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SEKA-Journal Nr. 4 - Mai 1999 |
24. März 1999:
Die NATO hat heute abend mit Luftangriffen auf Serbien begonnen. Bis zuletzt hatten wir gehofft, daß doch die Verhandlungen wieder aufgenommen würden.
Wir alle sind entsetzt und haben schlimme Befürchtungen. Aus dieser Krise könnte ein Weltkrieg werden. Wie wird sich Rußland verhalten, nachdem es vor ein paar Tagen erst die NATO-Osterweiterung hinnehmen mußte? Wird es die nationalistisch-kommunistische Mehrheit in der Duma weiter stärken?
Jelzins und Primakows schwache Regierung könnte leicht von einem Putsch weggefegt werden. Und dann?
Ein NATO-Einsatz ohne eine Legitimierung durch den UN-Sicherheitsrat wird verheerende Folgen haben. Es ist der Präzedenzfall für Militäreinsätze weltweit, durch jedes Land oder jede Allianz, die in irgendeiner Form ihre Interessen bedroht sieht.
Dieser Einsatz bricht das Völkerrecht, die einzige mühsam errungene Basis für eine internationale Konfliktlösung. Dieser Angriff entmachtet die UNO vollends. Auf welcher Basis sollen dann in Zukunft Konflite gelöst werden? Natürlich hat die UNO in Bosnien kläglich versagt, aber ist dies dann ein Grund, sie völlig auszuschalten oder nicht eher der dringende Anlaß, ihre Wirksamkeit zu verbessern und dafür alle Kräfte einzusetzen.
Das hätten wir zumindest von der ersten rot-grünen Bundesregierung Deutschlands und insbesondere von einem grünen Außenminister erwartet: daß sie ihr ganzes politisches und wirtschaftliches Gewicht in die Waagschale werfen, um die UNO zu stärken und gleichzeitig darauf zu dringen, daß sie im Hinblick auf den Kosovo handeln muß. Daß die internationale Gemeinschaft die gesamte Palette politischer und wirtschaftlicher Sanktionen - im positiven wie im negativen Sinne - gegenüber Serbien anwenden muß.
Stattdessen trat der grüne Außenminister und mit ihm die ganze Regierung brav in die Fußstapfen der Kohl-Regierung.
Es ist tragisch und dramatisch, daß gerade unter der ersten rot-grünen Regierung der Bundestag den ersten Militäreinsatz der Bundeswehr nach dem Ende des zweiten Weltkriegs beschließt, der nicht der Verteidigung oder der Friedenssicherung dient, sondern einem Angriff auf ein anderes Land. Und dieses Land ist dann ausgerechnet Serbien.
Der Angriff deutscher Flugzeuge ist eine der besten Propagandavorlagen für das serbische Regime, die dieses sich wünschen konnte.
Es stellt sich die Frage: Was soll dieses Bombardement erreichen: Angeblich soll es Frieden schaffen bzw. erzwingen, die Menschen in Kosova schützen und eine Verhandlungslösung herbeiführen.
Wir werden sehen, was es bewirkt.
Diese und ähnliche Gedanken gehen uns an diesem Abend durch den Kopf. Einige der Frauen, die zur Zeit am Seminar über Kindertherapie im SEKA-Haus teilnehmen, sind erschrocken und besorgt um ihre Familien.
Besonders die Frauen aus Tuzla sind betroffen, da Miloševic bereits gedroht hatte, bei einem NATO-Luftangriff im Gegenzug die Sfor-Truppen in Tuzla zu bombardieren. Tuzla liegt nahe der Grenze zu Serbien und hat in großem Maße Chemie-Industrie. Ein Bombardement dieser Fabriken würde die ganze Stadt vergiften.
Nachdem die Seminarteilnehmerinnen ihre Familien angerufen haben, sind die meisten relativ beruhigt.
Nur eine Frau aus Tuzla beschließt, früher nach Hause zu fahren, da ihre Kinder alleine sind.
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Im Laufe des Abends versuche ich mehrfach, nach Kosova oder Belgrad telefonisch durchzukommen.
Ich will wissen, wie es unseren Freundinnen dort geht.
Nach Kosova ist die Verbindung offensichtlich unterbrochen.
Schließlich erreiche ich A. in Belgrad, die mir versichert, daß sie alle o.k. sind. Sie sagt mir, daß die ersten Angriffe sich auch auf einen Militärstützpunkt im Süden von Belgrad richteten. Bei dem Bombardement seien auch Frauen und Kinder von Offiziersfamilien getötet bzw. verletzt worden.
Ich weiß nicht, ob A. am Telefon offen reden kann. Es gibt eine erneute Repressionswelle gegen die verbliebene Opposition und die kritische Presse.
28. März 1999:
Inzwischen ist klar, daß Miloševic und seine Clique überhaupt nicht daran denken, vor den Luftangriffen in die Knie zu gehen. Im Gegenteil sie verstärken die Angriffe und gewalttätigen Übergriffe auf die albanische Bevölkerung in Kosova in furchtbarem Maße. Vertreibungen, Gewaltakte und Massaker breiten sich auf den ganzen Kosovo aus.
Zehntausende verzweifelte, erschöpfte Menschen sind nun auf der Flucht in Richtung Mazedonien, das - selbst ein armes Land - mit den Flüchtlingen rasch überfordert sein wird.
Anstatt die Menschen vor Vertreibungen zu schützen, bewirken die Bombardements der NATO das Gegenteil.
Die serbische Bevölkerung reagiert auf die Luftangriffe empört, verbittert trotzig. Ihr Gefühl der letzten Jahre, "allein gegen die ganze Welt zu stehen", das vom Regime zu Propagandazwecken kräftig gefördert wurde und wird, bestätigt sich so noch einmal.
Wo sind die vielen "Anti-Miloševic-DemonstrantInnen" von vor 2 Jahren? Ein junger Mann sagt im Fernsehen: "Die NATO schafft, was Miloševic all die Jahre nicht gelungen ist, sie versammelt ganz Serbien hinter ihm!"
Alle kritischen Medien in Serbien sind inzwischen ausgeschaltet. Redakteure teilweise verhaftet.
Über Satellit sehen wir Gysi auf einer Friedensdemonstration der PDS in Berlin eine Rede halten. Was er sagt ist alles richtig: Dieser Krieg verstößt gegen das Völkerrecht, der Einsatz der Bundeswehr gegen das Grundgesetz, es ist eine Ungeheuerlichkeit, daß deutsche Soldaten Belgrad bombardieren ... alles richtig.
Aber: wo bleiben seine deutlichen Worte an das serbische Regime und die serbische Bevölkerung, wie auch an die zahlreichen serbischen Demonstranten auf dem Platz, zu den Verbrechen an der albanischen Kosova-Bevölkerung. Was er dazu sagt bleibt dünn. Und: er verwahrt sich nicht gegen die Miloševic-Plakate oder die nationalistischen Parolen vieler Serben auf dem Platz.
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31. März 1999:
Die NATO-Bombardements werden fortgesetzt - blindlings, obwohl sie bisher erwiesenermaßen einen Kontra-Effekt haben. Es macht uns unglaublich wütend, wenn die "Erfolgsmeldungen" in der NATO oder der US-Pressekonferenz verkündet werden.
Mindestens eine ½ Million Menschen ist inzwischen auf der Flucht, nach Mazedonien, nach Albanien, einige auch nach Montenegro. Und da sollen wir glauben, daß alles "nach Plan läuft", das wäre ein mehr als zynischer Plan! Vorsichtshalber behaupten die Verantwortlichen (so u.a. auch Joschka Fischer), es würde sich im Kosovo jetzt nur ereignen, was längst vom serbischen Regime geplant war. Aber sollte das nicht gerade verhindert werden?
Die Argumentation nimmt absurde Dimensionen an. Es war von Anfang an völlig unwahrscheinlich, daß durch Bombenangriffe, "die albanische Bevölkerung des Kosovo geschützt" werden könnte. Dem widersprechen jegliche Militärlogik, jegliche Psychologie und die Erfahrung mit Diktatoren im allgemeinen und Miloševic im Besonderen.
Die NATO-Angriffe haben Miloševic bisher nur genützt, sie haben seine Position erheblich gestärkt.
Immer mehr Militärexperten geben inzwischen zu, "daß die NATO-Aktion nicht zu Ende gedacht war".
Wenn wir so etwas hören, wissen wir nicht, ob es uns mehr verzweifelt oder mehr wütend macht.
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Der Schutz einer Zivilbevölkerung kann (wenn man sich schon für die militärische Variante entscheidet) nur durch massiven Einsatz von Bodentruppen - wenn überhaupt - gewährleistet werden.
Aber das bedeutet einen langwierigen Krieg und unzählige Opfer.
In diesem Fall würde es außerdem die unabschätzbare Gefahr eines Weltkriegs bedeuten.
Die ohnehin schwierige Lage in Kosova hat sich nach Aussagen vieler Flüchtlinge in dem Moment dramatisch verschlechtert, als in Vorbereitung der NATO-Angriffe die OSZE-Beobachter abgezogen wurden.
"Solange die Leute von der OSZE da waren, haben wir uns relativ sicher gefühlt. Es gab nicht so viele Vorfälle," sagte eine junge Frau.
Mit dem Abzug der Beobachter wurden die Menschen im Kosovo sich selbst überlassen. Sie wurden zu Geiseln.
Und darüber wundern sich jetzt die Verantwortlichen von NATO und EU und sind "entsetzt". .........
6. April 1999:
Die Situation der Flüchtlinge ist unvorstellbar. Etwa 500.000 sind bisher in Mazedonien und Albanien angekommen. Einige Zehntausend sind nach Montenegro geflohen. Inzwischen fliehen auch Muslime aus Sandzak nach Bosnien-Herzegowina. Der größte Teil der Kosovo-AlbanerInnen befindet sich aber noch immer auf dem Gebiet des Kosovo. Viele verstecken sich in den Wäldern. Es gibt auch wieder viele Berichte, die an die Greuel in Bosnien-Herzegowina erinnern: Lager, Separation der Männer, deren Ermordung, nachdem sie mißhandelt wurden, Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen, es soll wieder Vergewaltigungslager geben.
Immer wieder berichten Überlebende von Massakern bzw. Mißhandlungen, daß die serbischen Milizionäre sie verhöhnten: "Jetzt kann Euch die NATO helfen!"
Auch dies macht deutlich, daß das NATO-Bombardement die Gewaltakte in keiner Weise verhindert sondern noch weiter angeheizt hat.
Unsere Hilflosigkeit macht uns gereizt und wütend.
Wir fragen uns wieder, wo ist die UNO?
Die UNO ist die einzige Instanz, die legitim die Stationierung von Truppen in Kosova beschließen kann. Dazu müssen Rußland und China gewonnen werden. Ohne Einbezug Rußlands wird es ohnehin keine Lösung geben. Die friedlichen Kräfte in Rußland müssen gestärkt werden, bevor es zu spät ist.
Der Schutz der Menschen im Kosovo muß Vorrang haben. Aber ist es überhaupt noch möglich diese Eskalation zu stoppen, bevor der ganze Kosovo von der albanischen Bevölkerung "gesäubert" und gleichzeitig in Schutt und Asche gebombt ist?
Über Freundinnen höre ich, daß wenigstens B., eine Freundin, Aktivistin aus Kosova, in Sicherheit ist. .......
Andere befindet sich noch in Priština. Wir wissen nicht, wie es ihnen geht. Der Telefon- / Fax-Kontakt nach Serbien ist seit Tagen unterbrochen.
8. April 1999:
Wir alle schlafen schlecht und fühlen uns krank.
Wir überlegen hin und her, was wir tun können. Sollten wir Flüchtlinge aus Kosova aufnehmen, wenn diese bis Kroatien kommen könnten?
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Schließlich treffen wir die Entscheidung, unser Programm erst mal so weiterdurchzuführen, wie wir es geplant haben und uns dafür weiter um Gelder zu bemühen.
Der Sinn und Wert SEKAs liegt nicht in der Quantität von 20 Plätzen zu potentiellen Unterbringung von 20 Flüchtlingen, sondern in den besonderen Angeboten, die wir einer vielfachen Anzahl von Frauen und Kindern machen können, aus denen sie Kraft und neuen Lebensmut schöpfen, der sehr viel länger anhält als nur die Dauer ihres Aufenthalts im SEKA-Haus. Das Besondere an SEKA ist darüber hinaus der Multiplikationseffekt und die Vernetzung die durch SEKA geschieht.
Wir dürfen unsere Arbeit jetzt nicht einfach fallen lassen, auch wenn es möglicherweise noch schwieriger wird, Geld dafür zu finden. Aber wir werden uns darum bemühen, möglichst bald Frauen und Kinder aus Kosova in das SEKA-Programm miteinzubeziehen, oder auch, wenn Kroatien Flüchtlinge aufnimmt, noch einmal neu zu überlegen, was wir an Hilfen anbieten können.
Frauen aus Baranja (Ostslawonien) können nicht zu uns kommen, da ihre Verwandten aus Novi Sad (Serbien) zu ihnen geflohen sind. Novi Sad wird seit Tagen heftig bombardiert, zwei Brücken und verschiedene Fabriken wurden zerstört, dabei wurden Zivilisten verletzt.
10. April 1999:
Gestern haben wir wieder mit verschiedenen Gruppen und Projekten in Bosnien telefoniert. Viele Frauen erzählen mir, daß sie die Bilder von den Flüchtlingen kaum ertragen können. Aber sie können den Fernseher auch nicht ausmachen. Sie sind voll hilfloser Wut. Ihre eigenen Erlebnisse kommen wieder hoch. Für viele bedeuten die Geschehnisse eine Retraumatisierung.
Doch die Frauen unterstützen sich auch gegenseitig.
Insbesondere die Frauen aus den SEKA-Therapiegruppen rufen sich regelmäßig an und trösten und stärken sich gegenseitig.
Heute nachmittag haben wir Kartons für Flüchtlinge in Albanien gepackt: Lebensmittel, Kinderkleidung, Spielsachen, Kuscheltiere. ........
Aber das kann doch nicht alles sein, was wir tun können!
11. April 1999:
Ein kritischer serbischer Journalist ist vor seiner Wohnung ermordet worden. Außerdem setzt das serbische Regime nun auch offiziell eine ganze Reihe von Bürgerrechten aus (an die sich allerdings schon lange weder Polizei noch Milizen gehalten haben).
Wir machen uns Sorgen um unsere Belgrader Freundinnen.
Jamie Shea, NATO-Sprecher, lobt weiter das NATO-Bombardement, u.a. mit den Worten "Wir werden nicht nachlassen, die Menschen im Kosovo zu schützen." Der Mensch leidet offensichtlich unter Wahrnehmungsstörungen.
12. April 1999:
Telefonat mit Nela aus dem Centrum für Frauen als Opfer des Krieges: Die meisten der Belgrader Friedensaktivistinnen mußten untertauchen. Sie sind gefährdet. Allein das Frauenhaus arbeitet noch.
Immerhin gibt es nun vermehrt kritische Stimmen zum NATO-Einsatz (soweit wir das im deutschen Fernsehen verfolgen können). Mehrere PolitikerInnen fordern, die UNO und Kofi Annan einzuschalten, gleichzeitig Rußland einzubeziehen.
13. April 1999:
Madeleine Albright trifft sich mit dem russischen Außenminister Iwanow. Allerdings ohne konkrete Ergebnisse. Dennoch ist das ein kleiner Schritt vorwärts. Vor einer Woche noch hatte Albright ein Treffen kühl abgelehnt. Die USA waren sich so sicher, mit ein paar Bomben Miloševic zum Einlenken zu zwingen. Sie haben sich furchtbar verrechnet. Aber anstatt dies zuzugeben und der Politik wieder eine Chance zu geben, verrennen sie sich immer mehr in immer neue "Angriffsphasen".
Im Fernsehen: Kofi Annan auf einer EU-Konferenz. Ist das nun der Beginn einer neuen Initiative? Nur, was kann er ausrichten, wenn die USA ihn ignorieren?
Die Situation ist verzweifelt und verfahren. Wir beginnen, uns Gedanken über einen Aufruf zu machen, einen "Aufruf der Frauen in Europa für eine sofortige politische Initiative zur Beendigung von Krieg und Gewalt." Wir haben es so satt, nur ohnmächtig zuzusehen, wie (fast) nur Männer in der Politik, in den Medien diesen Krieg betreiben, oder auch dagegen argumentieren. Aber wo sind die Frauen, wo sind wir? Haben wir nichts dazu zu sagen? (Warten wir ab, bis wir uns hinterher wieder um die Opfer kümmern dürfen?)
Wir müssen uns jetzt einmischen, bevor es zu spät ist!
15. April 1999:
Ich habe meine Tagebuchaufzeichnungen an verschiedene Freundinnen in Deutschland geschickt. Viele wollen wissen, wie wir hier über die Situation denken. Einige möchten ebenfalls aktiv werden. Ich schreibe weiter an unserem Aufruf.
16. April 1999:
Der Aufruf ist in Rohform auf Deutsch und Englisch fertig. Ich schicke ihn an unsere Kolleginnen in Zagreb, an Freundinnen und Interessierte in Deutschland, England, Bosnien-Herzegowina und bitte um Rückmeldungen.
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Nachtrag am 20. April: