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SEKA-Journal Nr. 13 - Dezember 2003 |
| die Ängste | "Aida damals" | die Gefühle | die Erleichterung |
Aida H. Anm.1 ist 41 Jahre alt, lebt in einer Kleinstadt in BiH, wo sie sich zufällig bei Kriegsausbruch befunden hatte. Sie überlebte mit ihren beiden Kleinkindern Krieg und Lagerinternierung und leistete mit unglaublichem Mut Widerstand gegen ihre Vertreibung aus der Stadt. Heute engagiert sie sich für den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft und das friedliche Zusammenleben von Bosniaken, Kroaten und Serben.
Aida bat in SEKA um psychologische Hilfe, da sie ständig unter massiven Ängsten litt, ihrer Familie oder anderen ihr nahestehenden Menschen könnte etwas Schreckliches zustossen.
Im Folgenden beschreibe ich einige Ausschnitte aus der therapeutischen Arbeit mit ihr:
Nach mehreren Gesprächen, in denen Aida mir ihre Lebensgeschichte erzählt hatte, die auch eine knappe Schilderung der Kriegsereignisse und ihrer derzeitigen Lebenssituation beinhaltete, kamen wir auf ihre Ängste zu sprechen. Wir arbeiteten mit Steinen und Muscheln als Symbolen auf der "kleinen Psychodramabühne". Aida wählte verschiedene Steine um sich selbst, die ihr wichtigsten Menschen und ihre Ängste darzustellen.
Sie war sich bewusst, dass ihre Ängste in dieser Dimension keine reale Grundlage in ihrem gegenwärtigen Leben hatten. Ich fragte sie, ob ihr denn Situationen in ihrem bisherigen Leben einfielen, in denen solche Ängste durchaus angemessen gewesen wären. Sie schaute mich an, stutzte und meinte dann: " Während des Krieges gab es viele Situationen, in denen ich zurecht hätte Angst haben können, aber das Seltsame ist, da hatte ich keine Angst!"
Ich fragte sie nun, ob sie mir eine dieser Situationen schildern möchte, die ganz real "furcht"bar gewesen war.
Aida erzählte mir von der Zeit, in der ihr Mann im Lager interniert gewesen war und sie sich selbst mit ihren Kindern in ihrem Haus verborgen hielt. Sie wusste, dass die Männer im Lager Misshandlungen und Demütigungen ausgesetzt waren, dass einige von ihnen ermordet worden waren. Sie lebte in völliger Ungewissheit, was mit ihrem Mann geschehen würde, ob sie ihn jemals lebend wiedersehen würde. Sie lebte ebenfalls in Ungewissheit, ob und wann sie mit ihren Kindern doch noch aus ihrem Haus vertrieben werden würde; wie lange sie noch Lebensmittel für die Kinder und sich selbst auftreiben könnte; ob sie das alles überleben würden...
Während sie mir dies erzählte, begann sie zu weinen, sie begann, Zugang zu den Gefühlen zu bekommen, die sie damals gar nicht hatte zulassen können, weil sie durchhalten musste, stark sein für ihre Kinder, ihren Mann, für andere Menschen, denen sie half ...
Durch behutsames Nachfragen realisierte sie, dass ihre scheinbar grundlosen Ängste heute genau der damals unterdrückten und verdrängten Angst entsprachen.
Diese Erkenntnis bedeutete für Aida eine Erleichterung, sie begann sich selbst zu verstehen. Sie war also nicht "verrückt". Es hatte alles einen Grund!
Ich schlug ihr nun vor, ein Symbol für die "Aida damals" auszuwählen und ihm einen Platz auf der Bühne zu geben, in einiger Entfernung von der bisherigen Szene, um deutlich zu machen, dass es sich um die "Vergangenheit" handelte. Dann forderte ich Aida auf, aus ihrer heutigen Position, in der sie sich relativ sicher und stark fühlte, auf die "Aida damals" zu blicken und auf die Situation in der sie sich befand. Ich bat sie, mir genau zu erzählen, was "diese Aida" in der Situation, in der sie sich damals befunden hatte, erlebte, dabei allerdings so zu sprechen, als ob es sich um die Gegenwart handelt, aber gleichzeitig in der dritten Person, das heisst "über sie". (Dies ermöglicht zum einen eine genaue Durcharbeitung der traumatischen Situation, zum anderen aber eine Distanzierung und verhindert so eine mögliche Retraumatisierung.)

Gruppenarbeit mit Jugendlichen aus Tenja am Strand
Aida schilderte die Situation, als ihr Mann - überraschend aus dem Lager freigelassen - nach Hause kam und sie ihn fast nicht mehr erkannte und sich über seine Rückkehr überhaupt nicht freuen konnte. Sie hatte deswegen grosse Schuldgefühle. Aber sie fühlte sich damals wie "tot". Erst jetzt, als sie darüber sprach, wurde sie sich der monatelangen Angst bewusst, ihrer Ohnmacht, ihres Gefühls, völlig allein zu sein, ihrer masslosen Erschöpfung. Sie begann, die Angst zu spüren, die Wut, die Hilflosigkeit, das Entsetzen über all das, was geschehen war, und sie konnte es ausdrücken.
Unterstützt durch mein Nachfragen erkannte sie allerdings auch "wie mutig und stark diese Aida damals gewesen ist", und dass es ihr unmöglich gewesen wäre, unter diesen Umständen so stark zu sein und durchzuhalten, wenn sie ihre Gefühle zugelassen hätte. Das "Einfrieren" ihrer Gefühle war ihr Schutz und ihre Überlebenstechnik gewesen.
Ich bot Aida schliesslich an (als eine Möglichkeit in der Psychodrama-Arbeit), in direkten Kontakt zu der "Aida damals" zu gehen und ihr zu sagen, was immer sie ihr sagen wollte.
Aida konnte sich darauf einlassen: "Ich weiss, wie schrecklich und schwer diese Situation für Dich ist und dass Du Dich so alleine fühlst damit," begann sie. "Aber ich bewundere Dich auch, wie stark Du bist und wie mutig und dass Du Dich nicht unterkriegen lässt. Und weißt Du, Du wirst es schaffen, ich kann Dir das jetzt sagen von hier aus. Am liebsten möchte ich Dich in den Arm nehmen und Dir sagen, dass ich stolz auf Dich bin, dass Du Dir trotz allem Deine Menschlichkeit bewahrt hast ..."
Aida seufzte tief auf und sagte: "Ich glaube, ich habe jetzt zum ersten Mal gespürt, wie schwer das alles für mich war. Aber auch, dass ich getan habe, was mir möglich war. Ich hätte gar nicht mehr tun können ... Es ist, als ob eine schwere Last von meiner Brust genommen wäre."...
An den folgenden Terminen bearbeitete Aida auf ähnliche Weise noch einige besonders traumatische Erlebnisse, u.a. ihren Gang zum Kommandanten der Besatzer, mit dem sie verhindern konnte, dass eine Gruppe von Frauen mit Kleinstkindern, kranken Kindern und Hochschwangeren vertrieben würde. Nachdem man sie 12 Stunden lang auf dem Platz vor der Kommandantur in der prallen Sonne hatte warten lassen, wurde sie schliesslich, zum Kommandanten selbst vorgelassen. Sie schildert, was die "Aida damals" erlebt: "Sie bittet ihn nicht, sie sagt ihm nur, dass er, wenn er sie und diese Frauen und Kinder vertreiben will, sich dessen bewusst sein muss, dass er sie alle töten muss. Denn keine von ihnen wird gehen ..."
In der Konfrontation mit ihren Erlebnissen konnte Aida mehr und mehr ihre Gefühle zulassen, die sie damals hatte verdrängen müssen; sie konnte die "Aida damals" mit Verständnis und mit Wertschätzung sehen. Bisher hatte sie sich schuldig gefühlt dafür, dass sie überlebt hatte und andere nicht, dass andere vertrieben oder misshandelt worden waren und sie nicht...*Anm.* Und sie konnte ihre eigene Stärke, ihren Mut und die Menschlichkeit anerkennen, die sie in diesen unmenschlichen Situationen bewiesen hatte.
In dem Mass, wie sie die erlebten Traumata integrieren konnte, verringerten sich ihre aktuellen Ängste und ihre Schuldgefühle.
In einem letzten Termin ging es dann mehr um die Gegenwart, um ihre Rolle in Ehe und Familie, die sie neu definieren wollte und um berufliche Perspektiven.
Einige Wochen nach Abschluss unserer gemeinsamen Arbeit rief sie mich an und meinte: "Seit ich von SEKA zurückkam, fühle ich mich befreit und voller Energie. Auch mein Mann und meine Töchter finden, ich sei eine ganz neue Frau! Meine jüngere Tochter sagte mir: "Mama, es ist, als ob etwas aus Dir strahlt."