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SEKA-Journal Nr. 13 - Dezember 2003 |
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Poklopac SEKA erste Eindrücke |
unglaubliche Geschichten der "Naški-Filter" Realität und Täuschung |
Elf Monate danach erinnere ich mich immer noch an "poklopac", das erste Wort in "naški", das ich in SEKA gelernt habe. Ich glaube nicht, dass ich es jemals benutzt habe - es bedeutet "Deckel". Aber, obwohl ich es auch vermutlich nie anwenden werde, werde ich es niemals vergessen. Vesna Šobot, meine neue Kollegin, die genau so wenig Englisch sprach wie ich "naški", erklärte mir den Begriff poklopac (und etwa tausend andere Wörter), als wir an einem meiner ersten Abende in SEKA Abendessen kochten. Ich erinnere mich an jede Einzelheit dieser Mahlzeit, von der hausgemachten Suppe, dem Kartoffelpüree und der Pilzsauce bis zu dem Schweigen, das eintrat, als wir uns zum Essen setzten. Ich wollte unbedingt mit Vesna reden - überhaupt irgendetwas sagen - aber die Worte kamen an diesem Abend einfach nicht. Nur ein einziges Wort drehte sich in meinem Kopf wie eine gesprungene Schallplatte: Poklopac.
Bis vor kurzem war ich überzeugt, dass mein Gefühl der Unzulänglichkeit auf magische Weise hinweg schmelzen würde, sobald der freudige Tag käme, an dem ich fließend "naški" sprechen könnte - diese alle Variationen des Serbo-Kroatischen einschließende Sprache, die hier in SEKA gesprochen wird. Trompeten würden erklingen, die Himmel würden aufreißen, und eine neue und bessere Welt würde zum Vorschein kommen. Ich bin nun seit fast einem Jahr Volontärin in SEKA, und nun da mein Jahrestag näher rückt, erkenne ich den Fehler in dieser Annahme. Die ganze Zeit war meine größte Frustration nur eine Täuschung! Diese Erkenntnis kam mir, als ich zurückblickte auf das vergangene Jahr und entdeckte, wie viel ich gewonnen habe in dieser Zeit, in Abwesenheit einer gemeinsamen Sprache.
Es ist bemerkenswert, dass ich nun FreundInnen überall in Ex-Jugoslawien habe, die genauso aufrichtige FreundInnen sind, wie die zu Hause in Amerika. Sie kamen in verschiedenen Gruppen ins Haus SEKA, und erlaubten mir trotz der Sprache, trotz altersmäßiger und kultureller Unterschiede, ein kleines Stück ihres Lebens zu teilen. Und weil ich sie in SEKA getroffen habe, hatte ich das Glück, ihre besten, ihre wahren Seiten zu sehen. Diese privaten Bindungen vertiefen die Authentizität von Kuca SEKA. Obwohl ich die meisten der Frauen, die ich in diesem Jahr getroffen habe, wahrscheinlich nie wieder sehen werde, haben wir doch diesen gemeinsamen Ort - einen Ort weiblicher Stärke -, auch wenn wir bisher noch keine gemeinsame Sprache haben. Dieser Aspekt, dieses riesige Netzwerk von Frauen, die sich kennen oder nicht kennen, war für mich eine der großartigsten Seiten des Projekts SEKA.
Mitglied des SEKA-Teams zu sein, hat, ohne dass ich es bemerkte, meine Welt auf den Kopf gestellt. Ich hatte sicherlich erwartet, dass diese Erfahrung mein Leben beeinflussen würde, aber ich habe drastisch unterschätzt wie sehr und auf welche Art. Offensichtlich haben mir all diese Jahre zwischen den vier Wänden eines Klassenzimmers wenig geholfen, die Welt zu begreifen; denn ich habe mehr über Geschichte, Wirtschaft, Politik, Religion und Psychologie auf der Terrasse, im Wohnzimmer, in der Küche im SEKA-Haus gelernt als jemals in der Schule. Ich habe das Jahr mit Aktivistinnen gelebt und gearbeitet, mit Menschen, die stark und integer sind, deren Einstellungen und Grundsätze zu ihren Handlungen passen. Das war ungemein inspirierend, besonders, weil ich bald an dem Punkt anlangen werde, wo ich entscheiden muss, was ich mit meinem Leben anfangen möchte. Ich kann der Welt nicht mehr einfach nur beim Weiterdrehen zuschauen, nun da ich gesehen habe, was möglich ist, wenn man sich "die Füße nass macht". Das Ende meines Aufenthaltes hier rückt immer näher, und in den verbleibenden Tagen versuche ich alles auszukosten - seien es kleine Dinge wie das Zusammensein mit den Frauen und Kindern, oder große Dinge wie das Wissen, Teil von etwas zu sein, was viel größer ist als ich selbst. Dieses Jahr habe ich die Ergebnisse dessen gesehen, was möglich ist, wenn eine gute Idee in die Tat umgesetzt wird.

Amy und Vesna bei Streichen des SEKA-Zauns
Was als eine gute Idee angefangen hat, hat sich wie ein Schneeball zu einer Einrichtung entwickelt, die sich der dringendsten Bedürfnisse der Region annimmt, nämlich der psychologischen Entlastung und Unterstützung für die vom Krieg am meisten betroffenen Opfer, die Frauen und Kinder. Natürlich ist das nicht alles was SEKA ausmacht, und es war für mich immer wieder schwierig und ich war nie zufrieden, wenn ich die Projektdarstellung SEKAs für potentielle Geldgeber schrieb. Sie schien mir hölzern, trocken und irgendein Wesenszug schien immer zu fehlen. Vielleicht ist das, was meiner Beschreibung immer fehlte, etwas, was mit Worten nicht hinreichend zu beschreiben ist. Ja, SEKA ist ein Zentrum für Erholung und psychologische Unterstützung für Frauen und Kinder aus den Kriegsgebieten Ex-Jugoslawiens... aber seine Wirkung ist so viel schwieriger zu vermitteln. Es ist wie wenn jemand fragt, wie man sich fühlt, und auch wenn es Hunderte von Adjektiven gibt, die man benutzen könnte, so gibt es für mich doch nur eines, was auf SEKA ganz zutrifft: "vollkommen".
Vielleicht hätte ich mehr Erfolg gehabt mit dieser verkürzten Projektbeschreibung: "vollkommen".
Obwohl ich nur wenig psychologisches Hintergrundwissen mitbrachte und keine wirkliche Erfahrung mit Trauma hatte, muss man doch keine Expertin sein, um psychische Wunden zu erkennen. Fast ein Jahrzehnt nach dem Krieg sind die Wunden nicht mehr offen - sie sind eher latent -, gut versteckt und zerstörerisch. Einer meiner ersten Eindrücke von einer Gruppe in SEKA (und ich schäme mich für meine Naivität) war: "Hm, diese Frauen sehen nicht traumatisiert aus." Aber wie zum Teufel sieht ein traumatisierter Mensch denn aus? Dann erfuhr ich einige ihrer individuellen Lebensgeschichten - ein sexuell misshandelter Teenager, eine Flüchtlingsfrau aus Slawonien, eine Ehefrau, die drei Jahre lang nicht wusste, ob ihr Mann noch lebt, und eine Überlebende einer Situation, die so furchtbar war, dass ich gar nicht anfangen kann, sie zu beschreiben, geschweige denn sie zu begreifen. Nachdem ich einige dieser Berichte gehört hatte, änderte sich mein Eindruck schnell in "wie kann jemand weiterleben, nachdem sie das Schlimmste gesehen hat, zu dem die Menschheit fähig ist? Woher nimmt sie die Kraft? Wie schafft sie es, den anderen gegenübertreten?"
Als ich im letzten Oktober in SEKA ankam, war mein Blickpunkt vor allem der einer Beobachterin. Jeden Tag schnappte ich neue Worte auf (ich habe auf "poklopac" gehorcht, aber es niemals wieder gehört) und jeden Tag gewann ich mehr Einblicke in den eigentlichen Zweck von SEKA. Nun ist fast ein Jahr vergangen, und staunend habe ich gesehen, wie die Gesichter von Frauen weich und ihre Körper locker wurden, wie die Anspannung in ihren Augen allmählich dahin schmolz, je länger sie in SEKA waren. Das Projekt SEKA sieht mit meinen Augen betrachtet wahrscheinlich ganz anders aus als in den Augen meiner Kolleginnen, besonders weil ich nur sehe, was außerhalb des Seminarraums passiert. Mit der Zunahme meines Wortschatzes verlagerte sich mein Standort von dem einer Beobachterin zu dem einer Zuhörerin. Außerhalb des Seminarraums reden die Frauen nur selten über die Vergangenheit - zum Beispiel über die Traumata, die sie während und nach dem Krieg erlitten haben - aber manchmal taten sie es, und ich, die offenkundige Außenseiterin, war dabei und hörte zu.
Für mich ist Krieg etwas, das ich nur aus der Entfernung gesehen habe. Der Horror, der mit Krieg einhergeht, hat immer nur auf dem Fernsehbildschirm, Millionen von Meilen entfernt stattgefunden. In meinem Land ist Krieg ein politisches Spiel - nicht etwas, an das man selbst Familie, Freunde und Heimat verliert.
Die erste Gruppe, die ich kennen lernte, kam zur Einzeltherapie und bestand nur aus zwei Frauen (ich wurde später ein Ehrenmitglied). Nach ihrer Arbeit am ersten Abend saßen wir alle zusammen im Wohnzimmer und unterhielten uns, tauschten uns aus, lachten - und erzählten lustige oder unerhörte Geschichten. Ich bin eine wandelnde Enzyklopädie unglaublicher Geschichten. Glücklicherweise versteht meine Mutter kein Deutsch, also kann ich wohl ruhig die über eine Gruppe amerikanischer High School Schüler erwähnen, die als Schulstreich eine Kuh ins oberste Stockwerk ihrer Schule brachten. Ich erzählte diese Geschichte in allen Einzelheiten, und sie wurde übrigens zur Unglaublichsten des Abends gekürt. Danach wurde das Unmögliche von mir verlangt: Die Geschichte noch einmal auf "naški" zu erzählen, was ich schnell ablehnte. Ich spielte sie stattdessen von Anfang bis Ende vor. Der Abend ist mir besonders in Erinnerung geblieben, weil es das erste Mal war, dass ich mich in SEKA vollkommen wohl fühlte. Sogar ohne gemeinsame Sprache spürte ich eine Verbindung zu diesen Frauen, die mir durch die schwierige Phase der Eingewöhnung hindurch half. Ohne es zu wissen, gaben mir diese Frauen Mut, Stärke und Lachen, die dringender Auffrischung bedurften.

Eine der Frauen aus dieser Gruppe gehört zu den am schwersten traumatisierten Personen, die ich im SEKA-Haus erlebt habe, und zu der Zeit war mir nur ein winziger Teil dessen bewusst. Sie öffnete sich mir gegenüber einige Male während dieser Woche und erzählte mir Dinge, die sie im Krieg gesehen hatte. Sie lächelte dabei - nicht aus Freude, sondern vermutlich, weil all das nun hinter ihr lag. Ich aber vermochte nicht zu lächeln; es waren die schrecklichsten Dinge, die ich mir vorstellen konnte. Monate nach unserem ersten Treffen besuchte ich sie in ihrer westherzegowinischen Heimatstadt und hörte Dutzende weitere Kriegsgeschichten von ihr und einigen ihrer Kolleginnen und Freundinnen.
In meinem durchgängigen Bemühen um das Erlernen dieser Sprache bestimmten sich gute oder schlechte Tage oftmals dadurch, wie viel ich verstand und sagen konnte. Während meiner Reise nach Bosnien war ich allerdings ziemlich zufrieden mit meinem sprachlichen Unvermögen. Ich bin ziemlich sicher, dass ich verrückt geworden wäre, hätte ich allen Gesprächen jener Woche vollständig folgen können. Ich verstand eine Menge und manchmal musste ich deshalb meinen "Naški-Filter" aufsetzen (was sehr einfach ist) und einfach alles ausblenden. Man braucht jedoch keine Sprache, um das Ausmaß der Verzweiflung in jener Stadt zu erkennen. Wenn man die Menschen - meine neuen Freundinnen- und ihre Geschichte hinzuzählt zu dem, was tatsächlich sichtbar ist ... dann ist es kaum zu ertragen.
Viele Entdeckungen, die ich in diesem Jahr machte, waren nicht besonders schön. Zum Beispiel hatte ich immer unter der Annahme gehandelt, dass auch in den schlimmsten Schurken eine grundlegend gute Seele verborgen ist. Nun weiß ich, dass das (wie so vieles andere) eine naive Annahme war. Ich habe diese Entdeckung nicht in SEKA gemacht, es wurde klar, als ich durch die Region reiste und mit Menschen in ihrer eigenen Umgebung sprach. Damit wurde die Notwendigkeit von SEKA ebenfalls offensichtlich. Obwohl jede unter ihrem eigenen Trauma leidet, wird das Thema hier in der Region einfach weggewischt. Und der Teufelskreis geht weiter ...
Von der SEKA-Terrasse aus, wenn man auf die Adria und die zerklüfteten Berge blickt, die sich über Split türmen, ist es leicht, sich selbst zu täuschen und zu beschließen, dass die Situation "dort drüben" unmöglich so schlimm sein kann. Vielleicht würde ich das immer noch glauben, wenn ich nicht einige der Gegenden kennen gelernt hätte, aus denen die Frauen und Kinder stammen, die ins SEKA Haus kommen.

Amy als Schwimmlehrerin
Einige Menschen, die ich getroffen habe, sprechen sehr offen über das Trauma, das sie im Krieg erlitten haben. Daniela, eine meiner sehr guten Freundinnen in Bosnien, erzählte immer sehr direkt über ihre Erfahrungen. Als der Krieg in ihrer Stadt ausbrach - sie lebte auf der "falschen Seite" - traten Soldaten ihre Tür ein und beschuldigten sie und ihre Mutter, Waffen versteckt zu haben. Sie forderten Daniela und ihre Mutter auf, zu einem Verhör zu kommen. Ohne auch nur zu blinzeln, erzählte sie mir: "Wir haben gar nichts mitgenommen, denn das tust du nicht, wenn du weißt, dass du umgebracht werden wirst." Später, als wir durch die Stadt liefen, zeigte sie mir den genauen Ort an der Frontlinie, wo ein Soldat Mitleid mit ihnen bekam und sie gehen ließ. (Dort ist heute ein Bennetton-Laden.) Als wir weitergingen, deutete sie für mich auf bestimmte Unkräuter am Wegesrand, durch die ihre Mutter und sie während des Krieges überlebt hatten. In Momenten wie diesen - auch wenn die Erzählerin deine Freundin ist - gibt es keine angemessene Antwort. Du kannst nur zuhören.
Seit ich diese Gegenden besucht habe - Slawonien, Republika Srpska, die östliche Herzegowina - erfüllt mich eine leere, namenlose Wut. Dann denke ich an das enorme Ausmaß an Mut, den die Frauen, die ins SEKA- Haus kommen, haben müssen - die hierher kommen, in vielen Fällen ins Territorium der "anderen", und mit ihnen, neben ihnen ihrem Trauma ins Auge blicken. Ich weiß, dass ich nie in der Lage sein werde, diese Art des Mutes zu begreifen.
Auf dem Computer hier in SEKA gibt es einen Bildschirmschoner mit einer Reihe berühmter Zitate von Frauen, darunter eines das lautet "Bezweifle niemals, dass ein kleine Gruppe wohlüberlegter, engagierter Menschen die Welt ändern könne. In Wahrheit sind sie die einzigen, die es jemals geschafft haben."
Frau für Frau ist das genau was SEKA getan hat: Für mich, und für hunderte Frauen, die dieser Ort verbindet, der, neben vielem anderen, vollkommen ist.