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SEKA-Journal Nr. 3 - Oktober 1998 |
Im Zusammenhang mit dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien sind einige Städte inzwischen zu trauriger oder schrecklicher Berühmtheit gelangt: so z.B. Vukovar, Sarajevo, Višegrad, Prijedor, Mostar, Bihac ...
Diese Orte gelten quasi als Wahrzeichen für Leid und Grausamkeiten, die Menschen in diesem Krieg erleben mußten.
Der Name der Altstadt von Vitez, "Stari Vitez" ist dagegen kaum bekannt. Auch in Deutschland wissen nur wenige von der Tragödie, die sich in dieser kleinsten - überwiegend muslimisch besiedelten - Enklave im Zentrum Bosniens abgespielt hat.
Eine der Gruppen von Frauen und Kindern, die im Sommer 1998 ins SEKA-Haus kam, stammte aus "Stari Vitez". Dies nehmen wir zum Anlaß, um sowohl über "die schlimmste Zeit", die Blockade und Belagerung, als auch über die gegenwärtige Lage zu berichten, die auch heute noch in vielem an Apartheidsverhältnisse erinnert.
Die Stadt Vitez im Zentrum Bosniens im Tal der Lašva gelegen, war vor dem Krieg eine kleine aber wirtschaftlich florierende Stadt, durch Chemieindustrie und Handel. Sie lag an der wichtigen Verbindungsroute Zagreb - Sarajevo.
Vitez hatte knapp 28.000 EinwohnerInnen, darunter ca. 12.700 Kroaten/Katholiken und 11.500 Bosniaken / Muslime, 1.500 Serben und ca. 2.000, die sich keiner der drei Kategorien zuordneten.
In der Altstadt von Vitez "Stari Vitez" lebten in ca. 300 Häusern etwa 1.300 Menschen, überwiegend Bosniaken.
Für die Menschen in Stari Vitez begann der eigentliche Krieg am 16. April 1993 um ½ 6 Uhr morgens, zeitgleich mit dem Überfall der bosnisch-kroatischen Miliz HVO auf das Dorf Ahmici, das etwa fünf Kilometer entfernt ebenfalls im Lašva-Tal liegt.
In Ahmici wurden innerhalb von ein paar Stunden mindestens 103 Menschen (d.h. ca. 1/6 der muslimischen Bevölkerung), darunter Säuglinge und alte Menschen, bestialisch ermordet. Die übrigen Muslime wurden vertrieben, die Häuser angezündet.
Die BewohnerInnen von Stari Vitez wurden an diesem Morgen durch heftiges Artilleriefeuer von allen Seiten geweckt. Sie wußten nicht, wie ihnen geschah.
Sie flohen in die Keller, nicht wissend, daß sie dort für 11 Monate ausharren sollten.
Der Angriff auf die beiden Orte gehörte zu dem Plan der bosnisch-kroatischen HVO, mit Unterstützung der kroatischen Regierung und Armee den bosnisch-kroatischen Staat "Herceg Bosna" zu errichten, der langfristig an Kroatien angeschlossen werden sollte. Dazu sollte dieses Gebiet von MuslimInnen "gesäubert" werden.
Wie bereits im Osten Bosniens von den bosnisch-serbischen Milizen im Verein mit der Jugoslawischen Volksarmee erfolgreich praktiziert, sollte die muslimische Bevölkerung durch extreme Grausamkeiten und Massaker vernichtet oder zur Flucht gezwungen werden.
Die Stadt Vitez sollte "rein kroatisch" werden. Dazu gehörte die "Säuberung" oder Vernichtung von Stari Vitez.
Daß dies nicht gelang, erscheint heute wie ein Wunder.
Die Bevölkerung von Stari Vitez hatte sich nicht bewaffnet, sie mußten sich nun mit Jagdgewehren und ähnlichem verteidigen.
"Wir haben bis zuletzt nicht geglaubt, daß der Krieg auch zu uns kommen wird", sagten mir mehrere Frauen, "obwohl wir alle die Nachrichten von den Massakern und Vertreibungen in Ost- und Nordbosnien und von der Belagerung Sarajevos gesehen haben. Wir waren so sicher, daß unsere Nachbarn zu so etwas nicht fähig wären. Wir wollten die Zeichen nicht sehen."
Die nationalistisch-kroatische Gegenseite besaß Artillerie, MGs, Bomben und jede Möglichkeit für Nachschub. Die Bevölkerung von Stari Vitez wurde am Morgen des 16. Aprils abgeschnitten von der übrigen Welt. Erst durch das Zustandekommen der kroatisch-bosnischen Föderation (durch Druck der USA auf Kroatien) am 25. Februar 1994 begann sich diese Blockade allmählich zu lockern. 1
Noch lange Zeit gab es gewalttätige Übergriffe von der nationalistisch-kroatischen Seite. Auch die heutige Situation in Stari Vitez hat in vielem noch den Charakter eines Ghettos.

"In so einer Situation mußt Du total diszipliniert und kontrolliert sein", schildert mir Berina auf meine Frage, wie sie die 11 Monate im Keller durchstehen konnten, ohne verrückt zu werden. "Du darfst nicht den Kopf verlieren, mußt auf die Kinder, auf die Schwächeren sehen. Du mußt andere beruhigen, obwohl Du selbst durchdrehen könntest vor Angst. Und es geht erstaunlicherweise. Du funktionierst. Du tust Dinge, von denen Du nie geglaubt hättest, daß Du den Mut dazu hättest. Aber Du lebst immer nur den heutigen Tag, Du denkst nie an das Morgen."
Die Frauen und Kinder von Stari Vitez lebten fast alle in den Kellern. In manchen größeren Kellern lebten auf etwa 50 qm bis zu 150 Menschen in unglaublicher Enge.
Es gab kein Wasser, keine Elektrizität. In manchen Häusern konnte Wasser noch aus den Wohnungen oben geholt werden, wenn die Leitungen nicht zerstört waren. Die meisten mußten es im Schutz der Dunkelheit von Brunnen oder Zisternen holen.
Gekocht wurde auf improvisierten Holzöfen, die in den kalten Wintermonaten gleichzeitig die einzige "Heizung" darstellten. Diese Öfen mußten allerdings vorsichtig beheizt werden. Zum einen, weil das Holz unter Lebensgefahr gesammelt werden mußte, zum anderen, um nicht durch aufsteigenden Rauch die Granatierung des Hauses herauszufordern.
So waren die Keller feucht, kalt und dunkel. Auch an Kerzen mußte gespart werden. Nur bei völliger Verdunkelung der Fensteröffnungen, durften sie angezündet werden.
"Eines der schlimmsten Probleme war der Hunger," erinnert sich Aiša. "Es ist furchtbar, wenn Du als Mutter für Deine Kinder nichts zu essen hast. Die ersten drei Monate gab es überhaupt keine humanitäre Hilfe. Wir hatten das Gefühl, man hat uns vergessen. Oder vielleicht dachten ja alle, wir seien schon tot.... Wir haben dann aus allem, was wir fanden, versucht, etwas zu machen. Eine hatte noch etwas Mehl, eine andere im Garten einige Kohlköpfe oder Porree vom letzten Jahr. Wir erfanden dann die eigenwilligsten Speisen."
Allerdings war es sehr gefährlich, aus den Wohnungen oder den Gärten etwas zu holen. Die Sniper hatten Stari Vitez von allen Seiten im Visier. Einige hatten sogar Infrarotgewehre, mit denen sie auch nachts sehen konnten. Viele Menschen wurden während der 11 Monate von Snipern getötet.
Dabei verlief die Frontlinie unglaublich nah: "Die Front war drei Meter von meinem Haus entfernt", erzählt Ca-tiba. "Wenn sie gerade nicht schossen oder granatierten, konnte ich die Unterhaltung der HVO-Soldaten hören. Es war schrecklich. Wir mußten uns vollkommen still verhalten, damit sie nicht merkten, daß wir da im Keller waren."
Das Stillsitzen im Keller war für alle schlimm, besonders aber für die Kinder. "Ich habe mich bemüht, im Keller mit den Kindern zu spielen oder mit ihnen zu lernen, um sie abzulenken und ihnen die Situation erträglicher zu machen", erzählt Berina. "Es war natürlich eingeschränkt, was wir spielen konnten, nichts bei dem man sich bewegen muß. Wir erzählten oder erfanden Geschichten, stellten Rätsel, rechneten, lernten Gedichte oder Liedtexte auswendig."
Um die unerträgliche Situation auszuhalten, war es wichtig, Radio hören zu können, um überhaupt Nachrichten zu erhalten, über das, was "draußen" geschah. Dazu war Elektrizität nötig. Tatsächlich gelang es, kleine Generatoren zu bauen, die von Wasser oder einem Fahrrad betrieben wurden. "In dem Schacht auf der Straße, wo die Wasserleitung verlief, haben wir den kleinen Generator angeschlossen und den Strom dann mit ganz feinen Drähten durch das Kellerfenster geleitet", erklärt Aiša. "So hatten wir ein wenig Licht oder konnten Radio hören."
In der Zeit der Belagerung gab es drei besonders schreckliche Angriffe (s. auch Interview mit den Kindern), während derer alle dachten, sie müßten sterben. Safia (Mutter zweier Töchter) sagt: "Die Angst vor dem Tod war noch nicht einmal so groß. Viel größer war meine Angst, was sie uns vorher antun würden, besonders meinen Töchtern. Wir wußten von den furchtbaren Grausamkeiten, die sie in Ahmici begangen hatten. Und wie sollten wir uns wehren, wir hatten überhaupt nichts, außer vielleicht einem Brotmesser."
Und Berina ergänzt: "Und diese Lautsprecher, die sie rund um Stari Vitez aufgestellt hatten. Das war unglaublich schlimm. Jeden Tag bedrohten und beschimpften sie uns über diese Lautsprecher und beschrieben, wie sie uns töten würden. Wir konnten nicht verhindern, daß unsere Kinder das anhören mußten. Es war so sadistisch!"
"Diese lange Zeit der totalen Anspannung auszuhalten, war nur möglich durch unsere Gemeinschaft, besonders unter uns Frauen," erinnert sich Zina. "Eine hat der anderen geholfen, wenn nötig ihre Kinder mitversorgt, wir haben uns beruhigt und getröstet oder ermutigt. Wir haben gegenseitig auf einander aufgepaßt, manchmal besser auf die andere, als auf uns selbst. Wenn ich denke, was wir überstanden haben, dann muß ich sagen, wir waren unglaublich stark."
"Auch die Kinder haben mir geholfen", ergänzt Aiša, "zu wissen, daß die Kinder mich brauchen. Und der Trotz, der Trotz, es denen zu zeigen. Außerdem, daß wir im Recht waren, das hat uns stärker gemacht. Wir haben uns verteidigt, wir haben niemanden angegriffen."
Aber die Zeit der Blockade hat ihre Folgen hinterlassen: Viele Frauen und Kinder haben noch heute starke Ängste oder Panikanfälle, Schlafstörungen, Alpträume, Kopf-schmerzen, Kreislaufprobleme, Konzentrationsstörungen, Verlust der Merkfähigkeit, oder sie haben auch gesundheitliche Schäden davongetragen. Viele Kinder haben motorische bzw. feinmotorische Störungen durch den Bewegungsmangel oder sogar Spasmen durch den Sauerstoffmangel im Keller.
Nach Beendigung der Blockade verbesserte sich die Situation nur sehr langsam.
Das Dänische Flüchtlingskommittee half beim Aufbau der Häuser, die völlig zerstört waren. Die nur teilweise zerstörten Häuser wurden als weniger dringlich eingestuft und viele sind noch heute nicht wieder völlig hergestellt. Es fehlt das Geld.

Nach der offiziellen Aufhebung der Blockade im Frühsommer 1994 war es noch immer lange Zeit gefährlich, nach Vitez zu gehen (in den kroatischen Teil). Frauen, die einkaufen wollten (und mußten), waren gezwungen, sich in Listen einzutragen, um die Erlaubnis zu bekommen. Viele wurden trotz Erlaubnis bedroht, beschimpft und geschlagen, wenn sie im kroatischen Vitez als Bosniakin identifiziert wurden. Dazu waren die Lebensmittel für Bosniaken unvorstellbar teuer.
In den letzten 4 Jahren hat sich die Situation langsam etwas entspannt. Die Zahl der gewalttätigen Übergriffe ist zurückgegangen. Und auch die Zahl der Provokationen. Einige Kriegsverbrecher sind im Gefängnis. Doch es hat sich noch nichts grundlegend verändert:
Fast alle Firmen, Läden, die Industrie befindet sich im viel größeren kroatischen Teil. Die BosniakInnen bekommen dort keine Arbeitsplätze. Daher sind fast alle Männer in Stari Vitez nun arbeitslos. Die wirtschaftliche Lage der meisten Familien ist verzweifelt. Das Überleben der Familie hängt überwiegend an den Frauen. Alle haben inzwischen ein wenig Landwirtschaft. Durch ausländische Unterstützung konnten drei Hühnerfarmen, eine kleine Schneiderei, Büglerei und ein kleiner Friseursalon aufgebaut werden (ein Haarschnitt kostet 2,- DM ). Einige Frauen versuchen sich im Kleinhandel (Kioske). Das wirtschaftliche Überleben ist bitter schwer.
Aber auch Verwaltung und sämtliche kommunalen Einrichtungen befinden sich im kroatischen Teil der Stadt, so z.B. Rathaus, Krankenhaus, Schulen, Kindergärten, Schwimmbad oder Kino. Bosniaken war der Zutritt lange verwehrt. Viele fürchten sich heute noch, das kroatische Vitez zu betreten. Das politische Klima in Vitez ist noch immer stark von nationalistischen Ressentiments, von Haß und Rassismus geprägt.
Die Menschen in Stari Vitez versuchen seit Jahren, ein eigenes kommunales Leben aufzubauen. So gibt es eine kleine Kommunalverwaltung, eine Ambulanz, ein Feuerwehrhaus, 12 kleine Läden / Kioske, eine Tankstelle, eine Moschee, ein Stadion, in dem auch der Sportunterricht abgehalten wird. Mit Spenden aus dem Ausland wurde eine Art Mehrzweckhalle gebaut, für Versammlungen und Ähnliches. Eine Schule soll gebaut werden. Bisher wird in Cafes oder ehemaligen Garagen unterrichtet, da die SchülerInnen nicht die ehemaligen gemeinsamen Schulen auf kroatischem Gebiet besuchen dürfen. Einen Kindergarten gibt es nicht.
Die Kinder sind überwiegend sich selbst überlassen.
Ein wichtiger stützender Faktor im Gemeinschaftsleben ist die Vereinigung "Starovitezanke" (Frauen von Stari Vitez), die sich nach Beendigung der Belagerung gegründet hat. Sie hat ca. 70 Mitfrauen. Die "Starovitezanke" organisieren zum einen so etwas wie Nachbarschaftshilfe und haben verschiedene Projekte zur Existenzsicherung aufgebaut (s.o.).
Zusätzliche Projekte zur Existenzsicherung sind nötig, um deren Finanzierung sie sich bemühen.
Darüber hinaus würden sie gerne ein Projekt zur "Sozialpädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen" realisieren, wenn sie Geldgeber dafür finden. (Wie nötig eine solche Unterstützung und Förderung der Kinder und Jugendlichen ist, macht das Interview mit Kindern von Stari Vitez deutlich, das wir im Anschluß auszugsweise abdrucken.)
Sehr wichtig wäre auch die Einrichtung eines Beratungszentrums, das psycho-soziale Hilfe anbieten und Kindern und Erwachsenen helfen könnte, die schweren traumatischen Erfahrungen der Belagerungszeit zu überwinden.
Der Aufenthalt im SEKA-Haus war für Frauen und Kinder eine erste Möglichkeit der Entlastung. Durch unsere zahlreichen Gespräche haben viele Frauen erlebt, daß psychologische Hilfe "etwas nützt". Sie sind dadurch motiviert, weiter therapeutische oder beraterische Hilfe für sich zu suchen, wenn es diese Möglichkeit für sie gäbe.
Mit einigen Frauen aus der Gruppe haben wir Möglichkeiten für Fundraising besprochen und ihnen Adressen und Informationen bzgl. möglicher Geldgeber vermittelt. Außerdem haben wir ihnen angeboten, ihnen bei englischsprachigen Anträgen zu helfen.
Ellen konnte ihnen, zur Einrichtung einer eigenen Telefon- / Fax-Leitung einen Betrag von 500,- £ = ca 1.400,- DM übergeben, den sie bei FreundInnen in England gesammelt hatte.
Auch nach dem Aufenthalt im SEKA-Haus sind wir mit den "Starovitezanke" in kontinuierlicher Verbindung.