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SEKA-Journal Nr. 8 - Juni 2001 |
Welches war deine Motivation für die Teilnahme an der Psychodrama Fortbildungsreihe?
War die Fortbildung für dich beruflich oder persönlich hilfreich?
Was war für dich persönlich am Wichtigsten?
Welche Methoden oder Techniken hast du als besonders wichtig für dich empfunden?
Wie wendest du Psychodrama in deiner Arbeit mit traumatisierten Kindern an?
Mira M. ist Anfang 50, von Beruf Erzieherin, Mutter zweier erwachsener Kinder, Großmutter einer kleinen Enkelin und arbeitet seit Ausbruch des Krieges in Bosnien mit kriegstraumatisierten Kindern und Müttern, überwiegend Überlebenden von Srebrenica.
Mira M. war Teilnehmerin an dem ersten Fortbildungszyklus in Psychodrama im SEKA-Haus.
Mira M. (M.M.): In meiner Arbeit mit den zum Teil sehr schwer traumatisierten Kindern hatte ich das Gefühl, ich brauche noch etwas, was mir fehlt, etwas, damit ich noch besser mit den Kindern arbeiten könnte.
Wir hatten keine Psychologin im Team, von der ich mir hätte Anregungen holen können. Gleichzeitig hat mich Psychologie schon immer interessiert.
Für mich war der Begriff "Psychodrama" sehr interessant; denn ich empfand schon damals, daß die Kinder, mit denen ich arbeitete, immer "auf einer Art Bühne" waren, sie inszenierten ihre Spiele. Und ich dachte, dies mit einem psychologischen Hintergrund zu verbinden, müßte sehr hilfreich sein. Ich wußte eigentlich nichts über die Methode... Tief in mir habe ich damals aber auch etwas gesucht, wo ich etwas für mich erarbeiten könnte. - Ich hatte damals schon dreieinhalb Jahre in einer NGO (= Nicht-Regierungs-Organisation) mit Flüchtlingskindern und ihren Müttern aus Srebrenica gearbeitet. Ich fühlte so einen Druck in mir, etwas was auf mir lastete. Dafür suchte ich auch Hilfe - persönlich.
Ich war damals schon auf verschiedenen Seminaren, Fortbildungen aus Familientherapie, Gestalt-, Maltherapie gewesen, aber diese Methode (Psychodrama) - oder das was ich mit ihr verbunden habe, hat mich geradezu magisch angezogen.
M.M.:Das war für mich etwas total Neues! Zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich mich selbst gefühlt. Und ich habe gespürt: Hier hat jede von uns viel Zeit, jede ist wirklich angenommen..." ich bin wichtig"... ich fühlte mich dadurch zum ersten Mal wirklich selbst.
Ich hatte kein besonderes Thema mitgebracht, um daran zu arbeiten, aber meine persönlichen Themen sind immer ganz einfach und leicht aus mir herausgekommen. Bis dahin hatte ich Erfahrung mit Gesprächstherapie - und da habe ich mich eher verschlossen. Ich habe das eher als Druck erlebt. Aber diese Methode - Psychodrama - erlebte ich als so leicht und natürlich und ich konnte mich ohne Hemmungen öffnen und über meine Gefühle und Erlebnisse sprechen - indem ich sie darstellte.
Sehr wichtig war für mich jede aus unserer Gruppe - wie ein Blumenstrauß - bei jeder habe ich etwas von mir wiedererkannt. Durch die Methode des Sharings (s.auch "Psychodrama in der Arbeit mit traumatisierten Frauen" unter "Einige Techniken des Psychodramas in der Praxis") habe ich so viel von jeder bekommen. Durch die Spiele der anderen, z.B. zum Thema "alte Regeln", habe ich für mich selbst sehr profitiert.
Außerdem war es für mich sehr wichtig, einen Ansatz kennenzulernen, der mir zeigte, wie ich auch in meiner Arbeit auf diese Art ein Kind oder eine Frau darin unterstützen kann, dass sie ihren eigenen Weg finden, ihre eigene Lösung erarbeiten. Das fasziniert mich sehr.
So ist es auch mir ergangen, mir hat das Psychodrama unglaublich viel geholfen, z.B. dass ich meine Szene aus verschiedenen Rollen / Perspektiven erleben konnte, oder auch von außerhalb der Szene, oder (beim Spiegeln) von oben anschauen konnte. Dabei wurde sie mir viel klarer.
Ich glaube, ihr seid euch gar nicht bewusst, welche vielfältige Wirkung diese Seminare auf einen großen Kreis von Menschen haben. Jede von uns 13 Frauen, die mit vielen anderen arbeitet, kann dadurch anderen sehr viel besser helfen. Ich habe Psychodrama sogar schon im Freundeskreis angewandt. Auf jeden Fall verändert es unsere Haltung grundsätzlich und das macht sich auch in unserem Privatleben bemerkbar.
M.M.:Bestimmte Erfahrungen und Gefühle, die ich dachte, dass ich sie vergessen habe, die aber noch immer in meinem Körper saßen und mich drückten und verhinderten, dass ich mich weiterentwickle,... diese Erfahrungen und Gefühle wurden durch das Psychodrama aufgerüttelt. Dann habe ich sie auf der Bühne konkretisiert. Von einigen dieser schmerzhaften Erlebnisse konnte ich mich dauerhaft befreien, z.B. in der Einzelarbeit mit Gabi: mein Abschied von meinem (verstorbenen) Ehemann, aber auch meine Loslösung von meinem Vater. Vor diesen alten schmerzhaften Gefühlen versuchte ich immer zu fliehen, ich wollte sie nicht wahrhaben. Jetzt ist das anders: Ich habe immer noch Gefühle, z.B. der Trauer, aber ich kann sie da sein lassen, wenn ich z.B. ans Grab gehe. Sie quälen mich nicht mehr. Diese Arbeit mit Gabi werde ich nie vergessen.
Ich kann mich jetzt an die gemeinsame Zeit mit meinem Mann gerne erinnern - an all die schönen Dinge, die es ja auch gab. Früher war das Schöne so blockiert von der Erinnerung an seine Krankheit und all den Schmerz, dass ich vor allem geflohen bin. Jetzt kann ich fühlen, wie schön unsere gemeinsame Zeit auch war - und ich kann meine / unsere wundervollen Kinder wahrnehmen. Ich erinnere mich noch genau an diese Szene in meiner Psychodrama-Arbeit und an die riesige Erleichterung, die ich gefühlt habe. Das Psychodrama hat mir auch geholfen, mich von alten Blockaden und Schuldgefühlen aus meiner Kindheit zu befreien. Ich habe zutiefst begriffen, daß ich die Schöpferin meines Lebens bin. Ich bin für mich verantwortlich und für das, was ich aus meinem Leben mache. Ich bin mir bewusst, dass ich die einen oder anderen Probleme noch nicht gelöst habe. Aber das ist nichts mehr, was mich bedrückt. Ich weiß, es wird die Zeit kommen, daß ich auch dies löse.

M.M.:Mir entspricht die große Bühne, die kleine Bühne, Vignetten (kurze Szenen einer jeden Teilnehmerin zum gleichen Thema), aber am meisten und tiefsten haben mich die Szenen auf der großen Bühne berührt. Eine sehr starke Wirkung hatte es für mich auch, in meiner eigenen Rolle auf der Bühne zu hören, was ich mir vorher aus der Rolle meines Gegenübers gesagt habe.1
Das erlebe ich auch als sehr wirksam in meiner Arbeit mit Kindern. Mit den Frauen arbeite ich auch sehr gerne mit den Steinen als Symbolen.
Das sind häufig Frauen vom Dorf, die nie eine richtige Kindheit hatten. Schon als Kinder mussten sie arbeiten, heirateten jung, bekamen eigene Kinder. Sie hatten nie Zeit für sich, oder die Möglichkeit zu spüren, wer sie sind.
Diese Methode Psychodrama ist für diese Frauen am allerbesten und wirksamsten. Sie ist durch die Arbeit z.B. mit den Symbolen sehr konkret und hilft ihnen, sich über ihr Leben klar zu werden. Es ist, als ob sie ihr Leben "spielen" können, es sehen, den Überblick bekommen, ganz konkret. Es ist manchmal unglaublich, wie stark die Arbeit mit den Symbolen, d.h. die symbolische Veränderung in einer Szene als Erkenntnis und dann als Veränderung im wirklichen Leben wirkt.
In meiner derzeitigen Gruppe sind 10 - recht junge - Frauen aus einem Flüchtlingscamp.
Wenn ich z.B. zu Anfang eine erste Runde mache, sagen alle, sie fühlten sich gut, sie hätten nichts besonderes, über das sie reden wollten.
Wenn ich sie dann jedoch animiere, sich einen Stein als Symbol für ihre gegenwärtige Stimmung auszusuchen, sind die Frauen auf einmal ganz nah bei sich, beginnen, indem sie über den Stein sprechen, über das zu sprechen, was ihnen im Moment auf dem Herzen liegt.
Eine Frau sagt z.B.: "Diesen Stein habe ich gewählt, weil er mich erinnert an die Gegend, aus der ich stamme, an der Drina..." und die Tränen laufen ihr übers Gesicht. Sie beginnt über ihren Schmerz zu sprechen, den sie seit der Vertreibung aus ihrem Dorf in sich verschlossen hatte.
Eine andere Frau: "Ich habe diesen türkisen Stein ausgewählt, weil er mich erinnert an eine Bluse, die meine Mutter mir einst gestrickt hatte..." Sie spricht über die liebevollen Erinnerungen an ihre Mutter: "Es ist, als ob ich die Hand meiner Mutter halte..."
Eine dritte Frau erinnert sich durch den Stein an alte Schulfreundinnen und eine glückliche Zeit vor dem Krieg.
Jede der Frauen konnte sich durch diese einfache Übung öffnen und etwas für sie Wichtiges der Gruppe mitteilen. Nur auf das Gespräch beschränkt (ohne Symbole) hätte es sicher sehr viel länger gedauert, bis diese Frauen, die Gesprächsgruppen überhaupt nicht gewohnt waren, sich geöffnet hätten.
Besonders für die Bevölkerungsgruppen, mit denen wir arbeiten, "Nicht-Intellektuelle", ist Psychodrama meiner Meinung nach eine ideale Methode: so plastisch, so einfach, vorausgesetzt die Leiterin sorgt für einen sicheren Rahmen und vermittelt den Frauen eine Atmosphäre von Wärme und Angenommensein.
Besonders gefallen haben mir auch die Psychodrama-Techniken bzw. Spiele "Der "Zaubergarten" oder der "Markt der Möglichkeiten". Sie haben mir sehr geholfen zu merken, was sind meine Fähigkeiten und was brauche ich für mich.
Als wirklich wundervolles Spiel habe ich außerdem den "Zauberladen" empfunden. Es war für mich eine Möglichkeit, mir auf einem sehr hohen Niveau bewusst zu werden, was kann ich geben und was benötige ich noch. Der Prozess der anderen, dessen Zeugin ich war, hat mir außerdem meine eigenen - teilweise versteckten - Bedürfnisse gespiegelt. Dadurch hat sich in mir etwas abgerundet. Aber auch das "Anti-Rollen-Spiel" ist unglaublich interessant und wirksam: Durch dieses Spiel habe ich ganz neue Seiten in mir entdeckt, oder festgestellt, welche Rollen ich gerne mehr leben würde. Dieses Spiel ist eine große Herausforderung. Überhaupt finde ich diese Art Spiele (Stegreifspiele) sehr wichtig.
Wenn ich jetzt - einen Monat nach unserem Abschluss-seminar - auf unsere Fortbildung zurückblicke, sehe ich mich selbst als eine Frau mit einer wirklich guten Beziehung zu sich selbst, egal, ob ich zufrieden oder traurig, wütend oder fröhlich bin - ich nehme mich so, wie ich bin, und ich weiß und fühle, wie ich bin. Von einer ganzen Reihe Barrieren / Blockaden aus der Vergangenheit habe ich mich befreit, was noch übrig ist, bedrückt oder erstickt mich nicht, ich kann damit in der Auseinandersetzung sein. Ich habe keine Angst mehr zu fühlen.

M.M.:Ich habe jetzt viel mehr Wissen und viel größere Möglichkeiten, die Kinder zu stärken und zu unterstützen, traumatische Erlebnisse besser verarbeiten zu können. Mit den Elementen des Psychodramas kann ich den Kindern helfen, ihren eigenen Weg, ihre eigenen Lösungen zu finden.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Methode gerade auch für schwer traumatisierte, vernachlässigte oder behinderte Kinder ideal ist. Durch das Psychodrama kann ich sie in ihren Ressourcen stärken.
In der Einzelarbeit mit den Kindern, wenn ich fühle, dass das Kind ein unausgesprochenes Problem hat, schlüpfe ich oft in die Rolle einer Spielfigur, um dem Kind zu helfen, sich zu äußern.
Wenn das Kind zuerst überhaupt keine Initiative ergreift, nehme ich z.B. einen kleinen Hund und spreche als dieser Hund. In der Regel läßt sich das Kind dann sofort darauf ein. Ich identifiziere mich mit dem Kind und versuche, das auszudrücken, was ich bei dem Kind an Gefühlen oder Problemen wahrnehme. Fast immer reagiert das Kind darauf, entweder indem es zustimmt oder widerspricht. Auf jeden Fall ist es dann möglich, über die Gefühle, bzw. das Problem zu sprechen.
Besonders bei Kindern, die erleben, daß zu Hause bestimmte Themen tabuisiert werden ( z.B. Verschwinden des Vaters, Tod von Angehörigen etc.), ermöglicht diese Methode den Kindern - im Spiel - über ihre Gefühle und Erlebnisse zu sprechen oder aber auch Unsicherheiten und Fragen zu äußern. Oder aber sich mit dem, was z.B der kleine Hund sagt, zu identifizieren. Dies trägt zu einer Entlastung der Kinder bei und hilft ihnen,
ihre eigenen Gefühle besser zu verstehen.
Ich nutze auch oft irgendwelche Geschichten, die wir dann spielen. Die Kinder benutzen dann genau die Teile der Geschichte, die sie benötigen, um ein Problem für sich zu verarbeiten, bzw. sich von einem traumatischen Erlebnis "zu befreien".
Auch mit den Kindern machen wir im übrigen immer eine Morgenrunde, in der jedes Kind sein eigenes Symbol nimmt und sagt, wie es sich fühlt.
Durch das Psychodrama können sich die Kinder unglaublich gut entwickeln: sie haben Unterstützung, eine, die sie begleitet, aber gleichzeitig die Freiheit, sich auszuprobieren und die Möglichkeit sich auszudrücken.
Gerade auch die Technik des Rollentausches nutzen die Kinder spontan. Sie ermöglicht ihnen, sich auszudrücken, eine andere Rolle auszuprobieren und dadurch ihre Potentiale zu entwickeln.
Die Ergebnisse meiner Arbeit mit den Kindern sind sehr viel besser, seit ich Psychodrama einsetze.
Einmal sprachen wir z.B. mit den Kindern über Ängste (vor der Dunkelheit, vor Granaten...). Dann haben wir auf Zettelchen die Ängste gezeichnet als eine Figur oder auch eine abstrakte Zeichnung - und dann in einem großen Topf verbrannt.
Ein kleiner Junge, der nachts Alpträume hatte und davon jede Nacht weinend aufwachte, konnte danach durchschlafen, was seine Mutter mir bestätigte.
Ein kleines Mädchen, die nachts einnässte, war nach diesem "Ritual" frei davon (allerdings hatten wir an diesem Problem auch schon einige Zeit in der Einzelarbeit gearbeitet).
Das "Anti-Rollen-Spiel" nutze ich z.B., um die Kinder in die jeweils andere Geschlechtsrolle schlüpfen zu lassen. Insbesondere die Jungen hatten sich früher geweigert, Mädchen oder Frauen zu spielen. Im Anti-Rollen-Spiel schlüpfe ich dann z.B. in die Rolle eines traditionellen "Großvaters". Auf diese Art und Weise lernen die Kinder, die Geschlechtsrollen mehr zu hinterfragen und können sich auch in bisher ungewohnten Verhaltensweisen ausprobieren.
Ich bin sehr glücklich, daß meine Kollegin in den zweiten Fortbildungszyklus Psychodrama aufgenommen worden ist. Wir werden dadurch noch besser zusammenarbeiten können.
Ich würde mir sehr wünschen, daß überall in unserer Region Menschen, die mit Menschen arbeiten, eine Psychodrama-Ausbildung machen und diese Methode und therapeutische Haltung in ihre Arbeit einbringen könnten. Ich glaube, die Welt würde dann sehr viel besser sein.
Zum Schluß möchte ich noch etwas zu Kuca SEKA sagen: Hierher zu kommen, nach so vielen Jahren der Hölle, war für mich wie eine Wiedergeburt: Die Kriegsjahre waren für mich sehr schmerzhaft, weil ich - neben den Kriegsschrecken - erleben mußte, daß fast alle meine Verwandten und Freunde weggegangen sind, oder andere frühere "Freunde" mich "als Serbin" nicht mehr kennen wollten.
Diesen Schmerz habe ich richtig körperlich erlebt.
Und dann kam ich nach dieser langen Zeit, in der ich alles in mich verschlossen hatte, hierher - auf diese Insel, in dieses Haus - und ich fühlte mich, als ob ich früher schon mal hier gelebt hätte und nun "nach Hause" gekommen wäre.
Dieses Projekt ist für uns alle ein Geschenk! Wenn ich auch an alle meine Kolleginnen denke, die alle sehr traumatisiert waren - was es für sie bedeutet hat, hier an einer Gruppe teilzunehmen. Sie alle kamen ganz verwandelt zurück: aufrecht, befreit und gestärkt.
Ich werde immer versuchen, wieder hierher zu kommen, weil dies hier für mich eine Oase des Friedens ist."
1 Erklärung: Bei der Durcharbeitung ihrer Szene kann die Protagonistin in die Rolle ihres Gegenübers wechseln, und kann sich aus dieser Rolle selbst etwas sagen, was dann nach dem Rücktausch in die eigene Rolle von dem jeweiligen Hilfs-Ich wiederholt wird. Diese Sätze haben für die Protagonistin oft eine sehr starke, manchmal geradezu befreiende Wirkung (s.auch "Psychodrama in der Arbeit mit traumatisierten Frauen")