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SEKA-Journal Nr. 9 - Dezember 2001 |
Splitska, 19. Oktober 2001
Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Unterstützerinnen und Unterstützer,
in diesen Tagen sind wir alle erschüttert über die Ereignisse in dieser unserer Welt. Die Brutalität und perfide Berechnung der Terroranschläge in New York und Washington konnten wir kaum fassen und unser tiefes Mitgefühl gilt den Opfern und ihren Angehörigen.
Entsetzt sind wir allerdings auch über die Erbarmungslosigkeit und Rachsucht, mit der die USA nun blindlings Vergeltung übt, indem sie Afghanistan bombardiert, ein Land, dessen Bevölkerung - und da ganz besonders die Frauen - nicht nur unter bald 20 Jahren Krieg und Bürgerkrieg, sondern auch unter dem Terror-Regime der Taliban leidet, dieser "Glaubenskrieger", die gerade die USA jahrelang finanziell gefördert haben. Erschreckend sind für uns auch die Kritiklosigkeit, mit der die europäischen Regierungen den Rachefeldzug der USA "bedingungslos" unterstützen, und die Auswirkungen, die der Kampf gegen den Terrorismus weltweit auf die Bürgerrechte haben wird.
Der Terroranschlag in den USA hat unseres Erachtens wieder einmal gezeigt, daß "totale Sicherheit" unmöglich und schon gar nicht mit Mitteln der (militärischen) Gewalt zu erreichen ist. Natürlich müssen Verbrechen bestraft werden, aber dies sollte mit rechtsstaatlichen Mitteln geschehen - vielleicht durch den angestrebten internationalen Gerichtshof für Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Daß das möglich ist, hat die letztendliche Auslieferung der Lockerbie-Attentäter durch Libyen gezeigt.
Gleichzeitig sollten wir uns aber fragen, wie wir in einem breiten Miteinander - und nicht Gegeneinander - diese Welt sicherer und gerechter machen können - und das nicht nur für die Bevölkerung der reichen Länder.
Es ist schrecklich, daß Menschen so fanatisch sind, daß sie bereit sind, ihr Leben zu opfern, um gleichzeitig Tausende anderer Menschen mit in den Tod zu reißen. Aber wir sollten auch fragen, wo die Wurzeln für diesen Fanatismus liegen. Eine Welt, die die Globalisierung propagiert, damit aber nur ihre wirtschaftliche und politische Ausrichtung an den Interessen der reichsten Länder meint, verschärft in Wirklichkeit die tiefe Spaltung in Reiche und Arme, in Menschen mit und Menschen ohne Chancen, in Mächtige und Ohnmächtige, in Menschen mit dem Anspruch auf Menschen- und Bürgerrechte einerseits und in Rechtlose und Abhängige andererseits.
Derzeit werfen die US-Kampfflugzeuge Bomben über Afghanistan ab, die eigentlich längst international geächtet sind - nur haben leider die USA auch dieses Abkommen nicht unterzeichnet: Bomben, die nach ihrem Abwurf jeweils Hunderte von Minen weiträumig verstreuen, und Splitterbomben, die speziell gegen die Zivilbevölkerung gerichtet sind, da sie jeweils bei einer großen Zahl von Menschen schreckliche Verletzungen oder den Tod verursachen. Von diesen Bomben werden am wenigsten die Taliban-Krieger und sicher gar nicht die Terroristen Bin Ladens getroffen. Getroffen werden wie immer die einfachen Menschen, die derzeit verzweifelt versuchen, sich irgendwo in Sicherheit zu bringen; doch alle angrenzenden Länder haben ihre Grenzen verschlossen. Unser Mitgefühl gilt daher auch zutiefst den Menschen in Afghanistan.
Splitterbomben und Minen wurden auch im Krieg in Bosnien-Herzegowina eingesetzt. Erst vor ein paar Tagen - bei unserem Besuch in Zentralbosnien - sprachen wir mit betroffenen Frauen und Kindern über die furchtbare Wirkung dieser Mordinstrumente. In Bosnien gibt es auch heute noch Hunderttausende Minen, deren Bergung sicher noch Jahrzehnte dauern wird, wenn überhaupt je alle geborgen werden können.
Mit unserer Arbeit im SEKA-Haus und in der gesamten Region setzen wir uns dafür ein, daß an die Stelle von Haß, Vergeltung und Gewalt Gerechtigkeit, Begegnung und Verständnis treten. Diese Art der Arbeit mag langwierig und mühsam sein, aber sie ist die einzige, die unseres Erachtens wirklichen Frieden und eine größtmögliche gesellschaftliche Sicherheit schaffen kann.
Die derzeit in Gang gesetzte Gewaltspirale wird nur zu weiteren noch schrecklicheren Gewaltakten führen - seien es Terroranschläge oder "Vergeltungsaktionen", die immer wieder Unschuldige treffen.
Wir wünschen uns, daß so viele Menschen wie möglich gegenüber ihren Regierungen und international ein Ende der militärischen Gewalt einfordern. Entsprechende Aufrufe gibt es bereits vielfältig im Internet, so z.B. unter www.sheherazade.org und www.gewaltspirale-durchbrechen.de oder bei der Friedenskooperative www.friedenskooperative.de
Im folgenden wollen wir nun wie immer kurz einen Überblick über die Beiträge in diesem unserem 9. (!) SEKA-Journal geben:
Wir hoffen, daß Sie auch diesmal unser Journal interessant finden. Wir freuen uns stets über Ihre Rückmeldungen. Wenn Sie Fragen haben oder weitere Informationen zum Projekt möchten, wenden Sie sich bitte ans Hamburger Büro. Oder besuchen Sie unsere Homepage: www.seka-hh.de.
Wir wünschen Ihnen schöne Weihnachtstage und ein gutes Jahr 2002. Gleichzeitig haben wir für das Jahr 2002 den Wunsch, daß sich Vernunft, Besonnenheit und der Wille, die Gewaltspirale zu unterbrechen, auch auf der politischen Bühne stärker durchsetzen. Dafür können wir alle etwas tun!
Mit herzlichen Grüßen
Gabriele Müller, Mirjana Bilan, Henni Bartram, Marija und Fani Mišetic, Christa Paul und Bergit Falter