|
SEKA-Journal Nr. 10 - Juni 2002 |
Wenn es um die Probleme des "Balkan",
um die Rückkehr der Flüchtlinge und Vertriebenen, die Friedenspolitik oder den Wiederaufbau in Bosnien-Herzegowina, Kroatien oder auch dem Kosovo geht, bemühen PolitikerInnen, JournalistInnen und Geldgeber gerne das Wort "Versöhnung". Förderprogramme haben "die Versöhnung der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen" zum Ziel. Was bedeutet dieses Schlagwort eigentlich? Und warum reagieren die Menschen in der betroffenen Region überwiegend allergisch darauf?Welche Erfahrungen
macht Ihr in Eurer Arbeit bzgl. der Frage der Rückkehr von Flüchtlingen und Vertriebenen, bzgl. des (Wieder)Zusammenlebens der verschiedenen Bevölkerungsgruppen? Welche Fortschritte gibt es? Welches seht Ihr als die größten Probleme?Alenka: In den letzten zwei Jahren hat die Rückkehr "unserer Leute" zugenommen. Wir sagen "unsere Leute", weil wir den Begriff "Minderheiten" nicht mögen. Damit meinen wir die ursprüngliche Bevölkerung Banja Lukas. (Vor dem Krieg gab es in Banja Luka etwa ein Drittel Kroaten, ein Drittel Serben und ein Drittel Bosniaken, Anm. Gabriele Müller). Aber die Rückkehr geht noch immer schleppend. Rückkehrer, die niemanden haben, der sie unterstützt, haben es schwer. Von der Familie meiner Mutter leben viele Angehörige inzwischen wieder in Banja Luka. Von alleine wären sie nicht zurückgekommen. Aber wir haben sie gedrängt und ihnen hier so viel als möglich geholfen. Ein großes Problem ist die ökonomische Situation: wo sollen sie Arbeit finden?
Die Atmosphäre gegenüber den Rückkehrern hat sich etwas verbessert. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen der alteingesessenen Bevölkerung, die die Rückkehr der ehemaligen Bewohner Banja Lukas eher befürworten, und den Flüchtlingen aus Kroatien oder der Föderation, die jetzt in Banja Luka leben und die sehr viel feindseliger auf die Rückkehr der muslimischen oder kroatischen Bevölkerung reagieren.
Šemsa: Nach Vitez sind inzwischen mehr als 50% der Bevölkerung wieder zurückgekehrt, überwiegend Bosniaken (bosnische Muslime, Anm. G.M.). Die Atmosphäre hat sich deutlich verbessert: Es gibt keine körperlichen Angriffe mehr, wie noch vor ein paar Jahren. Wir aus Stari Vitez können normal zum Einkaufen nach Vitez gehen, ohne provoziert oder beschimpft zu werden. Viele muslimische Familien sind auch in ihre Wohnungen in Vitez (kroatisch dominiert, Anm. G.M.) zurückgekehrt. Natürlich gibt es kroatische Nachbarn, die sie nicht grüßen sondern den Kopf wegdrehen. Aber es gibt auch Nachbarn, die ihnen helfen. Ein Problem ist aber, daß es noch immer so gut wie keine Kommunikation zwischen den kroatischen und den bosniakischen Jugendlichen gibt. Daran ist die Schulsituation schuld: Es gehen jetzt zwar alle Kinder nach Vitez zur Schule, aber das Gebäude ist in zwei Hälften getrennt. Die kroatischen Schüler haben ihren eigenen "kroatischen" Unterricht, die bosniakischen Schüler ihren "bosnischen" Unterricht. Die Politiker konnten sich auf keinen gemeinsamen Unterrichtsplan verständigen und die Kinder sind die Leidtragenden.
Eines der größten Probleme ist die Arbeitslosigkeit. Viele junge Leute kommen daher nicht zurück nach Bosnien oder versuchen auszuwandern.
Majda: Unser Frauenzentrum arbeitet nun ja seit zwei Jahren in einem der ärmsten Stadtteile Ost-Mostars (mit überwiegend bosniakischer Bevölkerung, Anm. G. M.). Anfangs kehrten hauptsächlich die Flüchtlinge zurück, die nach West-Mostar und in die Republika Srpska geflohen waren. Inzwischen leben wieder Menschen aus allen drei Bevölkerungsgruppen hier. Aber besonders für die Serben ist die Rückkehr sehr schwer. Viele haben noch immer große Angst vor gewalttätigen Übergriffen. Die Serbinnen, die zu uns ins Zentrum kommen, brauchen lange Zeit, um wirklich Vertrauen zu fassen und offen zu sprechen. Ich erinnere mich, wie eine alte Serbin zum ersten Mal zu uns kam und mit "Salam aleikum", dem muslimischen Gruß, grüßte. So groß sind die Ängste und der Anpassungsdruck noch bei den Rückkehrerinnen.
Ein Haupthindernis für eine stärkere Rückkehr ist außerdem die miserable ökonomische Lage, die hohe Arbeitslosigkeit, keinerlei staatliche finanzielle Unterstützung. Die Menschen wissen nicht, wie sie überleben sollen. Ein anderes Problem war die Politik, die die Rückkehr gebremst hat. Nun auf einmal hat sich das geändert. Petritsch (der UN-Vertreter in Bosnien-Herzegowina, Anm. G.M.) macht nun heftigen Druck: Vor kurzem haben sie z.B. an einem Tag 600 Delogierungs-Anordnungen (Räumungsbefehl, um die Wohnung den ursprünglichen Besitzern zurückzugeben, Anm. G.M.) verteilt. Das Problem ist, wohin sollen die Menschen, die bisher in den Wohnungen der Rückkehrer wohnen und ja meist selbst Flüchtlinge sind? Es gibt fast keine Alternativ-Unterkünfte, die ihnen angeboten werden könnten. So setzen sich die traumatischen Erfahrungen für viele fort. Doch es gibt auch einige wenige andere Beispiele: In meiner Hausgemeinschaft, die schon vor dem Krieg einen besonderen Zusammenhalt hatte, haben wir für die Rückkehrer-Familien Geld gesammelt und ein Willkommensfest gemacht. Die waren ganz sprachlos vor Rührung.
![]() An vielen Abenden im SEKA-Haus: gemeinsames Tanzen ... |
![]() ... und Singen |
Vesna: Das Haupthindernis für die Rückkehr in die Republika Srpska ist die Politik: Es sind noch immer dieselben an der Macht, die für den Krieg und die Vertreibungen verantwortlich sind. Sie haben ihre Denkweise kein bißchen verändert. Nur aufgrund des internationalen Drucks haben sie etwas "Kreide gefressen". Sie versuchen nach wie vor die Rückgabe von Häusern und Wohnungen zu verhindern, indem sie den Prozeß bürokratisch verschleppen. Als ob sie abwarten, daß die Menschen sterben (viele der Rückkehrer sind schon alt, Anm. G.M.).
Familien mit Kindern hindert das noch immer extrem nationalistische Schulprogramm an der Rückkehr. Und es gibt leider noch immer viele Beispiele von Lehrern, die die nicht-serbischen Kinder gezielt demütigen. Natürlich ist auch die miserable ökonomische Lage ein großes Problem.
Stela: In Westslawonien wird die Rückkehr insbesondere der Serben noch immer gezielt von den lokalen Autoritäten verhindert. Noch immer ist die HDZ (nationalistische Partei des verstorbenen Ex-Präsidenten Kroatiens, Tudjman, Anm. G.M.) in Westslawonien an der Macht. Auf Hetzplakaten z.B. bei den letzten Lokal-Wahlen und in öffentlichen Veranstaltungen schüren sie weiter den Haß und die Feindseligkeit gegen serbische Rückkehrer. Im letzten Sommer haben kroatische Jugendliche einen jungen Serben fast umgebracht. Er hat knapp überlebt. Leider machen auch viele Lehrerinnen und Lehrer bei diesem Spuk mit. 1999 sind z.B. die serbischen und kroatischen Kinder noch gemeinsam zur Schule gegangen. Inzwischen wurden - angeblich aus organisatorischen Gründen - die Kinder getrennt und gehen nun in verschiedene Schulen. Bestimmte Gasthäuser sind für Serben "tabu". Auch die Lokalzeitungen sind stramm "auf Linie".
In meinem Heimatdorf in Bosnien ist die Situation ganz anders, da gibt es wieder ein Zusammenleben, die Atmosphäre ist viel entspannter.
Mirjana: In Ostslawonien ist die Lage vielfach noch sehr angespannt, aber es gibt doch auch einige Verbesserungen. Es gibt unterschiedliche Populationen mit spezifischen Problemen: Kroaten und Serben, die den Krieg an ihren jeweiligen Wohnorten erlebt haben, Kroaten und Serben, die geflohen waren und nun zurückkehren, serbische Flüchtlinge aus Dalmatien und Westslawonien, Roma, die schon vor dem Krieg hier gelebt haben, dann flüchteten und wieder zurückkehrten ... Es gibt allerdings auch viele Menschen, die zurückkehren und ihre Häuser instandsetzen, um sie dann zu verkaufen oder zu tauschen, oder welche, die sich nur hier anmelden wegen irgendwelcher Zuschüsse, in Wirklichkeit aber z.B. in Osijek leben. Tenje hatte z.B. vor dem Krieg 7.663 Einwohner. Jetzt hat es auf dem Papier 6.322, in Wirklichkeit sind es aber nur ca. 5.000. Auch nach dem Regierungswechsel in Zagreb gibt es noch immer große bürokratische Probleme für die zurückkehrenden Serben oder Roma. Zu Anfang hat sich auch die Polizei sehr schikanös verhalten. Ich war in meiner Arbeit als Rechtsberaterin stark damit konfrontiert und habe mich für die Betroffenen eingesetzt. Inzwischen hat sich das Verhalten der Polizei verbessert. Das Problem liegt jetzt bei den Gerichten - sie arbeiten zu langsam und Korruption ist ein großes Problem. Die schwere Diskriminierung der serbischen Bevölkerung nach der Wiedereingliederung des Gebiets nach Kroatien hat dazu geführt, daß ca 50% der Serben weggegangen sind.
Ein Hindernis für das Zusammenleben ist ebenfalls, daß die kroatischen und serbischen Kinder in getrennte Klassen eingeschult werden. Dabei arbeiten leider der kroatische Staat und serbische Aktivisten Hand in Hand. Da wird politischer Mißbrauch mit den Kindern getrieben. Das Verhalten der Erwachsenen führt dann zu Spannungen unter den Kindern und insbesondere Jugendlichen. Vor 8 Monaten wurden serbische Jugendliche von kroatischen Jugendlichen mißhandelt. Die serbischen Jugendlichen trauen sich nun abends nicht mehr aus dem Haus.
Wie schon alle anderen gesagt haben, ist ein großes Hindernis für die Rückkehr und das Wieder-Zusammenleben die verzweifelte ökonomische Lage in der Region. Menschen, die existentielle Sorgen und Nöte haben, fällt es schwer, Feindbilder abzubauen. Für Frust und Ohnmachtsgefühle braucht es einen Sündenbock - und das ist der (ehemalige) Feind.
Was denkt Ihr persönlich
über den so häufig genannten Begriff "Versöhnung"? Was bedeutet dieses Thema für Euch? Ist "Versöhnung" etwas, auf das wir hinarbeiten sollten?Alenka: Was heißt hier denn Versöhnung? Mit wem soll ich mich denn versöhnen! Ich habe mich doch gar nicht gestritten! - Für mich stimmt dieser Ausdruck überhaupt nicht. Es geht eher darum, wieder zusammenzuleben. Ich glaube schon, daß ein gemeinsames Leben wieder möglich ist. Dafür ist meine Familie ja das beste Beispiel! Ich habe - auch in den schlimmsten Zeiten - immer daran geglaubt, deswegen bin ich auch nicht weggegangen. Glücklicherweise hatte und hat meine Familie eine ganze Menge gute Freunde, die zu uns gehalten haben. Auch auf der Arbeit haben Kollegen sich für mich eingesetzt. - Aber wenn ich die Gesellschaft an sich betrachte, denke ich, es braucht viel Zeit, bis wieder ein wirkliches Zusammenleben möglich ist, mindestens so lange, wie all das jetzt gedauert hat. Es gibt zu viele Verletzungen und Traumata.
Semsa: Mein Ziel ist eher, in meiner Arbeit zu zeigen, daß das Zusammenleben und -arbeiten möglich ist. Als ersten Schritt sollten wir eine Normalität herstellen: Situationen schaffen, wo Menschen von allen Seiten sich begegnen können. Das Wort "Versöhnung" ruft nur Abwehr hervor. Es führt sofort zu Schuldzuweisungen. Mir war es in meiner Arbeit im Micro-Kredit-Programm wichtig, alle mit einzubeziehen. Ich habe immer gesagt, hier ist nicht wichtig, wie wer heißt (in der Regel läßt sich an den Namen die nationale Zugehörigkeit erkennen, Anm. G.M.). Die Kleingruppen, in denen die Frauen zusammenarbeiteten waren dann auch überwiegend gemischt - und es hat sehr gut funktioniert. Es ist wichtig, mit so konkreten alltäglichen Dingen anzufangen, die für alle wichtig sind, wie eben z.B. die materielle Existenz.
Stela: Bestimmte Leute wollen sich gar nicht "versöhnen". Das sind die, denen es nur leid tut, daß sie gehindert wurden, ihre Vertreibungspolitik endgültig durchzusetzen. Und die, die diesen Krieg und all die Brutalität gar nicht wollten, brauchen sich nicht zu "versöhnen" - egal aus welcher Bevölkerungsgruppe sie stammen. Aber diese bräuchten mehr Unterstützung - auch von außen, von der internationalen Politik z.B.. Die EU hätte z.B. ganz anders auf die regionalen Regierungen einwirken können. Ein wichtiger Faktor ist die wirtschaftliche und finanzielle Unterstützung. Die haben sie größtenteils an die Machthaber aus den nationalistischen Parteien verteilt und sich dann gewundert, daß das Geld in dunklen Kanälen verschwunden ist. Es wäre viel besser, gezielt Unternehmern finanzielle Unterstützung zu geben, die das gemeinsame Zusammenleben fördern wollen. Diese Leute könnten mit dem Geld Fabriken bauen und Arbeitsplätze schaffen. Das wäre die effektivste Methode, die Rückkehr und ein friedliches Wieder-Zusammenleben zu unterstützen.
Mirjana: Versöhnung - das ist für mich nur ein Schlagwort. Es geht davon aus, daß alle gleichermaßen schuld waren ... Das ist überhaupt nicht hilfreich. ... Für mich ist ein Ziel ein Zusammenleben, in dem wir ehrlich wieder aufeinander zugehen. Ich wünsche mir, daß andere mich als Mensch akzeptieren und mich respektieren. Und das bin ich auch bereit zu tun.
Eigentlich müßten alle die Möglichkeit haben, ihre Traumata zu bearbeiten - so wie Ihr das hier in Kuca SEKA anbietet. Denn wenn wir diese traumatischen Erfahrungen nur zudecken und weitermachen, dann werden sie im Untergrund weitergären. Und es besteht die Gefahr, daß sich irgendwann alles wiederholt. Gleichzeitig müßte es ein gesellschaftliches Bewußtsein geben für die Folgen von Kriegstrauma, z. B. auch bei ehemaligen Soldaten, und deren Auswirkungen, wie z.B. das Ansteigen von Gewalt in der Familie.
Vesna: Versöhnung ist für mich das falsche Wort. Vielleicht können wir manche Dinge verzeihen, aber andere nicht. Was wir erreichen können, ist, daß wir wieder gemeinsam leben, oder wenigstens uns gegenseitig leben lassen. Von denen, die soviel Gewalt, Erniedrigung und Grausamkeiten erlebt haben, kann ja wohl nicht erwartet werden, daß sie sich "versöhnen". Mit wem auch? Mit den Tätern, die noch immer keine Verantwortung übernehmen wollen? Ehrlich gesagt, denke ich, daß es nie mehr so sein wird wie früher; aber das gilt auch für die Serben hier in der Republika Srpska untereinander. Auch zwischen ihnen haben sich große Gräben aufgetan. Und in einer Gesellschaft, die solche Verbrechen zuläßt und auch noch rechtfertigt, kann sich niemand wirklich sicher fühlen. ... Ohne eine gesetzliche Basis kann es kein friedliches Zusammenleben geben.
Genauso wichtig ist es aber, die zu unterstützen, die offen und bereit für das Zusammenleben sind. Und Möglichkeiten des Zusammenseins und der Begegnung zu schaffen in einem Rahmen von Sicherheit und Vertrauen, so wie es hier in Kuca SEKA geschieht.
Majda: Vielleicht ist "Versöhnung" nicht das richtige Wort. Es geht, wie ich finde, nicht um so ein oberflächliches Verständnis von Versöhnung, wie uns das "verordnet" wird. Für mich ist das eher eine sehr persönliche Angelegenheit: Für mich ist es wichtig zu verzeihen, aber vielleicht noch mehr, daß ich mir bewußt werde, daß nur wenige Menschen in meiner Umgebung mir etwas Böses wollten, daß einige den anderen etwas "übergestülpt" haben. Für mich persönlich war es wichtig, mich von meinen Generalisierungen zu befreien: "Die (Kroaten) wollen uns alle umbringen." Als es mir am schlechtesten ging - während ich mich verstecken mußte in West-Mostar - habe ich angefangen zu glauben, daß ich selbst schuld daran bin, daß es mir so ergeht. Das Schlimmste aber war für mich, als ich nach dem Krieg zum ersten Mal über den Fluß nach Ost-Mostar gehen konnte - ich war so froh, daß das endlich wieder möglich war - und dann von anderen Muslimen zu hören bekam, was ich hier denn suchen würde als Verräterin und "Ustaša" (Name der kroatischen Faschisten während des zweiten Weltkriegs, wird als Schimpfwort für Kroaten benutzt, Anm. G.M.). Das hat mich zutiefst entsetzt und verletzt.

2. Fortbildungsgruppe "Psychodrama"
hier: Prozeßanalyse mit Symbolen
Wie schätzt ihr die Wirkung
der Arbeit von Kuca SEKA ein - bzgl. des Friedensprozesses und der Verständigung in der Region? Können wir als einzelnes kleines Projekt überhaupt etwas zum Friedensprozeß beitragen?Majda: Für mich ist Kuca SEKA etwas Besonderes. Die Tatsache, daß ich an mir selbst arbeiten konnte, meine eigenen schmerzlichen Erfahrungen verarbeiten konnte und gleichzeitig Vieles gelernt habe, das war für mich ein Geschenk. Und daß dies gleichzeitig möglich war in einer Gruppe mit Frauen aus unterschiedlichen Populationen, jede mit ihrer Geschichte, war für mich eine Bereicherung. Ich war überglücklich, als ich nun zu dieser Fortbildungsreihe eingeladen wurde. Für mich ist diese Fortbildung unglaublich wertvoll. Aber das vielleicht Wertvollste sind die Freundschaften und Verbindungen, die hier entstanden sind, mit Frauen aus der ganzen Region. Manche Frauen und ihre Organisationen werden gemeinsame Projekte entwickeln - aber mit allen verbindet uns eine tiefe und wertvolle Erfahrung - über alle Gräben hinweg - die wir hier in Kuca SEKA machen konnten. ...Was Ihr hier tut, ist wundervoll. Ich wünsche mir daß noch viele viele Frauen die Gelegenheit haben, solche Gruppen und Seminare zu durchlaufen. Ich wünsche diesem Projekt ein sehr langes Leben. Ihr tragt so viel dazu bei, daß die Frauen und Frauen-Organisationen in der ganzen Region gestärkt werden und daß sie eine friedliche und menschliche Gesellschaft aufbauen können.
Mirjana: Für mich ist das Besondere an Kuca SEKA, daß ich viel über den psychologischen Aspekt von Friedensarbeit gelernt habe. Wir hatten oft große Konflikte zwischen HelferInnen der verschiedenen Seiten, weil wir unsere Emotionen vernachlässigt oder zur Seite geschoben haben, im Dienste "der Sache". Wahrscheinlich haben wir uns auch davor gefürchtet, über unsere Gefühle zu sprechen, weil wir dachten, die anderen damit zu verletzen. Daß es eine Möglichkeit gibt, den Gefühlen Raum zu geben und die schmerzhaften Erfahrungen zu teilen, ohne damit die Gräben noch zu vertiefen, das habe ich erst in Kuca SEKA erfahren. Besonders ist für mich das "Konzept der Begegnung" in SEKA. Wenn wir in einem sicheren Rahmen zusammenkommen, ist es möglich, daß wir uns wirklich begegnen und die Verallgemeinerungen und Feindbilder abbauen. Was ich in SEKA erfahre, versuche ich auch auf meine eigene kleine Frauenorganisation in Tenje zu übertragen. Und noch etwas ist mir sehr wichtig: Hier in Kuca SEKA sind alle gleichberechtigt, haben den gleichen Raum - das spürt man. Und das ist das wichtigste Rezept für den Erfolg Eurer Arbeit. Nur wenn wir uns frei und sicher fühlen, können wir kreativ sein!
Stela: Ein besonderer Erfolg von Kuca SEKA ist die Bewußtseinsbildung einer so großen Anzahl von Frauen aus unterschiedlichen Organisationen und Regionen. Hier in Kuca SEKA können sich Frauen treffen, sich kennenlernen, die sich sonst nie begegnet wären. SEKA hilft den Frauen aus den unterschiedlichen Populationen wieder zusammenzuarbeiten und aufeinanderzu zu gehen. Ich denke, daß wir alle, die wir aus Kuca SEKA zurückkehren, diese Erfahrung in der Arbeit unserer Organisationen und in unserer Umgebung einsetzen. So multipliziert sich die Wirkung von SEKA. Dieses Haus ist etwas Unglaubliches. Ich frage mich manchmal, wie Ihr das alles aushaltet?! All das, was die Frauen hier mit sich bringen und mit Euch teilen. Woher nehmt Ihr diese Eure Offenheit, Aufmerksamkeit und Energie? Für mich ist SEKA und Ihr etwas so Großartiges. Es wäre wichtig, solche Projekte überall in der Region zu haben!
Alenka: Ich werde nie das Bild vergessen, wie ich zum ersten Mal ins SEKA-Haus kam: Wie ihr mich mit offenen Armen so herzlich empfangen habt, als sei ich Eure Schwester oder Tochter... Ich habe mich in meinem ganzen Leben nie irgendwo schöner gefühlt als in Kuca SEKA!
Šemsa: Ich glaube, daß die Gruppen und Seminare in Kuca SEKA eine hervorragende Möglichkeit sind, das friedliche Zusammenleben in der Region zu fördern. Dadurch bewirkt dieses Projekt eine Vernetzung von Frauen aus unterschiedlichen Organisationen und Orten von allen Seiten. Durch die intensive Arbeit in den Gruppen entstehen enge Verbindungen und Freundschaften.
Die Atmosphäre im SEKA-Haus ist für mich vorbildlich.
Wenn es nur mehr solche Häuser wie SEKA geben würde - die ganze Welt wäre besser!
Vesna: Kuca SEKA ist für mich etwas Außerordentliches: Bevor ich 1999 zum ersten Mal hierher kam und all die anderen Frauen getroffen habe, hatte ich Ängste, wie das werden würde, wie die anderen mich aufnehmen würden, ob sie mich akzeptieren könnten. Durch die Atmosphäre im SEKA-Haus und die Arbeit in unserer Gruppe haben sich meine Ängste schnell verflüchtigt. Ich hätte es zuvor nicht für möglich gehalten, daß wir Frauen aus drei unterschiedlichen Staaten, verschiedenen Bevölkerungsgruppen, mit unterschiedlichem religiösem Hintergrund und von unterschiedlichem Alter so schnell Vertrauen zu einander entwickeln, gemeinsam über schmerzhafte und wichtige Themen sprechen und enge Freundschaften entwickeln würden. Ich konnte es kaum glauben, wie sehr es möglich war, uns gegenseitig mit unseren Erfahrungen zu achten und anzunehmen. Nicht einmal habe ich erlebt, daß eine von uns bei der Erzählung einer anderen Frau irgendwie negativ oder abwehrend reagiert hätte, daß sie einen feindseligen Gesichtsausdruck gezeigt hätte.
Diese unsere Erfahrungen in Kuca SEKA tragen wir weiter - jede von uns in ihre Umgebung. Ich erzähle allen von dem, was ich erfahren habe, daß so etwas möglich ist.
SEKA, das ist für mich eine Vision: SEKA gibt allen die Chance sich selbst und anderen zu begegnen, aber es gibt auch klare Richtlinien und Grundsätze vor: Gewaltfreiheit, Wertschätzung, Achtung von Unterschiedlichkeit ... und es ist ein Platz voller Lebensfreude, Leichtigkeit und Humor. In dieses Projekt habt Ihr, Mirjana und Du, Gabi, aber auch Frauen wie Edita und Nurka (Therapeutinnen / Referentinnen in SEKA, Anm. G.M.), Euer Gefühl und Euren Geist eingebracht und das ist hier in diesem Haus spürbar.