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SEKA-Journal Nr. 12 - Juni 2003 |
Seit 1998 bietet SEKA für Mitarbeiterinnen bzw. Aktivistinnen von Frauenorganisationen aus den (ehemaligen) Kriegsgebieten psychologische Hilfe, da viele der Kolleginnen selbst Krieg, Verfolgung, Vertreibung, Flucht und andere Formen von Gewalt erleben mussten, bzw. durch ihre alltägliche Arbeit mit schwer traumatisierten Menschen sekundärtraumatisiert und ausgebrannt sind. In Therapiegruppen oder durch Einzelarbeit erhalten die Frauen die Möglichkeit, sich von eigenen Erlebnissen zu entlasten, traumatische Erfahrungen zu bearbeiten, sowie Techniken der Selbstunterstützung und Burn-Out-Prävention zu erlernen.
Einen anderen wichtigen Schwerpunkt der SEKA-Arbeit bilden fachliche Fortbildungen für Therapeutinnen und Pädagoginnen. In der Zeit von April 2002 bis April 2003 boten wir außerdem für Aktivistinnen/Mitarbeiterinnen, die bereits eine der Therapiegruppen durchlaufen hatten, eine spezielle "Fortbildung für Multiplikatorinnen bzgl. frauenorientierter Gemeinwesenarbeit" an.
Allen diesen Gruppen und Seminaren für Helferinnen ist gemeinsam, dass in jeder Gruppe Frauen aus den verschiedenen Bevölkerungsgruppen zusammentreffen, die miteinander im Krieg lagen und von der jeweiligen anderen Seite oft schwere Verletzungen erfahren haben. Die gemeinsame Arbeit und gerade auch die Methode Psychodrama ermöglicht den Frauen, sich trotz allem neu zu begegnen und die Erfahrungen der anderen zu respektieren oder gar sich selbst in ihnen wiederzufinden. Durch die Gruppenarbeit entstehen häufig enge Freundschaften, die schließlich auch eine Vernetzung der Organisationen "über die Fronten hinweg" bewirken.
Im folgenden zitieren wir aus den Rückmeldungen einiger Teilnehmerinnen:
Nada B. hat den Krieg in Vukovar erlebt und ist auch nach der Rückgabe Ostslawoniens (Gebiet im Osten Kroatiens) trotz Repressalien gegen die serbische Bevölkerung in Vukovar geblieben. Sie engagiert sich mit anderen Frauen gemeinsam in der "Frauenvereinigung Vukovar" für eine Verbesserung der Situation von Frauen und für ein Wiederzusammenleben von SerbInnen und KroatInnen in der Stadt. Fürs SEKA-Journal schreibt sie:
"Als Kuca SEKA Frauen aus unterschiedlichen Regionen und verschiedenen Organisationen eingeladen hat zu einer Gruppe, in der wir Hilfe bekommen und lernen könnten, uns selbst und andere zu unterstützen, war ich glücklich, dass meine Organisation gerade mich ausgewählt hat.
Dennoch muss ich gestehen, dass es mir nicht ganz leicht gefallen ist zu fahren. Denn ich komme aus einem Gebiet, in dem Krieg geführt wurde und in dem es auch heute noch immer Spannungen und Konflikte zwischen den betroffenen Seiten gibt. Ich dachte, na ja, irgendwelche Art Provokationen wird es da schon geben, aber als ich in Supetar von der Fähre kam und mich da Mirjana und Gabi erwarteten, verflogen alle meine Ängste und mit einem Mal fühlte ich großes Vertrauen und eine Festigkeit. Und im Hof von Kuca SEKA hießen uns mit liebevollem Lächeln Vesna, Marija und Fani willkommen.
Am Abend versammelten wir uns als Gruppe gemeinsam mit unseren Leiterinnen Nurka Babovic und Edita Ostojic, die ich nie im Leben vergessen werde. Sie haben mir sehr, sehr geholfen, mich gelehrt, wie ich meine schmerzhafte Krise bewältigen und mit meinen Problemen fertig werden und auch gleichzeitig anderen helfen kann. Da wir 13 sehr unterschiedliche Frauen waren - alle in sehr belastenden Situationen -, hatten wir auch sehr unterschiedliche Probleme. Es gab viele Tränen, viele Fragen, viele Antworten. Unsere Leiterinnen waren in jedem Moment bereit, uns zu helfen und uns auch vieles zu erklären. Ich bin der Meinung, dass diese Art von psychologischer Hilfe für uns Frauen hier noch immer sehr, sehr not tut.
Und das Personal von Kuca SEKA - solche Menschen kann man sich nur wünschen: mit fröhlichem Lächeln, humorvoll und von großer Gastfreundschaft.
Bei den gemeinsamen Abendessen waren Mirjana und Gabi mit uns. Sehr angenehm überrascht hat mich, als sie sagten "liebe Frauen, ihr seid uns herzlich willkommen, jede so wie sie ist. Sprecht in der Sprache, die ihr gelernt habt, wir verstehen alles." Diesen Satz werde ich nie vergessen. Dadurch habe ich eine solche Stärke in mir bekommen und dachte: "Mein Gott, diese Menschen habe ich nie zuvor gesehen, aber sie verstehen alles, und in meiner Stadt Vukovar kennen wir uns alle, aber ständig muss irgend jemand jemand anderen in der Sprache verbessern. Ich frage mich, warum muss das so sein, warum sind wir nicht so wie in Kuca SEKA - dann wäre es nie zu Hass und Unstimmigkeiten gekommen." Die Frauen in Kuca SEKA - so etwas gibt es nur dort ... das kann ich Euch gar nicht erklären, das muss man einfach erleben ...
Als wir uns nach dem dritten Gruppentreffen in Kuca SEKA verabschiedet haben, gab es viele Tränen. Doch wir als Gruppe sind weiter in Kontakt - wir hören uns übers Telefon, soweit es uns finanziell möglich ist. Und mir wird immer in Erinnerung bleiben, wie vieles wir von unseren Leiterinnen gelernt haben. Diese Gruppe hat mich psychisch gestärkt und mir sehr geholfen, das zu überwinden, was ich im Krieg erlebt hatte ...
Am Ende möchte ich allen in Kuca SEKA für all das danken, was sie mir gegeben haben. Ich danke auch den Geldgebern und allen Menschen, die mir ermöglicht haben, dass ich zu Kuca SEKA kommen kann, besonders aber danke ich Mirjana und Gabi und wünsche ihnen viel Erfolg in ihrer weiteren Arbeit!
Ich liebe Euch alle und grüße Euch und wünsche mir, dass wir uns so bald wie möglich wiedersehen.
Eure Nada B."
Sekundärtraumatisierung: Traumatisierung durch die (fortgesetzte) Konfrontation mit den traumatischen Erlebnissen anderer

Jagoda K. wurde während des Krieges von Mann und Kindern getrennt, die weiter in der bosnischen Föderation lebten, während sie als Ärztin im serbisch dominierten Territorium an vorderster Front eingesetzt war. Seit kurzem lebt sie in Belgrad, wo sie sich weiter fachlich fortbildet. In einem Brief, den wir in Auszügen zitieren, schreibt sie uns, was ihr der Aufenthalt im SEKA-Haus und die Teilnahme an der Therapiegruppe 2002 bedeutet haben:
"Liebe Gabi, liebe Freundinnen in Kuca SEKA,
Belgrad sieht heute morgen grau und düster aus, kalt und unbekannt, doch in mir erlebe ich noch immer die starke Jagoda von Brac.
Ich möchte mich noch einmal bedanken für alles, was Ihr tut - nicht nur für mich, sondern für alle, die mit Euch in Kontakt kommen.
Mein Leben - es ist nicht ein bisschen leicht ... Jedes Mal, wenn ich nach Brac kam, war meine Seele verletzt, ich war wie verpanzert in meinem Schmerz über die Dinge, die ich nicht verändern kann. Das letzte Mal war ich erfüllt von einer abgrundtiefen Trauer ... Wenn ich nicht nach Brac gekommen wäre, wäre ich sicher wieder in eine Depression gefallen - es wäre nicht das erste Mal gewesen.
Ihr in Kuca SEKA und Nurka und Edita seid Teil einer Kraft, die ich wie eine Lichtquelle empfinde. Durch Edita und Nurka und die Arbeit in der Gruppe habe ich als Ärztin erkannt und erfahren, dass ein Heilmittel nicht das ist, was man in der Apotheke kaufen kann, - nicht für diese subtilen Dinge ...
Von meiner Verletzlichkeit kann mich niemand heilen, aber die Art und Weise, wie ich damit umgehe, dass ich das Leiden meiner Seele in Aktion verwandle, das habt Ihr mir gezeigt. Wo meine Stärken sind ... das habe ich bei und mit Euch ausprobiert und mich selbst darin gefunden.
Jetzt bin ich in einer Phase des Lesens, Zuhörens und des Ordnens ... Sicherlich muss ich noch viel an mir arbeiten ... aber in dem allem sind Kuca SEKA und Ihr, Medica und Edita und Nurka etwas, wohin nur göttliche Wege einen führen können ...
All die Worte reichen mir nicht aus, um auszudrücken, was Ihr in mir erweckt habt und wofür ich Euch dankbar bin ... Es tut mir leid, dass viele Menschen nicht die Möglichkeit haben, das zu erkennen, was wir erkannt haben, weil sie nicht die Möglichkeit haben, an solch einer Gruppe teilzunehmen. Ich hoffe, dass Ihr die Probleme wegen der Finanzierung des Projekts lösen könnt und dass Ihr weiter diese Arbeit tun könnt.
Und noch etwas Großes habt Ihr bewirkt: Im Chaos des Krieges haben die Menschen voller Angst, erschöpft vom Überlebenskampf und erfüllt von Mißtrauen Mauern um sich aufgerichtet, staatliche, nationale, religiöse und am allermeisten persönliche.
Ihr alle habt uns gezeigt, dass, wenn Du mal ein wenig über Deine Mauer spähst, es überall um Dich warme menschliche Augen gibt und Seelen voller Liebe, die nur ebenso Angst haben - genau wie Du. ... Ich erinnere mich an die schönen Steine im Seminarraum - wie die Samen des Verstehens, die Ihr im Chaos in uns gesät habt ... Es ist alles nicht so furchtbar, wie wir denken, wir denken das nur. Wachen wir auf! Für uns selbst und für andere.
Ich grüße Euch alle und liebe Euch sehr
Jagoda K."
>Vesna M.-R., Musikpädagogin und Juristin, langjährige Mitarbeiterin / Aktivistin in verschiedenen Spliter Frauen-Organisationen und Projekten, nahm sowohl an einer der Therapiegruppen als auch an der anschließenden Fortbildung für Multiplikatorinnen teil, die sie maßgeblich mit angeregt hatte.
"Kuca SEKA kann ich sehen, wenn ich in Split spazierengehe, der Stadt in der ich lebe, und doch ist es eine völlig andere Welt. Immer, wenn ich nach Brac gehe, fühle ich mich besonders, weil ausgerechnet ich die Chance habe, die Angebote zu nutzen, die das Team von Kuca SEKA bietet: mich zu entwickeln in all den Rollen, die ich verwirklichen will.
Während meiner Teilnahme an den drei Terminen meiner Therapiegruppe habe ich gelernt, LEBENDIG ZU WERDEN, mir MEINER RESSOURCEN BEWUSST ZU WERDEN und SIE 'AUFZUWECKEN'. In meinem Beruf arbeitete ich in einer verantwortlichen Position und hatte täglich Kontakt mit Frauen, die Gewalt erleben, aber auch ich selbst benötigte Hilfe. Durch die Arbeit in der Gruppe und auch durch zusätzliche Einzeltherapie, die mir Gabi angeboten hat, habe ich meine persönlichen Ressourcen gestärkt und wieder neuen 'Atem' bekommen, um in meiner Helferinnen-Tätigkeit weiterzumachen.
Ich habe mich sehr gefreut, als sich dann mein Wunsch und der vieler meiner Kolleginnen erfüllte und Kuca SEKA eine "Fortbildung für Multiplikatorinnen" organisieren konnte, eine Seminarreihe für uns Helferinnen und Aktivistinnen, die das, was sie während der Therapiegruppe an sich selbst erfahren hatten, nun in ihrer Arbeit und in ihrem Gemeinwesen anwenden wollten, sei es in der Gruppenarbeit oder Einzelberatung mit Frauen, in Fortbildungen, der Arbeit mit Kindern, der bewusstseinsbildenden Arbeit gegenüber Institutionen oder Medien und anderes mehr.
... Wieder komme ich nach Brac - wie auf einen anderen Kontinent - werde herzlich begrüßt von den Kolleginnen in Kuca SEKA, dieser Oase des Friedens, der Freiheit, der Liebe, der Aufmerksamkeit und Herzlichkeit. So fühle ich das jedes Mal, so oft ich auch schon hierher gekommen bin.
Die 13 Frauen unserer Fortbildungsgruppe sind sehr unterschiedlich, arbeiten in ganz unterschiedlichen Bereichen. Doch unseren Leiterinnen Edita Ostojic und Nurka Babovic gelingt es, aus den unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen, die wir gemeinsam zu Beginn des ersten Termins erarbeiten, ein Konzept zu entwickeln, in dem alle sich wieder finden. Als wichtige Schwerpunkte während der Fortbildung setzen wir uns sowohl theoretisch als auch praktisch in zahlreichen Übungen mit den Themenkomplexen 'Kommunikation', 'Werte und Haltung in der Arbeit mit Klientinnen', 'Grenzen', 'Gruppenstrukturen' und 'Macht und Ohnmacht' auseinander. Ein zentrales Thema im dritten Teil der vierteiligen Fortbildungsreihe bildet das Thema "Gewalt in Familie und Gesellschaft". Hier lernen wir die unterschiedlichen Formen von Gewalt zu erkennen, sowie Möglichkeiten der Hilfe und Prävention. Während des vierten Seminars entwickelt jede Teilnehmerin dann ein Projekt, bzw. konkrete Perspektiven, wie sie die erlernten Fähigkeiten und das erworbene Wissen in ihrer Arbeit umsetzen will.
Ich arbeite in einem helfenden Beruf und die Rolle der Helferin habe ich mein Leben lang 'gespielt', aber in dieser Seminarreihe habe ich Fähigkeiten, Wissen und Energie geschöpft, die ich verzweifelt gebraucht habe, um diese Art Arbeit fortzusetzen. Ich habe in den vergangenen Jahren in verschiedenen NROs gearbeitet, mit Frauen, die an Krebs erkrankt waren, die Gewalt in der Familie erleben, die drogenabhängige Kinder haben ... Eine solche Arbeit ist ohne fundierte Fortbildung gefährlich. In Kuca SEKA habe ich das bekommen, wovon ich nicht einmal wusste, dass ich es brauche - auf eine Art und Weise, von der ich nicht wusste, dass sie möglich ist: Konkret und "am eigenen Leib" aber auch voller Leichtigkeit und Humor.
Heute glaube ich an mich selbst und weiß, dass ich diese Arbeit, die ich liebe, erfolgreich leisten kann. Ich kann mir selbst helfen, meiner Familie, den Menschen in meiner Umgebung, meinem Gemeinwesen. Ich fühle mich gestärkt, aber ich weiß auch, wenn ich Hilfe brauche, wo ich sie finden kann: in Kuca SEKA, bei unseren Leiterinnen und bei den Kolleginnen aus meiner Gruppe.
Besondere Liebe und Dankbarkeit fühle ich gegenüber Mirjana und Gabi, die soviel Weisheit hatten, ihre Vision lebendig werden zu lassen, und die nun schon seit fast sechs Jahren Frauen und Kindern die Möglichkeit geben, das zu erfahren, was Kuca SEKA anbietet.
Vesna M., Split, April 2003"