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SEKA-Journal Nr. 13 - Dezember 2003 |
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Einführung Hintergrund Zusammensetzung der Gruppe |
Arbeit mit den Kindern Arbeit mit den Frauen Gruppenarbeit mit den Frauen Einzelgespräche und Einzelarbeit mit den Frauen |
Die dritte Gruppe im Sommer 2003 kam über die Frauenorganisation "Zene Zepca" aus der kleinen Stadt Zepce in Zentralbosnien. Die Frauenorganisation hatte schon vor dem Krieg bestanden. Nach dem Krieg sammelten sich die bosniakischen Frauen (Lagerüberlebende und Vertriebene/ Rückkehrerinnen) in der wiedergegründeten Organisation. Da die Mehrzahl der Vereinsfrauen durch Lageraufenthalt, Vertreibung / Flucht oder Leben unter der Besatzung schwere Traumata erlitten haben, bat die Vorsitzende der Organisation uns um die Aufnahme in das Sommerprogramm der psychologisch begleiteten Erholungsaufenthalte im SEKA-Haus.
Im überwiegend von kroatisch-katholischer und bosniakisch-muslimischer Bevölkerung besiedelten Gebiet um Zepce begann der "heiße Krieg" im Juni 1993 (Beginn des "Krieges im Krieg" in Bosnien-Herzegowina) mit einem Angriff von Seiten der bosnisch-kroatischen Milizen (HVO) auf die muslimische Bevölkerung der Stadt (die serbische Bevölkerung war grösstenteils bereits 1992 geflohen). Durch tagelange ununterbrochene Granatierung, durch Schießereien und Straßenkämpfe wurde fast die ganze Stadt zerstört, viele Häuser verbrannt. Bosniakische Männer wurden misshandelt, viele auch grausam ermordet, Frauen vergewaltigt. Es gab viele Opfer unter der Zivilbevölkerung. Anschließend wurde die bosniakische (muslimische) Bevölkerung (ca. 5.000 Männer, Frauen, Kinder und alte Menschen) von den siegreichen bosnisch-kroatischen Nationalisten in Lager verschleppt. Die Männer wurden sofort von den Frauen und Kindern getrennt.
Frauen, Kinder und alte Männer wurden ca. einen Monat lang in diesen Lagern gehalten (Lagerhallen verschiedener Firmen) und waren unterschiedlichsten Formen von Mißhandlungen, Vergewaltigungen und Todesbedrohung ausgesetzt. Während der ersten beiden Tage gab es weder Nahrung noch Wasser für die Internierten. Kleinkinder und alte Menschen starben an Unterernährung, Infektionen und aufgrund des psychischen Stresses.
Eine Anzahl junger Frauen wurde von den anderen getrennt. Keine von ihnen kehrte zurück. Ihre Familien wissen bis heute nicht genau, was mit ihnen geschehen ist, müssen aber annehmen, dass sie vergewaltigt und schliesslich ermordet wurden.
Nach der Freilassung aus dem Lager wurden Frauen und Kinder größtenteils aus der Stadt vertrieben. Die Männer wurden ca. ein Jahr lang in den Lagern festgehalten und mussten Zwangsarbeit leisten (Ausheben von Schützengräben, Lasten schleppen ...). Misshandlungen, Demütigungen und Grausamkeiten waren an der Tagesordnung. Viele überlebten den Lageraufenthalt nicht - oder nur schwer traumatisiert.
Der größte Teil der vertriebenen Bevölkerung suchte Schutz in den von der "Armee BiH" gehaltenen Gebieten Zentralbosniens (Zenica, Travnik, Bugojno etc). Dieses relativ kleine Gebiet war mit Flüchtlingen völlig überfüllt und es herrschte durch die totale Blockade extreme Hungersnot.
1999 wurde die Rückkehr nach Zepce allmählich gefahrlos möglich und mehr und mehr Frauen / Familien kehrten zurück. Doch bis heute sind die Lebensbedingungen gerade für die RückkehrerInnen (BosniakInnen) außerordentlich hart. Die existentiellen Probleme der Eltern bzw. alleinerziehenden Mütter stellen auch für die Kinder eine große Belastung dar. Alle leiden noch immer unter den erlebten Traumata. Die aktuellen Probleme verstärken die psychische Belastung zusätzlich. Depression, Resignation, Erschöpfung und vielfältige psychosomatische Symptome, sowie auch ernste Erkrankungen sind die Folge.
Nach wie vor erzeugen die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen Gefühle von Angst und Stress - insbesondere bei denen, die selbst Misshandlungen oder die Misshandlung / Ermordung von Familienmitgliedern erlebt haben.
Die Gruppe aus Zepce bestand aus 5 Kindern und 13 Frauen, 8 von ihnen im Alter zwischen 55 und 67 Jahren. Eine der Frauen kam mit ihrer geistig und körperlich behinderten 35 jährigen Tochter.
Alle Frauen waren schwer traumatisiert: Einige der Frauen hatten die Misshandlung oder gar Ermordung von Familienangehörigen erlebt. ... Eine Frau überlebte einen Granatangriff knapp, durch den eine Nachbarin im selben Raum zerfetzt wurde. Alle erlebten Bedrohung, Todesangst, Demütigungen und oft auch Misshandlungen.
Bis auf eine Frau, der mit ihren zwei Kleinkindern unter schwierigsten Umständen die Flucht gelang, waren alle Frauen der Gruppe im Lager interniert gewesen. Die meisten wurden anschliessend auf brutale Art und Weise vertrieben. Die Flüchtlinge wurden in den Fluss Bosna getrieben, den sie überschwimmen mussten, um sich zu retten. Einigen wenigen gelang es - mit ihren zum Teil kleinen oder kranken Kindern - sich in ständiger Angst vor Entdeckung und Vertreibung bis zum Washingtoner Abkommen (Frühjahr 1994) in der Stadt versteckt zu halten. Die beiden ältesten Kinder der Gruppe, 11 und 13 Jahre alt, hatten den Kriegsausbruch und die traumatische Flucht der Mutter als Kleinkinder miterlebt. Die zehnjährige war unter der Blockade geboren worden. Die Mutter hatte einen Monat der Schwangerschaft im Lager überstanden und hatte zur Geburt heimlich die Frontlinie zum ebenfalls feindlichen serbischen Territorium überquert, da es in Zepce für sie als Muslimin keinerlei medizinische Hilfe gegeben, sie stattdessen die Vertreibung riskiert hätte. Auf der serbischen Seite wurde sie von einem serbischen Arzt ins Hospital aufgenommen und bis nach der Geburt versorgt. Die meisten Frauen der Gruppe leben auch im heutigen Zepce als Bosniakinnen (Musliminnen) noch immer in Anspannung oder latenter Angst.
Die Reise nach Kroatien war für viele, so sehr sie sich den Aufenthalt am Meer auch wünschten, doch auch angstbesetzt - Kroaten hatten sie in Lager gesperrt, misshandelt, gedemütigt, Angehörige und Freunde ermordet. ... Die nationalistischen Kroaten in Zepce, die noch immer die lokale Regierung bilden, behandeln sie auch heute noch wie Menschen zweiter Klasse bzw. wie Feinde. Und nun reisten sie nach Kroatien - in ein kroatisches Projekt ...
Einige Frauen wollten zu Anfang auf keinen Fall über die schrecklichen Erfahrungen reden, andere wiederum mussten ständig über die erlebten Schrecken sprechen, es "quoll förmlich aus ihnen heraus". Sie waren durch die erst kürzlichen Exhumierungen der Opfer von 1993 wieder stark retraumatisiert worden. Sie hatten die sterblichen Überreste von Angehörigen identifizieren müssen. Dadurch wurden sie erneut von den traumatischen Erinnerungen überflutet.
Eine von ihnen, Harisa N.*, hatte die exhumierten Überreste ihres Mannes identifizieren müssen, der im Juni 1993 vor ihren Augen ermordet worden war - von dem Mann ihrer bis dahin besten Freundin. Durch die Prozedur der Identifizierung, die leider ohne jegliches Einfühlungsvermögen durchgeführt worden war, waren die schrecklichen Ereignisse für sie wieder so präsent, "als wäre es gestern geschehen": Der gewalttätige Überfall; die brutale Misshandlung und Ermordung ihres Mannes; die Geburt ihrer Enkelin noch am selben Tag; die Verschleppung ins Lager, wo der Säugling starb "weil wir nichts für sie hatten, wir hatten nichts zu essen, nichts zu trinken, keine Windeln, nichts"; nach Wochen im Lager die Vertreibung "durch die Bosna, wer schwimmen konnte, hatte Glück"; ihr erster Herzinfarkt noch auf der Flucht. Andere Flüchtlinge brachten sie in die nächste Stadt, wo "eine Kroatin mich aufnahm und alles mit mir teilte, denn es herrschte hier furchtbare Hungersnot". Noch zwei weitere Herzinfarkte hatte Harisa N. überstanden, den letzten, nachdem sie wieder nach Zepce zurückgekehrt war - in ihr geplündertes halb zerstörtes Haus.

Frauen und Kinder aus Zepce mit Pädagogin Vesna Sobot und Therapeutin Esmeralda (1. + 4. von links)
Für alle Kinder war es die erste Begegnung mit dem Meer. Den anfänglich starken Ängsten vorm Wasser begegneten wir wie üblich mit behutsamer Unterstützung und Ermutigung. Die Kinder wurden so mit jedem Tag freier und mutiger. Auch die drei jüngeren lernten insbesondere unter Pädagogin Vesna Šobots Anleitung innerhalb einer Woche Schwimmen, Tauchen und Springen. Die Kinder genossen unsere Ausflüge zu den verschiedenen Stränden. Neben dem Spielen im Wasser suchten sie auch begeistert Muscheln, Meeresschneckenhäuser und schöne Steine, um daraus Souvenire zur Erinnerung zu basteln. Abends, im Kindertherapiehaus ("Kucica"), arbeitete Vesna Šobot mit der Kindergruppe, in die soweit möglich auch die geistig behinderte 35 jährige Sanja R.* integriert wurde.
Die Kinder dieser Gruppe harmonierten trotz der Altersspanne von 6 bis 13 Jahren sehr gut miteinander und akzeptierten auch die Teilnahme von Sanja sehr gut. Wie stets begeisterte das Kucica mit seinen liebevoll eingerichteten Räumen und den vielen Spielmöglichkeiten auch die Kinder dieser Gruppe.
Die Kinder dieser Gruppe waren sehr kreativ, hatten viel Spass beim Malen mit Wasserfarben, mit Fingerfarben, beim Basteln mit Plastilin oder beim Herstellen von Souvenieren.
Am meisten liebten sie allerdings Rollenspiele und Inszenierungen mit Puppen, Tierpuppen oder Handpuppen. Es benötigte nur kleiner Anregungen bzw. Vorschläge von seiten Vesna Šobots und die Kinder entwickelten ihre Szenen - sei es auf der Basis von märchenhaften Geschichten oder als Inszenierung von Situationen und Themen aus ihrem Alltag. Immer jedoch spiegelten die Inszenierungen das Erleben und die Erfahrungen der Kinder wieder - oder offensichtlich die überlieferten Erfahrungen ihrer Eltern und Verwandten.
Wenn auch die jüngeren Kinder selbst den Krieg und damit verbundene Bedrohung und Gewalt nicht mehr erlebt hatten, kamen die Themen Gewalt, Angst oder Bedrohung durch eine böse Macht, sowie Konflikt und Aggression insbesondere in ihren "märchenhaften Spielen" stets vor.
In einer der Inszenierungen wurde z.B. ein König, seine Familie und sein Königsreich, "die glücklich und in Frieden lebten" (dies entsprach dem Erleben vieler Menschen in Zepce vor dem Krieg) , von einem bösen Drachen angegriffen und terrorisiert. Der König suchte im ganzen Land nach Hilfe, viele kamen, um zu helfen, wurden aber auch zum Opfer des bösen Drachen. Doch schliesslich kam ein guter Zauberer und verzauberte den Drachen in einen guten Drachen, der nun friedlich war. Doch als gerade alle aufatmeten, kamen zwei böse Riesenschlangen und überfielen die Bewohner erneut und verbreiteten Angst und Schrecken. Doch schliesslich gelang es dem guten Zauberer auch diese beiden bösen Schlangen in gute Schlangen zu verwandeln, die dann im Wald verschwanden. Am Ende gab es dann ein richtiges Happy-End mit einem Prinzen, der kam und die Prinzessin heiratete ...
Auf diese Weise verarbeiteten die Kinder Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit. Die "bösen mächtigen Rollen" gaben ihnen die Möglichkeit, Aggressionen auszuleben. In der mächtigen magischen Rolle des "guten Zauberers" war es ihnen möglich, die Geschichte zu einem "guten Ende" zu führen und die eigenen Erfahrungen damit ein Stück weit zu "heilen".
In einer anderen Geschichte lebte ein Graf in einem Wald, der ihm gehörte, mit verschiedenen "Untertanen", darunter eine junge Frau, ein Löwe und ein Bär. Dazu stiess ein alter Mann, der sich verirrt hatte. Der Graf wollte, "dass alle glücklich und in Frieden lebten". Der Löwe und der Bär zeigten sich sehr aggressiv gegeneinander, kämpften und richteten ein immer grösseres Chaos an, das auch alle anderen bedrohte. Alle Vermittlungs- und Befriedungsversuche scheiterten, bis der Graf sich schliesslich seiner Autorität bewusst wurde und den beiden drohte, sie aus dem Wald zu werfen. Das wirkte schliesslich und sie beruhigten sich. ... Am Ende lebten alle glücklich und in Frieden, weil der Graf darauf achtete, dass sich alle an die Regeln hielten und bekamen, was sie zum Leben brauchten. ...
In Zepce ist die staatliche Autorität (so z.B. Verwaltung, Polizei ...) noch immer in kroatischer Hand (von den kroatischen Nationalisten der HDZ dominiert). Lange Zeit förderte sie die Unterdrückung und Diskriminierung der bosniakischen Bevölkerung eher als dass sie sie verhinderte; das heisst, die staatliche Autorität, "sorgte nicht dafür, dass die Regeln von allen gleichermassen eingehalten wurden". Es ist faszinierend, wie die Kinder im Spiel (mit etwas Unterstützung) ihre Lösung finden und realisieren.
In anderen Rollenspielen, die sich über mehrere Abende erstreckten und aufeinander aufbauten, inszenierten die Kinder Themen ihres Alltags bzw. des Alltags ihrer Eltern, ihrer Umgebung, die sie beschäftigten. So z.B.: Probleme in Familie und Gesellschaft wie Arbeitslosigkeit, ökonomische Probleme, Frauen- / Männerrolle, Probleme von Jugendlichen in der Nachkriegszeit in einer Kleinstadt, Freundschaft, Liebe, Moral und Normen / Traditionen, Probleme mit den Eltern. ... Nach den Inszenierungen regte Vesna Šobot oft Gespräche über diese Themen an, in denen die Kinder, aber auch Sanja über ihre eigenen Erfahrungen, Wünsche, Gedanken sprechen konnten. Insbesondere die älteren Kinder waren sehr interessiert an diesen Gesprächen.
In weiteren Rollenspielen kam u.a. das Thema "Verlassenwerden" und die damit verbundenen Gefühle und Ängste zum Ausdruck (zwei Kinder hatten die Scheidung der Eltern erlebt und lebten nun mit der Mutter bei den Grosseltern). Oder - anlässlich der starken Brände auf der Insel Brac - das Thema Waldbrand und "fahrlässiges Verhalten und seine Folgen". Durch das Spiel konnten die Kinder ihre Ängste, die offensichtlich von den Bränden auf der Insel ausgelöst worden waren, bewältigen: Im Spiel löschten sie die Brände, retteten die Menschen und Tiere. Im Anschluss diskutierten sie, wie man solche Brände verhindern könne.
Bei fast allen Aktivitäten der Kinder beteiligte sich Sanja in dem Mass wie sie es wollte und konnte.
Doch oft - insbesondere am Meer - beschäftigten wir uns auch besonders mit ihr, indem wir sie durch gezielte Bewegungs- und Entspannungsübungen unterstützten, die ihr grossen Spass machten. Am meisten aber blühte sie auf durch die Aufmerksamkeit, die sie bekam, ob durch Spiele, Aktivitäten oder Gespräche. (Für behinderte Familienmitglieder besteht in der traditionellen Gesellschaft in Bosnien noch immer die Tendenz, sie "im Haus einzuschliessen".) Sanja wehrt sich offensichtlich dagegen und hat daher öfter Schwierigkeiten mit ihrer Mutter, die andererseits massiv unter dem Druck ihres Ehemanns steht. Im SEKA-Haus erlebte Sanja, dass sie mit ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten genauso willkommen war, wie jede andere Teilnehmerin der Gruppe.

Einige Frauen aus der dritten Gruppe
Die ersten Tage nutzten wir wie immer, um uns kennenzulernen und eine Vertrauensbeziehung zu den Frauen aufzubauen, was auch diesmal durch das zwanglose Zusammensein am Strand und im Meer rasch gelang. Einige der Frauen hatten Angst vorm Wasser, da sie beim Überschwimmen der Bosna auf der Flucht fast ertrunken wären. Hier unterstützten wir sie und ermutigten sie vorsichtig, stets auf ihre Grenzen achtend.
Bereits in den ersten Tagen nutzten viele Frauen die Zeit am Strand oder abends auf der Terrasse zu Einzelgesprächen - in der Regel über die erlebten traumatischen Ereignisse.
Ab dem dritten Abend boten wir den Frauen Gruppenarbeit im Seminarraum an. Die Frauen entschieden sich, dass sie jeden zweiten Abend in der Gruppe zu bestimmten Themen arbeiten wollten. An den übrigen Abenden fanden Unternehmungen und Ausflüge oder Konzertbesuche statt (teils auch gemeinsam mit den Kindern) oder aber einfach Spaziergänge am Meer. Die Frauen genossen es sehr, einfach "normale Touristinnen zu sein" und ohne Anspannung und Angst an öffentlichen Veranstaltungen teilzunehmen.
An manchen Abenden sangen wir bis spät in die Nacht auf der Terrasse alte bosnische Lieder, von denen insbesondere die älteren Frauen noch alle Texte kannten. Die Frauen hatten wunderschöne Stimmen, es klang, als ob ein Chor sänge. Im Dorf wurden wir daraufhin immer wieder angesprochen, wie schön wir doch abends sängen und dass wir das doch bitte wiederholen sollten! Auch das war für die Frauen eine neue wichtige Erfahrung: Dass die kroatischen Dorfbewohner sich an den bosnischen Liedern freuten und nicht aggressiv oder ablehnend reagierten.
Morgens vor dem Frühstück bot Kollegin Esmeralda Sunko für die Frauen Yoga-Übungen zur aktiven Entspannung an, die täglich eine wechselnde Anzahl Frauen besuchte.
Den Schwerpunkt der Gruppenarbeit legten wir auch bei dieser Gruppe - aufgrund der schweren Traumata - auf Sicherheit, Aufbau von Vertrauen, Stabilisierung, Selbstunterstützung und Förderung der gegenseitigen Unterstützung in der Gruppe. Wir boten Raum für die Benennung aber nicht für die Vertiefung traumatischer Erlebnisse. Falls Teilnehmerinnen an ihren traumatischen Erfahrungen arbeiten wollten, boten wir ihnen dafür Einzelgespräche oder therapeutische Einzelarbeit an. Mit dieser Regelung waren die Gruppenteilnehmerinnen sehr einverstanden, da einige Frauen gefürchtete hatten, "dass ihre eigenen traumatischen Erlebnisse durch die Geschichten der anderen wieder aufgerissen" würden. Auf diese Art und Weise hatte jede Frau die Möglichkeit selbst zu bestimmen, wie weit sie sich öffnen und mit ihren traumatischen Erfahrungen konfrontieren wollte.
Im Gespräch, in Kleingruppenarbeit, mit kreativen und Selbstunterstützungstechniken, Bewegungsspielen und Imaginationsübungen wurden von den Frauen gewünschte Themen in der Gruppe erarbeitet. Dabei ging es um eigene Stärken und Ressourcen / "Wertschätzung meiner selbst", um aktuelle Probleme in der Familie, um die Verwirklichung eigener Bedürfnisse, das Thema "Macht - Ohnmacht", "Drogen und Alkoholmissbrauch" und "die Bedeutung von Glück".
Insbesondere die Arbeit an den Themen "Bedürfnisse", "Macht-Ohnmacht" und "Selbstwertschätzung" rührte auch an die schmerzhaften Gefühle und Erfahrungen von Gewalt, Mangel, Ohnmacht und Entbehrung. Durch die sorgsame Begleitung der Leiterinnen und die liebevolle Unterstützung der Gruppenmitglieder untereinander konnten die Frauen allerdings gut aufgefangen und unterstützt werden. Die Gruppenarbeit bedeutete für die Frauen, dass sie sich auf einer neuen Ebene kennenlernten, dass sie ehrlicher miteinander kommunizierten und sich dadurch auch gegenseitig stärker öffneten. Eine der Frauen drückte es so aus: "Ich hätte nie erwartet, dass ich mit Euch hier so offen und tiefgehend über all meine Probleme reden kann." Und eine andere ergänzte: "Ich dachte ich kenne die anderen Frauen hier in der Gruppe gut, weiss alles über sie, aber hier habe ich sie ganz neu kennengelernt. Wir haben unsere tiefsten Gefühle miteinander geteilt. Das ist für mich wundervoll, weil wir jetzt auch in Zepce ganz anders miteinander sprechen können."
Alle Frauen nutzten auch intensiv die Möglichkeit zu Einzelgesprächen. Darüber hinaus bot ich einigen Frauen Einzelarbeitstermine an.
Themen der Gespräche und der Einzelarbeit waren überwiegend traumatische Erlebnisse während des Krieges und damit verbundene Ängste oder Schwierigkeiten, aber auch: Probleme in Ehe und Familie, Traumata des Ehemannes während der Gefangenschaft, "über die er nicht spricht", Alkoholismus und Gewalttätigkeit des Ehemannes, materielle Probleme, Schwierigkeiten mit traditionellen Rollenerwartungen als Frau, Sorgen um berufliche Perspektiven der Kinder.
Zweien der am stärksten (und mehrfach) traumatisierten Frauen empfahlen wir, sich weiterhin psychologische Hilfe zu holen - bei einer Kollegin, die vor kurzem nach Zepce zurückgekehrt ist.
Einer der jüngeren Frauen, die sehr motiviert ist, ein Projekt für Kinder und Jugendliche aufzubauen, konnten wir einen Platz in einer unserer Therapiegruppen anbieten, die im September begonnen hat.
Es war sehr schön zu beobachten, wie die Frauen von Tag zu Tag mehr aufblühten, die Gesichter sich glätteten, entspannten und mehr und mehr strahlten.
Am letzten Tag sass ich mit einigen der älteren Frauen vorm "Vikendica" und wir sprachen über die Heimkehr. "Weißt Du," meinte Harisa, "ich glaube, ihr ahnt gar nicht, was dieser Aufenthalt hier für uns alle bedeutet. Als ich kam, kam ich nur auf das Drängen meiner Freundinnen. Ich dachte, mir kann sowieso niemand mehr helfen. Mein Leben ist zu Ende. Aber ihr habt mir den Weg zurück ins Leben gezeigt ..."
Und Munira S.* ergänzte: "Ja, SEKA ist das Schönste, was mir in meinem Leben geschehen ist. Ihr habt mir den Glauben und das Vertrauen in andere Menschen, das für mich völlig zerstört war, wiedergegeben ... Ich habe hier immer wieder vergessen, dass Ihr fast alle Kroatinnen seid: Nataša, Esmeralda, Mirjana, Vesna, Marija und Fani. Und wenn ich mich dann wieder daran erinnert habe, dann hat mich das so tief berührt, dass das Schlimmste, was ich im Leben erlebt habe, mir Kroaten angetan haben, aber dass gleichzeitig ihr als Kroatinnen mir so unermesslich viel Liebe, Verständnis und Offenheit entgegengebracht habt. Das werde ich nie vergessen ..."