betrifft: Die Frauen kamen aus Bosnien-Herzegowina (Föderation und Republika Srpska), aus Kroatien, Slowenien, Serbien, und eine Teilnehmerin stammte aus Kosovo, lebt aber nun in Bosnien-Herzegowina. Die Hälfte der Teilnehmerinnen hatte selbst Krieg, Belagerung, Vertreibung und Flucht erlebt. Einige der Frauen hatten mit sehr traumatischen Erlebnissen fertig werden müssen.
Für diese Frauen bot die Selbsterfahrung während der Fortbildung die Möglichkeit, sich von den eigenen schmerzhaften Erlebnissen zu entlasten und sie zu verarbeiten.
Als Voraussetzung für das Abschlusszertifikat waren alle Teilnehmerinnen verpflichtet, in einer schriftlichen Hausarbeit die Anwendung der Methode Psychodrama in ihrer beruflichen Arbeit darzustellen und sie mit der Philosophie / Theorie des Psychodramas zu verknüpfen. Jede Frau stellte dann während des Abschlusskolloquiums ihre Arbeit im Vortrag und in einer szenischen Darstellung vor. Anschließend gab es Gelegenheit zu Fragen, Diskussionen und Feedbacks der Kolleginnen und der Leiterinnen.
Für Edita Ostoji´c und mich als Leiterinnen dieser Fortbildung war dieses Abschlusskolloquium wie ein "Strauß Blumen": Es war für uns eine Freude zu erleben, wie vielfältig und kreativ, mutig, behutsam und wirkungsvoll "unsere Teilnehmerinnen" inzwischen Philosophie und Techniken des Psychodramas anwenden. Wir hatten das Gefühl, als ob die "Samenkörner", die wir durch die Fortbildung in der ganzen Region "ausgestreut hatten", nun nicht nur "gekeimt", sondern schon "zu Blumen, Büschen und teilweise geradezu Bäumen herangewachsen waren".
Als ein Beispiel für die Anwendung von Psychodrama in der Friedensarbeit lasse ich im folgenden Amila G. (Namen geändert) zu Wort kommen.

Soziodrama: "Soziale Probleme in der Nachkriegsgesellschaft"
Amila G., die in Zentralbosnien in einem Therapiezentrum arbeitet, hat - neben der therapeutischen Einzel- und Gruppenarbeit mit Klientinnen - die Methode Psychodrama in der Arbeit mit einer Gruppe von kroatischen und bosniakischen Gemeindemitarbeiterinnen in der Kleinstadt B. eingesetzt, mit dem Ziel, den Frauen psychosoziale Unterstützung und Entlastung zu bieten und die Kommunikation und Zusammenarbeit unter ihnen zu verbessern - als eine Form der therapeutischen Friedensarbeit in dieser Region.
Amila G. hat diese Gruppe gemeinsam mit einer Kollegin geleitet, die bereits den ersten Fortbildungszyklus "Psychodrama" im SEKA-Haus abgeschlossen hatte.
"Die Frauen sind auf uns zugekommen, weil sie gehört hatten, dass wir Gruppen zur psychosozialen Unterstützung anbieten," schildert Amila. G. "Wir klärten dann mit der Gemeindeverwaltung, dass wir innerhalb der Verwaltung diese Gruppe anbieten und dafür einen Raum nutzen konnten.
Diese Gruppe war für uns eine Herausforderung, weil wir unter wirklich schwierigen Bedingungen arbeiteten."
Die Kleinstadt B., in der diese Gruppe stattfand, liegt in Zentralbosnien und war während des Krieges Schauplatz massiver Menschenrechtsverletzungen von Seiten der bosnischen Kroaten an der bosniakischen Bevölkerung: Insbesondere viele Frauen wurden im Lager vergewaltigt oder monatelang als "Haus-Sklavinnen" missbraucht. Schließlich wurde die gesamte bosniakische Bevölkerung aus der Stadt und der Umgebung vertrieben.
Nach Dayton kehrten die bosniakischen Familien allmählich zurück. Heute leben alle ehemaligen BewohnerInnen wieder in B. Die Verantwortlichen für die Kriegsverbrechen in B. bewegen sich allerdings fast alle noch frei auf den Straßen der Stadt, was die Atmosphäre in B. stark belastet und für die Opfer ein hohes Maß an Stress bedeutet.
Die Spannungen zwischen Kroaten und Bosniaken sind noch immer erheblich und werden noch durch die schwierige ökonomische Situation verstärkt.
Durch den politischen Druck der Kantonsregierung konnten die Bosniakinnen, die früher in der Gemeindeverwaltung gearbeitet hatten, an ihre ehemaligen Arbeitsplätze zurückkehren. Kroatische wie bosniakische Kolleginnen versuchten, so gut wie möglich miteinander zurechtzukommen, aber die Kriegsereignisse und die Spannungen in der Stadt erschwerten dies. Zudem hatten die Gemeindeangestellten seit zehn Monaten kein Gehalt mehr bekommen, was die Stimmung am Arbeitsplatz zusätzlich belastete.
In dieser Situation baten einige der Mitarbeiterinnen Amila G. und ihre Kollegin um Hilfe.

Ein Abschiedsständchen der Fortbildungsgruppe für Fani und Marija
Die Voraussetzungen für die therapeutische Arbeit mit dieser Gruppe waren denkbar ungünstig, gemessen an den Voraussetzungen, die wir z.B. in Deutschland für therapeutische Gruppenarbeit für zwingend halten:
Die Gruppe bestand aus Kolleginnen, die jeden Tag miteinander arbeiten mussten, sie kamen aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen, von denen die eine der anderen tiefe Verletzungen zugefügt hatte. Die Zeit war knapp (12 Termine à 3-4 Stunden). Der Raum, der für die Gruppenarbeit zur Verfügung stand, war ein gewöhnlicher, nicht sehr großer Büroraum, das heißt, die Arbeitsumgebung beeinflusste die Atmosphäre.
Die wichtigsten und entscheidenden Faktoren für Amila und ihre Kollegin, diese Gruppe dennoch zu leiten, waren die Motivation der Frauen und die Überzeugung, dass die psychodramatische Philosophie und Methode es ermöglicht, (fast) jeder Situation gerecht zu werden.
"Es war uns klar," erklärt Amila, "dass wir unter diesen Bedingungen sehr behutsam arbeiten, sehr auf die Grenzen der Frauen achten mussten, um zu verhindern, dass Frauen unter Umständen mehr von sich zeigten, als ihnen im Nachhinein (in diesem Kolleginnenkreis) lieb war. Wir boten daher den Frauen stets die Möglichkeit, Themen für sich alleine zu erarbeiten (ob durch geleitete Imaginationen, Zeichnungen oder Symbolarbeit) und dann erst zu entscheiden, wieviel sie davon mit den anderen Gruppenmitgliedern teilen wollten. Wir konzentrierten uns sehr auf die Arbeit am Unterstützungspotential: Sicherheit und Vertrauen in der Gruppe, Kraftquellen und Ressourcen, aber auch auf das Thema Beziehungen und was wir brauchen und tun können, um unsere Beziehungen befriedigender zu gestalten. Natürlich gaben wir auch traumatischen Erlebnissen Raum, soweit die Frauen das wollten. Ein wichtiges Thema war Trauerarbeit, da viele Teilnehmerinnen nahe Personen verloren hatten.
In Verbindung mit der therapeutischen Arbeit gaben wir immer wieder Informationen zu Themen wie Trauma, Traumafolgen, Selbstunterstützungstechniken, Kommunikation, Konfliktlösungsstrategien. Schließlich erarbeiteten wir mit den Frauen Wünsche und Pläne bzgl. der Zukunft und mögliche Schritte, diese Pläne zu verwirklichen.
Es hat mich erstaunt, wie bereit die Frauen waren, sich auf die psychodramatischen Techniken einzulassen, ja sogar auf Inszenierungen auf der "großen Psychodramabühne". Die Konkretheit der Methode und die Möglichkeit, "aktiv zu sein", empfanden sie als sehr hilfreich. In ihrem Leben fühlten sie sich oft hilflos und fremdbestimmt. In der Psychodrama-Arbeit konnten sie ihr Thema bestimmen, ihre Szenen konkretisieren, Veränderungen ausprobieren, ohne Gefahr.
Allerdings habe ich hier auch wieder die Macht der Inszenierung erlebt und wie wichtig es ist, behutsam zu sein und der Protagonistin immer wieder die Möglichkeit zu geben, zu entscheiden, was sie möchte, was sie braucht, was für sie stimmt.
Für mich war es sehr wichtig, dass ich in meiner Fortbildung im SEKA-Haus selbst diese Methode an mir erfahren habe. Ich erinnere mich genau, wie wichtig es für mich war, als mich Gabi in einem für mich sehr tiefgehenden Psychodrama-Spiel gefragt hat, ob ich hier die Szene beenden oder noch daran weiterarbeiten möchte. Genau in diesem Moment hatte ich das Gefühl: es reicht, alles andere wäre zu viel.
Eine ähnliche Situation habe ich mit einer der Teilnehmerinnen in B. erlebt. Ich merkte von ihren körperlichen Reaktionen, Erröten, Schwitzen, dass ihr Platz in ihrer Szene sie möglicherweise zu stark belastete, und bot ihr an, herauszukommen und sich wieder zu distanzieren. Ihre Rückmeldung zeigte mir, dass ich genau die richtige Intuition hatte."
In der Arbeit mit dieser Gruppe regten Amila und ihre Kollegin nicht an, speziell am Thema "Spannungen und Konflikte zwischen Kroaten und Bosniaken" zu arbeiten, obwohl natürlich dieses Thema ständig im Raum war.
Stattdessen schufen sie durch die psychodramatische Arbeit - ganz besonders durch die Inszenierungen - einen sicheren Rahmen, in dem die Frauen die Erfahrungen der anderen auf der Bühne teilten, in dem sie Rollen in der Szene der jeweiligen Protagonistin (= die Frau, die an ihrem Thema arbeitet) übernahmen.
In den auf die jeweilige Szene folgenden Feedback- und Sharingrunden teilten die Mitspielerinnen der Protagonistin mit, wie sie sich in der von ihnen gespielten Rolle gefühlt hatten (Feedback), bzw. an welche Erfahrung in ihrem eigenen Leben sie diese Szene erinnert hatte ("Sharing").
Auf diese Weise teilten die Frauen auch viele schmerzhafte Erfahrungen miteinander, ohne die Erfahrungen der anderen zu werten, zu beurteilen oder zu diskutieren. Dadurch fühlte sich jede der Teilnehmerinnen mit ihrer Erfahrung angenommen, verstanden und unterstützt. Die Psychodrama-Arbeit schuf eine Atmosphäre von Offenheit, Wertschätzung und gegenseitigem Verständnis.
"Wisst ihr," meinte Amila am Ende ihrer Darstellung, "so schwierig die Bedingungen für diese Gruppenarbeit auch waren, so sehr wir Fingerspitzengefühl brauchten, die Frauen in ihrem Prozess zu begleiten und gleichzeitig die Grenzen zu wahren, ich bin sehr glücklich, dass wir dieses Wagnis eingegangen sind. Die Rückmeldungen der Frauen am Ende der Gruppe haben uns gezeigt, dass die Gruppenarbeit ihnen sehr viel bedeutet hat. Nicht nur dass jede Frau - im Rahmen ihrer Möglichkeiten - ihre Themen bearbeitet hat, dass sie schmerzhafte Erfahrungen hinter sich lassen und neue Wege ausprobieren konnte. Die Beziehungen der Frauen untereinander haben sich sehr verbessert, entspannt und intensiviert. Sie haben beschlossen, sich in Zukunft weiter zu treffen zu gemeinsamen Aktivitäten. Das ist in dieser Umgebung ein großer Erfolg und ich bin sicher, dass das, was sie erfahren und gelernt haben, weiter auf ihre Umgebung, ihre Familie, Nachbarn, Freunde ausstrahlen wird!
Und noch etwas ist mir wichtig: es hat sich für mich bestätigt, Psychodrama kannst Du überall und in jeder Situation anwenden, wenn Du es nur an die Gegebenheiten sorgsam anpasst!"

Glückliche Absolventinnen mit Zertifikaten
In der Evaluation am Ende des Abschluss-Seminars in SEKA wertete jede der Teilnehmerinnen ihren persönlichen und beruflichen Prozess während der dreijährigen Fortbildung aus:
"Am meisten hat sich in den drei Jahren der Fortbildung meine Haltung als Therapeutin verändert," meint Milena B., die als Psychologin in einem Gesundheitszentrum und mit traumatisierten Frauen im ländlichen Bereich arbeitet. "Früher habe ich mich als Psychologin meinen Klienten überlegen gefühlt: Ich war ja die Expertin, die wusste, was gut für sie war. Ich "behandelte" sie aus meiner Machtposition heraus ... Diese Fortbildung und besonders die Philosophie des Psychodramas hat meine Einstellung entscheidend verändert und bewirkt, dass ich meinen KlientInnen als Mensch begegne, dass ich sie als "ExpertInnen" für ihr eigenes Leben sehe - und mich mehr als Begleiterin, die ihnen für ihren Prozess einen sicheren Rahmen und mein Wissen / meine Techniken als Handwerkszeug bietet. Besonders begeistert mich Morenos Überzeugung, dass in jedem Menschen ein unzerstörbares Potential an Kreativität, Spontaneität und der Fähigkeit zur Selbstheilung besteht und dass ich als Therapeutin dazu beitrage, dass meine Klientin wieder in Kontakt zu diesem Potential kommt. Diese Überzeugung hilft mir, meinen KlientInnen offen, voller Achtung und Vertrauen in ihre eigene Kraft zu begegnen.
Neben dieser optimistischen Grundhaltung ist mir auch der handlungsorientierte Ansatz im Psychodrama sehr wichtig. Besonders in meiner Arbeit mit traumatisierten Frauen aus der Landbevölkerung habe ich erlebt, wie wirkungsvoll die Arbeit mit Symbolen oder auf der Bühne ist. Gerade diesen Frauen, für die es manchmal schwer ist, sich verbal differenziert auszudrücken, ermöglicht das Inszenieren, ihr Problem durchzuarbeiten, zu verstehen und ihre ganz eigene Lösung zu finden - auf die ich als Therapeutin oft nicht gekommen wäre ...".
"Natürlich habe ich die Techniken des Psychodramas als sehr hilfreich für meine Arbeit mit traumatisierten Frauen und Kindern und auch für meine Bildungsarbeit empfunden," überlegt Nina V., "am wichtigsten war für mich aber die Philosophie des Psychodramas, diese wertschätzende Haltung, die wir hier in der Fortbildung - gerade durch Euer Beispiel als Leiterinnen erlebt haben, und die Freiheit, die ihr uns gegeben habt, an unsere Intuition in der therapeutischen Arbeit zu glauben. Ich habe durch diese Fortbildung sehr viel Sicherheit für meine Arbeit bekommen. Und, dass ich das nicht vergesse: der Humor, der zum Psychodrama gehört und den ihr uns immer wieder demonstriert habt, entspricht mir persönlich sehr und hilft mir sehr, Abstand zu bekommen und mehr Leichtigkeit hineinzunehmen in meine Arbeit, die von so vielen schweren Themen geprägt ist ...".
"Die Methode des "Hier und Jetzt" auf der Psychodrama-Bühne und Eure achtsame Begleitung als Leiterinnen haben mir ermöglicht, meine schweren Lebenserfahrungen, die so voller Schmerz und Trauer waren, noch einmal zu durchleben und durchzuarbeiten und mich von ihnen zu befreien," erklärt Senija H. "Das hat sich sowohl auf mein persönliches Leben als auch auf meine Arbeit als Therapeutin und Theologin ganz stark ausgewirkt. Es hat meine Beziehung zu mir selbst verändert und zu den Menschen um mich herum. Ich werde diesen Weg nie vergessen, der mich geführt hat aus den Erfahrungen von Leid, zerstörten menschlichen Beziehungen und Konflikten. Durch die Katharsis des Psychodramas wurde es mir möglich, mir ein befriedigendes und wertvolles Leben auf dieser Welt zu schaffen ... Und diese unsere Gruppe hier hat mir gezeigt, wie schön und bereichernd Vielfalt und Verschiedenartigkeit sein kann, und dass wir Menschen im Grunde alle dasselbe brauchen, dass wir geliebt und geachtet werden und so angenommen, wie wir sind. ... Das nehme ich mit in mein Leben und meine Arbeit ...".