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SEKA-Journal Nr. 8 - Juni 2001 |
Eine der am häufigsten genutzten therapeutisch-pädagogischen Methoden in der SEKA-Arbeit ist das Psychodrama. Sowohl in der therapeutischen Gruppenarbeit, der Einzelarbeit oder auch der Arbeit mit den Kindern nutzen wir Elemente des Psychodramas. Darüber hinaus haben wir nun bereits mit der zweiten Psychodrama-Fortbildungsreihe für Therapeutinnen begonnen.
"Psychodrama" (eigentlich "Soziometrie, Gruppen-psychotherapie und Psychodrama") bezeichnet eine therapeutisch-pädagogische Methode, die vom Arzt und Psychiater Jakob Levi Moreno entwickelt wurde.
Jakob L. Moreno wurde 1889 in Bukarest / Rumänien geboren. Als kleines Kind erlebte er die Flucht seiner jüdischen Familie vor Armut und Pogromen nach Wien, wo er aufwuchs. Moreno besuchte eine jüdische Schule und studierte später Medizin. 1925 emigrierte er in die USA, wo er 1974 starb.
Die eigene Erfahrung der Flucht sensibilisierte ihn offensichtlich stark für die Nöte und Probleme anderer Menschen und motivierte ihn zeit seines Lebens, nach Möglichkeiten zu suchen, das zwischenmenschliche Zusammenleben zu verbessern und Menschen zu unterstützen, ein befriedigendes, glückliches Leben zu führen.
Schon in Wien begann er, mit gesellschaftlichen Randgruppen zu arbeiten, was in der damaligen Zeit noch sehr ungewöhnlich war. So arbeitete er als Arzt in einem Flüchtlingslager oder er initiierte eine Selbsthilfegruppe für Prostituierte (ein in der damaligen Zeit geradezu revolutionäres Unterfangen).
Gleichzeitig beschäftigte er sich mit den spontanen Rollenspielen der Kinder. So spielte er z.B. mit Kindergruppen in einem Wiener Park. Diese Erfahrungen beeinflussten zu einem erheblichen Teil die später entwickelte Methode des Psychodrama.

Gleichzeitig setzte sich Moreno intensiv mit sowohl religiösen als auch gesellschaftspolitischen, künstlerischen oder psychologischen Strömungen dieser Zeit auseinander: so z.B. mit dem Sozialismus / Marxismus, mit Freuds Psychoanalyse, mit dem Existenzialismus / Expressionismus oder dem Anarchismus. Allen diesen Strömungen war gemeinsam, dass sie auf eine Veränderung des erstarrten und ungerechten gesellschaftlichen Systems abzielten, bzw. althergebrachte Vorstellungen durchbrachen.
Auch Morenos Überzeugung war, dass sich die Menschen von erstarrten Rollenmustern und Strukturen befreien können - durch die Entwicklung ihrer Kreativität und Spontaneität - und neue Verhaltens- und Beziehungsformen entwickeln - als Schlüssel zu einem befriedigenden Leben. Morenos Methode des Psychodramas wurde außerdem stark beeinflusst von seiner kritischen Auseinandersetzung mit dem Theater. Bereits in Wien gründete er ein "Stegreiftheater", in dem nicht eigentliche Theaterstücke gespielt wurden, sondern - unter Beteiligung des Publikums - Themen aus dem realen Leben.
Eine der wesentlichsten Wurzeln für Morenos therapeutische Philosophie bildete allerdings sein chassidisch-jüdischer Glaube. Diese zutiefst optimistische und lebensfrohe jüdische Glaubensrichtung ( "Der Mensch lebt für die Freude") beeinflußte Morenos Menschenbild und seine Vorstellung von therapeutischer Veränderung grundlegend.
So geht Moreno von einem kreativen Potential in jedem Menschen aus, das unzerstörbar bleibt, solange wir leben. Es mag durch Verletzungen oder traumatische Erfahrungen verschüttet oder erstarrt sein, aber es ist da und kann zu neuem Leben erweckt werden. Dieses Potential, die Selbstheilungskraft in jedem Menschen, soll durch den therapeutischen Prozess erweckt und dem Menschen wieder bewusst gemacht werden.
Moreno sieht den Menschen außerdem nie isoliert (als "Ich") sondern immer eingebunden in das Netz seiner Beziehungen, in die Gemeinschaft, die Gesellschaft, die Weltgesellschaft und schließlich den Kosmos. Und er sieht in jedem einzelnen Menschen das Göttliche - als Möglichkeit, aber auch als Verantwortung für das Ganze.
Psychische Krankheit betrachtet Moreno in erster Linie als Störung unserer Beziehungen oder Mangel an befriedigenden Beziehungen. Ein wichtiges therapeutisches Ziel ist daher im Psychodrama die Förderung von "authentischen Beziehungen", d.h. von Beziehungen, die ehrlich und von "gegenseitiger Einfühlung" geprägt sind. Aus diesem Grund gibt Moreno der Gruppentherapie den Vorzug vor der Einzeltherapie.
Ein anderer Schlüsselbegriff in der Philosophie und der Methode des Psychodramas ist "die Aktion", das Handeln. Moreno geht von einem grundlegenden Bedürfnis des Menschen aus, aktiv zu sein, sich handelnd zu verwirklichen. Je mehr dieses Bedürfnis, dieser "Aktionshunger" eingeschränkt ist, sei es durch rigide Erziehung, starre Strukturen, hierarchische Verhältnisse oder - im Extrem - in Gewaltsituationen, desto unzufriedener oder verstörter werden die betroffenen Menschen.
In traumatischen Situationen geht die Handlungsfähigkeit gegen null - dies bedeutet die Erfahrung von absoluter Hilflosigkeit, die langandauernde psychische Schäden hervorrufen kann.
Ein weiteres therapeutisches Ziel im Psychodrama ist daher, die Wiederherstellung der Handlungsfähigkeit, die Erfahrung, durch eigenes Handeln "sich selbst, seine Situation,... seine ganze Welt zu verändern". "Handeln ist heilender als Reden", sagt Moreno. Dieser Aspekt des Handelns in der Psychodramatherapie ist besonders wichtig für traumatisierte Menschen, da sie sich auf der Bühne oder in der Symbolarbeit handelnd erleben können. Sie erleben, dass sie selbst die Situation bestimmen können - die Psychodramatherapeutin unterstützt und begleitet sie und sorgt für einen sicheren Rahmen.
Schließlich ist Psychodrama eine Methode des "Hier und Jetzt". Gleichgültig, ob es sich um in der Vergangenheit erlebte Situationen, um innere Konflikte, um Träume oder um Zukunftsprojektionen handelt, alles ist auf der psychodramatischen Bühne "hier und jetzt" erfahrbar und veränderbar. Auf der Bühne wird die Vergangenheit noch einmal erlebt und durchgearbeitet. Beeinträchtigungen des aktuellen Lebens durch vergangene Erfahrungen können aufgelöst werden. Zur manchmal geradezu kathartischen Wirkung des Psychodramas sagt Moreno: "...jedes wahre zweite Mal befreit vom ersten Mal."
Auf der Bühne kann aber auch die Zukunft vorweggenommen werden, ausprobiert werden, ohne die möglicherweise befürchteten Konsequenzen im Alltag. Die Bühne ist so Realität, aber auch mehr als das, da auch Dinge, die nicht sichtbar sind (wie Gefühle, innere Anteile, die Vergangenheit, die Zukunft...) konkretisiert und dargestellt werden können. Auch dieser Aspekt ist außerordentlich wichtig in der Arbeit mit traumatisierten Frauen: Belastende Situationen können vorsichtig und stufenweise neu inszeniert und aus einer Position der Distanz und der wiedergewonnenen Stärke schließlich integriert werden.
Das klassische Psychodrama ist eine Methode der Gruppenpsychotherapie und findet auf einer Art Bühne statt, in der Regel einem freien Teil des Gruppenraums, auf dem die Protagonistin (d.h. diejenige, die ihr Thema bearbeitet) ihr "Spiel" (= ihre Szene) inszeniert. Die nicht-beteiligten Gruppenmitglieder sitzen am Rande dieser Bühne.
Die Therapeutin unterstützt nun die Protagonistin durch Fragen und Vorschläge, ihr Thema zu konkretisieren und auf der Bühne zu inszenieren.
Für die Darstellung der Szene kann die Protagonistin entweder andere Frauen aus der Gruppe als Mitspielerinnen (Hilfs-Ich) auswählen oder aber Symbole (Puppen, Stofftiere, Tücher, Kissen, Steine etc.).
Samija(Name geändert), eine 58jährige Frau hat sich entschieden, auf der Bühne ein Problem zu bearbeiten, das sie schon lange quält: der Konflikt mit ihrer erwachsenen Tochter Sonja, die im Ausland lebt und bis vor kurzem stark magersüchtig war. Mutter und Tochter hatten (nach dem Tod des Vaters) gemeinsam mehrere Kriegsjahre in ihrer fast völlig zerstörten Stadt in Bosnien durchgestanden, bis es dann Samija gelang, ihre Tochter ins Ausland zu schicken. Dort schien die Tochter erst in Sicherheit zu sein, doch dann erfuhr die Mutter von der Magersucht der Tochter. Es war Samija nicht möglich, zu ihrer Tochter zu fahren. Sie konnte nichts tun ausser über Telefon die Verbindung zu halten. Sie war voller Schuldgefühle, die Tochter weg geschickt zu haben und überschüttete die Tochter bei jedem Telefonat mit angstvollen Fragen, Vorwürfen und Ratschlägen. Die Tochter wurde trotzig und aggressiv gegenüber der Mutter. Gleichzeitig schien sie aber selbst die richtigen Schritte zu tun. Sie suchte sich einen Therapeuten. Begann wieder zu essen, machte eine Ausbildung, die sie mit ausgezeichneten Noten abschloß. Schließlich fand sie eine gutbezahlte Stelle.
Dies war in etwa die Situation, als Samija Hilfe für ihr Problem suchte. Für Samija hatte sich nichts geändert. Sie war noch immer voller Angst um ihre Tochter, voller Schuldgefühle und gleichzeitig tief verletzt durch die immer vehementer geäußerte Abwehr ihrer Tochter. Noch immer spielte sich der Kontakt hauptsächlich telefonisch ab.
Samija inszenierte also eine Szene "bei sich zu Hause, kurz bevor sie ihre Tochter Sonja anrufen will".
Mit Unterstützung und durch Nachfragen der Therapeutin richtet Samija auf der Bühne ihr Wohnzimmer ein. (Dies ist wichtig, damit sich die Protagonistin für die Szene erwärmt, d.h. das Gefühl bekommt, sie ist in ihrem Wohnzimmer.) Sie wählt eine der Frauen aus der Gruppe als "Telefon". (Oft ist es sehr aufschlussreich, was ein neutraler Gegenstand wie ein "Telefon" nach dem Spiel über die Szene sagen kann.)
Für ihre Tochter wählt Samija eine andere Mitspielerin, die außerhalb des "Wohnzimmers" mit dem Rücken zu Samija plaziert wird. (Beim Telefonieren kann man sich ja nicht sehen.)
Dann beginnt die Szene damit, daß Samija ihren Platz am Telefon einnimmt. Sie ist sehr unruhig. Die Therapeutin fragt sie in einem "psychodramatischen Interview", wie sie sich in diesem Moment fühlt, welche Gedanken ihr durch den Kopf gehen, was sie am liebsten tun würde, wovor sie Angst hat o.ä., um ihr zu helfen, sich über ihre Gefühle und Gedanken klarer zu werden und sie zu äußern. Schließlich entscheidet sich Samija, die Tochter "Sonja" anzurufen.
Das anschließende Telefonat wird dann im Rollentausch gespielt: Jedesmal wenn "Sonja" antwortet, schlüpft Samija in deren Rolle (das heißt, sie gibt als "Sonja" "Samija" eine Antwort.)
Nachdem die Situation wie gewöhnlich eskaliert, beläßt die Therapeutin Samija in der Rolle von "Sonja" und führt mit ihr ein psychodramatisches Interview: Dadurch ist es möglich die Protagonistin zu unterstützen, daß sie sich intensiv in die Rolle der Gegenspielerin einfühlen kann. Schließlich will "Sonja" ihrer Mutter sagen, was sie sich in Zukunft von ihr wünscht: "Bitte, Mutter, vertrau mir und laß mich leben! Ich bekomme mein Leben schon in den Griff. Mach Dir nicht so viele Sorgen um mich. Ich liebe Dich, aber ich ersticke, wenn Du mich immerzu bevormundest..."
Wieder in ihrer eigenen Rolle hört Samija was "Sonja" ihr sagt (diesmal wiederholt das Hilfs-Ich diese Sätze).
Samija weint und sagt leise, "Sie hat recht, ich ersticke sie."
Sie spricht nun über ihre Angst, dass der Tochter etwas zustoßen könnte, dass sie sterben könnte, wie schon ihr Mann. Aber sie ist jetzt bei sich, mit ihren Gefühlen, - und gleichzeitig hat sie gefühlt, wie ihre Tochter sich wahrscheinlich fühlt.
Nach Beendigung der Szene bekommt Samija noch Rückmeldungen von den beiden Frauen, die sie als Mitspielerinnen ausgewählt hatte. Die junge Frau, die "Sonja" gespielt hatte, bestätigt das Gefühl "sich wie erstickt zu fühlen von den Ängsten, der Überfürsorge und Bevormundung der Mutter. In einer weiteren Runde, dem Sharing (von engl. "Teilen") teilen viele Gruppenteilnehmerinnen ihre eigenen Erfahrungen als Mutter oder als Tochter mit. Samija ist nach dieser intensiven Arbeit müde, aber sie fühlt sich "ganz ruhig und als ob ich mich von etwas befreit habe".

Eine Möglichkeit, die ganze Gruppe gemeinsam ein Thema bearbeiten zu lassen, bieten Gruppenspiele, so z.B. der "Markt der Möglichkeiten": Der größte Teil des Raums wird zur Bühne, auf der ein Markt stattfindet: Jede der Frauen richtet nun auf diesem Marktplatz ihren Stand ein, auf dem sie ihre "Stärken, Fähigkeiten und Ressourcen" ausstellt. Wenn sie von irgend einer Fähigkeit "mehr als genug oder zuviel hat", kann sie davon anderen abgeben. Wenn sie eine Stärke oder Fähigkeit sucht, kann sie andere, die diese besitzen, fragen, ob sie ihr etwas davon abgeben. Anschließend wird dieses Spiel gemeinsam unter verschiedenen Fragestellungen ausgewertet. Für viele Frauen ist dies die erste Gelegenheit überhaupt, sich über ihre eigenen Stärken und Fähigkeiten, aber auch über Bedürftigkeiten klar zu werden und - als Suchende - etwas für sich selbst zu erbitten.
Gerade in der Arbeit mit traumatisierten Frauen kann diese Übung sehr gut in der ersten oder zweiten Phase des Therapieprozesses angewandt werden, wenn es um Sicherheit, Stärkung und Stabilisierung geht.
Psychodrama ist besonders wirkungsvoll in der Gruppe, wegen des therapeutischen Prozesses unter den Gruppenmitgliedern und der vielfältigen Rückmeldungen und Sharings, die die jeweilige Protagonistin bekommen kann. Aber auch in der Einzelarbeit können Elemente des Psychodramas sehr gut angewandt werden - insbesondere in der Arbeit mit traumatisierten Klientinnen, denen es sehr schwer fällt, sich verbal zu äußern. Für die Arbeit an sehr schmerzhaften Themen oder mit Klientinnen, die noch sehr viel Sicherheit benötigen, habe ich in meiner Arbeit in Bosnien während des Krieges die "kleine Bühne" entwickelt: Sie besteht aus einem Tuch auf einem kleinen Tisch. Als Symbole verwenden wir Steine, Muscheln, Glasmurmeln u.ä.
Als Katarina (Name geändert) in einer Therapiestunde zum ersten mal das "dunkle schreckliche Thema" erwähnt, haben wir schon ca. 30 Stunden miteinander gearbeitet. Sie hatte es nie auch nur angedeutet. Diesmal sagt sie, daß es etwas Dunkles gebe, was sie mir gerne sagen möchte, aber daß sie davor schreckliche Angst hat. Ich schlage ihr vor, für dieses dunkle Thema ein Symbol zu wählen. Dazu ist sie in der Lage, sie nimmt einen dunklen groben Stein. Doch dann kann sie den Stein nicht ansehen, sie will ihn nicht sehen. Ich schlage ihr vor, ihn an einem Ort zu verstecken, wo sie sich sicher vor ihm fühlt. Sie schiebt ihn unter eine Decke, am anderen Ende des Raums.
Wir sprechen dann darüber, was geschehen könnte, wenn sie den Stein ansehen würde. "Ich habe Angst, dass ich das dann nicht mehr kontrollieren kann!"
Für diese Stunde bleibt der Stein im Versteck. Katarina wählt Symbole aus für das oder diejenigen, die sie bzgl. dieses Themas unterstützen könnten. ...
In der nächsten Stunde wählt Katarina wieder diesen Stein als Symbol für das schreckliche Thema. Doch diesmal kann sie ihn auf dem kleinen Tisch (auf der kleinen Bühne) lassen. Sie legt die Symbole, die sie unterstützen zwischen sich und das Thema.
Wir sprechen über ihre Ängste, was passieren könnte, wenn sie mir "das" erzählt. - Sie wählt Symbole für ihre Scham, ihre Angst vor Ablehnung oder Verachtung, ihre Angst dann auch mich als Unterstützung noch zu verlieren...
In der nächsten Stunde kann Katarina mir die Geschichte der sexuellen Misshandlung durch ihren betrunkenen Vater erzählen. Sie hat in ihrem ganzen 40jährigen Leben noch mit niemandem darüber gesprochen.
In den folgenden Stunden kann Katarina auf der "großen Bühne" arbeiten. Sie inszeniert die Situation "Die 8jährige Katarina nachts im Bett - voller Angst, daß der Vater gleich hereinkommt."...
Im weiteren Verlauf der Therapie wirft Katarina den Vater (ein Stein als Symbol) voller Wut aus ihrem Leben...
Ein Jahr später erzählt mir Katarina, daß sie den realen Vater, den sie viele Jahre nicht gesehen hatte, besucht hat. Sie hat festgestellt er ist ein schwächlicher alter Mann, der nicht mehr lange zu leben hat und mit dem sie rein gar nichts mehr verbindet. Das Thema, das sie über 30 Jahre verfolgt und bedrückt hatte, hat seine Bedrohlichkeit verloren. Katarina konnte es für sich integrieren.