![]() |
SEKA-Journal Nr. 4 - Mai 1999 |
Schon längst war nötig
und überfällig, was Kuca SEKA schließlich 1998 realisierte: Entlastung und psychologische Unterstützung außerhalb des Kriegsgebiets für psycho-soziale Helferinnen / Mitarbeiterinnen aus Bosnien-Herzegowina und Kroatien.
An der von uns geleiteten Gruppe nahmen 10 Frauen teil. Wie geplant war die Zusammensetzung der Gruppenmitglieder heterogen bzgl. Alter, Projekte, in denen sie arbeiteten, Arbeitsbereiche, Nationalität / Religion und bzgl. der Frage, wie und wo sie die Kriegsperiode in Bosnien verbracht hatten.
Sieben Frauen der Gruppe hatten den Krieg an ihrem Vorkriegswohnort erlebt. Zwei von ihnen lebten unter langanhaltender Blockade mit ständiger Granatierung in ihrem Heimatort. Eine Frau blieb an ihrem Vorkriegswohnort in einer Gemeinschaft der sie von ihrer Nationalität her "nicht zugehörte". Ihre gesamte Herkunftsfamilie hatte diesen Ort verlassen, außerdem mußte sie erleben, daß ihr Mann und ihr Sohn für einige Zeit (als "potentielle Kriegsgegner") inhaftiert waren.
Eine Frau lebte während des Krieges (als Muslimin) weiterhin in einem Ort in Kroatien, in gemischter Ehe.
Eine Gruppenteilnehmerin lebte in der Gemeinschaft zu der sie - nach ihrer Nationalität - "gehörte", aber sie war nicht einverstanden mit dem, was sich dort ereignete und fuhr fort, sich mit den Frauen der "gegnerischen" Seite zu verbünden und zusammenzuarbeiten.
Eine Frau war mit ihrem Kind in einem Drittland (d.h. außerhalb Ex-Jugoslawiens) untergekommen, während ihr Mann zuerst im Lager festgehalten wurde und dann Soldat (in der bosnischen Armee) war. Sie war dann wieder nach Bosnien zurückgekehrt in einen Ort, in dem der Ehemann für die Familie eine Flüchtlingsunterkunft gefunden hatte. Noch immer gibt es keine Aussicht, daß sie in ihre Heimatstadt zurückkehren könnten.
Für alle Frauen der Gruppe wurde nicht nur ihr Gefühl von Sicherheit durch die Kriegssituation grundsätzlich erschüttert, sondern aufgrund der Auswirkungen nationalistischer Politik verloren sie zusätzlich das Gefühl, "richtig zu sein", d.h. an einen Ort und in eine Gemeinschaft zu gehören. Für viele war das die schmerzhafteste Erfahrung.
Jede Gruppe arbeitete wie geplant an drei Terminen:
den ersten Termin 2,5 Tage, den zweiten Termin 5 Tage, den dritten Termin wieder 2,5 Tage.
Am ersten Termin machten wir die Teilnehmerinnen mit der Planung bzgl. des gesamten Prozesses der Gruppenarbeit vertraut. Außerdem beinhaltete er das Kennenlernen untereinander und die Formulierung der Erwartungen der Teilnehmerinnen an die Gruppenarbeit.
Als Erwartungen führten die Frauen an , daß sie sich Ruhe und Erholung wünschten, daß sie erhofften, nähere persönliche Beziehungen zu knüpfen und auch nach der Rückkehr nach Hause weiter im Kontakt zu bleiben. Daß sie erwarteten, etwas zu lernen und für sich zu erarbeiten, um für die, denen sie in ihrer Projektarbeit Hilfe anbieten, nützlicher zu sein.
Diese Erwartung der Gruppenmitglieder, "etwas zu lernen, daß sie für andere nützlicher wären", drückte aus, daß es ihnen schwer fiel, "nur für sich selbst" etwas zu erarbeiten. Das entspricht dem überkommenen weiblichen Rollenmuster, das ihnen nur über den Nutzen für andere erlaubte, einen persönlichen Gewinn aus dieser Arbeit zu ziehen. Nach so langandauernder Konzentration auf fremde Bedürfnisse - sowohl in der Projektarbeit als auch im persönlichen Leben - ist ein solches Verhaltensmuster kein Wunder.

Es war uns von Anfang an bewußt, daß die Arbeit mit dieser Gruppe eine Gratwanderung bedeutete. Es war klar, daß wir in den 10 Tagen Gruppenarbeit keine Prozesse eröffnen wollten, die nicht zum Abschluß gebracht werden konnten. D.h. wir taten nichts, um eine Konfrontation mit erlebten Traumata zu fördern.
Dennoch brachen bereits in der ersten Phase der Arbeit die folgenden traumatischen Themen auf: Der Verlust ihres Hauses, aus dem sie fliehen mußten, Trauer darüber und über den Verlust ihrer " Wurzeln" allgemein, wie auch ihrer Freunde, Nachbarn, Trauer über enttäuschte Erwartungen und mißbrauchtes Vertrauen, Krankheit... Aber gleichzeitig waren auch die Beziehungen zu Menschen Thema, die sie während des Krieges ermutigt und bestärkt hatten durchzuhalten.
Zusätzliche Themen waren: Wut darauf, was der Krieg den jungen Menschen angetan hat, die überlebte Todesangst und die Angst um die nahestehenden Menschen während des Krieges, aber auch die Ungewißheit im Hinblick auf die Zukunft.
Eine wichtige Rolle spielte andererseits die Sehnsucht nach Erholung und Entspannung. Für viele Frauen war es das erste Mal in ihrem Leben, daß sie Zeit "nur für sich selbst" haben durften.
Die Gruppe arbeitete 6 Stunden täglich, die übrige Zeit konnten die Teilnehmerinnen nach eigenen Wünschen gestalten.
In der Gruppenarbeit kombinierten wir unterschiedliche Techniken. Einige Themen erarbeiteten wir mit der Methode des Psychodramas. Wenn die Arbeit an sehr schmerzhafte Themen rührte, wechselten die Teilnehmerinnen oft auf die kognitive Ebene. Wir gingen darauf ein indem wir den Frauen Informationen z. B. zur Wirkungsweise von Trauma gaben.
Wir arbeiteten auch mit expressiven Techniken in Kombination mit Phantasiereisen und Energetisierungsübungen.
Dabei war uns wichtig,
Am Ende eines jeden Gruppentreffens werteten wir die gemeinsame Arbeit mit der Gruppe aus.
Bereits nach der ersten Einheit benannten einige Frauen als Gewinn "daß sie nach langer Zeit endlich richtig weinen konnten", daß sie eine positive Wirkung von Entlastung gefühlt haben und das sie ihre Verletzlichkeit wieder zulassen konnten.
Einige führten an, "daß sich ihr Glaube in die Menschen wieder erneuert hat", wozu das Erkennen der ähnlichen Erfahrungen in der heterogen zusammengesetzten Gruppe beigetragen hatte.
Alle betonten die Bedeutung der Gemeinschaft und der Entspannung.
Die Frauen fühlten sich bereichert durch die Erfahrungen der anderen in der Gruppe, und "durch die Erzählungen der anderen in der Gruppe gestärkt. Sie sahen daß sie nicht allein waren". Einen stärkenden Effekt hatte auch, daß Frauen in der Gruppe z.B. bei einer Teilnehmerin positive und von ihnen selbst gewünschte Eigenschaften entdeckten, die dieser Frau selbst gar nicht in dem Maße bewußt waren: "Ich konnte nicht glauben, daß eine mich wählt in die Rolle der Stärke in ihrem Bild!" Oder: "Es war eine Freude, Teil fremder Erfahrungen zu sein." oder wie eine ander Frau das formulierte: "Es ist schön, jemandem etwas zu bedeuten!"
Neben dem direkten Nutzen aus der Gruppenarbeit, war für die Teilnehmerinnen ein wichtiger Gewinn die Bekanntschaft mit den Frauen des SEKA-Teams. Diese haben durch die warme und liebevolle Atmosphäre des Hauses und durch ihre freundschaftliche und fürsorgliche Beziehung zu den Frauen bedeutend zu deren physischer Erholung beigetragen. Gleichzeitig haben sie ihnen aber auch das Bewußtsein vermittelt über die "große solidarische Frauen-Gemeinschaft in unterschiedlichen Ländern der Welt", der sich die Frauen der Gruppe, ohne sich darüber im Klaren zu sein, durch ihr Engagement während des Krieges längst angeschlossen hatten.