|
SEKA-Journal Nr. 5, November 1999 |
(...) Könnt Ihr Euch an den Beginn des Krieges erinnern? Wo wart Ihr da? Und wie alt wart Ihr?
Milena (14 Jahre): Wir haben in Lipik gewohnt. Kurz nach meinem 6. Geburtstag hab ich durchs Fenster gesehen, daß Panzer durch den Ort fahren.
Wenig später haben sie angefangen zu schießen und zu granatieren. Eine Nachbarin hat uns in ihren Keller geholt. Weil unser Keller war nicht sicher... Dann später haben uns welche gesagt, daß wir uns im Keller des Kaufhauses verstecken können. Das war in der Nähe und dieser Keller war am sichersten. Wir haben dann im ehemaligen Kühlraum geschlafen, meine Mutter, mein Bruder und ich und noch viele andere Menschen...
Ich weiß noch, daß die Erwachsenen gesagt haben, die anderen dort schießen auf uns wegen unserer Kirche. Wenn sie den Glockenturm zerstört hätten, würden sie aufhören. So haben die Erwachsenen geredet...
Ich hab selbst durchs Kellerfenster die Raketen fliegen sehen. Ich hatte Angst, aber es war mir als kleines Kind nicht so bewußt, was da eigentlich passiert...
Dann hat ein Freund uns (Mama, meinen Bruder und mich) mit dem Auto aus Lipik herausgebracht. Das war ziemlich gefährlich, aber das wußte ich damals auch nicht. Mein Vater ist geblieben, um Lipik zu verteidigen... Wir waren dann zuerst in Zagreb und später bei Pula in einem Flüchtlingscamp... Wir haben dann mehrere Wochen von meinem Vater nichts gehört. Und dann haben wir erfahren, daß er schwer verwundet im Krankenhaus liegt. Er war 16 Tage im Koma.
Das war für mich sehr schlimm. Auch als er dann entlassen wurde aus dem Krankenhaus, war er nicht wie früher, er ist Invalide. Ich hab damals mit meiner Mutter darüber gestritten, warum er verwundet ist, warum das passiert ist. Ich war so unglücklich darüber.
Danijela (14 Jahre): Der Krieg hat für mich völlig aus heiterem Himmel angefangen. Wir wohnen in einem Dorf in der Nähe von Pakrac, da leben wir auch heute noch. Plötzlich sind Granaten gefallen und wir mußten in den Keller. Ich hab überhaupt nicht verstanden, was passiert, ich hatte auch keine Angst, ich war noch so klein (damals 6 Jahre). Mein Bruder ist 7 Jahre älter. Er hat sich sehr gefürchtet. Aber ich wußte nicht, was Krieg ist... Unsere Eltern haben versucht, uns zu beruhigen, aber sie waren selbst sehr angespannt...
An einem Abend mußten wir dann aus unserem Haus weg, weil Lipik erobert worden war und alle fürchteten, daß sie auch unser Dorf überfallen würden. ... Sie haben uns mit Lastwagen an einen anderen Ort gebracht. Dort waren wir in einem großen Saal. ... Wir sind aber bald wieder in unser Dorf zurückgekehrt, nach einigen Tagen, als die größte Gefahr vorbei war. ... Dann wurde mein Vater, als er zu seiner Schwester nach Lipik ging - deren Haus war ganz ausgebrannt - da wurde er verwundet. Darüber bin ich sehr erschrocken. Glücklicherweise ist er jetzt wieder gesund... Einige Monate, vielleicht ein Jahr lang haben sie jeden Tag
geschossen. Aber zwischendurch war immer mal Pause, dann durften wir zum spielen rausgehen. Wenn es dann wieder anfing mußten wir wieder ins Haus. Nachdem die UN-Truppen dann da waren, hat sich die Lage beruhigt.
Dejan (16 Jahre): Als der Krieg anfing lebte ich mit meinen Eltern in einem Dorf 12 km von Pakrac entfernt. Ich war 8 Jahre alt. Wir waren gerade in unser neu gebautes Haus gezogen, als die Schießerei ganz in der Nähe losging. Meine Eltern packten eine Tasche - wie für einen Sommerurlaub, denn wir dachten, das dauert vielleicht 1-2 Wochen, dann ist es wieder vorbei. Wir gingen dann zu Verwandten nach Belgrad (Dejans Vater ist Serbe, seine Mutter Kroatin). Im ersten Jahr in Serbien sind wir siebenmal umgezogen. Dann hat mein Vater, er ist Maurer, Arbeit gefunden, auf einem Dorf ca. 30 km von Belgrad. Wir konnten dort kostenlos wohnen. Dieser Mann war sehr nett. ... Überhaupt haben uns die Leute dort gut behandelt. Es war ein stark gemischtes Dorf, etwa 50% Serben und 50 % Slowaken. ... Ich bin dort ganz normal zur Schule gegangen und habe schnell Freunde gefunden. Zu denen hab ich heute noch Kontakt. ... Uns ist es dort gut gegangen, aber wir haben uns Sorgen um die Verwandten zu Hause gemacht, besonders um die Angehörigen meiner Mutter. Zuerst konnten wir gar keinen Kontakt herstellen, haben nur immer Nachrichten gehört. Briefe, die meine Mutter geschrieben hat, sind zurückgekommen. Schließlich sind meine Eltern nach Ungarn gefahren und von dort aus ist es meiner Mutter gelungen, meinen Onkel telefonisch zu erreichen. Er sagte uns, daß sie noch am Leben sind, aber daß in unserem Dorf viele umgebracht wurden und daß von unserem Haus nur noch die Mauern stehen...
Milena: Als wir 1992 nach Pakrac zurückkehrten, war noch immer Krieg. Es war damals schrecklich. Es war alles zerstört. Und sie haben immer weiter granatiert und geschossen, die ganze Stadt war voller Panzer und es war eine große Anspannung. Man wußte nicht, was geschehen würde. ... Es gab keinen Strom, wir hatten nur Kerzen. Wasser holten wir von einem Brunnen... Meine Großmutter und meine Tante waren die ganze Zeit über in Pakrac geblieben, wir wohnten dann zuerst bei ihnen... Unsere Schule lag da oben in der Nähe wo die serbischen Milizen waren. Ich weiß noch daß die einmal gedroht haben, daß sie in die Schule kommen und die Kinder mitnehmen.
Danijela: Ja, das weiß ich auch noch: wir haben uns unter den Bänken versteckt.... Eine Zeitlang sind wir dann nicht mehr zur Schule gegangen, weil es zu gefährlich war.
Wie lebt Ihr zur Zeit? Wie ist die Situation in Pakrac und Westslawonien heute?
Danijela: Wir leben noch in unserem Haus, das glücklicherweise nicht zerstört wurde wie viele andere bei uns im Dorf. Es hat nur einige Granatsplitter abgekriegt.
Milena: Wir leben im Zentrum von Pakrac. Meine Eltern haben sich in einem großen alten Haus, das halb zerstört war, zwei Räume eingerichtet: Ein Zimmer, in dem wir alle schlafen, und eine Küche. Sie haben das nur provisorisch hergerichtet, weil wir dachten, es dauert nicht so lange, bis wir nach Lipik zurückkehren können. ...
Jetzt - nach 8 Jahren - werden wir in einigen Wochen wieder dorthin zurückkehren können. Unser Haus ist jetzt bald wieder aufgebaut. Dabei haben einige ausländische Organisationen geholfen und der kroatische Staat, glaube ich. ...
In Pakrac ist noch immer so viel zerstört. Einiges haben sie wieder aufgebaut, aber das Meiste ist noch zerstört.
Dejan: In Pakrac ist es auf jeden Fall schon viel besser als in den umliegenden Dörfern, da sind noch etwa 90% der Häuser zerstört. Und es gibt z.B. auch keine Läden. In unserem (ehemaligen) Dorf muß man 5 km zum nächsten Laden fahren...
Seit wir vor knapp zwei Jahren wieder aus Serbien zurückkommen konnten, leben wir bei einer alten Tante von mir in Pakrac. ... Meine Eltern waren lange arbeitslos. Verwandte haben uns geholfen. Vor 2 Monaten hat mein Vater nun Arbeit bekommen. Meine Mutter ist noch arbeitslos. Aber jetzt wird es leichter sein... Meine Eltern möchten in unser Dorf zurückkehren, aber das ist nicht so einfach. Seit fast zwei Jahren bemüht sich meine Mutter um die Erlaubnis. Ich glaube, jetzt hat sie endlich alle Papiere zusammen, sodaß wir die Erlaubnis bekommen können. Immerhin haben sie vor kurzem unser Grundstück von Minen geräumt. ...
Es ist für mich nicht so leicht, dahin zurückzukehren. Es gibt dort bisher überhaupt keine Jugendlichen. Das Dorf ist ohnehin jetzt fast leer und es ist fast völlig zerstört.. Da haben früher 5-6000 Menschen gelebt. Jetzt gibt es im mittleren Teil, da wo unser Haus ist, vielleicht noch 10-20 Menschen. Fast nur alte Leute. Die Leute kommen nur sehr langsam zurück..... Dieses Dorf war hauptsächlich von Serben bewohnt. Wahrscheinlich will von denen jetzt niemand mehr zurückkehren, nachdem es wieder zu Kroatien gehört. Unsere ehemaligen Nachbarn haben ihre Häuser bereits an den (kroatischen) Staat verkauft. Viele sind inzwischen im Ausland, in Deutschland oder Frankreich, manche auch in Serbien.
Ich hoffe, daß doch noch mehr junge Leute zurückkommen, von meinen früheren Freunden ist niemand mehr da... Immerhin werde ich weiter in die Schule nach Pakrac gehen. Da habe ich Freunde.
Wie ist die Atmosphäre in Pakrac? Gibt es noch viele Spannungen?
Dejan: Es gibt noch eine Teilung in der Stadt. Es gibt die, die möchten, daß alles in Ordnung kommt. Aber es gibt auch andere, manche, deren Angehörige umgekommen sind, die können das nicht so schnell vergessen. Ich persönlich hab keine Probleme. Auch als wir aus Serbien wiedergekommen sind, war es in Ordnung, es hat mich niemand blöd angequatscht. Natürlich weiß ich nicht, was hinter meinem Rücken geredet wird. Aber in der Schule ist das total in Ordnung. Wir sind ja auch noch Kinder. ...
Ich hoffe, daß es keinen Krieg mehr gibt, aber als es jetzt im Kosovo wieder los ging, da hab ich doch wieder Angst bekommen. Vor allem, weil mein Vater da gerade in Serbien war und sie ihn dann nicht mehr über die Grenze nach Kroatien gelassen haben. Er hat es dann geschafft zu Fuß heimlich über die Grenze zu kommen. Ein netter Polizist hat ihm geholfen. ...
Ich glaube, solange Miloševic an der Macht ist, wird es keinen Frieden geben. Er hat jetzt den dritten sinnlosen Krieg angezettelt. Europa müßte noch mehr Druck ausüben, daß er endlich zurücktritt. Sie haben viel zu lange zugesehen...
Milena: Ich glaube schon, daß es allmählich besser wird, aber es dauert noch lange. ...
Danijela: Die Leute müßten sich mehr zusammensetzen. Es gibt viele, die noch sehr verbittert sind und deswegen nicht bereit sind, auf die andere Seite zuzugehen. Sie machen große Unterschiede zwischen Kroaten und Serben. Das ist schwer!
Milena: Ja, das finde ich dumm! Aber ich weiß, daß ich auch so gedacht hab, als ich kleiner war: "Die sind schuld daß mein Vater verwundet wurde. Wie konnten sie so etwas machen!" Das war für mich das Schlimmste, daß sie meinem Vater das angetan hatten. ... Aber als ich dann wieder gemeinsam mit serbischen Kindern in die Schule ging, hab ich gemerkt, daß das Unsinn ist. Jetzt ist meine beste Freundin Serbin. Allerdings reden wir nie über solche Themen, über den Krieg und alles, was passiert ist. Das lassen wir aus.
Danijela: Für mich war das auch so. Bevor ich wieder in der Schule mit serbischen Kindern zusammen war, hab ich auch gedacht, warum konnten die das meinem Vater antun? Aber als ich dann wieder mit ihnen zur Schule ging, hab ich aufgehört, diese Unterschiede zu machen. Sie sind ja auch nur Kinder wie wir! Sie können doch nichts dafür, was irgendwelche serbischen Cetniks gemacht haben! (...)