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SEKA-Journal Nr. 9 - Dezember 2001 |
Als sie Ende Juli bei uns ankommen, kennen sie sich nicht besonders gut, die zwölf Frauen und acht Kinder aus Donji Vakuf. Ein Treffen hat es im Vorfeld für die Frauen gegeben. Die Kinder haben sich erst auf der gemeinsamen Busfahrt kennengelernt. Sie sind noch vorsichtig im Umgang miteinander. Vermittelt über die Frauenorganisation "Anima", werden sie 14 Tage im SEKA- Haus verbringen. Sie sind begeistert von der schönen Insel und dem großen Haus mit den gemütlichen Zimmern. Sie wollen sich entspannen und erholen, eine schöne Zeit erleben, so sagen sie uns.
Vom ersten Tag an aber signalisieren die Frauen auch ein großes Bedürfnis nach Gesprächen, einzeln oder in kleinen Gruppen. Die SEKA-Mitarbeiterinnen sollen Zeuginnen sein für das, was ihnen widerfahren ist. "Wir hatten den Eindruck, als ob viele geradezu darauf gewartet hatten, daß ihnen jemand zuhört und Anteil an ihrem Schicksal nimmt", erinnert sich Gabriele Müller, "und ihnen bestätigt, daß ihre traumatischen Erfahrungen wirklich furchtbar sind."
Alle Frauen haben die Besetzung Donji Vakufs erlebt, Vertreibung, gewalttätige Übergriffe. Die Ehemänner mehrerer Frauen sind im Krieg gefallen, einer ist ermordet worden, als er versuchte, sein Haus vor Plünderung zu schützen. Einige der Frauen haben Kinder verloren, während und auch noch nach dem Krieg.
Viele versuchen, das Erlebte zu vergessen. Einige haben Depressionen, Angstzustände, Alpträume. Manche sind physisch krank. Fast keine von ihnen hat Arbeit. Das Leben in sehr schwierigen ökonomischen Verhältnissen, teils bitterer Armut, und die Sorge um die Kinder, die die meisten von ihnen allein tragen, zehrt an ihren Kräften.
An den ersten Abenden führen die Frauen mit den Mitarbeiterinnen lange Gespräche auf der Terrasse, die sich um die traumatischen Erfahrungen und um all die Probleme drehen, die jetzt die Existenz bedrohen. Es geht um Wirkungsweise und Folgen von Traumata, aber auch darum, daß es in jedem Menschen neben der Erfahrung von Ohnmacht immer noch etwas anderes gibt: nämlich Stärken, Fähigkeiten, Erinnerungen an schöne Zeiten. Und darum, daß die Frauen nicht allein sind mit ihren Sorgen und Nöten, daß es Unterstützung im Umfeld gibt- und daß zu einer möglichen Unterstützung auch die Frauen dieser Gruppe werden können.
Das Angebot zur Gruppenarbeit nehmen fast alle Frauen an. Am dritten Abend treffen sie sich zum ersten Mal im Seminarraum. Im Partnerinneninterview führen die Frauen intensive Gespräche und stellen sich dann gegenseitig der Gruppe vor. Das gegenseitige Kennenlernen wird so gefördert. Die Frauen sprechen ab, welche Aspekte ihrer Gespräche der Gesamtgruppe mitgeteilt werden dürfen. Einige befürchten, daß in ihrer Kleinstadt "getratscht" werden könnte über das, was sie in der Gruppe erzählen oder von sich zeigen. Deswegen sind die Gruppenregeln "jede zeigt soviel von sich, wie das für sie in Ordnung ist und womit sie sich sicher fühlt. Jede bestimmt das selbst. Keine wird gedrängt." und "alles, was besprochen wird, bleibt innerhalb der Gruppe" zentral, um eine Vertrauensbasis für die Gruppenarbeit zu schaffen.
Auf die gegenseitigen Massagen können sich an diesem Abend noch nicht alle Frauen einlassen. Einige wollen lieber einfach nur der Entspannungsmusik zuhören und den anderen zusehen. Am nächsten Abend ist das anders. Fast alle möchten teilnehmen und fühlen sich danach viel besser. Ihre Kopfschmerzen oder andere Spannungssymptome sind verschwunden.
Sieben Abende lang arbeiten Branka Bilogrevic und Gabriele Müller mit den Frauen im Seminarraum. Sie gehen sehr behutsam vor und machen Angebote, die den Bedürfnissen und Möglichkeiten der teils schwer traumatisierten Frauen entsprechen. Übungen und Spiele, die Sicherheit und Kontakt fördern und die die Stärken der Frauen und die Freude am Leben unterstützen, stehen dabei im Vordergrund.
In Bewegungsspielen, Tanzspielen und Phantasieübungen entspannen sich die Frauen immer mehr, werden offener für die Begegnung mit anderen, und der Kontakt zwischen den Frauen wird von Tag zu Tag enger. Spaß und Leichtigkeit erfahren die Frauen in Spielen wie der "Kettenpantomime". Die fast vergessene Lebensfreude wird für sie selbst wieder spürbar. "Ich habe geglaubt, daß ich mich nie wieder würde freuen können... Hier habe ich gelernt, daß ich mich trotz allem, was passiert ist, wieder freuen darf. Es ist in Ordnung zu trauern, aber auch fröhlich zu sein.", sagt R. am letzten Gruppenabend.
Besonders lieben die Frauen das Selbsterfahrungsspiel "Wenn sie eine Blume / ein Tier / eine Landschaft....wäre, dann wäre sie...". Auf phantasievolle Art erfahren die Frauen hier, wie andere sie erleben. Alle Frauen nehmen mit Begeisterung an diesem Spiel teil, auch die, die sonst große Schwierigkeiten haben, sich selbst ein bißchen Freude und Wohlsein zuzugestehen.
Die Tage verbringen die Frauen mit den Kindern am Strand. Der Anblick des Meeres löst bei einigen Tränen aus. Die Schönheit der Insel und des Meeres weckt Erinnerungen an Urlaub, als das Leben noch "normal" war, und macht schmerzlich den Verlust dieser friedlichen Normalität bewußt. Doch nach anfänglicher Zurückhaltung spielen die Frauen immer fröhlicher und gelöster mit ihren Kindern im Sand, tollen ausgelassen mit ihnen im Wasser, genießen Sonne, Sand und Meer. Immer mehr scheint der Glaube zurückzukehren, daß das Leben doch schön sein kann- und nicht nur aus Schmerz, Angst, Mangel, Gewalt und Erschöpfung besteht.
Die Kinder
Auch die meisten Kinder haben in ihrem Leben schon viel Schweres erlebt. Für sie ist SEKA das "Paradies auf Erden", so steht es später im Gästebuch. Manche können sich endlich einmal richtig satt essen. Sie haben ein eigenes Bett. Zum ersten Mal sind sie im Urlaub, erleben Meer und Strand- und sie haben ihr "Kucica", das Kinderhäuschen. Kaum ein Kind hat jemals so viel Spielzeug gesehen- geschweige denn besessen.
Zu Anfang sind einige Kinder stark verängstigt, wollen unbedingt alles richtig machen. Vier Kinder haben ein besonders großes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Zwei sind innerlich stark verunsichert und äußern das in teils sehr aggressivem Verhalten.
Nur der Jüngsten ist die direkte Erfahrung von Krieg und Flucht erspart geblieben. Viele haben erlebt, daß der Vater aus dem Krieg nicht zurück gekommen ist. Manche Ehen zerbrachen nach dem Krieg. Zwei Kinder haben den Tod einer Schwester erlebt. Einige Mütter sind sehr erschöpft. Grade die älteren Kinder haben schon viel zu viel Verantwortung für ihr Alter übernehmen müssen.
Am ersten Abend gibt es eine Kinderversammlung im "Kucica", in der die Kolleginnen Marijana Smeric und Vesna Šobot mit den Kindern besprechen, warum es SEKA gibt und wie die Regeln im SEKA Haus lauten: Über Probleme wird geredet, es wird nicht geschlagen oder getreten, jede und jeder hat das gleiche Recht auf Aufmerksamkeit und Gehör.... Außerdem werden den Kindern drei Überraschungen in Aussicht gestellt, die die Kinder aufgeregt zu erraten versuchen.
Anschließend nehmen die Kinder das "Kucica" in Besitz, probieren alles Spielzeug aus, erkunden alle Ecken. An den folgenden Abenden machen unsere Kolleginnen dann Angebote für die Kinder, die diese gern annehmen. Besonders gern arbeiten sie mit Plastilin, malen und zeichnen. Auf ihren Bildern finden sich überwiegend die neuen Erlebnisse und Erfahrungen: Meer, Strand, die Fähre, Sonnenuntergänge, Kuca SEKA oder das Kucica. Gern kleben die Kinder auch noch selbst gefundene Muscheln zur Verzierung auf ihre Bilder. An der Art und Weise, wie die Bilder gemalt sind, lassen sich allerdings bei den meisten Kindern Ängste und Unsicherheit erkennen. Manche Kinder malen sehr klein, als ob sie nicht so viel Raum einnehmen wollen. Bei anderen hängt alles Gemalte eher in der Luft. ....
Auch psychodramatische Rollenspiele mögen die Kinder gern. Hier können sie ihre Erlebnisse, Wünsche und Ängste ausdrücken und sich von traumatischen Erfahrungen befreien. Anfangs wählen sie eher starke, böse Rollen. So können sie erlebte Gefühle von Ohnmacht bewältigen und ihre Aggressionen auf erlaubte, gefahrlose Art ausdrücken. Der Mitarbeiterin weisen die Kinder in der Regel die Opferrolle zu, die diese annimmt und in ihr immer wieder betont ihre Gefühle äußert. Die Kinder erkennen sich darin wieder, und sie erfahren, daß es normal ist, in angstbesetzten, hilflosen Situationen Angst, Ohnmacht, Verzweiflung und den Wunsch nach Hilfe zu fühlen. Durch das Erlebnis der eigenen Stärke, aber auch durch die Wirkung des eigenen agressiven Handelns können die Kinder allmählich ihr Verhalten differenzieren. Nach einiger Zeit übernehmen sie dann meist mächtige, aber beschützende Rollen. Die Rollenspiele drehen sich bei dieser Gruppe oft um das Thema Familie. Vor allem handeln sie vom Wunsch nach einem starken beschützenden Vater und einer Idealmutter, der Sehnsucht nach Geborgenheit, Versorgung und Schutz.

Die Kinder reden mit Marijana und Vesna in vielen Gesprächen über Themen, die sie bewegen: Darüber, was ihnen Angst macht, was sie freut, was sie mögen, was sie nicht mögen. "Wie wir miteinander umgehen wollen" ist auch Thema einer Gesprächsrunde, da ein Kind ein besonders aggressives Verhalten an den Tag gelegt hatte. Diesem Kind widmet sich Marijana Smeric auch in Einzelarbeit. Provozierendes oder aggressives Verhalten einzelner Kinder nimmt im Verlauf der Zeit jedoch deutlich ab. Ängste und Unsicherheit lassen nach.
Auch mit den Müttern führen Marijana und Vesna lange Gespräche über die Kinder und den Umgang mit ihnen. Die Frauen sind dankbar, denn auf einige Fragen wissen sie sich keine Antwort zu geben: Wie spreche ich mit meinem Kind über den Tod des Vaters oder der Schwester? Wie gehe ich mit den Ängsten meines Kindes um, das nicht allein sein will, sich im Dunkeln fürchtet, bei lauten Geräuschen zu weinen beginnt?
Marijana und Vesna ermutigen die Mütter der älteren Kinder, diese mehr loszulassen, ihnen Verantwortung zu geben, damit sie selbständig werden können. Viele Frauen klammern sich an ihre Kinder, wollen sie nicht von ihrer Seite lassen, damit ihnen nur ja nichts passiere, besonders, wenn sie schon ein Kind oder den Mann verloren haben. Oft fällt es den Müttern auch schwer, klare Grenzen zu setzen. Sie diskutieren mit Marijana und Vesna über Methoden der Erziehung, über Konsequenzen anstelle von Schlägen, die manche Mütter als Ausweg wählen, wenn sie nicht mehr weiter wissen. Die Mitarbeiterinnen raten den Frauen, sich selbst Hilfe zur Verarbeitung traumatischer Erlebnisse zu holen, um nicht die Kinder mit ihren Problemen und Gefühlen zu überlasten, und bestimmte Themen nicht in der Anwesenheit der Kinder zu besprechen. Einige Kinder könnten kontinuierliche psychologische Unterstützung gebrauchen. Einer der Jungen braucht Hilfe beim Lernen, für eines der Mädchen wären logopädische Übungen hilfreich.
Trotz der großen Altersunterschiede - die kleinste ist drei Jahre, die älteste 16 Jahre alt - sind die Kinder schnell zu einer Gruppe zusammengewachsen. Nach einer Weile beginnen sie, aufeinander achtzugeben, sich mehr zuzuhören, sich gegenseitig zu unterstützen. Schließlich können sie sich alle gut an Abmachungen und Regeln halten. Besonders diejenigen, denen von der Mutter nie Grenzen gesetzt wurden, ist das am Anfang sehr schwer gefallen. Auch Regelspiele haben diesen Kindern zu Anfang große Mühe bereitet.
Tagsüber plantschen die Kinder im flachen Wasser des Strandes im Nachbarort Postira. Sie lernen, daß das Wasser sie trägt, und einmal ausgerüstet mit Schwimmring und Schwimmflügeln werden sie von Tag zu Tag freier, trauen sich mehr zu, werden mutig und selbstbewußt.
Vesna und Marijana stärken mit verschiedenen Übungen das Vertrauen der Kinder ins Wasser. Sie ermutigen sie, loben und helfen bei den Schwimm- und Tauchversuchen. Am Ende können alle Kinder schwimmen, tauchen und springen und beweisen das im abschließenden Wettbewerb. Alle gewinnen, und natürlich gibt es eine Siegerehrung und Urkunden als Anerkennung.
Die drei Überraschungen werden von den Kindern natürlich mit Spannung erwartet. Ganz aus dem Häuschen sind sie, als sie erfahren, daß für sie ein Bootstrip geplant ist: Mitarbeiterin Mirjana Bilan lädt die Kinder mit ihren Müttern in Kleingruppen zu einer Tour mit ihrem kleinen Motorboot ein. Frauen und Kinder genießen den Wind, das Wasser und die Panoramablicke auf die Insel sichtlich.
Die zweite Überraschung besteht in der Aktion "T-Shirts bemalen", die wir schon im zweiten Jahr durchführen. Die Kinder machen sich eifrig ans Werk, und es entstehen bunte, kreative T-Shirts, in denen sich die Kinder abschließend stolz präsentieren. Sie haben die T-Shirts als Erinnerung an all das Schöne an ihrem Aufenthalt gestaltet, Strandszenen oder Kuca SEKA auf ihnen verewigt, Sonnen und Palmen und das Meer dazugemalt.
An einem Abend schließlich beginnt für die Kinder ein Fotokurs, den wir auch in den Jahren zuvor mit den Kindern durchgeführt haben: Jedes Kind bekommt eine Kamera. Sie sollen sich vorstellen, sie seien Fotografinnen oder Fotografen und hätten den Auftrag, eine Fotoreportage über den Aufenthalt ihrer Gruppe auf der Insel Brac zu erstellen. Nach einer Einweisung in die Funktionen der Kamera gehen die kleinen Reporterinnen und Reporter gemeinsam auf Motivsuche, vorerst noch ohne Film. Die Kinder sind begeistert und mit großem Ehrgeiz bei der Sache. Ganz genau schauen sie sich an diesem Abend um, nehmen ihre Umgebung ganz bewußt wahr. Danach bekommen sie vier Tage Zeit, um das, was ihnen am wichtigsten ist, auf eigene Faust auf Film zu bannen. Das sind natürlich die Mütter und die "Tanten", also die SEKA-Mitarbeiterinnen, das Meer, das Strandleben, das "Kucica", aber auch wunderschöne Blumen oder Landschaftsmotive, "Bella", die SEKA-Katze, Hunde aus der Nachbarschaft, "Tante" Mirjanas Boot oder der Sonnenuntergang über der Bucht von Splitska.

Der Fotokurs hat verschiedene Effekte auf die Kinder: Sie lernen zu fotografieren. Wichtiger ist aber, daß sie sich als kompetente, kreative Subjekte ihres Tuns erleben, denn sie entscheiden ganz allein, was sie fotografieren, wie und wann. Außerdem können sie ihre schönsten und wichtigsten Erinnerungen festhalten, als Bekräftigung und Unterstützung für zu Hause.
Am letzten Abend gibt es eine Ausstellung der Fotos. Die Arbeit eines jeden einzelnen Kindes wird gewürdigt mit einer kleinen Rede und großem Applaus. Die Mütter sind stolz auf ihre Kleinen, und die Kinder sind stolz auf sich selbst. Das können sie auch sein. Sehr schöne, aussagekräftige Fotos aus dem besonderen Blickwinkel der Kinder sind entstanden. Sie haben Großartiges geleistet, und das sagen und zeigen wir ihnen. Jedes Kind bekommt seine Fotos in einem kleinen Album mit nach Hause.
"Alles was schön ist, dauert kurz ..."
Die Kinder haben ihre Fotos, ihre T-Shirts und andere Kunstwerke im Gepäck, als der Tag des Abschieds kommt. Es gibt Tränen an diesem Tag, und wir müssen versprechen, sie alle in Donji Vakuf zu besuchen, was wir inzwischen auch getan haben (siehe unser Bericht -Wiedersehen mit "unserer Gruppe"-).
Am letzten Gruppenabend erinnern sich die Frauen in einer Imaginationsübung an die gesamte Zeit im SEKA-Haus, an die Gruppenabende, aber auch an abendliche Spaziergänge, Tanz und Gesang, Tage am Meer. Dann malen sie auf, was ihnen an dieser Zeit am wichtigsten gewesen ist- eine besondere Situation, ein Gefühl, eine Stimmung. Und sie erzählen sich gegenseitig, wovon die Bilder handeln.
Die Schönheit der Insel und des Meeres kommt immer wieder vor. Doch hauptsächlich erzählen die Bilder vom Willkommensein im SEKA-Haus, von liebevoller Wärme, vom Dazugehören, von Freundschaft zwischen Frauen, die sich auch zukünftig im Alltag beistehen wollen. Ihr Bild nehmen die Frauen mit nach Hause- als eine handfeste Erinnerung an ihren Aufenthalt in Kuca SEKA und als Stütze im harten Alltag von Donji Vakuf.