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SEKA-Journal Nr. 11 - Dezember 2002 |
| Einführung Vorgeschichte Vor der Abfahrt Die Fahrt Die Ankunft, das Meer |
erste Gespräche Die Besserung Wieder in meiner Stadt Gästebuch |
Esma D., 38 Jahre alt, Bosniakin, hat die mehr als dreijährige Belagerung der sogenannten UN-Schutzzone Gorazde erlebt. Als einzige Frau hat sie dabei während des gesamten Zeitraums an vorderster Front die Enklave Gorazde militärisch verteidigt. Als sie ins SEKA-Haus kam, litt sie unter massiven Symptomen von PTSD (Posttraumatische Belastungsstörung) und den Folgen eines Schlaganfalles, der 9 Monate zurücklag.
Esma beschreibt, wie sie ins SEKA-Haus kam und was ihr der Aufenthalt dort bedeutet:
Der Bus kriecht Kilometer um Kilometer in Richtung Sarajevo und entfernt mich so von dem Ort, der für immer zu einem Teil meiner selbst geworden ist, trennt mich von den wundervollen Menschen aus Kuca SEKA, die mir so etwas wie eine "Infusion" gegeben haben, damit ich meinen Kampf für meine Gesundheit und mein Glück fortsetzen kann. Während die Mehrzahl der Mitreisenden schlafen oder zu schlafen versuchen, analysiere ich mit geschlossenen Augen die Zeit der vergangenen 15 Tage. Ich fühle mich schön, als ob ich träume. Es ordnen sich die Bilder, die Erlebnisse, die Erinnerungen an Brac, den Ort Splitska, an Kuca SEKA, dort sind Gabi, Mirjana ... Schon früher hatte ich von Herma (meiner Kollegin) gehört, daß dies ein wundervoller Ort sei. Doch nun hatte ich die Gelegenheit, ihn kennenzulernen.
An einem Märztag begann Herma in den Räumen unserer Frauen-Organisation "Anima" in Gorazde ein Gespräch über den geplanten Sommererholungsaufenthalt für Frauen und Kinder auf der Insel Brac in Kuca SEKA und darüber, was der Zweck eines solchen Aufenthalts sei. Indem sie sich an die anwesenden Frauen wandte, schlug sie vor, daß auch ich mitfahren sollte. Ich faßte ihre Bemerkung als Scherz auf, schaute in ihre Richtung, lächelte, winkte mit der Hand und indem ich meine Arbeit am Computer fortsetzte, sagte ich nebenbei: "Warum nicht, Herma, sicherlich!"
Die Zeit verstrich. Ich arbeitete ein wenig und versuchte mich hauptsächlich von meinem Schlaganfall zu erholen, den ich einige Monate zuvor erlitten hatte und der den Nerv meines linken Auges beeinträchtigt hatte. Noch waren weder meine Sehfähigkeit noch meine Reflexe wieder in Ordnung, aber leichte Tätigkeiten konnte ich schon wieder erledigen. Ich erlegte mir selbst eine strenge Ordnung auf bzgl. meiner Lebensweise und verschloß mich dadurch mehr und mehr wie in einem Schneckenhaus, das nicht zerbrechen konnte. Der Krieg lag hinter mir und mit ihm eine Menge schlechter Erinnerungen, die sich tief in meine Seele, in mein Herz eingegraben hatten - und dann zu allem Überfluß auch noch dieser Schlaganfall.
Ich erhielt mich gerade so am Leben. Ich fühlte keine Zufriedenheit aber auch keine Unzufriedenheit. Ich hatte alles Nötige zum Leben, aber ich hatte nichts. Mein Urlaub rückte näher, ich hatte keine Idee, wie ich ihn verbringen sollte, ich war lustlos. Einen Monat - was sollte ich mit dieser Zeit anfangen?
Die Stadt, in der ich lebe, erholt sich langsam vom Krieg und erhält allmählich wieder ihr früheres Aussehen, die Ruinen werden weniger. Mein Unglück ist, daß ich weiß, daß Gorazde eine äußerlich schöne Stadt ist - aber ohne Leben, ohne Seele, leer, obwohl sie reich sein könnte, ist sie doch so arm. Die Straßen sind fast wieder wie einst, die Menschen bewegen sich auf ihnen, aber in jedem Gesicht sehe ich tiefe Falten, die an die vergangene Periode erinnern.
Zu meiner großen Überraschung - ich hatte unser Gespräch vergessen - ruft mich eines Tages Herma an und sagt, wir hätten etwas zu besprechen, wegen unserer Reise nach Brac. Gut, ich gehe zu "Anima", ich bin überhaupt gern dort. Es gibt einige kleinere Arbeiten am Computer, dann werde ich sehen, worum es sich bei der Reise handelt. Herma läßt mich gar nicht viel zu Wort kommen, sie und Vesna, unsere Koordinatorin, erklären mir nur kurz, was zu tun sei, als ob sie ahnen, was mit mir los ist. Sie geben mir einfach die Liste mit den Namen der Frauen und Kinder und sagen, daß ich damit zur Reise-Agentur gehen solle und die Bus-Fahrkarten reservieren. Ich gehe apathisch über die Drina-Brücke, schaue dabei auf die Liste. All diese Frauen habe ich irgendwann mal durch unsere Organisation getroffen, aber gut kenne ich nur Herma. In ca. 10 Tagen sollten sie abreisen und die Rückreise sollte am 13.08. sein, und - auch ich bin auf der Liste.
Mich erfaßt Panik und ich fühle eine Eiseskälte, ich werde unruhig, nicht aus Freude, aber auch nicht aus Trauer, vielleicht wegen dieser meiner inneren Leere, Unsicherheit, Angst ... unsichtbare Krallen reißen sich aus der Tiefe und brüllen: Du mußt es, du sollst es, versuch es. Werde ich dazu in der Lage sein? Ich bin doch für gar nichts zu gebrauchen, am allerwenigsten für einen Erholungsaufenthalt.
Ich gehe trotzdem. Ich packe meine Sachen, einige Kleinigkeiten und die Bücher, die ich brauche, um meine letzte Prüfung vorzubereiten (um den Berufstitel "Professor für Verteidigung und Sicherheit" zu erwerben), wenn schon für nichts anderes, dann kann ich diesen "Urlaub" dazu nutzen, mich auf meine Prüfung vorzubereiten und so die Tage verkürzen.
Dann bin ich im Bus "Gorazde - Sarajevo". Die Umgebung ist mir bekannt, aber auch wenn es nicht so wäre, es wäre mir egal. Die Leere hat mich wie eine Wiege eingelullt und mein Blick verliert sich irgendwo in der Ferne. Ich nehme nichts wahr, was irgend ein Interesse in mir erwecken könnte. Meine Seele ist wie lautlos abgestorben. Wichtig ist, daß das Leben verstreicht. Ich werde bald 38 Jahre alt sein, aber ich fühle mich wie im hohen Alter. Warum kann ich nicht fröhlich sein, energisch, voller Liebe ... wenigstens ein wenig.
Nun bin ich schon in Sarajevo und gehe durch die Straßen, schaue die Schaufenster an und für einen Moment gelingt es mir, etwas wahrzunehmen, aber dann spult sich gleich wieder derselbe Film in meinem Kopf ab - mit einem starken stumpfen Schmerz in der Tiefe. Die Bilder des Krieges und des Grauens, ich will sie nicht, aber sie sind stark, ich gehe, aber es ist, als ob ich krieche. Vielleicht wäre ich besser zu Hause geblieben - in meinem "Frieden". Ich muß nicht vorwärts - aber ich darf nicht zurück in die Vergangenheit, die noch viel dunkler ist als das, was ich jetzt habe. Ich kann und ich muß.
Ich finde die Gruppe am vereinbarten Ort, es wird mir leichter. Die Frauen mit ihren Kindern. Die Kinder fröhlich und die Mütter stolz und aufgeregt. Das Gespräch handelt davon, wie sich wer auf die Reise vorbereitet hat. Viele hatten nicht schlafen können. Sie können nicht glauben, daß sie wirklich verreisen.

Der Bus ist abgefahren, mein Sitznachbar ist der Junge Dino, fröhlich und wißbegierig wie eine kleine Biene. Alle haben ihren Platz gefunden, die Gespräche werden weniger, sie schauen durchs Fenster, obwohl draußen Dunkelheit herrscht. Dino neben mir redet und fragt mich von Zeit zu Zeit, wo wir sind. Ich versuche, ihm präzise zu antworten, aber ich fühle mich nicht sehr gut, als ob mich eine chronische Müdigkeit erfaßt.
Wir vereinbaren, daß wir zu schlafen versuchen, und während Dino das auch mit kindlicher Ehrlichkeit versucht, werfe ich von Zeit zu Zeit einen Blick auf ihn und bewundere seine kindliche Sorglosigkeit. Ich schließe die Augen und versuche, diese häßlichen Bilder zu verdrängen, aber das schwarze Buch in meinem Gehirn blättert sich von selbst weiter mit all diesen schrecklichen Ereignissen. Da fühle ich auf einmal eine Berührung und eine fröhliche Stimme fragt: "Und wo sind wir jetzt?" Innerlich bin ich Dino zutiefst dankbar für dieses Aufwecken aus einem häßlichen Traum und ich fahre fort, mit ihm zu reden.
Dann sind wir schon in Split, es ist früher Morgen, die Kinder schauen im Halbschlaf um sich, wo sie denn nun sind. Auch die Mütter versuchen, sich zu orientieren.
Die Entdeckung des Meeres gibt den Gesichtern einen besonderen Ausdruck. Sie schauen ins Wasser, bewundern es und verbergen ihre Freude nicht. Die Fähre wird erwähnt. Die Kinder fragen aufgeregt, was das ist, und warten ungeduldig darauf zu sehen, was sie da schließlich zu "Kuca SEKA" bringen wird, zu dem Haus, das für zwei Wochen ihr Zuhause sein wird.
Ich schweige und nur, wenn es nötig ist, bemühe ich mich, mich am Gespräch zu beteiligen. Auf der Fähre sind alle in Gedanken versunken. Ich bin schläfrig und es interessiert mich eigentlich gar nicht, wo ich mich befinde. Die Kinder schauen aufs Meer und freuen sich über jedes neue Boot oder Schiff. Andrea ruft, daß sie einen Delfin gesehen hat und wirklich war da in den Wellen ein Delfin.
Wir kommen in Supetar an, verlassen die Fähre und sind von Massen von Menschen umgeben. Am Kai erwartet uns ein unbekanntes aber herzliches Gesicht mit einem warmen Willkommensgruß. Sie sagt, daß sie Mirjana ist, und zeigt uns den Weg zum "Medo", so heißt der Kleinbus von Kuca SEKA. Liebevoll fragt sie, wie unsere Reise verlaufen ist. Die Köpfe der Kinder schauen neugierig hierhin und dorthin und es gibt die ersten Bemerkungen über die Schönheit, die uns umgibt.
Ich finde wie üblich den sichersten Platz im Hintergrund, höre, was sich um mich ereignet und ein leichter Schmerz zieht mir durch den Kopf.
Wir kommen zum Haus "SEKA" und lernen Gabi, Esmeralda, Nataša und Fani kennen. Hermina und meine Kolleginnen begrüßen sie. Ich warte, bis ich an der Reihe bin. Sofort bekommen wir Kaffee und Saft, die uns sehr willkommen sind, um uns ein wenig zu erfrischen.
Die Frauen reden über die Reise und die Kinder streifen schon durch den Hof, finden Spielzeug und die Müdigkeit in ihren Gesichtern verfliegt.
Die Mitarbeiterinnen des Hauses, unsere Gastgeberinnen, sind sehr herzlich und gastfreundlich, und so entspannt sich die ein wenig "steife" Atmosphäre allmählich und es sind schon fröhliche Zwischenrufe zu hören, während die Zimmerverteilung geklärt wird. Die liebevolle Aufmerksamkeit zieht mich an und ich merke, daß das mit Mirjana zu tun hat, die ruhig, voller Liebe und Zartheit den abstehenden Zweig einer Weinrebe befestigt.
Und dann bin ich schon in meinem Zimmer. Da ist es gut und mein Bett gefällt mir am allerbesten. Die Schwerkraft zieht mich hinunter und mein müder Körper überläßt sich dem Schlaf. Ich erwache, und anstatt meines eigenen Zimmers zu Hause ist da ein neues Zimmer, in dem ich nicht alleine bin, sondern mit zwei Kolleginnen. Irgendwie fühle ich mich schwerfällig, faul und unwillig bewege ich mich in die Richtung, aus der Stimmen kommen: Am großen Tisch im Hof sitzen die Mehrzahl meiner Kolleginnen und mit ihnen sind Esmeralda und Gabi. Die Kinder rennen herum, einige bauen mit den Spielsachen Städte. Wir besprechen, wie wir den Rest des Tages verbringen wollen. Wir gehen zum Strand, Sonne und Meer ziehen uns an.

Am Strand werden die Kinder mit Schwimmringen und Schwimmflügeln ausgestattet. Manche können gerade eben darüber hinausschauen, was uns Erwachsene zum Lachen bringt. Manchmal gibt es auch Tränen, denn das Wasser ist salzig. Wer hat das nur so versalzen, daß es in den Augen brennt und uns husten läßt, wenn wir aus Versehen davon schlucken? Die Mehrzahl der Kinder ist zum ersten Mal am Meer. Tante Vesna und Esmeralda kümmern sich mit großer Fürsorglichkeit und liebevoller Aufmerksamkeit um die Kleinen und versuchen, durchs Spiel einen ersten Kontakt herzustellen.
Ich bin schon im Wasser, schwimme. Das habe ich einst geliebt, ich habe meine Kindheit an der Drina verbracht und auch ans Meer bin ich jedes Jahr gefahren - bis der Krieg mein Land erfaßte. Ich entferne mich von der Gruppe, schwimme weiter, erlebe in der Tiefe des Meeres schöne Erinnerungen, ich suche die Schönheit des Lebens in diesen blauen Tiefen und stöbere in den Gedanken an meine Kindheit, meine frühe Jugend.
Die Tage vergehen, wir sind uns schon ziemlich nahe gekommen. Die schöne Atmosphäre im Haus und die Wärme, die sich in ihren Räumen ausbreitet wird mehr und mehr Teil von uns. Die Kinder werden immer freier und ausgelassener. Vesna und Esmeralda verbringen jeden Abend mit ihnen einige Zeit im Kinderhaus und wenn es dann genug ist, verlassen die Kinder "ihr Häuschen" begeistert und mit dem festen Vorsatz, morgen dort weiterzuspielen.
Wir Frauen verbringen die Abendstunden neben anderen Aktivitäten wie Spazierengehen oder einem Ausflug nach Supetar, im Seminarraum oder gemeinsam auf der Terrasse in angenehmen Gesprächen, die wir in Bosnien "Caskanje" (Plauderei) nennen. In diesen Gesprächen tauschen wir unsere Erfahrungen aus . Jede kann sprechen, worüber sie will. Von Gabi erfahren wir an einem Abend, wie Kuca SEKA überhaupt entstanden ist. Wir bewundern die Ausdauer, den Stil und den Willen, den diese Frauen haben, anderen zu helfen, die sie doch bis gestern gar nicht gekannt haben. Das klingt in mir nach. Ich frage mich, ist es möglich, daß ein Mensch noch so etwas erleben kann: Vertrauen, Ehrlichkeit, ungezwungenes Verhalten. Daß uns jemand wertschätzt einfach für das, was wir sind und was wir sein können. Während Gabi uns Kuca SEKA vorstellt, die Anfänge und Ziele und all diejenigen, die sich daran beteiligt haben und noch beteiligen, damit dieses Haus funktioniert, berührt etwas wie ein Sonnenstrahl meine müde Seele. Ich begreife, daß dieser Ort mir eine Chance bietet, daß ich mit jemandem meinen Schmerz teilen kann und daß ich Unterstützung haben werde in meinem Kampf, gesund zu werden. Seit dem Tag, als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, habe ich versucht, den richtigen Weg zu finden, durch den ich mich von dieser Qual befreien könnte, die mein ganzes Wesen durchdringt.
Im Therapieraum treffe ich mich mit Gabi, wie wir das verabredet haben. Ich erkläre ihr meinen Zustand, und ihre Haltung, ihre Sicherheit, ihre Bereitschaft, mir zu helfen, wie auch die Ehrlichkeit und Wärme in ihren Augen bewirken bei mir ein großes Vertrauen und die Kraft, daß ich mit ihr sprechen kann. Jahrelang hat kein Gedanke mein Gehirn erreicht und ich konnte in mir keine Worte formen und noch viel weniger aussprechen.
Ich fühle mich allmählich immer besser: Die Gemütlichkeit des Hauses, Meer, Sonne, die Gemeinschaft, die Gruppenarbeit im Seminarraum und die Arbeit mit Gabi wecken in mir Gefühle wieder, die geschlafen haben. All das bietet mir die Möglichkeit, mich mit meinen Problemen auseinanderzusetzen, für mich zu kämpfen. Von Gabi bekomme ich selbstlose menschliche und fachliche Hilfe.
Jeder Tag bringt mit sich eine neue Überraschung. Meine Freundinnen äußern jede auf ihre Art ihre Begeisterung. Spaziergänge, Schwimmen, Sonnenbaden, gemeinsame Yoga-Übungen, verschiedene Gruppenspiele, all das hat bewirkt, daß sich die ganze Gruppe besser fühlt. Sogar der Küchendienst ist für mich ein besonderes Ereignis. Das ist ein weiteres angenehmes Erlebnis; denn ich bin ohne Erfahrung auf diesem Gebiet. Ich fühle mich nützlich wie schon lange nicht mehr. Anstelle der Müdigkeit fühle ich Zufriedenheit und die Fotos von mir in der Küche wie auch das Lob von Tante Marija (die im SEKA-Haus Köchin ist) rufen in mir Stolz hervor.
Auf allen Gesichtern gibt es mehr und mehr Lächeln, Heiterkeit, wenn ich auch weiß, daß jede von uns in sich selbst die Traumata des Krieges trägt, ob das der Verlust der nächsten Angehörigen oder Freunde ist oder die Erfahrung anderer Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten, die ihr der Krieg gebracht hat. Weit entfernt sind alle hier von den häuslichen Pflichten, wo sie gute Mütter, Ehefrauen und all das sein mußten, was man von ihnen verlangt.

Die Kinder haben neben ihrem "Kucica" noch viele andere Überaschungen, Bootfahren, die Fotoapparate... Vesna und Esmeralda bringen ihnen vielerlei Dinge bei, so auch das Fotografieren. Es gibt sehr schöne und ungewöhnliche Fotografien.
Die Glocke zu den Mahlzeiten (die die Kinder abwechselnd läuten dürfen) klingt fröhlich, der Geruch des Meeres, das Rauschen der Wellen, der Geruch und die Farben der Blumen, alles bekommt einen besonderen Glanz. Ich bin immer mehr mit den anderen zusammen, lache von Herzen, erzähle auch den einen oder anderen Witz, statt der nächtlichen Alpträume schlafe ich mit den leichten Träumen eines Babys.
Da ist meine Unterstützung: dieser Ort, meine Freundinnen und natürlich Gabi, die unermüdlich gemeinsam mit Mirjana, Esmeralda, Vesna und Nataša neue Möglichkeiten findet, wie der Aufenthalt für die ganze Gruppe angenehm und nützlich sein könnte.
Die Bilder des Krieges, von Angriffen auf Menschen, vom Pfeifen der Kugeln, dem Blut, dem Leiden, dem schrecklichen Anblick des gewaltsamen Todes, zerfetzter Körper ..., einer Mutter mit ihrem Kind - erfroren im Schnee, Bilder von Veilchen, die zu Beginn des neuen Frühlings auch die neue Offensive des Aggressors bringen, von verlassenen Brandstätten ... die sind noch da, aber viel blasser. Ich genieße und erkenne jeden Tag in mir ein neues Zeichen der Heilung.
Dann rückt der Tag der Abreise näher, der Tag, an dem wir diesen wundervollen Ort verlassen müssen und Richtung Gorazde aufbrechen. Ich habe ein wenig Angst, ich liebe Gorazde, in dieser Stadt bin ich geboren. Aber ... ich habe begonnen, das Trauma zu überwinden, noch nicht in den Tiefen, aber an der Oberfläche. Das Schicksal hat mich nach Splitska geführt in das Haus "SEKA", wo ich - nachdem ich lange umhergeirrt war - den Weg erkannt habe, den ich brauche.
Über den Abschied werde ich nichts sagen, man weiß wie Abschiede sind. Das Buch, das ich zum Sommerurlaub mitgenommen hatte, blieb die ganze Zeit im Koffer, so wie ich es mitgebracht hatte. Während meines Aufenthalts kam es mir nicht im Entferntesten in den Sinn. Ich werde Ihnen den Titel des Buches verraten: "Die Kriegskunst."
Jetzt wo ich wieder in meiner Stadt bin, gehe ich oft im Geist nach Splitska, atme ein wenig Luft ein, und ich richte meine Gedanken sehnsüchtig auf das Haus "SEKA" und die Personen, denen es in relativ kurzer Zeit gelang, mit ihrer Fachkenntnis, ihrer Erfahrung, ihrer liebevollen Aufmerksamkeit, ihrer Wärme, ihrem Willen und ihrem Verständnis uns zu lehren, wie wir für ein normales und gesundes Leben kämpfen können, wie wir aus dem Abgrund den Weg zum Gipfel finden können. Jetzt weiß ich, daß ich es kann, weiß, daß mein guter Wille mit guter Unterstützung auch das besiegen kann, von dem wir denken, es ist unbesiegbar.
Mit meinen Freundinnen treffe ich mich häufig, und beim Kaffee reden wir über unsere Eindrücke von unserem Aufenthalt in SEKA, von den Ereignissen, die wir in Erinnerung behalten haben und die ein Lächeln auf unsere Gesichter zaubern. Ich setze mich auseinander mit der Umgebung, in der ich lebe, und ich sehe Erfolge. Ich weiß, daß es auch wieder Krisen geben wird, aber jetzt bin ich nicht mehr allein und weiß, daß ich mich ihnen widersetzen kann. Ich würde mir wünschen, daß das, was mir während dieses Erholungsaufenthalts geschehen ist, alle erleben können, die das nötig haben. Ich werde meinen Kampf um meine Gesundheit und mein Glück fortsetzen. Meinen gegenwärtigen Zustand empfinde ich als einen riesigen Erfolg. Ich vegetiere nicht, ich lebe.
Das Meer mit seinen Wellen und seiner Tiefe hat, so hoffe ich, für immer die häßliche Last fortgetragen, mit der ich nach Brac gekommen war.
Ich möchte schließen mit dem Text, den ich ins SEKA-Gästebuch geschrieben habe:
"Ich glaube, es ist sehr viel Zeit vergangen, seit ich etwas Schönes empfunden habe, aber das genau ist hier plötzlich in mir geschehen. Ich habe es nicht erwartet. Ich hatte seit langem das Wort, das man "Gefühl" nennt, vergessen. Das Leben ist so, wie es eben ist und das muß ich akzeptieren, aber jetzt sehe ich, daß das Essen, das keinen Geruch mehr hatte, doch wieder ein wenig zu duften anfängt, daß die Blumen wieder Farben haben und der Himmel langsam aber sicher ein schöneres Aussehen bekommt. Die Sonne, die irgendwo noch versteckt war, meldet sich zwar erst mit einem Zwinkern, aber sie ist da, ich fühle sie.
Daß ich danke sage, genügt nicht, aber ich sage, daß ich meinen Neu-Anfang in mir bewahren will, ihn wachsen lassen und in mir behalten, wenigstens soviel, wie es mir jetzt bedeutet.
Da ist dieser Anfang, gerade auf der Insel Brac, mit der ganzen Wärme, die ein Mensch da empfinden kann, daß langsam aber sicher auch die größten Eisschollen ums Herz zu schmelzen anfangen. Und wenn sie sich wieder auftürmen und meine Seele mit Grauen umschlingen, dann wird mir die Erinnerung an diesen Ort, an Menschen, die ein neues Licht um sich verbreiten, helfen, daß nie wieder solche Dunkelheit, solche düsteren Gefühle mich beherrschen werden. Danke für den Neu-Anfang, der für mich sehr viel bedeutet ... Danke für die ganze Atmosphäre, für jedes Lächeln, jeden ehrlichen Blick, für Eure Ausdauer, für die Kraft, die ihr selbstlos investiert. Danke für die Schönheit Eurer Seele ... Danke, daß ich mich so schön fühle, ich hoffe, daß auch ich manchmal in Eure Gedanken treten werde."
Anmerkung: Gorazde hat neben Srebrenica und Zepa während des Krieges eine traurige und schreckliche Berühmtheit erlangt - als "Schutzzone, die nicht geschützt wurde". Seit Anfang des Krieges im Frühjahr 1992 war Gorazde, als überwiegend muslimische Enklave im von den serbischen Nationalisten dominierten Teil Bosniens ("Republika Srpska"), eingeschlossen und erlebte - wie Srebrenica - mehr als drei Jahre ständige heftige Granatierung, Sniperbeschuß und eine furchtbare Hungersnot. Die Menschen lebten in der ständigen Angst, von den bosnisch-serbischen Milizen und der Jugoslawischen Volksarmee überrollt zu werden. Im Sommer 1995 gab es dann Bestrebungen der internationalen Gemeinschaft (USA und EU), Gorazde ebenso zu "opfern" wie Srebrenica und Zepa, da sich Bosnien dann leichter aufteilen ließe. Die bosniakische Enklave im serbisch dominierten Gebiet sollte den Serben zugeschlagen werden. Nur aufgrund der weltweiten Empörung über den Fall von Srebrenica und die Untätigkeit der UN-Truppen dort entschieden die europäischen und amerikanischen Verhandler schließlich, daß die Enklave Gorazde als Gebiet der kroatisch-bosniakischen Föderation innerhalb Bosnien-Herzegowinas erhalten und durch eine geschützte Straße mit dem übrigen Gebiet der Föderation verbunden bleiben solle. Dies rettete die Menschen in der Enklave (die verbliebene Bevölkerung sowie eine große Zahl an Flüchtlingen) knapp davor, dasselbe Schicksal wie die Menschen in Srebrenica (Eroberung, Massaker und Vertreibung) zu erleiden.