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SEKA-Journal Nr. 11 - Dezember 2002 |
| Einführung Mostar Nevesinje Vorkriegszeit Der "erste Krieg" in Mostar |
Der "zweite Krieg" Die Verfolgung Mostar heute "Koraci Nade" Besuch in Mostar |
Vor ein paar Tagen kam ich von meiner Reise nach Mostar und Nevesinje zurück. Wie versprochen, hatte ich dort die Zentren der Frauen-Organisation "Koraci nade" (= "Schritte der Hoffnung") besucht und insbesondere die Frauen und Kinder, die im Juni 2002 zur Erholung ins SEKA-Haus gekommen waren.
Es war nicht mein erster Besuch in Mostar, dieser größten Stadt der Herzegowina. Meine erste Begegnung mit der Stadt, bzw. dem was davon übrig geblieben war, hatte ich noch während des Krieges im Herbst 1994. Ost-Mostar war zu dieser Zeit eine einzige Trümmerwüste. Es war für mich damals unvorstellbar, daß in diesen Ruinen Menschen (über)leben konnten - ohne Wasser, ohne Strom oder Heizmaterial, mit einem Minimum an Lebensmitteln, noch immer zeitweise von Granatierung und Scharfschützen bedroht. Inzwischen habe ich viele dieser Menschen kennengelernt. 40 Frauen und Kindern aus Mostar und Umgebung, die Krieg, Vertreibung und teilweise auch die Verschleppung in Lager überlebt hatten, haben wir im SEKA-Haus Erholung und psychologische Hilfe bieten können. Zahlreiche Mitarbeiterinnen und Aktivistinnen aus Mostar und Nevesinje nahmen an Seminaren und Therapiegruppen im SEKA-Haus teil.
Im folgenden möchte ich einen Überblick geben über die Zeit vor und während des Krieges in der Stadt Mostar und der Kleinstadt Nevesinje, aber auch die Lebensbedingungen heute beschreiben. Außerdem werde ich die Arbeit der Organisation "Koraci nade Mostar / Nevesinje" vorstellen. Die Fakten des Berichts stützen sich auf zahlreiche Gespräche mit betroffenen Frauen und mit Mitarbeiterinnen von "Koraci nade" und anderen Organisationen aus Mostar und Nevesinje im SEKA-Haus sowie bei Besuchen im Januar 1999 und im September / Oktober 2002 vor Ort.
Mostar liegt im Tal des malerischen "grünen Flusses" Neretva, 55 km von der Adriaküste entfernt. Das Klima ist noch überwiegend mediterran. Vor dem Krieg war die Stadt von Weinbergen umgeben und auch für ihre Weine bekannt.
Sie galt als eine der schönsten und weltoffensten Städte Jugoslawiens. Die malerische überwiegend von der osmanischen Architektur geprägte Altstadt, insbesondere die berühmte 1566 durch die Türken erbaute "alte Brücke", aber auch das kulturelle Leben, das slawische, türkische, österreich-ungarische und mediterrane Traditionen verband, zogen Touristen von nah und fern an.
Gleichzeitig war Mostar Universitätsstadt mit den Fachrichtungen Maschinenbau, Recht, Ökonomie, Pädagogik u.a., aber auch Industriestadt mit Wirtschaftszweigen wie dem Aluminiumwerk, das ca. 5000 Menschen Arbeit bot, Baumwollverarbeitung, Wein- und Saftproduktion, Maschinen- und (Militär-) Flugzeugbau. Jeder dieser Industriezweige beschäftigte 2000 - 3000 ArbeiterInnen und Angestellte.
Im Umland von Mostar wurde auf den fruchtbaren Böden der Herzegowina Landwirtschaft, insbesondere Weinbau betrieben. Die Stadt selbst wirkte mit vielen Alleen und Parkanlagen sehr grün und die Mostarer waren stolz auf die Gepflegtheit und Sauberkeit ihrer Stadt.
Mostar galt außerdem als Beispiel für das harmonische Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen Jugoslawiens. Die Stadt hatte 1991 insgesamt ca. 126.000 EinwohnerInnen, davon 34,8% Muslime, 33,8% Kroaten, 19% Serben und 12,4%, die sich keiner dieser Gruppen zuordnen wollten oder sich als Jugoslawen bezeichneten. Mostar war - nach Zagreb - die Stadt mit den meisten gemischten Ehen im gesamten Gebiet Jugoslawiens.
Die Kleinstadt Nevesinje liegt - umgeben von bewaldeten Hügeln - 33 km östlich von Mostar, heute auf dem Gebiet der "Republika Srpska", des serbisch dominierten Teils Bosnien-Herzegowinas.
Vor dem Krieg war Nevesinje ein unauffälliger Provinzort mit einigen tausend EinwohnerInnen, die allen drei Bevölkerungsgruppen angehörten: Muslime, Kroaten und - zahlenmäßig etwas stärker vertreten - Serben. Die Menschen waren hier nie sehr wohlhabend, aber alle hatten ihr Auskommen. Neben einigen Textilbetrieben gab es Holz- und Holzverarbeitungsbetriebe. Viele BewohnerInnen pendelten nach Mostar zur Arbeit. Daneben betrieb fast jede Familie Landwirtschaft und insbesondere Viehzucht, mindestens zum Nebenerwerb.
Wie überall in Bosnien-Herzegowina und Kroatien begannen seit 1990 auch in Mostar die Führer der neugegründeten nationalistischen Parteien SDS (serbische Nationalisten), HDZ (kroatische Nationalisten) und SDA (bosniakische Nationalisten), das politische Klima anzuheizen und Spannungen unter den Bevölkerungsgruppen zu schüren. Es gab gegenseitige verbale Attacken, die über die Medien verbreitet wurden, die Bevölkerung zu dieser Zeit aber noch nicht sonderlich beeindruckten.
Doch dann besetzten im September 1991 montenegrinische Reservisten die Berge im Osten Mostars. Noch wurde das Ganze als "Übung" deklariert. Aber abends hörte man Schießereien. Es gab Bombenexplosionen. Die Situation verschärfte sich ständig. Nachts kamen die Reservisten in die Stadt, randalierten in den Kneipen, bedrohten die Bevölkerung. Insbesondere in Ost-Mostar trauten sich die Menschen nachts nicht mehr aus dem Haus. Die Angst vor einem Angriff wuchs, insbesondere, als nach dem Fall Vukovars (im Krieg in Kroatien) in einem Hetzartikel von serbischer Seite gedroht wurde, Mostar würde "das zweite Vukovar sein".
Die Mostarer Bevölkerung organisierte mehrere große Demonstrationen gegen den Krieg. Vor allem die Frauen und die SchülerInnen der Mostarer Schulen forderten damit die Politiker auf, eine friedliche Lösung zu suchen. Doch der Krieg war längst eine abgekartete Sache.
Am 03. April 1992 explodierte vor dem Camp der JVA (Jugoslawische Volksarmee) ein Tankwagen. Die Explosion zerstörte gleichzeitig ein ganzes Wohngebäude. Die SDS stellte nun eine eigene "serbische Polizei" auf, serbische Reservisten riegelten Stadtteile mit überwiegend serbischer Bevölkerung durch Barrikaden ab und terrorisierten und mißhandelten die nicht-serbische Bevölkerung. Allerdings beherrschten sie hauptsächlich Ost-Mostar, da West-Mostar von den sehr viel besser bewaffneten kroatischen Milizen (HVO und HOS) kontrolliert wurde. Muslimische und auch einige kroatische Männer in Ost-Mostar wurden nachts aus ihren Wohnungen geholt, mißhandelt und schließlich auf einer Mülldeponie ermordet.
Mehr und mehr serbische Familien flohen aus Mostar, teils weil sie wohl vom bevorstehenden Angriff wußten, teils aber auch vor der Bedrohung durch die kroatisch-bosnischen HOS-Milizen, die ihrerseits die serbische Bevölkerung schikanierten. Es gab bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen serbischen und kroatischen Milizen. Dann begann die Granatierung und der Beschuß durch Heckenschützen von den umliegenden Bergen.
Die muslimische Bevölkerung Ost-Mostars organisierte die Verteidigung schlecht und recht, da sie kaum Waffen hatten. Frauen und Kinder flohen nach West-Mostar - und teils von dort aus nach Kroatien oder ins westliche Ausland.
Zu dieser Zeit arbeiteten HVO und die bosniakische Verteidigung noch zusammen, und verteidigten die Stadt gemeinsam gegen die serbisch-montenegrinischen Angreifer. Diesen gelang es allerdings, die gesamte Stadt über mehrere Monate einzukesseln. Die Wasser- und Stromversorgung brach zusammen, es gab kaum noch Lebensmittel oder Medikamente. Nur einige der Kinder konnten in speziellen Kindertransporten unter UN-Schutz aus der Stadt in Sicherheit - nach Kroatien - gebracht werden. Ost-Mostar wurde in dieser Zeit stark zerstört.
Dann plötzlich, im Sommer 1992, zogen sich die JVA und die serbischen Milizen zurück und bedrohten Mostar bis zum Kriegsende 1995 nur noch zeitweise mit Granaten- und Sniperbeschuß. Nun kamen wieder Lebensmittel in die Stadt und die Wasserversorgung wurde wieder hergestellt. Die Bewohner Ost-Mostars, die in West-Mostar Schutz gesucht hatten, begannen in dieser Zeit, ihre Häuser vom Schutt zu befreien und bereiteten sich auf die Rückkehr vor. Die meisten Menschen hofften, sie hätten das Schlimmste überstanden. Doch da täuschten sie sich.
Gleichzeitig strömten nun Tausende von Flüchtlingen in die Stadt, überwiegend Frauen und Kinder, die aus den serbisch besetzten Gebieten der Ostherzegowina (Nevesinje, Gacko, Stolac, Trebinje und anderen Orten) vertrieben worden waren. Diese Flüchtlinge waren schwerst traumatisiert, hatten Plünderung, Brandschatzung und brutale Vertreibung aus ihren Dörfern erlebt und waren Opfer oder Zeugen extremer Grausamkeiten geworden. Viele hatten die Ermordung nächster Angehöriger oder Freunde miterleben müssen. Bevor sie nach Mostar abgeschoben wurden, waren sie Tage oder Wochen in Lagern festgehalten worden, in denen sie weiterhin Demütigungen und Mißhandlungen ausgesetzt waren.
Diese Flüchtlinge mußten nun in Mostar ebenfalls notdürftig untergebracht und versorgt werden.
Das Gebiet der Ostherzegowina, so auch die Kleinstadt Nevesinje, war zu diesem Zeitpunkt von den serbischen Nationalisten fast völlig "ethnisch gesäubert". SerbInnen, die versuchten, sich den Grausamkeiten an Nicht-Serben entgegen zu stellen, wurden teilweise selbst Opfer von Gewalt und Bedrohung, einige auch ermordet. Gleichzeitig war das Gebiet mit serbischen Flüchtlingen aus Mostar und der Westherzegowina überfüllt, die zwar vor Granaten sicher waren, aber in bitterer Armut lebten und Hunger litten.

Bereits im Herbst 1992 war es in Mittelbosnien zu Spannungen und einzelnen bewaffneten Zusammenstößen zwischen der bosnisch-kroatischen HVO und der bosniakisch (muslimisch) dominierten "Armee BiH" gekommen. Insbesondere die kroatischen Nationalisten heizten nun mehr und mehr die Ressentiments gegen die muslimische Bevölkerung an. Unterstützt vom Tudjman-Regime in Kroatien strebten sie den Anschluß der Herzegowina und Westbosniens an Kroatien an.
Im April 1993 eröffnete die HVO schließlich mit dem Überfall auf das Dorf Ahmici, dem Massaker an der dortigen muslimischen Bevölkerung, und der Blockade muslimischer Enklaven in Zentralbosnien den "Krieg im Krieg". Dieser Zweifrontenkrieg führte zur totalen Blockade Zentralbosniens durch Serben auf der einen, Kroaten auf der anderen Seite und damit auch zu einer furchtbaren Hungersnot für die eingeschlossene - überwiegend bosniakische Bevölkerung. Für Mostar begann damit der "zweite Krieg", den insbesondere die muslimische Bevölkerung als noch viel schrecklicher erlebte als den "ersten Krieg": Auf einmal waren die bisherigen Verbündeten, mit denen man den ersten Krieg gemeinsam überstanden hatte, erbitterte Feinde. Für die meisten Muslime war das ein schwerer Schock. Aber auch viele KroatInnen empfanden den von den kroatischen Nationalisten angezettelten neuen Krieg als furchtbar. Zu viele Familien hatten Angehörige, Verwandte und Freunde "auf der anderen Seite". Sie fühlten sich zerrieben zwischen den Fronten.
Samija (Name geändert) erzählte mir zum Beispiel von ihrem 20-jährigen Neffen, einem kroatischen HVO-Soldaten, der ihr eines Tages schluchzend anvertraute, daß er nach Gornji Vakuf abkommandiert sei. Er wußte, daß er dort gegen muslimische Zivilisten eingesetzt werden sollte. Er war zur HVO gegangen, weil er Mostar, seine Stadt, verteidigen wollte, aber nicht, um andere zu überfallen. Er wußte, daß er, wenn er sich weigerte, als Deserteur gelten würde. Er war verzweifelt, wußte nicht, was er tun sollte. Samija, selbst Muslimin, bestärkte ihn, nichts gegen sein Gewissen zu tun. Schließlich beschloß er, sich an die Front in Mostar zu melden: "Wenn es schon sein muß, dann kämpfe ich lieber Soldat gegen Soldat. Da haben wir die gleichen Chancen." Jeden Abend, wenn der Junge an die Front mußte, warteten Mutter und Tante voller Angst auf seine Rückkehr. Oft hörten sie so heftige Schießereien, daß sie schon überzeugt waren, daß da auf beiden Seiten keiner überlebt hatte. Doch auch an diesen Abenden kehrte der Neffe glücklicherweise wohlbehalten zurück. Schließlich erzählte der junge Mann Samija eines Tages, was sich in diesen Nächten voller Schießereien abspielte. Durch gegenseitige Zurufe testeten er und einige seiner Freunde aus, wer da auf der anderen Seite war. Wenn sie einen Bekannten oder ehemaligen Schulfreund erkannten, unterhielten sie sich und einigten sich darauf, immer wieder wie verrückt in die Luft zu ballern, da sie nach dem Fronteinsatz die verschossenen Munitionshülsen vorweisen mußten. Da die Lebensmittel im Osten sehr knapp waren, wechselte manchmal auch ein Lebensmittelpäckchen auf die andere Seite.
An anderen Abschnitten der Front wurde allerdings erbittert gekämpft, insbesondere, wenn muslimische Flüchtlinge aus der Ostherzegowina auf kroatische Vertriebene aus anderen Teilen Bosnien-Herzegowinas trafen.
In West-Mostar hatten während des "ersten Krieges" auch viele Muslime und sogar einige Serben in der HVO gekämpft, da sie sich in erster Linie als Verteidiger ihrer Stadt fühlten. Mit Beginn des "zweiten Krieges" inhaftierte die HVO alle diese nicht-kroatischen Soldaten als "Feinde" und brachte sie in Militärlager. Einige von ihnen wurden ausgetauscht gegen von der Armee BiH ebenfalls gefangengenommene kroatische Soldaten, der Großteil blieb allerdings erstmal in diesen Lagern und war Schikanen und Mißhandlungen ausgesetzt. Außerdem wurden die Gefangenen zur Zwangsarbeit eingesetzt.
Doch nicht nur Soldaten wurden inhaftiert. Mit dem Ziel der "ethnischen Säuberung" wurde ab Mai 1993 fast die gesamte nicht-kroatische Zivilbevölkerung West-Mostars (überwiegend Muslime) in Lager verschleppt.
Besonders die Einheiten des kroatischen Generals Mladen "Tuta" Naletilic taten sich dabei durch ihre Grausamkeit und Brutalität hervor. Mißhandlungen, Vergewaltigungen und Morde waren dabei an der Tagesordnung. Tage- und zeitweise wochenlang wurden auch Frauen und Kinder unter menschenunwürdigen Bedingungen in diesen Lagern gehalten. "Selbstverständlich" wurden gleichzeitig auch Häuser, Wohnungen und Eigentum der Verschleppten konfisziert. Viele starben in den Lagern an Durst, Erschöpfung, Krankheiten und den Folgen von Mißhandlungen. Nach Tagen, Wochen oder manchmal gar erst Monaten wurden die Gefangenen schließlich freigelassen und nach Ost-Mostar vertrieben. Wer die Möglichkeit hatte, versuchte ins Ausland zu entkommen.
Adaleta (Name geändert) berichtet über ihre Zeit im Lager "Heliodrom", das in der ehemaligen Militärakademie eingerichtet worden war.
"Frauen und Kinder wurden in völlig überfüllten Zellen zusammengepfercht. Ich weiß nicht mehr, was schlimmer war: die Angst und Ungewißheit, was mit uns geschehen würde, die Enge, der Sauerstoffmangel, die Erschöpfung, oder der Hunger und Durst. Besonders schlimm war, daß wir nichts für die Kinder hatten ... Dennoch war unter uns Frauen eine Entschiedenheit zu kämpfen ... Meine Erfahrung mit diesen Situationen war, daß die Frauen sehr viel mutiger waren als die Männer, die sich widerstandslos abführen ließen. Vielleicht war das so, weil die Frauen für die Kinder verantwortlich waren. Sie konnten nicht einfach aufgeben ... Ich weiß noch, als eines Nachts Tutas Leute kamen, sie grölten betrunken vor unserer Zelle, wollten junge Frauen herausholen, um sie zu vergewaltigen - da griffen wir uns, was eben da war: einen Besenstiel, den Latrineneimer ... wir waren entschieden, lieber zu sterben, als ohne Gegenwehr zuzulassen, daß sie unseren Töchtern Gewalt antun würden. Aber wir hatten Glück - es kam nicht zum Kampf. Wir bekamen Hilfe, mit der wir nicht gerechnet hatten: Unser kroatischer Gefängniswärter, der auch schon vor dem Krieg als Vollzugsbeamter gearbeitet hatte, weigerte sich, den randalierenden Milizionären unsere Zelle aufzuschließen. Sie bedrohten ihn, forderten den Schlüssel. Doch den hatte er vorsorglich zuvor versteckt. Er meinte zu ihnen: ,Mein Job ist, diese Frauen zu bewachen. Es kommt hier ohne Befugnis niemand raus und niemand rein.' Der Mann riskierte sein Leben. Aber letzten Endes zogen sie ab. Allerdings hörten wir dann aus dem Männertrakt, daß sie ihre Wut an den gefangenen Männern ausließen."
Nach Interventionen des Internationalen Roten Kreuzes und der UN wurden die Lager schließlich aufgelöst und die Muslime überwiegend nach Ost-Mostar abgeschoben.
Im August 1993 riefen die kroatischen Nationalisten in den von ihnen beherrschten Gebieten Bosnien-Herzegowinas den "Staat Herceg Bosna" aus, der allerdings international nie anerkannt wurde. Mostar sollte nach ihren Plänen die Hauptstadt dieses "rein kroatischen Staates" sein, der sich dann später an Kroatien anschließen sollte. Das kroatische Regime unter Tudjman unterstützte die HVO der bosnischen Kroaten massiv mit Geld, Waffen und zeitweise auch Truppen.
Ost-Mostar wurde während des "zweiten Krieges" nun vom kroatischen West-Mostar aus durch heftige Granatierung vollends zerschossen. Dabei wurde auch Mostars Wahrzeichen, die "alte Brücke", endgültig zerstört. In den Trümmern und Kellern Ost-Mostars überlebten dennoch tausende Menschen unter furchtbaren Bedingungen.
Unter Druck der (in den USA neu gewählten) Clinton-Regierung auf Kroatien wurde schließlich im Frühjahr 1994 der "Krieg im Krieg" in Bosnien-Herzegowina beendet und die kroatisch-bosniakische Föderation bzw. die Konföderation dieser Föderation mit Kroatien begründet. Die fanatischen kroatischen Nationalisten in West-Mostar hielten sich jedoch noch lange nicht an den vereinbarten Waffenstillstand. Erst das Dayton-Abkommen brachte ein Ende der Kriegshandlungen in Mostar - allerdings noch lange keinen wirklichen Frieden.

Auch heute noch ist Mostar eine geteilte Stadt. Von 6000 Kroaten in Ost-Mostar vor dem Krieg sind heute nur noch eine Handvoll übrig. Von mehr als 15000 Bosniaken in West-Mostar leben nur noch etwa 2000 im West-Teil der Stadt. In der ganzen Stadt gibt es kaum noch serbische Familien. Die Rückkehr der Vertriebenen, von denen viele ins Ausland geflohen sind, verläuft sehr schleppend. Zwar hat sich die Lage in den letzten Jahren unter dem Druck der internationalen Gemeinschaft allmählich verbessert. Der freie Zugang zu allen Stadtteilen ist seit 1999 wieder für alle möglich. Doch noch immer sind alle Verwaltungseinheiten, Institutionen und Schulen getrennt. West-Mostar wird von den kroatischen Nationalisten der HDZ, Ost-Mostar von den bosniakischen Nationalisten der SDA beherrscht. Die Nationalisten aller Seiten, die den Aufbau eines gemeinsamen Staates zu verhindern suchen, haben bei den letzten Wahlen in Bosnien-Herzegowina (Anfang Oktober 2002) leider erneut gewonnen, allerdings bei einer Wahlbeteiligung von nur 52%. Die Mehrzahl der Bevölkerung auf allen Seiten ist resigniert, glaubt keinem der Politiker mehr. Die Menschen sind mit dem Kampf um ihre Existenz beschäftigt. Die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor immens, die Löhne sind gering, die Lebenshaltungskosten steigend. Natürlich gibt es eine Schicht von Kriegsgewinnlern, die mit den herrschenden Eliten der Nationalisten in mafiösen Strukturen verbunden sind und sich mit allen Mitteln an der Macht halten. Sie haben die Privatisierung mit kriminellen Methoden zur eigenen Bereicherung genutzt und gleichzeitig die ehemaligen Staatsbetriebe zerstört.
"Das Schlimmste aber ist", meint Samija, "daß kein wirklicher Rechtsstaat existiert, in dem es Rechtssicherheit gibt. Das müßte zuerst geschaffen werden. Dann ließe sich auch die 'kriminelle Privatisierung' rückgängig machen. Die gestohlenen Gelder müßten zurückgegeben werden. Es gibt viele Firmen, z.B. in der Lebensmittelproduktion, die mit relativ geringen Mitteln saniert werden könnten. Aber dazu braucht es Rechtssicherheit und ein entschiedenes Vorgehen gegen Korruption. Solange die Mafia jedoch selbst an der Regierung beteiligt ist, wird sich nichts ändern ..." und Ana (Name geändert) ergänzt: "Es dauert alles zu lange, die Menschen haben keine Geduld mehr und sie haben den Glauben in die Politik verloren. Sicherlich ist die Situation in Mostar heute besser als vor fünf Jahren, zumindest was die Atmosphäre, gewalttätige Übergriffe und nationalistische Hetze betrifft. Heute ist es möglich, daß sich Menschen der verschiedenen Entitäten gemeinsam bei kulturellen oder gar politischen Veranstaltungen treffen, miteinander diskutieren. Das wäre noch vor 2 Jahren nicht möglich gewesen. Wir haben auch eine gemeinsame Polizei. Auch die Universität ist - zumindest formal - für alle geöffnet. Aber das Problem ist, daß es auf beiden Seiten der geteilten Stadtverwaltung kein wirkliches Interesse an einer Zusammenarbeit gibt. Den wichtigsten Beitrag zur Verständigung und in Richtung auf ein gemeinsames Zusammenleben leisten hier nach wie vor einige Nicht-Regierungs-Organisationen wie zum Beispiel auch 'Koraci Nade'."
Die international tätige Frauenorganisation "Mary Stopes International" gründete im Rahmen ihres Engagements während des Krieges in Kroatien und Bosnien-Herzegowina auch in Mostar im Herbst 1994 ein erstes Zentrum, in dem Frauen psychosoziale Hilfe und materielle Unterstützung angeboten wurde. Von Anfang an richtete sich das Angebot des zentral gelegenen Treffpunkts an Frauen aller Bevölkerungsgruppen, wofür die lokalen Mitarbeiterinnen erheblichen Anfeindungen ausgesetzt waren. Als sich "Mary Stopes International" 1997 aus Bosnien-Herzegowina und Kroatien zurückzog, wurden die lokalen Zentren zuerst als "Stope nade" ("Spuren der Hoffnung") von Split aus weitergeführt, bis sich die Zentren in Mostar und Umgebung schließlich im Herbst 2000 als "Koraci nade" (= "Schritte der Hoffnung") selbständig machten. Neben dem ersten Zentrum gab es zeitweise acht weitere Zentren, sowohl in West- als auch in Ost-Mostar, im nahegelegenen Dorf Blagaj und - seit 1998 - auch in Nevesinje (Republika Srpska). Inzwischen gibt es noch fünf Zentren, die (bisher noch) alle von der schwedischen Frauen-Organisation "Kvinna till Kvinna" finanziert werden.
Neben psychosozialer Hilfe und Beratung bieten die Zentren auch Beschäftigungstherapie und eine große Anzahl von Qualifizierungskursen an (Sprachen, Computer, Nähen, Friseurkurse etc.), die den Frauen helfen sollen, ihre Einkommensmöglichkeiten zu verbessern. In den letzten Jahren leistet "Koraci nade" insbesondere auch Unterstützung für Rückkehrerinnen. Seit 1996 gibt es außerdem spezielle Gruppenangebote sowie Sprach- und Computerkurse für Kinder / Jugendliche, insbesondere Mädchengruppen.
Ziel der Arbeit der Zentren ist einerseits die Stärkung der Frauen, sowohl ökonomisch, psychologisch und bzgl. ihres Bewußtseins über ihre Rechte. Das zweite wichtige Ziel ist die Förderung der Kommunikation und Begegnung der Frauen aus den verschiedenen Bevölkerungsgruppen. "Koraci nade" ist die einzige Organisation, die sowohl in West-, als auch in Ost-Mostar und gleichzeitig in der Republika Srpska arbeitet. Auch im Team der Zentren arbeiten Frauen aller drei "Entitäten" (= in Bosnien-Herzegowina gebräuchlicher Ausdruck für die drei hauptsächlichen Bevölkerungsgruppen: Bosniaken, Kroaten und Serben). Die gute Kommunikation zwischen den Teamfrauen dient dabei gleichzeitig als Modell für die Besucherinnen.
Seit 1994 haben mehrere Tausende Frauen die Zentren von "Koraci nade" besucht und Angebote wahrgenommen. Manche Frauen kommen seit Jahren regelmäßig und nutzen die Zentren als Treffpunkt und Rückhalt in ihrem schwierigen Alltag. "Wenn ich in diesen ersten Jahren nach dem Krieg ‚mein Zentrum' nicht gehabt hätte", sagt mir eine der Besucherinnen - und viele andere nicken dazu, "dann wäre ich verrückt geworden. Es war so wichtig einen Ort zu haben, wo es vernünftig denkende Frauen gab, die diesen ganzen Wahnsinn nicht mitgemacht haben."

Bei meinen Besuchen in den verschiedenen Zentren "Koraci nades" in West- und Ost-Mostar, Blagaj und Nevesinje werde ich begeistert und herzlich empfangen. Wir trinken zusammen Kaffee, tauschen Neuigkeiten aus, schauen Fotos vom Sommer an. Mit mehreren Frauen führe ich auf Wunsch auch Einzelgespräche. Das Leben ist für sie nicht leichter geworden: ökonomische Probleme, familiäre Probleme, die häufig durch erlebte Traumata verursacht oder zumindest verstärkt wurden, der Tod naher Angehöriger. Und dennoch - es ist nicht wie zuvor: "Ich bin einfach stärker und ruhiger geworden. Ich glaube mehr an mich selbst und habe nicht mehr so viel Angst," sagt mir eine der Frauen. Und eine andere: "Als ich nach Brac kam, war ich sehr depressiv und hatte keine Hoffnung und keine Kraft mehr. Als ich dann zurück kam, war ich eine andere Frau. Und das hält immer noch an, ich habe wieder so viel Energie, ich kann mich wieder freuen und - das Verrückte ist - in der letzten Zeit ereignet sich ständig irgend etwas Schönes!"
Auch eine der Mitarbeiterinnen sagt mir: "Wenn ich sehe, wie sich die Frauen und Kinder unserer Gruppe verändert haben in den 14 Tagen im SEKA-Haus, dann grenzt das an ein Wunder. Einige der Frauen, die sehr schwer traumatisiert waren und die sich in unseren Gruppen nie wirklich öffnen konnten, sind wie verwandelt zurückgekommen. Sie sind alle wie verjüngt, mit neuer Energie und neuem Lebensmut. Wir haben sie fast nicht mehr wiedererkannt."
Von einigen Frauen erhalte ich beim Abschied Briefe, die sie mich bitten "in Eurem Magazin für Deutschland zu veröffentlichen, damit die Menschen, die SEKA unterstützen, wissen, was der Aufenthalt in Kuca SEKA für uns bedeutet". Dies will ich im Anschluß tun.