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SEKA-Journal Nr. 7 - November 2000 |
| Zeljana Buntic-Pejakovic ist 27 Jahre alt und arbeitet seit Jahren mit Flüchtlingsfrauen, kriegstraumatisierten Frauen und Opfern von familiärer Gewalt. Sie macht eben ihren Abschluß als Psychologin. Im Sommer 2000 hat sie teils als Volontärin, teils als Honorartherapeutin die Frauen und Kinder im SEKA-Haus psychologisch-pädagogisch begleitet. Wir wünschen uns Zeljana als ständige Kollegin im SEKA-Team. Leider konnten wir für die Finanzierung ihrer Stelle bisher keinen Geldgeber finden. |
![]() Zeljana Buntic-Pejakovic |
Wie kam es, daß Du Dich entschlossen hast, während des letzten Sommers im SEKA-Haus mitzuarbeiten?
Zeljana Buntic-Pejakovic (Z.B.): Ich habe mich schon immer für Frauenfragen interessiert und es war mir wichtig, andere Frauen zu unterstützen. In den letzten Jahren habe ich u.a. bei Stope Nade1 in Benkovac2 mit Frauen gearbeitet, die Gewalt und Kriegstraumata erlebt hatten. Aber die Erfahrung mit SEKA war für mich dennoch etwas völlig Neues!
Das erste Mal bin ich ins SEKA-Haus als Teilnehmerin gekommen - Teilnehmerin einer Therapiegruppe für die Mitarbeiterinnen anderer Projekte. Ich war sehr erschöpft und ausgebrannt und irgendwie hoffnungslos über die Situation dort, wo ich arbeitete, in der "Krajina". Ich hatte schon fast den Glauben verloren, daß sich in diesem Land überhaupt noch etwas ändern kann.
Ich komme aus einer sogenannten "gemischten Ehe", meine Mutter kommt aus einer bosnisch-muslimischen Familie, mein Vater ist bosnischer Serbe. Ich habe unter diesem Krieg so gelitten, ich habe mich so hilflos gefühlt. Ich habe das empfunden, als ob die Familie meines Vaters die meiner Mutter ins Lager steckt.
Als wir dann in Kroatien lebten, habe ich auch persönlich so viele schmerzhafte Erlebnisse gehabt. Der Name meines Vaters weckte negative Reaktionen und der Name meiner Mutter wieder genau so. Es war so ein Gefühl, nie zu passen, immer am falschen Platz zu sein. Und nach Jahren dieses Lebens in Anspannung, in einer Umgebung, wo bestimmte Namen besser nicht laut ausgesprochen wurden, kam ich zu diesem Seminar im SEKA-Haus, auf die Insel Brac ins wunderschöne Splitska. Und nicht nur, daß hier alle Namen und überhaupt alles ausgesprochen werden konnte, es waren da auch die Frauen mit all diesen Namen und - was das Schönste war - die Gruppenleiterinnen kamen auch noch aus Zenica - meiner Geburtsstadt. Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl: Ich bin nach Hause gekommen.
Zuerst konnte ich gar nicht glauben, daß es so einen Ort wie Kuca SEKA wirklich gibt, es war wie aus meinen Träumen entsprungen. Und gleichzeitig habe ich mich so natürlich gefühlt.
Nach den vier Tagen Gruppenarbeit war ich völlig verändert. Ich fühlte mich erleichtert und glücklich und ich sah wieder einen Sinn in meinem Leben.
Als mich beim zweiten Gruppentermin dann Gabi fragte, ob ich mir vorstellen könne, zeitweise im SEKA-Haus mitzuarbeiten, war das für mich ein unfaßbares Glück und ein großes Kompliment.
Wie erging es Dir denn nun in der Arbeit mit Frauen und Kinder im SEKA-Haus in diesem Sommer?
Z.B.: Es war für mich eine unglaublich schöne und intensive Zeit. Ich bin allerdings immer noch dabei, meine Erlebnisse und Eindrücke zu verarbeiten. Jede dieser 5 Gruppen, mit denen wir gearbeitet haben, war wieder ganz anders und besonders. Generell kann ich nur sagen, daß sie alle eine sehr große Bedürftigkeit hatten und daß sie alle in der einen oder anderen Form schlimme Gewalt erlebt hatten.
Am Anfang war ich mir bezüglich der Arbeit mit den Kindern etwas unsicher, weil ich da - außer Diagnostik - noch keine Erfahrung hatte. Ich hatte bisher ja nur mit Frauen gearbeitet. Und so etwas läßt sich nicht aus Büchern lernen. Ich habe dann viel von Gabi gelernt und von ihr abgeschaut, wie sie mit den Kindern arbeitet. Das ist phantastisch, wie sie sie animiert, sich auszudrücken. Und ich habe mich auf meine Intuition verlassen. In der Regel habe ich den Kindern, die Initiative (z.B. bzgl. Kontakt) überlassen. Mir war es wichtig, daß wir uns erst mal kennenlernen. Gerade bei traumatisierten Menschen ist es ja wichtig, daß sie die Situation kontrollieren können und bestimmen können, wieviel Nähe sie im Moment vertragen.
Gab es irgendetwas in der Arbeit mit den Gruppen, das Dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Z.B.: Da fällt mir ganz vieles ein. Aber - vielleicht als Beispiel: die Mädchen und jungen Frauen der zweiten Gruppe, aus Banja Luka. Ihr Aufwachsen war geprägt von zehn Jahren ständiger Unterdrückung, ständiger existentieller Angst, von Demütigung, Gewalt, die sie selbst erlebten oder mit ansehen mußten. Von totaler Unsicherheit. Mit ihnen haben Gabi und ich in der Gruppe gearbeitet. Natürlich war das zentrale Thema "Vertrauen". Wem kann ich vertrauen, kann ich überhaupt wieder vertrauen? Werde ich akzeptiert wie ich bin? Es hat mich sehr berührt, wie schnell sie sich doch auf diese Gruppe einlassen konnten, sich öffnen konnten, obwohl sie sich vorher gar nicht kannten. Und ich war fasziniert von ihrer Lebensfreude, ihrer Stärke, ihrer Bewußtheit, und ja, ihrem Optimismus und ihrer Neugier auf das Leben, trotz allem, was passiert war. Die Arbeit mit dieser Gruppe war für mich eine sehr ermutigende Erfahrung, ich hätte sehr gerne noch länger mit ihnen gearbeitet.
(...)
Was mich auch sehr beeindruckt hat, das war die Arbeit mit der fünften Gruppe, mit den Romafrauen und -kindern aus Zagreb und aus dem Kosovo.
Einerseits war ich erschüttert über das Ausmaß von Gewalt, Rechtlosigkeit und Fremdbestimmung, das sie erleben und das für sie leider "ganz normal" ist. Besonders schlimm fand ich, wie sie der Selbstbestimmung über ihren eigenen Körper enteignet sind. Ihr Leben ist ein ständiger Kampf. Und doch haben mich diese Frauen auch fasziniert. Diese unglaubliche Stärke, die sie haben, wie sie dennoch immer wieder einen Weg finden zu überleben und ihr Stolz darauf. Sie sind stolze Frauen. Und gleichzeitig sind sie stets bereit, mit kindlicher Freude alles zu genießen, was sich bietet. Am Anfang mußten wir uns erst aneinander gewöhnen. An ihre Art z.B. die Dinge nicht so eng zu sehen. Aber dann haben wir uns an einander angenähert und uns schließlich wunderbar verstanden. Sie haben mehr Empathie und Verbindlichkeit uns gegenüber entwickelt und wir haben einen Teil unserer sozialen Kontrolle losgelassen. Ich habe mich mit ihnen wirklich entspannt. Wir hatten dann unglaublich viel Spaß miteinander.
Dennoch denke ich darüber nach, wie sich ihre schwere Lage verbessern ließe. Ich denke, das Allerwichtigste ist Alphabetisierung und Ausbildung, damit sie - oder wenigstens die Töchter - aus diesem Kreislauf von Armut, Abhängigkeit und Gewalt ausbrechen können.
Welches waren Deine persönlichen Ziele in der Arbeit mit den Frauen, mit den Kindern? Mit welchen Methoden hast Du mit ihnen gearbeitet?
Z.B.: Mein Ziel in der Arbeit mit den Gruppen war, ihnen jede nötige Unterstützung zu geben. Zuerst bemühte ich mich, die Situation einzuschätzen, welche Traumata haben sie erlebt, welches sind die Probleme, ihre Bedürfnisse, ihre Ängste? Das Wichtigste war am Anfang, erst mal sich kennenzulernen und eine stabile Beziehung zu den Frauen oder den Kindern aufzubauen, daß sie sich sicher fühlen können. Es ist gerade mit traumatisierten
Frauen und Kindern wichtig, Vertrauen aufzubauen und zu erkennen, was ist nötig, wozu sind sie bereit, was können sie an psychologisch / therapeutischer Unterstützung annehmen?
Nach dem Aufbau einer Vertrauensbeziehung habe ich mit den Frauen viel mit Gesprächen gearbeitet, Einzelgesprächen, die die Frauen gesucht haben. In der Gruppe haben wir, wenn die Frauen dazu bereit waren, mit Entspannungs- und Bewegungsübungen gearbeitet, mit Gruppengesprächen, Selbsterfahrungs- oder auch Rollenspielen.
Auch in der Gruppenarbeit war es mir besonders wichtig, für einen sicheren Rahmen zu sorgen, damit Vertrauen wachsen kann. Dazu haben wir zu Anfang Gruppenregeln erarbeitet, damit jede ihren Raum hat und die Sicherheit, die sie braucht, um sich zu öffnen.
Es war mir auch wichtig, die Gruppenkohäsion zu fördern, damit die Frauen, wenn sie wieder nach Hause fahren, sich gegenseitig unterstützen können.
Wie in den Einzelgesprächen ging es auch in der Gruppenarbeit um die traumatischen Erfahrungen der Frauen aber auch um aktuelle Probleme und konkrete Veränderungswünsche.
Generell war mir in der Gruppe wichtig, daß die Frauen - manchmal zum ersten Mal - sich selbst Raum und Zeit geben, sich selbst Aufmerksamkeit schenken und ihre Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen kennenlernen. Gleichzeitig ist mein Ziel auch, Verständnis für andere zu wecken. Und ich möchte sie unterstützen, ihre Gefühle - auch für Frauen "unerlaubte" wie Wut und Ärger - auszudrücken.
In der Arbeit mit den Kindern war mir zuerst einmal wichtig, ihnen eine sichere Umgebung zu bieten. Wenn sie sich sicher und ernst genommen fühlen, drücken sie in der Regel aus, was sie brauchen. Ich hatte den Eindruck, daß es genau das war, was den Kindern fehlte: daß jemand ihnen ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt und sie unterstützt, ihre Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche auszudrücken.
Wichtig war es mir auch, ihnen zu vermitteln, daß es die Möglichkeit gewaltfreier Kommunikation gibt. Viele Kinder (vor allem Jungen) waren zu Anfang doch auch aggressiv und grob. Wenn sie aber dann erlebt haben, wie wir hier miteinander umgehen, haben sie das sehr schnell angenommen und sich offensichtlich wohlgefühlt.
Ich habe es sehr genossen, mit den Kindern zu arbeiten, ihre Offenheit und ihre Fähigkeit zur Freude haben mich sehr berührt.....

Schwer gefallen ist mir manchmal zu wissen, daß die Bedürfnisse so groß sind, aber die Zeit begrenzt. Daß hat sich aber dann wieder verändert durch die Rückmeldungen der Frauen und Kinder, wieviel ihnen dieser Aufenthalt in SEKA bedeutet, wieviel sich für sie verändert hat. Und ich habe mich auch erinnert an meine eigene Erfahrung in SEKA. Wieviel sich für mich in nur vier Tagen verändert hat! Was hier in SEKA geschieht, kann ich nur mit dem Wort "Liebe" bezeichnen....
Welche Veränderungen hast Du bemerkt bei Frauen und Kindern während ihres Aufenthalts hier? Was, denkst Du, haben sie von der Zeit im SEKA-Haus in ihren Alltag mitnehmen können?
Z.B.: Der Prozeß der Veränderung war sehr ähnlich bei allen Gruppen. ......Ihre Gesichter verändern sich sehr: von Anspannung, Angst zu Entspannung und Freude..... Am schönsten aber finde ich den Mut, den sie bekommen, Dinge auszuprobieren, vor denen sie vorher große Angst hatten, z.B. im Meer, beim Schwimmen. Das fand ich fantastisch. Ich habe das nie als etwas erlebt, das sie nur erlernen (das Schwimmen z.B.), sondern es ist tief verbunden mit dem Vertrauen, das in ihnen wieder wächst, ihr Vertrauen in uns, in sich selbst, in das Meer - nach dem Erlebnis all der Traumata und der langen Unsicherheit. Es ist so wunderbar, wie schnell sich die Kinder aber auch die Frauen, vom ersten Anklammern an uns, dann loslassen können, sich entspannen, mutig werden und wirklich genießen....
Ich habe mich erlebt als Zeugin eines großen Veränderungsprozesses, der bewirkt wird durch die liebevolle Aufmerksamkeit im SEKA-Haus, die ihnen mit soviel Freude entgegengebracht wird. Ich glaube, da muß sich jede verändern! Ich bin mir sicher, daß sie alle dieses Gefühl von Angenommensein, die Erfahrung von echter authentischer Kommunikation mitnehmen. Alle fahren sie mit neuer Stärke, neuem Mut nach Hause. Ich glaube, daß sich das auch auf die Menschen in ihrer Umgebung auswirkt, weil sie sich in der Art ihrer Kommunikation verändert haben. Und ich bin überzeugt, daß sie alle neue Eindrücke, Gedanken und Haltungen mitnehmen, die ihnen früher fremd waren.
Eigentlich, was wirklich in Kuca SEKA passiert, das kann man nicht beschreiben, sondern nur erleben. Das geschieht durch das, wie ihr seid, wie ihr dieses Projekt mit Leben und Liebe füllt. Es gibt so viele Projekte überall. Aber SEKA ist etwas anderes. Weil ihr wirklich mit eurem Herzen und allen Sinnen arbeitet und das mit allen teilt......Ich hatte auch gar nicht das Gefühl, daß wir nur zusammengearbeitet haben - wir haben zusammen gelebt - und das ist ein großer Unterschied.
Ich fühle mich sehr reich und ich habe viel von Euch gelernt. Besonders gut gefällt mir Eure klare Art der Kommunikation. Die Zusammenarbeit mit Euch ist für mich so unglaublich einfach - und das genieße ich......
Ich wünsche mir, daß so viele Menschen wie möglich SEKA kennenlernen und "SEKA's Geist" erleben und dies dann auch wieder weitergeben an andere. Denn das hier ist etwas Einzigartiges. Vielleicht wäre es dann auch leichter, die Finanzen für SEKA zu finden.
1: Ableger der internationalen Frauenorganisation "Mary Stopes International" in Kroatien und Bosnien-Herzegowina
2: Benkovac = kleiner Ort in der Krajina mit all den Problemen, die im Artikel über Knin / Krajina beschrieben wurden