![]() |
SEKA-Journal Nr. 6 Mai 2000 |
Meine Therapeutin, Kollegin und Freundin, Gabi Müller, hab ich im November des Kriegsjahres 1994 kennengelernt, auf der gemeinsamen Konferenz der Teams Medica Zenica und Medica Köln in der bosnischen Stadt Zenica. Nach Abschluß der Konferenz bot Gabi den Psychologinnen, der Soziologin, der Psychiaterin und anderen Helferinnen des Frauentherapiezentrums Medica Zenica, die durch die Arbeit unter Kriegsbedingungen sekundärtraumatisiert waren, die Möglichkeit supervisorischer und therapeutischer Arbeit an. Wir nahmen das gerne an.
Auf einer der Sitzungen entschloß ich mich aufgrund eines "brennenden" persönlichen Problems zur therapeutischen Arbeit in der Gruppe unter der Leitung von Gabi. Aufgrund ihrer Behutsamkeit und ihrer Art, sehr auf die Bedürfnisse und die Grenzen der Klientinnen zu achten, mit denen sie arbeitet, hatte ich schon nach dem ersten Kennenlernen das Vertrauen, mit dieser Therapeutin die Arbeit an mir selbst zu beginnen.
Ich inszenierte auf der Psychodramabühne meine Heimkehr nach Hause, spät am Abend, nach einem langen arbeitsreichen Tag, voller Angst vor den Vorwürfen, die mich - von seiten eines Familienmitglieds - erwarten würden. Eine meiner Kolleginnen war in der Rolle der Kerze im Wohnungsflur (es gab keinen Strom zu dieser Zeit in Zenica), eine andere in der Rolle eines weichen, schaumstoff-gepolsterten Sessels, auf den ich mich immer setzte, um mich zu beruhigen, eine dritte in der Rolle meiner vierjährigen Tochter, die bäuchlings auf dem Bett schläft ...
Die Feed-backs meiner Kolleginnen nach Abschluß der Szene waren wie ein wunderschöner Blumenstrauß und über die Worte einer Kollegin mußte ich noch lange nachdenken: " Weißt du, nach vielerlei Kämpfen mit den Mitgliedern meiner Familie, hab ich mir eines Tages gesagt: Ich möchte nicht mehr ständig auf alle Rücksicht nehmen: Ich möchte glücklich sein."
Dieses Seminar war meine erste Begegnung mit "unserer Gabi" und "ihrem Psychodrama", aber meine persönliche Arbeit mit ihr als Therapeutin ging weiter mit kürzeren oder längeren Unterbrechungen; inzwischen dauert sie ca. 5 Jahre.
Verglichen mit anderen psychotherapeuthischen Haltungen, kann ich das "Feministische Psychodrama" (diese Art Psychodrama, der Gabi Müller ihren behutsamen persönlichen Stempel aufgedrückt hat) knapp zusammengefaßt so beschreiben:
Im Psychodrama ist es möglich - ob auf der kleinen oder auf der großen Bühne - die eigenen Gefühle im "Hier und Jetzt" zu erleben und nicht nur "über sie zu reden".
Viele berührende und tiefe Gefühle und Bilder aus der Einzeltherapie mit Gabi sind mir in Erinnerung geblieben: Eine Szene aus meiner Kindheit, in der ich als kleine 10 jährige Marijana an eine Mauer gekauert sitze und mich zu beruhigen versuche, und nicht weit von mir sitzt meine Therapeutin Gabi und ihre Nähe beruhigt mich.
Eine andere Szene, in der es um die Themen für die therapeutische Arbeit geht: Ich lege auf ein schönes Seidentuch Symbole für die einzelnen Themen. Ein Symbol lege ich für ein schweres "altes" Thema und Gabi fragt mich, was ich gerne mit diesem Symbol tun würde. Ich sage: "Ich möchte es am liebsten unter das Tuch schieben." Gabi sagt. "Das kannst Du tun." Ich fühle mich "als ob alle Veränderungen der Welt schon erreicht wären" und als ob das Thema schon halb verarbeitet wäre, weil es mir erlaubt wird, im Einklang mit meinen wirklichen Bedürfnissen zu handeln. (Einige Sitzungen später war ich dann bereit, das Thema "aufzudecken".)
Aus dieser Szene habe ich als Professionelle gelernt, was es bedeutet, "mit dem Widerstand der Klientin zugehen" und nicht mit ihr zu kämpfen um die Definition ihrer Gefühle, Bedürfnisse und ihrer Wirklichkeit.
In der therapeutischen Arbeit mit einer Klientin, die Vergewaltigung im Krieg erleben mußte, habe ich dieselbe Vorgehensweise angewandt - in dem Wissen aus meiner eigenen Therapieerfahrung, wieviel Erleichterung dies bringt und wieviel Energie es freisetzt: Als die Klientin sagte, daß sie das Symbol für ihre Angst unter dem Tuch verstecken möchte, sagte ich: "Das kannst Du tun". Ich konnte warten auf den Zeitpunkt, an dem sie sich stark genug fühlen würde, um das Symbol hervorzuholen.
Kuca SEKA - ein Ort der Unterstützung auch für die Therapeutinnen
Als unsere Freundinnen Gabi und Mirjana dann das Haus SEKA auf der Insel Brac gründeten, bekamen wir Therapeutinnen neben dem Angebot zu fachlicher Fortbildung (z.B. in -Psychodrama), weiterhin die Möglichkeit zu individueller therapeutischer Arbeit.
Gibt es ein schöneres und notwendigeres Geschenk für müde und von der Arbeit unter Kriegsbedingungen ausgebrannte Therapeutinnen?
In der Einführungs-Sitzung des ersten Psychodrama-Fortbildungsseminars wünschte ich mir für mich selbst mehr Offenheit und Leichtigkeit in der Kommunikation mit anderen.
In der darauffolgenden Einzeltherapie mit Gabi bearbeitete ich dann eine alte Szene aus meiner Kindheit. In dieser Szene erlebte ich das mir wohlbekannte Gefühl von Angst, aber darüber hinaus die mir bis dahin unbewußten Gefühle von Leere und Abspaltung von mir selbst. Sehr intensiv, kathartisch habe ich die Berührung und erneute Wahrnehmung eines sehr alten Gefühls erlebt.
Dieses habe ich in die nächste Psychodrama-Gruppensitzung eingebracht und mir "ein Stück Offenheit erobert" und angefangen leichter mit anderen zu kommunizieren.
Nach der Einzelarbeit zu meinem "inneren Kind" und der Verarbeitung einiger alter Szenen aus meiner Kindheit spürte ich, wie "ein gutes, ruhiges, von Grund auf liebenswertes Kind in mich eintritt", wie es sich verbindet mit der großen Marijana, wie sich einige abgetrennte Teile meiner selbst mit den "bekannten" Teilen verbinden und wie ich "ganz" werde.
Nach dieser Therapiesitzung und bis heute hatte und habe ich im alltäglichen Leben kein Bedürfnis mehr, Zigaretten zu rauchen, die mir bis dahin als "Ventil für meine Anspannung" dienten, unbewußt verbunden mit diesen alten Erfahrungen.
In einem anderen Psychodrama-Seminar habe ich im Gruppenspiel "Markt der weiblichen Stärken" an meinem Stand etwas von den Stärken "Selbstberuhigung", "wohlmeinende / wohlwollende Haltung gegenüber anderen Menschen", "Liebe zu Schönheit" zum Tausch angeboten und für mich gesucht: "Kampfesmut" und "Liebe zu mir selbst".
Anschließend hat jede in einem Protagonistinnenspiel auf der großen Bühne ihre Stärken dargestellt.
Während meines Spiels, als ich die Frau in der Rolle des "Kampfesmuts" nur angesehen habe, habe ich schon Angst bekommen, eine sehr intensive Angst. Als Ausweg erschien mir nur "die Flucht durch die Tür".
Gabi hat mir dann angeboten, in einem Teil der Bühne für die kleine Marijana zu sorgen, ihr einen sicheren Ort zu schaffen. Ich habe eine Frau gebeten, auf "die kleine Marijana" (eine Puppe als Symbol) aufzupassen, und habe sie ihr auf den Schoß gesetzt. Während "die kleine Marijana" in Sicherheit war, hab ich mir nochmal "den Kampfesmut" angeschaut und aufgrund meiner heftigen Angstgefühle, bin ich von der Bühne "geflohen". Außerhalb der Bühne habe ich mich auf einen Stuhl gesetzt, um mich zu beruhigen - in der beruhigenden Nähe meiner Therapeutin. Als ich von dort dann wieder auf meinen "Kampfesmut" schaute, habe ich begriffen und gesagt: "Ich habe gekämpft!"
In diesem Moment ist mir klar geworden, daß ich wirklich die ganze Zeit (mein Leben lang) mit meiner Angst gekämpft habe. Ich habe ständig darum gekämpft, mich zu beruhigen, ich kämpfte immerzu - auf meine stille, ruhige, unsichtbare Art. Und ich sprach es laut aus: "Ich habe Kampfesmut in mir!"
Wie sich all dies, was sich auf der Psychodrama-Bühne ereignet, auf wundersamen Wegen ins Leben überträgt, das habe ich einige Tage nach meiner "Kampfesmut-Inszenierung" erlebt: Ich habe auf einem psychologischen Fachkongress deutlich und kämpferisch meinen und Medicas nicht-institutionellen Therapieansatz verteidigt bzgl. der therapeutischen Arbeit mit Klientinnen mit Persönlichkeitsstörungen.
In den folgenden zwei Monaten habe ich erfolgreich um meinen Arbeitsplatz gekämpft, in den ich sechs Jahre unbezahlte Arbeit investiert habe ( "das Beste und Wertvollste, das ich von mir geben konnte").
Und darüber hinaus werde ich nun endlich eine eigene Wohnung bekommen, auf die ich schon seit 12 Jahren gewartet habe. Jetzt habe ich sie mir erkämpft!
In den letzten Szenen meiner Einzelarbeit habe ich aus der Rolle meiner "Wut" gesagt: "Niemand wird mehr auf Marijana herumtrampeln!". Und in der Szene, in der ich meine zukünftige schöne warme Wohnung aufgebaut hatte - in vielen schönen Farben, mit meinen Papieren, meinem Porzellan, mit einem Symbol für meine geliebte Tochter, rundlich, weich und niedlich, hab ich für mich selbst als Symbol einen kleinen Stofflöwen ausgewählt.
Genau so einen Löwen habe ich kurz darauf von meiner Freundin Edita bekommen - als ein spontanes, charmantes und wie stets tief mitempfundenes freundschaftliches "Feed-back". Diesen kleinen Löwen trage ich nun, gemeinsam mit dem Symbol für die "Liebe zu mir selbst" stets bei mir ...
Bilder, die in Worten vorüberfliessen ... sie sind nur der äußere Abglanz dessen, was ich in der therapeutischen Arbeit mit Gabi erlebt habe und was sich tief in mir verwurzelt hat. Ich empfinde eine tiefe Dankbarkeit für die Erleichterung, die Befreiung und die Energie, die ich gewonnen habe, und für die Hilfe, die Liebe und Freundschaft, die mir meine Therapeutin entgegengebracht hat und mir noch immer entgegenbringt.
Vielen, vielen Dank, Gabica!
Marijana Senjak, Klientin, Kollegin und Freundin
"Soziometrie, Gruppenpsychotherapie und Psychodrama" kurz zusammengefaßt "Psychdrama" ist eine von dem Arzt und Psychiater J.L. Moreno entwickelte therapeutische und pädagogische Philosophie und Methode. Sie geht von einem unzerstörbaren kreativen Potential in jedem Menschen aus und glaubt an seine/ihre Selbstheilungskräfte.
Als Methode ermöglicht das Psychodrama, Themen, innere und zwischenmenschliche Konflikte, Erlebnisse, Träume oder auch zukünftige Situationen auf einer Art Bühne darzustellen, um sie damit zu konkretisieren und überschaubar zu machen. Das Psychodrama-"Spiel" ermöglicht so eine Befreiung von alten Prägungen und die Erarbeitung von adäquaten Lösungen.
Psychodrama fördert die Kommunikation, die gegenseitige Einfühlung und damit die authentische Begegnung zwischen Menschen. Der handlungsorientierte Ansatz unterstützt außerdem die Handlungsfähigkeit, die Kreativität und Rollenflexibilität aller Beteiligten.
Insbesondere für die therapeutische Arbeit mit traumatisierten Menschen ist Psychodrama hervorragend geeignet, da es sehr behutsam eingesetzt werden kann und den Betroffenen stets die Kontrolle über die therapeutische Situation läßt. Der Handlungsaspekt hilft Menschen, die erlebte Ohnmacht durch Neu-Inszenierungen zu überwinden. Die Arbeit mit Symbolen ermöglicht ausreichende Distanz zu sehr belastenden, angstbesetzten Themen und dennoch ihre Konkretisierung. Auch das ist hilfreich, denn gerade das Nicht-Faßbare macht am meisten Angst.
Feministisches Psychodrama bemüht sich um eine Integration feministischer Gesellschaftstheorie und eines feministischen Therapieverständnisses in das Psychodrama. Dazu gehört insbesondere die Auseinandersetzung mit (sexualisierter) Gewalt und Trauma.