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SEKA-Journal Nr. 3 - Oktober 1998 |
Emir, 11 Jahre: Ich bin aufgewacht - und sofort: Granaten. Wir wollten uns im Keller verstecken, aber wir sind gar nicht da hingekommen, denn es fielen pausenlos Granaten. Wir haben uns runter in den Flur im Erdgeschoß geflüchtet und da waren wir bis 10 Uhr abends. Bis dann waren schon fünf Granaten auf unser Haus gefallen. ...
Meine Mutter hatte Glück, sie wollte noch von oben etwas holen und grad als sie wieder die Treppe runterkam, fiel wieder eine Granate. ..... Wir sollten dann durch den Garten zum nächsten Haus, weil das einen großen Keller hatte (unseres nicht), ein Mann sollte uns rüberbringen, aber es blitzte und krachte die ganze Zeit und alles hat gebrannt. Wir haben es nicht geschafft, wir konnten dann erst in der Nacht rüber. ...
Wir waren dann alle zusammen, meine Mutter, mein behinderter Bruder und andere Verwandte, die auch auf uns aufpaßten
im Keller, da waren wir dann 11 Monate.
Amar, 13 Jahre: Bei uns waren etwa 50 in zwei Kellerräumen, es war ganz eng, wir konnten uns kaum bewegen, meistens nur sitzen.
Mirela, 14 Jahre: Wir waren nicht im Keller. Wie waren in einem großen Haus im Erdgeschoß, in einem
Raum der einigermaßen sicher war. Aber es waren auch viele Menschen, es war eng. Und wir hatten alle furchtbare
Angst.
Emir: Bei uns waren 150 Menschen auf 9x9 qm. Und es war so stickig, die Leute haben dauernd geraucht und weil sie
keinen Tabak hatten, haben sie Heu oder trockene Blätter geraucht, das hat furchtbar gestunken. ...
Es waren nur 2 m von unserem Haus bis zur Frontlinie. Das war so nah. Wir durften uns nicht rühren, daß
sie nicht merkten, daß wir da im Keller sind.
Amar: Wir hatten immer Angst, daß sie 'ne Bombe auf die Treppe zu unserem Keller schmeißen. Dann wären
wir alle umgekommen.
Mirela: Die Kinder hatten keine Milch. Da haben sich die Frauen frühmorgens im Nebel zu den Kühen geschlichen,
aber sie hatten kein Futter für sie. Da haben sie ihnen die Daunen aus den Federkissen zu fressen gegeben.
Manche sind auch in der Dunkelheit Futter suchen gegangen.
Amar: Aber auch das war gefährlich, weil es Sniper gab, die Rotlichtgewehre hatten und auch im Dunkeln sehen
konnten. Wenn es ein bißchen hell wurde, mußten sie rennen.
Armin, 13 Jahre: Bei Nacht durften wir manchmal raus aus dem Keller. Wenn es richtig stockdunkel war, daß
uns niemand sehen konnte. Wir sind vielleicht einmal im Monat rausgekommen für 'ne Stunde.
Emir: Ich bin in drei Monaten einmal rausgekommen.
Mirela: Ich nie in der ganzen Zeit.
Armin: Es war so gefährlich wegen der Sniper, die haben immer geschossen. Es ist kein Tag vergangen, an dem
nicht jemand von Snipern getroffen wurde. Die Verwundeten haben sie auch manchmal bei uns in den Keller gebracht.
Ich hatte jedes Mal Angst, daß es meine Mutter oder mein Vater wären, wenn die gerade irgendwo draußen
waren.
Amar: Die haben auch Feuerlöscher oder Boiler mit Sprengstoff und Splittern gefüllt und als Bomben auf
uns geworfen.
Emir: Ein paar Meter von uns entfernt war ein anderes großes Wohnhaus. Da haben sie eine riesige Bombe draufgeschmissen.
Das ganze Haus wurde zerstört und alle getötet, die da im Keller waren.
Mirela: Einmal ist eine Frau nach oben gegangen in die Wohnung, um für die Kinder etwas zu essen zu holen.
Da haben sie durch ein ganz kleines Fenster in der Speisekammer eine Bombe geworfen und drei Frauen und zwei Kinder
sind umgekommen.
Emir: Wenn wir Wasser hatten, haben wir Strom fabriziert, wir haben kleine Wasserräder gebaut. Dann konnten
wir Radio hören und hatten etwas Licht. Dann haben wir bosnische Nachrichten gehört. Die haben öfter
extra Nachrichten an uns durchgegeben, daß wir aushalten sollen und daß sie uns bald befreien würden.
Aber es hat noch so lange gedauert!
Armin: Der erste große Angriff, als der Tankwagen explodierte. Sie haben einen mit Benzin gefüllten
Tankwagen von oben herunterrasen lassen. Einen Mann hatten sie auf den Sitz gefesselt und den Fuß aufs Gas
gebunden, daß er in die Häuser rasen mußte. Er ist mit dem Tankwagen explodiert. ... Das war eine
so furchtbare Explosion. Zehn Häuser sind sofort in die Luft geflogen. Das war am anderen Ende von Stari Vitez.
Aber auch bei uns und überall sind die Fensterscheiben zersprungen. Und viele Häuser haben gebrannt.
Wir hatten Angst, daß das Feuer bis zu uns kommt.
Emir: Für mich war das auch schlimm, aber das Schlimmste war, als eine "Beba" (eine spezielle Bombe)
vor unserem Haus explodiert ist und die Wasserleitung zerrissen hat. Das ganze Wasser ist bei uns in den Keller
gelaufen. Es stand uns bis zur Brust und wir konnten nicht raus wegen der Sniper. Gott war das schrecklich!
Schließlich haben wir versucht, das Rohr mit Erde zuzustopfen. Erst nachts konnte es (das Wasser) dann abgestellt
werden.
Armin: Ja, wenn sie versucht haben, unsere Linien zu durchbrechen und Stari Vitez zu überrennen. Aber sie
haben es nicht geschafft. Dann sind Unsere stärker geworden, sie haben den toten Gegnern die Waffen abgenommen.
Mirela: Von oben haben sie angefangen zu schießen und von unten, die Häuser anzuzünden. Das war
jedes Mal so.
Amar: Wir mußten es ja. Wir haben es mit der letzten Kraft ausgehalten.
Emir: Ich hab alles aufgeschrieben. Ich hab gedacht, wir überleben das nicht, und dann sollte wenigstens jemand
finden, was ich geschrieben hatte. Ich hab das noch heute.
Mirela: Daß sie uns im Radio immer wieder gesagt haben. Haltet noch aus, es dauert nicht mehr lang. Daran
hab ich mich festgehalten.
Armin: In den letzten drei Tagen hab ich gedacht, daß wir alle sterben müßten. Da war es am allerschlimmsten,
in den drei Tagen sind mehr als 1000 Granaten auf Stari Vitez gefallen. Da gab es die meisten Toten und Verletzten.
Emir: Plötzlich ist einer ganz normal auf der Straße gelaufen und er wurde nicht erschossen. Da haben
wir uns gewundert und dachten, es muß zu Ende sein.
Mirela: Sie (die HVO) haben uns per Lautsprecher gesagt, wir sollten weiße Laken raushängen und uns
ergeben. Wir wollten uns aber nicht ergeben. Sie sagten, es würde uns nichts geschehen. Das haben wir aber
nicht geglaubt, weil sie uns vorher immer über diese Lautsprecher gesagt hatten, daß sie uns alle am
Spieß braten würden. (...)
Armin: Es wird allmählich besser, aber es geht viel zu langsam. ... Z.B. dürfen wir nicht in die Schule
dort (im kroatischen Teil) gehen. Die Schulen sind halb leer, aber sie wollen uns da nicht. ...Wir gehen hier zur
Schule, in zwei Cafés. 180 Schülerinnen und Schüler. Klasse 5-8 geht ins eine Café und
Klasse 1-4 ins andere.
Emir: Aber in unserer "Schule" gibt"s keine Türen und auch kaum Fenster und keine Heizung.
Im Winter ist es furchtbar kalt. ... Als Schulbänke haben wir Parkbänke bekommen. Seit kurzem haben wir
eine richtige Tafel. ...
Manchmal kriegen wir Schulmaterial als Spende aus dem Ausland. Aber Bücher müssen wir uns selber kaufen.
(...)
Mirela: Es gibt keinen Treffpunkt für Kinder und Jugendliche. Die Kinder spielen draußen, die Jungs
meistens Fußball. Manchmal organisieren wir eine Disco in der "Schule". Dann sammeln wir Geld,
damit wir uns bald einen Heizkörper für die "Schule" kaufen können. Es heißt, daß
bald für uns eine Schule gebaut werden soll.
Amar: Im Sommer baden wir in der Lašva. Aber das ist nicht so schön wie hier (auf Brac). Die Lašva ist voller
Scherben und Müll. ...
Emir: Ich glaube, daß es doch besser werden wird, es dauert nur so lange. Aber einige Kriegsverbrecher sitzen
im Gefängnis. Und es gibt auch Kroaten, die uns in Ruhe lassen, oder uns sogar grüßen.
Mirela: Manche Kroaten haben uns auch geholfen. ...
(...)