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SEKA-Journal Nr. 6 Mai 2000 |
Safija ist Mitte 30, von Beruf ökonomische Technikerin, sie ist Muslimin, unverheiratet, lebt allein mit ihrem ebenfalls unverheirateten Bruder im elterlichen Haus. Beide Eltern sind gestorben. Der Vater vor dem Krieg, die Mutter 1996. Safija ist Gründungsmitglied von "Zenska Akcija Vidra". Sie hat die gesamte Zeit des Krieges und der Verfolgung in Banja Luka erlebt.
(...) Safija, Du bist eine der Gründungsfrauen von "Vidra". Wie habt ihr Euch denn zusammengefunden?
Safija: Einige von uns kannten sich, hatten schon Kontakt während des Krieges. Hauptsächlich ging es von Aida aus. Sie hat uns angesprochen und "zusammengesammelt". Für die Gründung einer Organisation brauchte man damals (1997) noch 30 Personen.
Es haben dann 30 Frauen Vidra gegründet. Die waren aber nicht alle aktiv. Aktiv waren am Anfang nur fünf.
Heute sind wir 11 aktive Frauen: sieben Ehrenamtliche und vier, die einen geringen Lohn bekommen.
Mit Beginn des neuen Projekts "Frauen für Frauen" werden weitere 10 Frauen dazukommen, die ein kleines Honorar erhalten. Das sind Frauen, die bisher kein Einkommen hatten und unter sehr harten Bedingungen leben.
(...) Die Gründerinnen von Vidra haben alle die gesamte Zeit des Krieges und der Verfolgung in Banja Luka erlebt. Ihr durftet nicht arbeiten, viele wurden aus ihren Wohnungen vertrieben. Wie habt Ihr es geschafft zu überleben?
Safija: Die meisten von uns waren auf humanitäre Hilfe angewiesen, die wir durch "Merhamed"(islamische Hilfsorganisation, vergleichbar den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden) oder die Caritas bekamen. Einmal im Monat gabe es Mehl, etwas Öl, Salz, manchmal Zucker, manchmal weiße Bohnen oder Teigwaren. Einmal jährlich haben wir Kleidung oder Schuhe bekommen. Mit dieser Hilfe war es gerade eben möglich zu überleben.
Manche von uns bekamen zeitweise von Familienangehörigen oder Verwandten, die ins Ausland geflohen waren, etwas Geld geschickt.
Das war aber auch nicht so einfach. Die Angehörigen mußten Wege finden, wie sie das Geld irgend jemandem mitgeben konnten, jemand der reisen konnte. Es mußten vertrauenswürdige Personen sein.
Wir (meine Mutter, mein Bruder und ich) bekamen hin und wieder Geld von Verwandten, die schon 1992 nach Schweden und in die Schweiz geflohen waren. Wer konnte, versuchte, irgendwo ein Stückchen Erde zu bekommen, wo es möglich war etwas Gemüse, Salat anzubauen.
Glücklicherweise hatten wir einen Garten. Was wir geerntet haben, haben wir dann mit denen aus der Nachbarschaft geteilt, die nichts hatten.
1992/93 arbeitete ich noch bei einem Kroaten in seiner Firma. Er ist dann jedoch geflohen. Die meisten Menschen haben auch auf dem Markt alles verkauft, was sie entbehren konnten, natürlich absolut unter Wert. Dabei durften sie sich nicht von der Polizei erwischen lassen, sonst wurde ihnen alles weggenommen und sie meist noch geschlagen.
Ab 1993 bis 1998 arbeitete ich bei Merhamed - gegen Lebensmittel. Dann habe ich - gegen ein kleines Honorar - angefangen, bei "Vidra" zu arbeiten.
Konntet Ihr in Eurer Wohnung bleiben?
Safija: Ja, meine Familie hatte noch "Glück im Unglück", wir haben es geschafft in unserem Haus zu bleiben. Allerdings lebten wir in ständiger Angst und Anspannung, weil wir nie wußten, ob sie heute oder morgen oder heute nacht kommen würden. Immer wieder gab es große Vertreibungswellen. Viele wurden mitten in der Nacht aus den Wohnungen geworfen. Manche waren noch im Schlafanzug und in Hausschuhen.
Am schlimmsten wurde es dann im Spätsommer / Herbst 1995, nachdem in Kroatien die Krajina zurückerobert worden war und die Serben dort fliehen mußten. Viele der Flüchtlinge kamen nach Banja Luka.
Die noch übriggebliebenen muslimischen und kroatischen Familien wurden nun gezwungen, ihre Wohnungen den serbischen Flüchtlingen zu geben. Sie durften buchstäblich nichts mitnehmen, außer dem, was sie auf dem Leib trugen. Viele hatten für den Fall ihrer Vertreibung eine Reisetasche mit dem Nötigsten und Geld und Papieren gepackt. Auch das durften sie nicht mitnehmen.
Viele kroatische und muslimische Familien versuchten nun der eigenen Vertreibung zuvorzukommen, indem sie mit ihrem letzten Geld und einigen Habseligkeiten zu fliehen versuchten. Es herrschte eine richtige Panikstimmung.
Die verzweifelten Menschen sammelten sich am Busbahnhof, weil von dort Busse in Richtung Kroatien fuhren, zum Ufer der Save. Boote setzten die Flüchtlinge dann über die Save nach Kroatien über.
Aber es waren sehr viele Menschen. Und es gab nicht so viele Busse. Es war schwer, einen Platz zu bekommen.
Außerdem fuhren jeweils drei Busse mit Kroaten und nur einer für Muslime. Besonders für die muslimischen Familien war es kaum möglich, einen Platz im Bus zu bekommen. Tausende Menschen harrten unter Plastikplanen tage- und nächtelang auf dem Busbahnhof aus, in der Hoffnung doch noch mitzukommen.
Auch wir versuchten, einen Platz in einem der Busse zu bekommen. Wir hatten alles gepackt. Aber es war klar, wir konnten nicht mit unserer alten Mutter auf diesem Busbahnhof aushalten. Jeden Tag rannten mein Bruder und ich dorthin und versuchten, einen Platz zu bekommen.
Und dann kam die Nachricht, daß Kroatien keine Muslime mehr ins Land lassen würde. Es gab keine Busse mehr für uns in Richtung Kroatien. Und in Richtung Föderation gab es auch keine Busse. Die vertriebenen Menschen wurden von serbischer Polizei und Militär in Lastwagen abtransportiert und dann gezwungen, zu Fuß weiterzulaufen, über die Frontlinie, teilweise auch durch Minenfelder.
So sind wir in Banja Luka geblieben.
(...) Du hast erzählt, daß Dein Bruder zum Arbeitsdienst einberufen worden war?
Safija: Ja, glücklicherweise war er in keinem Lager, im Gegensatz zu anderen Verwandten. Er ist Elektromechaniker. Das wurde glücklicherweise gebraucht.
Ein serbischer Kollege half ihm, daß er nicht zum Arbeitsdienst an die Front mußte sondern in einer Werkstatt in Banja Luka eingesetzt wurde. Er hat ihm auch immer mal Kaffee oder Zigaretten zugesteckt.
Wahrscheinlich verdankt mein Bruder ihm sein Leben. Es gab schon Serben, die uns geholfen haben, aber eher im Verborgenen. Es gab keinen offenen Widerstand. Niemand wollte zuviel riskieren.
(...) Wie schätzt Du denn die Situation heute (im Frühjahr 2000) ein? Hat sich - 4½ Jahre nach Dayton - die Lage für die verbliebenen muslimischen und kroatischen Familien verbessert? Meinst Du, es geht in Richtung Demokratie?
Safija: Ein großes Problem überhaupt ist die ökonomische Lage. Viele der großen Betriebe, die es vor dem Krieg in Banja Luka gab, sind bankrott oder arbeiten nur ganz eingeschränkt. Es fehlen Kapital und Fachkräfte.
Viele der gut ausgebildeten Fachkräfte mußten fliehen (Angehörige von Minderheiten) oder verließen Banja Luka (Serben, die sich an den Vertreibungen nicht beteiligen wollten). Nur wenige Menschen haben Arbeit. Aber die Serben haben wenigstens kleine Löhne auch wenn sie im Wartestand sind (entspricht "Kurzarbeit 0") oder Pensionen. Angehörige der Minderheiten, auch wenn sie hoch qualifiziert sind, haben noch immer keine Chance, eine Anstellung zu finden. Wenn Du den falschen Namen hast, kannst Du so qualifiziert sein, wie Du willst, Du bekommst keinen Job!
Die einzige Chance für uns ist, eine eigene Firma zu gründen.
Allerdings kostet bereits die Registrierung zwischen 1000,- und 1500,- DM. Und Du kannst nie sicher sein, ob Du dann auch Geschäftspartner findest, oder ob Du boykottiert wirst. Es ist immer ein Risiko.
(...)
Wie ist zur Zeit die Situation bzgl. Wohnungen? Ist es für Angehörige von Minderheiten möglich, die eigene Wohnung wieder zu bekommen, aus der man vertrieben wurde?
Safija: Es hat sich schon etwas verändert. Etwa alle 2 Wochen höre ich, daß jemand in seine eigene Wohnung oder sein Haus zurückkehren konnte. Gleichzeitig gibt es aber noch über 300 muslimische oder kroatische Familien in Banja Luka, die aus ihren Wohnungen vertrieben worden waren, trotzdem all die Jahre in Banja Luka geblieben sind und die noch immer nicht ihre Wohnungen zurückerhalten haben. Es dauert furchtbar lange und ist sehr nervenaufreibend, bis Du endlich vom Ministerium für Flüchtlinge einen "Bescheid" bekommen kannst. Angeblich ist das Ministerium mit Zehntausenden Anträgen auf Rückgabe von Wohnungen überlastet.
Allerdings wäre es vor zwei Jahren noch überhaupt nicht denkbar gewesen, daß muslimische oder kroatische Flüchtlinge zurückkehren können und wieder ihre eigenen Wohnungen zurück erhalten.
(...)
Die politische Situation hat sich leider noch kaum verbessert. Wir hatten gehofft, daß nach dem Regierungswechsel in Kroatien auch hier in der sogenannten "Republika Srpska" die nationalistische SDS die Macht verlieren würde. Leider hat sie in den Parlamentswahlen jetzt im April sogar noch Stimmen dazu gewonnen. Das ist sehr enttäuschend. Zwar hat ein Teil der Medien begonnen, die Regierung zu kritisieren; doch die Kritik bezieht sich nur auf die miserable ökonomische Lage.
Es ist noch ein langwieriger Weg zu einer demokratischen Gesellschaft, die die Menschenrechte achtet.
Die bisherigen Veränderungen sind nur auf den internationalen Druck zurückzuführen. Der ist auch weiter notwendig. Aber die Gesellschaft muß sich auch von innen heraus demokratisieren. Dies ist eines der Ziele von "Vidra".
Natürlich ist es ein Fortschritt, daß wir nicht mehr physisch angegriffen, verfolgt oder vertrieben werden. Daß immer mehr Menschen in ihre Wohnungen zurückkehren können. Aber manchmal denke ich, woher sollen wir immer wieder die Kraft und die Geduld nehmen und woher die Zuversicht, die wir unseren Kindern vernitteln wollen.
Vielleicht kann ich es so sagen: "Es geht nur sehr langsam voran, aber immerhin geht es nicht mehr rückwärts."