|
SEKA-Journal Nr. 10 - Juni 2002
|
| Zilha Carkadzic ist Lehrerin an einer Grundschule in Sarajevo. Sie erlebte dort Krieg und die jahrelange Belagerung der Stadt und arbeitet seit Jahren neben ihrer Tätigkeit in der Schule noch ehrenamtlich mit kriegstraumatisierten Frauen und Kindern, mit Flüchtlingen, Vertriebenen und RückkehrerInnen. Zilha nahm teil am ersten Fortbildungszyklus "Psychodrama", der in der Zeit von Januar 1998 bis Januar 2001 im SEKA-Haus stattfand. Im folgenden Artikel, den wir leider nur in Auszügen veröffentlichen können, beschreibt sie, wie sie die Philosophie und Methode des Psychodramas in der Schule anwendet: am Beispiel einer Klasse mit 29 SchülerInnen, die aufgrund ihrer Probleme "niemand in der Klasse haben wollte". |
![]() Zilha Carkadzic |
Zu Anfang des neuen Schuljahres bekam ich eine neue 3. Klasse mit Kindern, die durchschnittlich 9 Jahre alt waren. Die Klasse war auf Beschluß des Lehrerkollegiums zusammengestellt worden aus Kindern der bisher fünf Dritten Klassen. Meine (damit sechste) Dritte Klasse setzte sich zusammen aus Kindern, die besonders große Probleme hatten und die auf irgendeine Weise auffällig geworden waren. Dies waren 15 Rückkehrerkinder, davon 12 aus Deutschland, zwei aus Afrika, ein Kind aus Spanien, sowie drei Flüchtlingskinder aus Sandzak und Kosovo, sowie fünf Kinder mit besonderen Problemen aus Sarajevo. Alle diese Kinder waren mehr oder weniger traumatisiert und zutiefst verunsichert - sei es durch Kriegserlebnisse, Verfolgung oder durch ständigen Ortswechsel.
Ziel des Unterrichts mit dieser Klasse sollte (von seiten der Schule) sein, daß die Rückkehrer-Kinder die bosnische Sprache lernten, daß alle Kinder die großen Lücken im Lernstoff aufholten und schließlich, daß sie ihr problematisches Verhalten ablegten. Darüber hinaus stellte ich mir als Ziel, die Kinder in der Klasse zu einer Gemeinschaft zu verbinden, sie zu unterstützen, daß sie ein "Netz" von Beziehungen entwickelten, daß isolierte Kinder aus ihrer Isolation oder "Sündenbockrolle" herausgeholt und in die Gemeinschaft integriert werden würden.
Einen Monat lang gab ich mir Zeit, das Verhalten der Kinder genau zu beobachten, und machte mir Aufzeichnungen über jedes Kind: seine / ihre Art auf gegebene Situationen zu reagieren, seine / ihre Art mit anderen Kindern zu kommunizieren, sein / ihr Bezug zum Arbeiten und Lernen und den jeweiligen Wissensstand.
Da war z.B. Heldov D.: hyperaktiv, aggressiv, mit großen Konzentrationsschwierigkeiten, er wußte überhaupt nicht, wie er arbeiten sollte, hatte keinerlei schulische Grundkenntnisse.
Oder: Denis S.: lebte ohne Vater mit Mutter und Bruder, ein sehr stilles zurückgezogenes Kind mit sehr geringem Selbstbewußtsein, keinerlei schulischen Kenntnissen, er wußte nicht, wie er arbeiten / lernen sollte.
Oder auch: Senaid T., Flüchtlingskind aus Sandzak, er ist das neunte Kind in seiner Familie, er schwänzte die Schule häufig, die anderen Kinder nannten in "Stinkekäfer", da er immer schmutzig und unordentlich war. Zu Beginn des neuen Schuljahres erschien er zehn Tage lang gar nicht zum Unterricht.
Im Folgenden möchte ich über meine Erfahrungen und meine Arbeit insbesondere mit diesem Kind berichten, als ein Beispiel über die erfolgreiche Anwendung der Sichtweise und Methode des Psychodramas in der Schule mit Kindern mit besonderen Problemen.

"Der wird nie zum Unterricht erscheinen", waren die Kommentare der anderen Kinder zu Senaids bereits einwöchigem Fehlen. Oder: "Der kommt nur manchmal" und - als ich die Schulbücher austeilte und ein Exemplar für ihn zur Seite legte: "Der kann gar nicht lesen". All diese Kommentare haben meine Aufmerksamkeit geweckt und ich erkundigte mich bei der Schulsekretärin über Senaids Lebensumstände: Dabei erfuhr ich, daß seine Familie sehr arm ist, der Vater Alkoholiker und daß seine bisherige Lehrerin ihn "loswerden wollte" und ihn deshalb in meine Klasse geschickt hat. Die Sekretärin sagte mir auch, daß diese Lehrerin "ihn zurücknehmen müsse", wenn ich ihn nicht in der Klasse behalten wollte.
Ich habe lange nachgedacht über Senaid, den ich ja noch gar nicht kennengelernt hatte. Dann habe ich mich erinnert an unsere Fortbildung "Psychodrama in der Arbeit mit traumatisierten Menschen" in Kuca SEKA, an Morenos Philosophie, sein Glaube, daß jeder Mensch ein göttliches Wesen ist mit einem unzerstörbaren kreativen Potential und einer Fähigkeit zur Selbstheilung. Ich erinnerte mich, daß es wichtig ist, die gesunden Anteile in den Menschen zu sehen und dieses gesunde Potential zu stärken. Ich fühlte mich bestärkt: Ich würde Senaid in meiner Klasse behalten. Ich bat die Schulsekretärin, einen offiziellen Kontakt zu der Familie herzustellen und zu verlangen, daß Senaid in die Schule kommen sollte.
Mir selbst steckte ich als Ziele: Senaid kennenzulernen, sein Verhalten zu beobachten und sein Wissen und seine Fähigkeiten wahrzunehmen. Dabei wollte ich besonderes Augenmerk auf die gesunden Anteile in Senaid richten (denn daß er Probleme und Mängel hatte und daß er Hilfe brauchte war ja offensichtlich).
Durch psychodramatische Methoden und Techniken wollte ich Senaids kreatives Potential aufspüren, ihn dieses erfahren lassen und ihm ein Bewußtsein darüber geben, damit er sein bisheriges negatives Selbstbild verändern könnte. Ich wollte den Schwerpunkt meiner Arbeit auf seine Stärken, Ressourcen und Potentiale legen, von denen ich sicher glaubte, daß sie in ihm vorhanden waren; ich wollte seine Kreativität, Spontaneität, sein Bedürfnis nach Aktivität herausfordern und unterstützen, wollte ihm helfen sein "Rollen-Repertoire" und damit seine Verhaltensmöglichkeiten zu erweitern. Außerdem wollte ich seinen Sinn für Spaß und Humor wecken, als eine Möglichkeit sich zu distanzieren und den Überblick über eine Situation zu gewinnen, anstatt sich von ihr überwältigen zu lassen.
Ich wollte ihn unterstützen, positive und befriedigende Beziehungen zu anderen aufzubauen und seinen Platz in der Klassengemeinschaft zu finden. Bei all dem wollte ich sein Tempo achten und auch kleine Schritte wahrnehmen und wertschätzen.
Zur Realisierung dieser Ziele nutzte ich die Psychodrama-Techniken des "Doppelgängers" und des "Doppelns" (in veränderter der Situation angepaßter Form), sowie Soziometrische Übungen, Stegreif- (d.h. spontane) Gruppenspiele, das Spielen von Geschichten und Märchen und themenzentrierte ProtagonistInnenspiele, in denen ein Kind (als ProtagonistIn) ein Problem oder Thema mit Unterstützung und unter Teilnahme anderer Kinder inszeniert.
Aber zurück zu meiner ersten Begegnung mit Senaid:
Nachdem Senaid zehn Tage lang gefehlt hatte, erzählten mir die Kinder am 11. Morgen, daß sie ihn vorm Schulgebäude gesehen hatten. Dann hörte ich ein leises Klopfen an der Klassenzimmer-Tür. Ich rief: "Ja, komm herein!".
Es erschien ein kleiner blonder Junge. Obwohl er älter war als die anderen Kinder in der Klasse, war er schmächtiger. Er wirkte auf mich unterernährt und voller Furcht. Er kam herein und, ohne zu warten, ob ich ihm noch etwas sagen würde, huschte er eng an der Wand entlang bis zur letzten Bank. Als ob er am liebsten in der Wand verschwinden wollte. Er setzte sich in die letzte Bank, obwohl die zwei Bänke davor noch frei waren. Er wollte offensichtlich so weit entfernt wie möglich von den anderen Kindern und der Lehrerin sitzen. Er verkroch sich in der Bank und starrte vor sich hin.
Ich begrüßte ihn mit seinem Namen: "Guten Morgen, Senaid, herzlich willkommen. Wo hast Du denn gesteckt, wir haben uns schon Sorgen gemacht, warum Du nicht zur Schule kommst." Er schaute mich ängstlich an und schwieg.
Ich fuhr fort: "Warum hast Du Dich denn in die letzte Bank gesetzt, ich habe für Dich einen Platz in der ersten Bank reserviert. Komm hierher zu meinem Tisch." Senaid schaute mich nicht an, im Gegenteil, er verkroch sich noch mehr in der Bank, als ob er sich verstecken wollte.
Ich ging zu ihm, hockte mich neben ihn, strich ihm übers Haar. Ich nahm seine Hand und unsere Blicke trafen sich - aber nur für einen Augenblick. Dann wich er meinem Blick wieder aus.
Es war mir nun klar, warum die Kinder ihn "Stinkekäfer" nannten: Er war schmutzig, ungewaschen, hatte lange Fingernägel und zerschlissene schmutzige Kleider.
Ohne auf das alles zu achten, nahm ich ihn bei der Hand, legte den Arm um ihn und führte ihn in die erste Bank. Ich bat ihn, Platz zu nehmen und teilte ihm meinen Entschluß mit, daß er ab jetzt da sitzen würde. Er schaute mich verwundert an, auch die anderen Kinder waren überrascht, denn dieser Platz neben dem Tisch der Lehrerin ist in der Regel den "Besten" und den "Lieblingen" der Lehrerin vorbehalten. Aus meinem Schrank nahm ich neue Schulhefte und Stifte und schenkte sie Senaid.
Nach dem Unterricht bat ich ihn, daß er noch da bliebe, damit wir uns noch ein wenig unterhalten könnten. Ich führte mit ihm dieses Gespräch als ersten Schritt, um sein Vertrauen zu gewinnen. Gegen Ende des Gesprächs spürte ich bei ihm eine gewisse Entspannung; er schaute mich an; er versprach mir, daß er ab heute jeden Tag zum Unterricht kommen würde und daß er sich bemühen wollte, das Versäumte nachzuholen.
Für das erste Gespräch war das schon viel.
Ich begleitete ihn zur Tür und bat ihn noch, daß er seiner Mutter ausrichten solle, daß ich sie gerne kennenlernen würde. Er versprach, daß er ihr das sagen würde. Am nächsten Tag kam Senaid pünktlich zum Unterricht. Und vor dem Unterricht kam auch seine Mutter zum Gespräch.
Die Mutter gab für alle seine Mißerfolge Senaid selbst die Schuld. Ich merkte, daß ich in ihr keine große Unterstützung finden würde. Ich wußte, der Vater hatte mittlere Schulbildung, aber er war Alkoholiker. Ich bat die Mutter, immerhin dafür zu sorgen, daß sie Senaid in Zukunft "sauber und ordentlich" zur Schule schickte.
Ihr Versprechen erfüllte sie: Ab diesem Tag kam Senaid stets sauber zur Schule.
Damit Senaid sich in der Klasse sicherer fühlen konnte und als konkrete Unterstützung, wählte ich einen anderen Jungen als "Unterstützungs-Doppelgänger". (Ich benutzte die psychodramatische Technik "Unterstützungs-Doppel", wandelte sie jedoch ab und passte sie der Situation in der Klasse an.) Auch für andere Kinder, die eine besondere Unterstützung benötigten, wählte ich solche DoppelgängerInnen aus.
Senaids Doppelgänger Emir hatte ich gewählt, da er ein guter Schüler, mit gutem Sozialverhalten und guten Beziehungen zu seinen MitschülerInnen war, außerdem einfühlsam, fröhlich, humorvoll, der oft über sich selbst lachen konnte, aber nie andere lächerlich machte. Ich rechnete damit, daß Emir Senaids Lage und seine Gefühle würde verstehen können.
In einem ausführlichen Gespräch mit Emir wurde deutlich, daß er sich gut in die Lage Senaids hineinversetzen konnte und daß er sich vorstellen konnte, während der Unterrichtszeit und in den Pausen mit Senaid zusammenzusein und ihn zu unterstützen, sowohl was Schulaufgaben betraf, als auch als Hilfe für Senaid, ihn mehr in die Kindergruppe einzubeziehen.
Emir stammt selbst auch aus einer Flüchtlingsfamilie. Sein Vater ist zu 100% Invalide, aber er ist sehr fürsorglich. Emir hat einen Bruder, zwei Schwestern und eine liebevolle Mutter. Emir kannte als Flüchtlingskind also ähnliche Probleme wie Senaid, er hatte aber einen stabilen familiären Hintergrund und er mochte Senaid.
In der Gruppenarbeit in der Klasse war es durch Emirs Unterstützung für Senaid mehr und mehr möglich, seine eigenen Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken. Um dies zu fördern, schlug ich z.B. einen Rollentausch vor und ermutigte Emir aus der Rolle Senaids zu sagen, wie er sich fühlte. Oder ich ließ Emir Senaid "doppeln", das heißt, daß er ausdrückte, welche Gefühle er bei Senaid spürte. So doppelte Emir z.B., als Senaid blass und verkrampft mit geballten Fäusten dastand: "Ich bin so wütend". Erst dadurch konnte Senaid die Wut als sein eigenes Gefühl erkennen und sagen, warum er so wütend war.
In der ersten Zeit achtete ich darauf, daß ich an Senaid im Unterricht nur Aufgaben stellte, von denen ich sicher war, daß er sie erfüllen könnte, um zu vermeiden, daß seine Gefühle von Unfähigkeit verstärkt würden und seine Ängste ihn blockieren würden. Er hatte immerhin eine Kette von Mißerfolgserfahrungen, von Ablehnung und Demütigungen hinter sich. Ich wollte ihn in dem, was ihm gelang, bestärken - als Basis für sein Wachstum. Deswegen habe ich ihn in der ersten Zeit nie in die Situation gebracht, daß er lesen oder schreiben sollte. Denn das konnte er nicht. Erst als sich in ihm durch verschiedene andere positive Erfahrungen eine gewisse Sicherheit aufgebaut hatte, begann ich langsam und vorsichtig, ihm Lesen und Schreiben beizubringen. In der ersten Zeit hielt ich mich immer in seiner Nähe, um, falls es nötig war, einzugreifen, ihn zu ermutigen oder ihm zu helfen.
Um die sozialen Beziehungen in der Klasse zu verbessern und insbesondere isolierte Kinder in die Klassengemeinschaft zu integrieren, erarbeitete ich mit den Kindern eine soziometrische Übung zu dem Kriterium: Wer möchte mit wem in einer Tischgruppe sitzen? (Die Arbeit in Tischgruppen erscheint mir von jeher als kommunikativer und effektiver als der traditionelle Frontalunterricht. Sie regt in jedem Fall die Zusammenarbeit der Kinder an.) Um mit der Organisation der Tischgruppen ein möglichst großes Maß an Zufriedenheit bei den SchülerInnen zu erreichen, ließ ich sie ihre Wahlen selbst treffen:
Jedes Kind schrieb auf kleine Zettel, mit welchen drei anderen Kindern es am gleichen Tisch arbeiten möchte. Jedes hatte eine erste, zweite und dritte Wahl.
Natürlich gab es während dieser Übung Anspannung und viele Emotionen: Werden mich andere wählen? Vielleicht wählt mich gar niemand? Werden mich die ebenso wählen, die ich wähle?
Dann teilte jedes Kind seine Wahlen aus. Im Anschluß konnten alle ihre Gefühle äußern: Freude, Zufriedenheit, Überraschung, aber auch Enttäuschung.
Anschließend stellten wir die Gruppen so zusammen, daß unter den 6 Kindern einer Gruppe jedes mindestens ein Kind seiner Wahl in der Gruppe hatte. Außerdem achteten wir darauf, daß die eher "isolierten Kinder" (wie z.B. Senaid) mit ihren jeweiligen "DoppelgängerInnen" auf die sechs Gruppen verteilt waren. Schließlich waren alle Kinder mit der Gruppenzusammesetzung zufrieden.
Die soziometrische Übung hatte nicht nur die gegenwärtigen Beziehungen in der Gruppe deutlich gemacht, sondern den Kindern auch die Möglichkeit gegeben, aktiv und gemeinsam eine befriedigende Lösung zu finden.

Psychodramatische Techniken wie Rollenspiel, spontane (Stegreif-)Gruppenspiele, oder Puppentheater setzten wir in allen Fächern, aber besonders in Gemeinschaftskunde ein, wo wir z.B. Themen wie "Kommunikation" oder "gewaltfreie Konfliktlösung" bearbeiteten. Wir inszenierten Geschichten, Märchen oder Kinder-Romane, indem die Kinder in verschiedene Rollen schlüpften und sich so neu und anders erlebten. Das Spielen machte den Kindern großen Spaß.
Nach jedem Gruppenspiel und jeder Szene ermutigte ich die Kinder, zu sagen, wie sie sich in ihren Rollen gefühlt hatten (psychodramatisch: Rollenfeedback) und auch, ob sie das an etwas aus ihrem eigenen Leben erinnerte (psychodramatisch: Sharing).
Dies ermöglichte den Kindern, über ihre Erfahrungen und Gefühle zu sprechen und sich selbst und andere besser verstehen zu lernen. Die Sharings halfen den Kindern zu erkennen, daß sie nicht die einzigen waren, die dieses oder jenes Problem hatten. Dies entlastete sie und gleichzeitig lernten sie von den Erfahrungen der anderen.
Die Feedbacks aus den Rollen ermöglichten den Kindern zu verstehen, wie ihr eigenes Verhalten auf andere wirkt. Es ermutigte sie auch zu Selbstkritik, aber auf eine konstruktive Art und Weise, die sie nicht blockierte, sondern sie wachsen ließ.
Auch für Senaid waren die Erfahrungen während der Rollenspiele sehr wichtig. Er konnte sich erst ängstlich und dann allmählich freier in den Rollen erleben. In der Identifikation mit Figuren aus Geschichten und Märchen fiel es ihm leichter, neues Verhalten auszuprobieren.
Besonders wichtig waren für ihn die Feedbacks und Sharings, da sie ihm halfen, seine Unsicherheit und seine Ängste, daß die anderen ihn für dumm hielten, zu überwinden.
Nach einigen Monaten hatte sich Senaids Verhalten deutlich verändert: Er kam regelmäßig zur Schule, machte die Hausaufgaben: er hatte schreiben und lesen gelernt - noch mit Fehlern, aber das machte nichts.
Seine Beziehung zu Emir war zu einer stabilen Freundschaft geworden. Er fühlte sich auch mit den anderen Kindern in der Klasse sicherer.
Und dann nahmen wir als Stoff der dritten Klasse die Themen Ackerbau und Viehzucht durch. Die Kinder bekamen die Hausaufgabe, einen Obstgarten oder einen Obstbaum ihrer Wahl zu zeichnen. Senaid konnte generell gut zeichnen. Aber diesmal waren sich am folgenden Tag alle Kinder einig: Senaids Obstgarten war der allerschönste! Ich rief Senaid mit seinem Bild vor die Klasse, damit er es allen zeigen könne. Zuerst verschämt kam er nach vorn und hielt seine Zeichnung vor sich. Ich forderte ihn auf, das Bild hochzuhalten, damit alle es sehen konnten. Während er das Bild in die Höhe hob, ging eine Veränderung in ihm vor: Sein Erfolg wurde ihm bewußt. Und der anschließende Applaus ließ ihn glücklich strahlend sagen: "Das ist mein Obstgarten. In meinem Dorf. Vor meinem Haus."
Diese Erfahrung bewirkte eine neue Veränderung für Senaid: Er wurde sich bewußt, wieviel Wissen und Fertigkeiten er als ursprüngliches Dorfkind hatte, dessen Eltern, Großeltern und Verwandte als Bauern im Sandzak Ackerbau und Viehzucht betrieben hatten. Er war das einzige Kind in der Klasse, das z.B. wußte, wie man Obstbäume durch Pfropfen veredelt. Denn dabei hatte er selbst seinem Großvater geholfen. Während der Gruppenarbeit zu diesen Themen wuchs sein Selbstbewußtsein sichtlich, als er mehr und mehr sein Wissen über diesen Lernstoff einbringen konnte. Er wurde sich seiner eigenen Stärken und Fähigkeiten bewußt. Gleichzeitig waren die Kinder seiner Tischgruppe stolz auf ihn, da sie durch sein Wissen eine besonders hohe Punktzahl für die Gruppenarbeit erzielten.

Schließlich durfte Senaid die Ergebnisse dieser "besten Gruppenarbeit" auch den Gästen präsentieren, die während dieser Unterrichtsstunde anwesend waren. Dies waren Kolleginnen und Kollegen, die die neue Methode der "Tischgruppenarbeit" kennenlernen wollten. Darunter befanden sich auch die Direktorin und Lehrer und Lehrerinnen, in deren Klasse Senaid zuvor Schüler gewesen war und die ihn als "hoffnungslosen Fall" abgeschrieben und schließlich in meine Klasse abgeschoben hatten. Es war sichtbar, wie sehr diese KollegInnen überrascht waren, daß Senaid nicht nur gleichberechtigt in seiner Tischgruppe mitarbeitete, sondern ganz maßgeblich zu dem guten Ergebnis seiner Gruppe beitrug und dieses dann auch präsentierte. Für Senaid war das ein besonderer Erfolg und eine Ermutigung.
Einige Wochen später sprachen wir über den Tabakanbau und Senaid erzählte, wie er früher "zu Hause" seinem Vater geholfen hatte, die getrockneten Blätter auf einen Faden aufzufädeln.
Am folgenden Tag kam er dann in die Schule mit einem auf einen großen Karton aufgemalten Tabakblatt. Als ich ihn aufforderte, der Klasse sein Gemälde zu zeigen, stellte er sich hinter den Karton, schlüpfte in die Rolle des Tabakblatts und erzählte als Tabakblatt mit lauter Stimme und ganz stolz, wie es gewachsen war, wie es geerntet wurde und was nun mit ihm geschehen würde. Dieses Rollenspiel machte Senaid großen Spaß, die anderen Kinder applaudierten und seine Gruppe bekam wieder mal die meisten Punkte - dank seiner Präsentation.

Immer öfter meldete er sich im Unterricht selbst oder ging ohne Angst zur Tafel, um eine Aufgabe zu lösen. Sogar in seinem "Problemfach" Mathematik verbesserte er sich mit Unterstützung von Emir stetig. Schließlich erzählte Senaid mir, daß auch zu Hause alle glücklich seien, daß er sich in seiner Klasse so wohl fühlt und daß sein Vater begonnen habe, täglich mit ihm Mathematik zu üben.
Durch diese positiven Erfahrungen war es möglich, daß Senaid auch sein Verhalten anderen gegenüber veränderte, indem er sein negatives Selbstbild in ein positives verwandeln konnte und indem sein Selbstvertrauen wuchs. Er wurde zu einem bei allen beliebten Mitschüler.
Selbst den Verlust seines Freundes Emir, der mit seiner Familie nach Schweden auswanderte, konnte er verkraften, denn er war inzwischen gut in die Gemeinschaft integriert.
Ich begann mit dieser Klasse im dritten Jahr und führte sie bis zum Ende des vierten Jahres.
Am Ende des vierten Jahres war aus einer Gruppe vereinzelter, problematischer Kinder, die großenteils die bosnische Sprache nicht beherrschten, die riesige Lücken im Lernstoff hatten und vielfach sozial auffälliges Verhalten zeigten, eine wirkliche Klassengemeinschaft mit hoher sozialer Kompetenz, gegenseitiger Empathie und hervorragenden Leistungen geworden.
Mit der fünften Klasse wechselten sie dann in den Fachunterricht bei verschiedenen LehrerInnen. Auf meine Bitte hatte ich während der ersten drei Monate noch jeweils eine Unterrichtsstunde wöchentlich mit ihnen, um sie noch ein wenig weiter zu begleiten. Nach diesen drei Monaten trafen wir uns noch nach Bedarf, wenn die Kinder irgendein Thema oder Problem hatten, das sie besprechen oder bearbeiten wollten. Das tun wir auch heute noch gelegentlich.
Die SchülerInnen sind nun in der sechsten Klasse und sie sind die Klasse mit dem besten Notendurchschnitt von insgesamt sechs 6. Klassen. Die KollegInnen, die sie unterrichten, betonen die besondere Gruppenkohäsion in dieser Klasse und die außergewöhnliche Empathie und Hilfsbereitschaft unter den SchülerInnen.
Senaid ist leider nicht mehr in dieser Klasse. Seine Familie mußte, nachdem er die fünfte Klasse beendet hatte, zum anderen Ende der Stadt umziehen. Er geht nun wieder in eine "normale Schule" mit traditionellen Lehrmethoden. Das ist für ihn nicht leicht, seine Mitschülerinnen und Mitschüler fehlen ihm; aber er hält sich tapfer.
Ich glaube, aus diesem Bericht wird deutlich, wie wichtig es wäre, Lehrerinnen und Lehrer generell in der Methode und Philosophie des Psychodrama auszubilden.