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SEKA-Journal Nr. 5, November 1999 |
In diesem Sommer war es mir möglich, eine ganz besondere Erfahrung zu machen: Als zusätzliche Therapeutin erlebte ich den Erholungsaufenthalt von drei Gruppen von Frauen und Kindern im SEKA-Haus, die alle auf ihre Art mit den Schrecknissen von Krieg, Gewalt oder Verfolgung konfrontiert worden waren.
Besonders tief hat sich mir dabei die Begegnung mit den Frauen aus Pakrac eingeprägt. Besonders in der abendlichen intensiven Gruppenarbeit haben die Frauen mich sowohl an ihren schmerzhaften Erfahrungen der letzten Jahre teilhaben lassen als auch an ihrer Fähigkeit, sich trotz allem ihre Stärke, ihren Mut und ihre Menschlichkeit zu bewahren.
Ich möchte im folgenden weniger über Methoden oder Techniken der Gruppenarbeit schreiben als vielmehr weitergeben, was mich in unserer gemeinsamen Arbeit berührt und beeindruckt hat.
Für die große Mehrheit der Frauen aus Pakrac war dieser durch Kuca SEKA ermöglichte Aufenthalt am Meer nach den schmerzhaften Jahren des Krieges die erste Möglichkeit zu einer Erholung.
Einige von ihnen hatten zwar zu Anfang des Krieges, nachdem sie aus Pakrac vertrieben worden waren, einige Monate in Flüchtlingscamps am Meer zugebracht. Doch die Erinnerung an diese Monate ist noch heute für sie äußerst schmerzhaft: es war Herbst oder Winter, kalt, das Meer stürmisch, die Unterbringung notdürftig. Und täglich fragten sie sich, wie lange noch? Sie waren weit entfernt von zu Hause, zusammengewürfelt mit unterschiedlichsten fremden Menschen, auf engstem Raum. Von diesem Herbst / Winter blieb nur eine Erinnerung von Verwirrung und Angst: Von ihren Ehemännern, Brüdern, Söhnen und anderen Verwandten, die irgendwo im Kriegsgebiet waren, hatten sie keine Nachricht. Gleichzeitig kamen täglich schlimme Nachrichten über neue Opfer.
Ihre Häuser und ihre Arbeit hatten sie verloren; ihre heranwachsenden Kinder konnten sie in keine Schule schicken, da sie nicht wußten, wo sie den nächsten Tag verbringen würden, wohin sie geschickt würden und wie lange sie dort bleiben würden. Ein Leben in völliger Unsicherheit!
Jetzt erst - nach sieben Jahren - kamen sie wieder ans Meer und konnten es endlich wieder als Ort der Erholung erleben. Und vor dem Krieg hätten sie sich wiederum nicht vorstellen können, daß das Meer ihnen und ihren Kindern einmal so entfernt und so unerreichbar sein könnte, insbesondere da sie als Arbeiterkinder daran gewöhnt waren, mit ihren Eltern ans Meer zu fahren und es selbstverständlich zu genießen als einen Ort des Urlaubs und der Erholung1. Leider mußten ihre eigenen Kinder völlig andere Erfahrungen machen, die dazu führten, daß sie ihre kindliche Unbeschwertheit früh verloren und lange vor der Zeit erwachsen wurden.
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Früher wäre es seltsam oder undenkbar gewesen, daß ein Junge von 10 Jahren nicht schwimmen kann, weil er nie die Gelegenheit hatte, mit dem Wasser in Kontakt zu kommen. Für die Kinder in Pakrac war das Meer während des Krieges und in den Nachkriegsjahren weit, teuer und unerreichbar, aber der Fluß, der durch die eigene Stadt floß, vermint oder in Reichweite der Sniper2. Es war einfach unmöglich, zum Wasser zu kommen. Es blieb der Traum und der Wunsch, aber die Realität war eine völlig andere. Schwimmen war vielleicht für andere Kinder selbstverständlich, aber für diese Kriegskinder unvorstellbar.
Daher war es nun nötig, zuerst über einige Tage Mut zu fassen und durch den vorsichtigen Kontakt mit dem Meer zu erleben, daß das Wasser angenehm und nicht bedrohlich sein kann, und sich allmählich weiter als nur bis zum Knie hineinzuwagen.
Doch dann kam der Mut und die Sicherheit und schließlich die Freude an der Erfahrung, daß Schwimmen eine wundervolle Sache sein kann.
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Es war für mich auch sehr berührend, wie sehr die Frauen es genossen haben, entspannt und frei spazierengehen zu können. (- ohne Angst vor Minen). Einige von ihnen standen sogar in der ersten Morgenröte auf, um diese ruhigen und wunderschönen Tage umso länger und intensiver erleben zu können. Auf diesen frühen Morgenspaziergängen nahmen sie die Gerüche und die Farben der Insel und des Meeres tief in sich auf, die so anders waren als die in ihrer Alltagsumgebung.
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Betroffen gemacht hat mich gleich am ersten Abend die Antwort einer Frau auf unsere Bedenken, daß es in den Bädern morgens vielleicht etwas eng werden könnte: "Macht Euch doch über solche Kleinigkeiten keine Sorgen! Ich lebe mit meiner vierköpfigen Familie seit vielen Jahren ohne Bad oder Dusche. Wenigstens konnten wir inzwischen ein Zuleitungsrohr für (kaltes) Wasser installieren, nachdem wir uns lange so beholfen haben, daß wir uns mit einer Plastiktüte mit Wasser aus einem Eimer übergossen haben, um unsere Körper-Hygiene zu gewährleisten."
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Wir wissen alle welch hohe Temperaturen nötig sind, um Glas zu schmelzen.
Ein ungewöhnliches Objekt aus seltsam geformtem Glas bewahrt eine der Frauen noch heute auf. Diese nicht mehr erkennbare merkwürdige "Glasskulptur" war einst ein Glaskrug in ihrer Wohnung, die völlig ausgebrannt ist. Als sie zur Brandstelle zurückkehrte und in den verkohlten Resten herumstocherte, hatte sie das Bedürfnis, etwas davon mitzunehmen - wenigstens etwas, das sie wiedererkennen könnte als eine Spur ihres ehemaligen Lebens. Dieses ungewöhnliche "Souvenir" von der Brandstelle bewahrt sie noch heute als Andenken oder - besser gesagt - als Brücke zwischen ihrem Leben früher und dem jetzt.
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Gewöhnlich erscheint es uns, als ob unsere eigenen Probleme die schwersten und unlösbarsten seien, wahrscheinlich deshalb, weil wir wenig Gelegenheit haben, anderen Menschen zuzuhören, mit ihren Belastungen und Problemen. Wenn wir aber - in ehrlichen Gesprächen - einander wirklich zuhören, und uns von der fremden Erfahrung berühren lassen, erscheinen uns unsere eigenen Probleme oft kleiner oder leichter.
Es war sehr wichtig, in unserer gemeinsamen Gruppenarbeit einen Raum zu öffnen für die eingeschlossenen inneren Gedanken und Stimmen. Die Erlebnisse und Gefühle (oft zum ersten Mal) laut auszusprechen, dabei sich selbst zu hören und ebenso den anderen in der Gruppe zuzuhören. Dies ermöglichte uns, mehr Verständnis zu haben für die Schwierigkeiten und Empfindlichkeiten von jeder von uns. So viele schwere Traumata haben die Frauen in dieser kurzen Zeit überlebt, Erfahrungen, von denen die Mehrzahl der Menschen glücklicherweise in ihrem Leben verschont wird .....ihnen aber sind sie zugestoßen. Und sie müssen damit weiterleben, sie tragen und sich weiter durch ihr Leben kämpfen.
Kann man da überhaupt von irgendwelcher Überempfindlichkeit oder Überfürsorglichkeit sprechen, wenn das Leben Menschen mit einer so unbarmherzigen, unvorhersehbaren Brutalität und Grausamkeit behandelt hat?
Nach Monaten Aufenthalt im dunklen Keller, der von dem Lärm der ständigen Granatierung begleitet wurde, von Brandgeruch und dem Geruch von Blut, dem Mangel an Lebensmitteln und sauberem Wasser, dem Bangen um die Liebsten und Nächsten, ist es schwer, sich wieder an die Masse von Farben und Gerüchen zu gewöhnen, an das Tageslicht und die plötzliche Ruhe, die an die Stelle des Gefechtslärms tritt, der wie eine Kulisse unaufhörlich Gehör und Nerven strapazierte.
Das gilt erst recht für den Aufenthalt auf Brac: Man muß erst einmal die Heftigkeit dieser Sonne ertragen, das Blitzen dieses Meeres, die Wärme und die von neuem entdeckte Bewegungsfreiheit. Man muß erst wieder lernen, ohne Angst um die Liebsten zu leben, ohne Angst um die nackte Existenz und das pure Überleben.
Alle Frauen der Gruppe leben noch immer in fremden Häusern, oft notdürftig repariert. Sie alle warten darauf, endlich das eigene Haus wieder aufbauen oder instandsetzen zu können, aber das dauert lange; denn die Mittel sind bescheiden.
Wahrscheinlich ist es für Außenstehende schwer nachzuvollziehen, welch große Freude und welch einen Hoffnungsstrahl am Ende eines dunklen Tunnels es bedeutet, endlich in das Wiederaufbauprogramm aufgenommen zu sein, was heißt, daß du tatsächlich Aussicht hast, mit finanzieller Hilfe durch ausländische Organisationen und evtl. den kroatischen Staat dein einstmaliges Haus wieder aufbauen zu können.
Dieses große Glücksgefühl, das dir dieser Lichtstrahl gibt, ist der Ausdruck der Hoffnung, die du dadurch wiedergewonnen hast, der Hoffnung, daß es auch für dich und deine Familie wieder ein menschenwürdiges Morgen geben kann.
Aber es ist ein mühsamer und anstrengender Prozess, umso mehr als du neben all dem Schrecklichen, das du hast erleben müssen, außerdem keinen Arbeitsplatz findest (die Mehrzahl der Frauen in der Region ist arbeitslos), oder, falls du zu den wenigen gehörst, die einen Arbeitsplatz haben, dich nicht erinnern kannst, wann du den letzten Lohn bekommen hast.
Das jahrelange Leben im Provisorium hat all deine Reserven aufgezehrt, Hilfe humanitärer Organisationen (Lebensmittel oder Kleidung) gibt es nicht mehr, denn "der Krieg ist zu Ende". Und kaum jemand weiß, wie die Menschen da (im fast völlig zerstörten Slawonien) in Wahrheit (über)leben und was ihre Nöte sind.
Die Frauen der Pakracer Gruppe arbeiten ehrenamtlich in der von ihnen gegründeten Wäscherei, die gleichzeitig ein Ort ist an dem sie auf wunderbare Weise durch ihr Zusammensein Kraft sammeln und auch die schweren Tage besser ertragen können. Sie arbeiten, machen Pläne, unterstützen sich gegenseitig und gehen weiter voran.
Doch es bedeutet eine ständige große Anstrengung, sich nicht unterkriegen zu lassen, nach Jahren leidvollster Erfahrungen in einer schwierigen Gegenwart mit Blick auf eine unsichere Zukunft.
Wahrscheinlich muß man nach Pakrac kommen, Schritt für Schritt über den ehemaligen Marktplatz gehen, um zu begreifen, wie sehr dieser Marktplatz leider noch immer in zwei Teile geteilt ist, und zu erleben, wer bei wem auf welcher Seite kauft: Die SerbInnen (fast) nur auf der "serbischen Seite", die KroatInnen nur an den "kroatischen Ständen".
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Der Erholungsaufenthalt im SEKA-Haus bedeutete für die Frauen ein großes Geschenk, dessen Wert sie sich jedoch erst nach und nach bewußt wurden:
"Als wir nach Brac kamen, haben wir uns sehr gefreut, aber wir haben nicht geahnt, wie bitter nötig wir diese Erholung hatten. In all den vergangenen Jahren hat es für uns weder Zeit noch Ort für irgendeine Art Erholung gegeben.....
Welch riesiges Bedürfnis wir hatten über das Erlebte zu sprechen und anderen unsere Herzen zu öffnen! In der Gruppenarbeit haben wir unsere Erfahrungen mit den anderen Frauen geteilt und in ihnen Unterstützung gefunden. Wir haben uns gegenseitig ermutigt und geholfen. Immer wieder haben wir geweint, aber nicht aus Ohnmacht, sondern weil wir endlich diese Spannung loslassen konnten, die sich in uns angestaut hatte und derer wir uns gar nicht so bewußt waren, bevor wir sie (in der Gruppenarbeit) zu erforschen begannen.
Wir haben von neuem zahllose schwere Augenblicke durchlebt, die sich in uns eingeprägt hatten, aber diesmal waren wir nicht allein und wir haben gelernt sie leichter zu tragen.....
Wir haben uns selbst entdeckt und begonnen, uns mehr zu stärken, zu lieben und zu ermutigen...
Dieser gemeinsame Aufenthalt in Kuca SEKA ist viel zu schnell vorbeigegangen, aber er wird in jeder von uns weiterleben als eine Entdeckung..." (Diese und ähnliche Rückmeldungen gaben die Frauen am Ende unserer Gruppenarbeit in der gemeinsamen Auswertung.)
Auch für mich war die Zeit in Kuca SEKA etwas Besonderes. Und wenn ich mich manchmal überlastet oder ruhelos fühle, dann wandere ich in Gedanken nach Brac und finde mich wieder selbst.
Ich bin meinen "Pakracerinnen" und auch den Frauen aus den anderen Gruppen dankbar für die außergewöhnliche Erfahrung des Zusammenseins und der gemeinsamen Arbeit im SEKA-Haus, die uns, wie ich meine, alle bereichert hat.
Und ich glaube fest, daß wir diese häßlichen und schrecklichen Erfahrungen von Krieg und Gewalt hinter uns gelassen haben - verbrannt in Gabis großem Topf*.
Und daß wir mit Mirjanas Segeln voller Wind zu einem neuen und besseren Leben aufgebrochen sind oder wenigstens mit einem gewöhnlichen kleinen Boot, das auf den Wellen der Herausforderungen unseres zukünftigen Lebens schaukelt.
1 Im Sozialismus hatte jeder größere Betrieb eigene Ferienheime für seine ArbeiterInnen und Angestellten, in denen sie äußerst günstig oder kostenlos mit ihren Familien Urlaub machen konnten.
2 Sniper = Scharfschützen
* In der letzten Gruppensitzung haben wir zum Abschluß ein gemeinsames Ritual gemacht, in dem Zettelchen in einem großen Topf verbrannt wurden, auf die die Frauen all das geschrieben hatten, was sie loslassen oder loswerden wollten