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SEKA-Journal Nr. 3 - Oktober 1998 |
Was können wir in einem 12 tägigen Aufenthalt für die Kinder bewirken? Diese Frage haben wir uns immer wieder gestellt. Natürlich wäre es wundervoll, mit jeder der Gruppen viel mehr Zeit zu haben. Solange es aber nur ein SEKA-Haus und dringende Anfragen für Hunderte von Frauen und Kindern gibt, müssen wir die Aufenthaltsdauer auf diese 12 Tage beschränken.
Dennoch zeigten die Ergebnisse unserer Arbeit auch in diesem Sommer wieder, daß diese 12 Tage im SEKA-Haus, in denen wir uns intensiv mit den Kindern beschäftigen, durchaus eine Menge verändern können.
Wie sieht aber nun die Arbeit mit den Kindern in SEKA aus?
Unser Ziel in der Arbeit mit den Kindern ist nicht so sehr die direkte Bearbeitung erlebter Traumata sondern die Stabilisierung und Stärkung der Kinder. Das bedeutet nicht, daß die traumatischen Erfahrungen keinen Platz haben, aber wir vertiefen die Auseinandersetzung mit diesen Erlebnissen nicht, da ein solcher Prozeß erheblich mehr Zeit beansprucht.
Es ist uns wichtig, die Kinder zu entlasten, sie in der Äußerung ihrer Gedanken und dem Ausdruck ihrer Gefühle zu unterstützen, ihnen zu helfen, Ängste abzubauen und wieder Vertrauen in andere Menschen zu entwickeln.
Wir wollen ihnen ermöglichen, Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein über ihre Stärken und Fähigkeiten (wieder) zu gewinnen, und sie darin unterstützen, sich selbst anzunehmen und wertzuschätzen.
Wir ermutigen sie, neue Erfahrungen zu machen, indem wir ihr Aktionsbedürfnis unterstützen und herausfordern, um den Erfahrungen von Ohnmacht die Erfahrung von Handlungsfähigkeit entgegenzusetzen.
Unsere Absicht ist es auch, die Kreativität der Kinder zu fördern, sie in der Wahrnehmung und Behauptung ihrer eigenen Grenzen zu unterstützen und ihnen den Respekt vor den Grenzen anderer zu vermitteln.
Und wir wollen die Kommunikationsfähigkeit der Kinder stärken, den Zusammenhalt der jeweiligen Kindergruppe verbessern und insbesondere die Integration isolierter Kinder unterstützen.
Im SEKA-Haus sollen die Kinder neue stärkende Erfahrungen machen, erleben, daß das Leben auch schön sein und Spaß machen kann.
Um diese Ziele zu realisieren, arbeiten wir mit unterschiedlichsten Methoden:
Wir nutzen Techniken aus der Gestalttherapie, aus dem Psychodrama / Rollenspiel, Bewegungsspiele, kindgemäße Körper- / Yoga-Übungen, Phantasie-Übungen, Regelspiele, Gesellschafts- und Geschicklichkeitsspiele, kreative Techniken wie Malen, Basteln, Spielen mit LEGO- oder anderen Bausteinen und mit Spielfiguren (Menschen, Tieren, Autos etc.) aber auch Tanzen und Singen.
Bei den täglichen Ausflügen zum Strand begleiten in der Regel zwei bis drei der SEKA-Mitarbeiterinnen die Gruppe, um sich wirklich intensiv mit den Kindern beschäftigen zu können. Jeden Abend spielen in der Regel zwei Mitarbeiterinnen mit den Kindern.
Ideales Medium für die Arbeit mit den Kindern ist natürlich das Meer, besonders in Verbindung mit Sandstrand, wie es das in unserer Lieblingsbucht "Lovrecina" gibt.
Das Meer hat eine starke therapeutische Wirkung, wenn die Kinder dabei unterstützt werden, sich in ihrem Tempo damit vertraut zu machen. Traumatisierte Kinder benötigen zuerst viel Unterstützung und Sicherheit.
Doch dann machen sie schnell große Fortschritte: werden jeden Tag mutiger und freier.
Durch spielerische Entspannungsübungen können sie schrittweise Ängste abbauen, Vertrauen und Selbstvertrauen gewinnen.
Sie können sich zunehmend entspannen und genießen, wie z.B. der 5 jährige Denis, Flüchtlingskind aus Srebrenica: Zu Anfang war er voller Ängste, klammerte sich nur an die Mutter und sah immerzu sorgenvoll drein. Er lächelte kaum einmal. Auch das Meer machte ihm zunächst Angst. Doch Tag für Tag wurde er freier und genoß es zusehends, im Wasser zu spielen.
Schließlich, nach 10 Tagen, zog er den Schwimmring aus und lief durchs brusthohe Wasser, die Ärmchen wie Flügel über der Wasseroberfläche, strahlend, selig, gelöst - ein wunderschönes Bild.
Ball- und Bewegungsspiele im Wasser, Schwimmen und Tauchen fördern die Kinder auch in ihren motorischen Fähigkeiten, unterstützen ihr Aktionsbedürfnis und helfen, Spannungen und Aggressionen abzubauen. Besonders geeignet zur Verarbeitung von Gewalterfahrungen sind spontane Rollenspiele im Wasser. (s.u. "Nedim").
Gemeinsame Spiele mit den Müttern entspannen die Beziehungen zwischen Müttern und Kindern und lassen sie gemeinsame schöne Erfahrungen machen. Oft entdecken die Mütter ihre eigene Spiellust und tollen ausgelassen mit den Kindern im Wasser.
Aber auch der Sand in Verbindung mit dem Wasser ist ein wundervolles Medium für die Kinder, ganz besonders für die bis 10 jährigen.
Sie können nach Herzenslust "herummatschen" und sich von oben bis unten "schmutzig machen", ohne daß jemand schimpft. Das ist eine besondere sinnliche und lustbetonte Erfahrung. Die kleineren Kinder experimentieren meist selbstvergessen, graben Löcher, bauen Türme, die dann "von einer Granate getroffen" in sich zusammenstürzen. Oder sie bereiten "ucak" (Mittagessen) und "füttern" mich dann mit Begeisterung.
Die größeren Kinder bauen Städte oder Dörfer, gestalten ganze Landschaften mit Seen, Flüssen, Brücken, Straßen. Meist sind Dörfer und Städte mit hohen Mauern umgeben - "zum Schutz".
Auf meine Anregung erfinden sie gerne Geschichten zu diesen Szenen und wir spielen diese Geschichten dann im Sand weiter. Dadurch werden die Kinder angeregt, über ihre Gedanken, Gefühle, Wünsche, Ängste oder Träume zu sprechen.
Das Wichtigste in der Arbeit mit den Kindern ist für uns allerdings unsere therapeutisch- pädagogische Grundhaltung:
Die Kinder ernst und wichtig zu nehmen, ihnen mit Offenheit und Interesse zu begegnen. Ihnen ihr Tempo zu lassen und den Raum / d.h. auch die Distanz, die sie benötigen. Wir achten ihre Grenzen, wir drängen sie zu nichts, wir sind da und haben für sie Zeit. Aber wir zeigen auch, daß wir selbst Grenzen haben.
Wenn nötig schützen wir die Kinder, vor Älteren, Stärkeren oder auch ihren Müttern. Denn im SEKA-Haus gilt die Devise aller Frauenhäuser: "Keine Gewalt". Jede Gewalterfahrung bedeutet eine erneute Grenzüberschreitung und damit Verstärkung des ursprünglichen Traumas.
(Natürlich heißt das, daß wir auch mit den Mütter in eine konstruktive Auseinandersetzung gehen und auch ihnen unsere Unterstützung anbieten, die nach unseren Erfahrungen in den meisten Fällen gern angenommen wird. Für die Frauen gibt es ohnehin eigenständige Therapieangebote.)
Wir stülpen den Kindern nichts über, sondern lassen uns von dem leiten, was sie uns zeigen: was sie mögen und nicht mögen, wovor sie Angst haben, womit sie Probleme haben, worauf sie stolz sind, worüber sie traurig sind, was sie wütend macht, was sie brauchen und was sie gerne verändern würden.
Wir sind ehrlich im Kontakt mit ihnen. Wir versprechen nichts, was wir nicht halten können, sagen unsere ehrliche Meinung und unsere ehrlichen Gefühle. Das setzt natürlich zuerst einmal voraus, daß wir uns differenziert selbst wahrnehmen.
Wir achten auch die kleinen Veränderungsschritte, die die Kinder tun. Denn für sie sind es oft kleine Schritte aber große Veränderungen.
Im SEKA Journal Nr. 2 hat Kindertherapeutin Ina Rahmanovic ausführlich beschrieben, welchen traumatischen Situationen Kinder im Krieg ausgesetzt sind und welche Auswirkungen diese Erlebnisse auf Seele, Körper und Verhalten der Kinder haben.
In diesem Journal möchte ich am Beispiel einiger Kinder schildern, wie wir ihnen helfen, diese Folgen der Gewalt ein Stück weit zu überwinden.
Den meisten Kindern sieht man auf den ersten Blick nicht an, was sie hinter sich haben. Sie verhalten sich, wie alle Kinder, die in eine neue Umgebung kommen: schüchtern oder neugierig, aufgeregt oder eher ängstlich, nervös oder ruhig.... Erst wenn wir sie näher kennenlernen, bemerken wir die tiefen Wunden, die der Krieg und die Erfahrung von Gewalt, Todesbedrohung, Hunger, Vertreibung und Flucht, das "Verschwinden" des Vaters, Bruders, der Tod von Familienmitgliedern oder FreundInnen ... verursacht haben.
Der 12 jährige Nedim z.B. wirkt wie ein normaler Junge, der in die Pubertät kommt. Etwas ungestüm, manchmal noch sehr kindlich, dann wiederkratzbürstig und trotzig, besonders seiner Mutter gegenüber. Andere Kinder (besonders kleinere) ärgert und provoziert er gern.
Am ersten Tag am Strand will er nicht zeigen, daß er Angst vor dem Wasser hat (er ist zum ersten mal am Meer). Er klopft Sprüche, albert herum, läßt sich dann aber doch überreden, einen Schwimmring zu nehmen, und traut sich gemeinsam mit anderen Kindern ins Wasser.
Wir paddeln herum, die Kinder sind noch sehr ängstlich. Ich beruhige sie, unterstütze sie abwechselnd, gebe ihnen Sicherheit. Allmählich entspannen sie sich etwas und fangen an, Spaß zu haben.
Plötzlich sehe ich, daß ein anderer Badegast, der uns zugesehen hat, sich Nedim nähert und ihm Schwimmen beibringen will. Er faßt ihn bei den Schultern.
Ich empfinde das als Grenzüberschreitung - die Kinder kennen den Mann gar nicht - und greife ein, erkläre ihm, er solle die Kinder in Ruhe lassen. Wir kümmerten uns schon um sie. Gleichzeitig sehe ich, daß Nedim ganz blaß geworden ist und Panik in den Augen hat.
Ich hole ihn aus dem Wasser und frage, was passiert ist. Er sagt, der Mann war ihm unangenehm. Ich bestärke ihn darin, daß das Verhalten des Mannes auch nicht in Ordnung war. Nedim beruhigt sich wieder, bleibt dann aber nah bei mir.
Erst abends erfahre ich von Dzenana, seiner Mutter, warum der Junge so angstvoll reagiert hat:
Als sie 1992 (nach Beginn der totalen Blockade und Belagerung Srebrenicas) vom UNHCR aus der Stadt evakuiert wurden (Richtung Tuzla), wurde ihr Bus plötzlich von Cetniks angehalten. Diese kamen in den Bus, bedrohten die Frauen und Kinder und erklärten, sie würden jetzt alle Jungen über 5 Jahre mitnehmen.
Nedim war gerade 6 geworden. Dzenana blieb vor Angst fast das Herz stehen. Da kam schon einer der Cetniks, packte Nedim grob am Kinn und zog ihn aus dem Sitz: "Den hier nehmen wir gleich mit."
Die Mutter flehte den serbischen Soldaten an, ihr das Kind zu lassen, es sei doch so klein.
Schließlich, nach bangen Minuten, ließen die Cetniks ihn wieder los. Andere Jungen aber nahmen sie mit.
Nedim sprach nie über diese Situation. Erst als er Jahre später einen Schulaufsatz über seinen Vater schreiben sollte, den er seit der Evakuierung nicht mehr gesehen hatte und der bis heute "verschwunden" ist, schrieb er:
"An meinen Vater kann ich mich nicht mehr erinnern, aber ich weiß noch genau, wie die Cetniks mich mitnehmen wollten." Und dann beschrieb er plastisch diese Situation, von der Dzenana gehofft hatte, "er habe sie vergessen".
Nedims Überlebensstrategie ist es offensichtlich, sich nichts anmerken zu lassen, keine Ängste zu zeigen, stark zu sein, "ein Mann zu sein". Er kann sich zu Anfang überhaupt nicht entspannen (z.B. bei den Übungen, die wir mit den Kindern im Wasser machen).
Wir lassen ihm diese Kontrolle und unterstützen sein Aktionsbedürfnis und seine Spiellust. Im Rollenspiel spielt er gern "gefährliche, bedrohliche Tiere", jagt und "frißt" kleinere Tiere, "Opfer", die von mir oder einer anderen Mitarbeiterin gespielt werden. Nach einiger Zeit ist es dann genug und er wird zum "starken aber lieben Krokodil (Löwen...)", das (der) andere verteidigt.
Für Kinder die extreme Hilflosigkeit und Bedrohung oder Gewalt erlebt haben, ist es wichtig, im Spiel in die Rolle des Angreifers / des Mächtigen zu schlüpfen. Wenn sie diese Rolle genügend ausgespielt haben und wenn ihnen von uns in der Rolle des "Opfers" dessen Reaktionen und Gefühle gespiegelt werden, können sie die gewalttätige Rolle auch wieder verlassen oder relativieren und ein inneres Gleichgewicht finden. Es ist allerdings wichtig, nicht andere traumatisierte Kinder die Opferrolle spielen zu lassen.
Nedim erlebt sich in diesen Spielen als mächtig, erfährt aber auch, daß es normal ist, in bedrohlichen Situationen Angst zu haben.
Im Lauf der Zeit wird er ruhiger, entspannter und muß auch andere Kinder nicht mehr so viel necken oder ärgern (um seine Überlegenheit zu beweisen). Und er wird weicher: er kann zunehmend mehr liebevolle Gesten zulassen. Er wehrt z.B. nicht mehr ab, in den Arm genommen zu werden.
Als er eine kleine Verletzung am Fuß hat, kommt er jeden Tag mehrmals zu Mirjana und läßt sich versorgen. Er genießt ihre liebevolle Aufmerksamkeit.
Beim Abschied ist er traurig und kann das zeigen und dann umarmt er uns ganz fest zum Abschied.
Manche Kinder, die ins SEKA-Haus kommen, sind noch vollkommen in dem Schrecken gefangen, den sie erleben mußten:
Als die 11 jährige Amira zu uns kommt, ist sie fast stumm und wie erstarrt. Ihr Gesicht zeigt keine Regungen. Die Augen scheinen wie nach innen zu schauen. Es gibt kein Anzeichen, daß sie uns überhaupt bemerkt.
Sie kommt mit ihrer jungen Stiefmutter Enisa ( ihre leibliche Mutter hat sie im Krieg verloren) und dem 4 jährigen Halbbruder Ener. Auch Ener ist sehr verstört und völlig auf seine Mutter fixiert, die ihn fast wie ein Baby behandelt. Von Enisa und anderen Frauen aus der Gruppe erfahren wir Amiras Geschichte:
Amira hat bereits als kleines Kind miterlebt, wie ihre Mutter von deren eigener Familie schwer mißhandelt wurde.
Dann kam der Krieg, die totale Blockade und Belagerung. Wie alle BewohnerInnen von Stari Vitez mußte Amira mit Mutter, Geschwistern und vielen anderen Menschen 11 Monate lang im Keller leben, ohne Wasser, ohne Strom oder Heizung, in ständiger Angst, "daß sie kommen und uns umbringen". (s. auch: Die Frauen von "Stari Vitez" ). Wasser mußte mühsam und unter Lebensgefahr vom Brunnen oder der Zisterne geholt werden. Dabei wurde Amiras Mutter von Snipern getötet.
Amira blieb alleine mit zwei älteren Geschwistern und den Nachbarinnen. Der Vater war als Soldat irgendwo an der Front.
Nach dem Ende der Belagerung kehrten Vater und Kinder in das zerschossene Haus zurück. Notdürftig wurden einige Zimmer bewohnbar gemacht. Dann heiratete der Vater wieder. Enisa brachte ein weiteres Kind mit in die Ehe. Ener wurde wenig später geboren.
Schon damals galt Amira als "still und etwas retardiert".
Aus "Freundlichkeit" wurde sie in der improvisierten Schule trotz mangelhafter Leistungen immer weiter versetzt. Sie sprach kaum und es war nicht klar, was sie eigentlich verstand.
Die Stiefmutter versorgte Amira wie auch deren Geschwister, aber ihre Liebe galt dem Jüngsten, der noch im Krieg geboren und ein sehr schwieriges Kind war. Über Amira machte sie sich keine besonderen Gedanken "sie ist eben so".
Vom ersten Tag an bemühen wir uns um Amira:
Wir versuchen, sie immer miteinzubeziehen, wenn wir etwas spielen. Am Anfang lehnt sie meist ab, will allein bleiben. Dann spielt sie ab und zu mit, aber sie scheint nicht zu verstehen, um was es geht, Spielregeln kann sie nicht behalten.
Einmal finde ich sie, wie sie allein vor'm "Vikendica" (dem kleineren SEKA-Haus ) sitzt und auf's Meer blickt. Wir schauen uns an (sie schaut mich wirklich an) und ich sage, wie schön ich diesen Blick finde und daß ich da auch manchmal sitze - allein - und das genieße.
In diesem Moment fühle ich, wie eine zarte Verbindung zwischen uns entsteht. Ich spüre, daß ich zu ihr durchgedrungen bin. Und ich kann ihre Gefühle wahrnehmen: Einsamkeit, Sehnsucht und Angst.
Ich weiß mit einem Mal, warum Amira sich mit 11 Jahren noch nicht einmal die einfachsten Spielregeln merken kann: sie hat Angst. Sie ist beherrscht von einer riesigen Angst, die Seele, Geist und Körper umklammert wie in einem Krampf.
Aber Amira macht Fortschritte, kleine zuerst: Sie spielt öfter bei den gemeinsamen Spielen mit, sie malt gern und viel farbenprächtiger, als ich angenommen hatte.
Zwar will sie nichts zu ihrem Bild sagen, aber sie hört zu, was ich über ihr Bild sage (was mir besonders auffällt, was ich besonders schön finde, was ich mich frage, wenn ich es betrachte usw.). Sie hört zu und schaut mich an. Und manchmal stiehlt sich ein kurzes Lächeln über ihr Gesicht. Oder ich kann ein leichtes Nicken ausmachen. Unsere Blickkontakte werden häufiger.
Eines Abends sitzen wir nebeneinander. Amira hat von Ellen einige Kekse bekommen und will offensichtlich mir welche abgeben. Aber sie getraut sich nicht. Ich kann sehen, wie sich in ihr ein Kampf abspielt. Aber dann siegt ihr Wunsch, mir etwas geben zu wollen. Und verschämt und schnell berührt sie mich am Arm, hält mir die Kekse hin und schaut schnell zu Boden.
Es ist schmerzhaft zu sehen, wie schwer alles für sie ist. Doch ich weiß, daß es wichtig ist, ihr ihr Tempo zu lassen, sie nicht zu überfordern oder ihr zuvorzukommen. Sie muß ihren Weg selbst gehen. Wir können sie nur bestärken und ihr zeigen, daß wir an sie glauben.
Und sie macht weiter Fortschritte:
Am Strand beginnt sie, häufiger ins Wasser zu gehen. Zu Anfang müssen wir sie immer fragen und ermutigen. Sie braucht sehr viel Unterstützung und Sicherheit. Im Wasser klammert sie sich an uns. Wir dürfen sie keine Sekunde loslassen. Aber auch das ist ein Fortschritt, wir haben ihr Vertrauen gewonnen.
Am fünften Tag kommt sie von alleine zu mir, berührt mich am Arm und flüstert, kaum hörbar: "Wollen wir ins Wasser gehen?"
Am nächsten Tag kommt sie schon selbstverständlich und fragt mich lauter, ob wir schwimmen wollen.
Sie beginnt zu lächeln, wenn wir uns anschauen, und wird lebhafter. Sie fürchtet sich allmählich weniger vor den anderen Kindern. Und sie wird im Wasser mutiger.
Während wir mit Amira arbeiten, sie auf unterschiedlichste Weise unterstützen, fördern, ermutigen und unsere Begeisterung über ihre Fortschritte äußern, führe ich auch viele Gespräche mit Enisa.
Zum einen sprechen wir über ihre eigene Situation, die auch nicht leicht ist. Sie fühlt sich von ihrer Rolle als Mutter von 5 Kindern, Ehefrau und Alleinverdienerin maßlos überfordert. Und außerdem von den Angehörigen ihres Mannes nicht anerkannt.
Wir sprechen aber auch immer wieder über die Kinder, besonders über Amira. Über Amiras Geschichte, über die Wirkungsweise von Traumata bei Kindern und wie wir Kindern helfen können.
Enisa wird offener, nachdenklicher. Sie sieht, wie sehr wir uns um Amira bemühen, wie wichtig wir sie nehmen. Sie nimmt staunend die Fortschritte wahr, die Amira macht. Und sie beginnt, ihren Teil beizutragen.
Für Amira ist das von ungeheurer Wichtigkeit: daß die Mutter sich für sie interessiert, daß sie mit ihr z.B. Schwimmen übt. Es wird deutlich, wie sehr Amira an ihrer neuen Mutter hängt, wie verzweifelt sie sich deren Aufmerksamkeit wünscht, sich um sie bemüht.
Natürlich hätten wir uns - gerade für Amira - gewünscht, mit dieser Gruppe mehr als 12 Tage Zeit zu haben. Dennoch war Amiras Veränderung in den 12 Tagen bemerkenswert: Sie wurde viel lebhafter, konnte Blickkontakt gut aushalten, lächelte öfter, sie konnte bei der "Löwen-Übung" - gemeinsam mit den andern Kindern - tatsächlich laut brüllen. Sie tanzte mit uns. Sie sprach - nicht sehr viel - aber deutlich.
Der Krampf aus Angst hatte sich gelöst.
In der Kindergruppe war sie keine Außenseiterin mehr, über die die anderen lachten. Und sie lernte tatsächlich ohne Schwimmring schwimmen - noch nicht ganz sicher, aber dennoch ein kleines Wunder! Sie und wir waren sehr stolz - und beim Abschied sehr traurig.
Amira ist für uns ein besonders ermutigendes Beispiel, daß wir auch sehr schwer traumatisierten Kindern durch den Aufenthalt in SEKA ein Stück helfen können. Wir haben weiter Kontakt zu den "Starovitezanke" und zu Amira und werden sie im Winter besuchen.
Stellvertretend für die vielen Kinder, die in diesem Sommer im SEKA-Haus waren, will ich hier noch ein Beispiel herausgreifen:
Auch die Geschwister Adisa (8 J.) und Adis (5 ½ J.) sind sehr verstört, als sie bei uns ankommen.
Adis klebt förmlich an der Mutter, zeitweise verhält er sich wie ein Kleinkind, dann wieder tyrannisiert er sie, wenn sie ihm nicht die gewünschte Aufmerksamkeit schenkt oder ihm Grenzen setzt. Er bockt, bekommt jähzornige Wutausbrüche oder schlägt sie sogar.
Auf andere Kinder reagiert er zunächst entweder gar nicht oder aggressiv.
Alma, seine Mutter, kümmert sich intensiv um ihn, ist aber verständlicherweise oft überfordert. Dann wird auch sie aggressiv, droht ihm oder schlägt ihn (in diesen Situationen intervenieren wir, um die Situation zu entspannen und gemeinsam eine Lösung zu finden).
Auch das ältere Kind, Adisa, ist in einer schwierigen Verfassung: Sie verhält sich einerseits provozierend und aggressiv, dann wieder sehr distanziert und verschlossen. Sie ist sehr eifersüchtig auf ihren Bruder und kämpft um die Aufmerksamkeit der Mutter.
Von Alma erfahren wir, daß Adisa lange Zeit überhaupt nicht gesprochen hat.
Mutter und Kinder sind Flüchtlinge aus Srebrenica. Sie ertrugen drei Jahre lang die ständige heftige Granatierung, die Belagerung und die furchtbare Hungersnot . Dann, im Sommer 1995, wurde die "Schutzzone" Srebrenica von den serbischen Truppen gestürmt und eingenommen, während die niederländischen UN-Truppen tatenlos zusahen.
Alma und ihre Kinder flüchteten sich - wie tausende andere - zum UN-Camp in Potocari (einem Vorort von Srebrenica). Sie hofften - entgegen aller Erfahrungen - auf den Schutz der Blauhelme.
Tagelang harrten sie dort aus. Noch immer hofften sie, erzählt Alma, "daß die Welt doch noch eingreifen würde": "Wir waren doch eine UN-Schutzzone!"
Derweil gingen die serbischen Milizen im Camp ein und aus, bedrohten und drangsalierten die verängstigten Menschen. Junge Frauen wurden aus dem Lager geholt und blieben verschwunden. Andere wurden von den Cetniks vor aller Augen vergewaltigt. In mehreren Fällen sollen sich sogar UN-Blauhelme beteiligt haben.
Schließlich selektierten die serbischen Milizen - mit Unterstützung der Blauhelme - die Männer und Jungen ab 14 Jahre (manche waren allerdings auch jünger) und transportierten sie ab. Fast all diese Männer und Jungen sind bis heute verschwunden, die meisten von ihnen umgebracht und in Massengräbern verscharrt.
Almas Mann hatte sich schon vorher von der Familie getrennt, da er ahnte, was passieren würde, um sich (wie viele andere Männer auch) durch die Wälder in Richtung Tuzla durchzuschlagen. Wie die meisten anderen Männer, die das versuchten, kam er nie an. Bis heute wissen Alma und die Kinder nicht, was mit ihm geschehen ist. Sie können es nur ahnen.
Nach diesen Tagen in Todesangst in Potocari, wurden die Frauen und Kinder in Busse oder LKWs verladen und Richtung Tuzla gebracht. Das letzte Stück mußten sie zu Fuß gehen, in glühender Sommerhitze, ohne Wasser, ohne Lebensmittel, flankiert von den serbischen Milizen. Adisa war damals 5 und Adis 2 ½ Jahre alt.
Endlich in Tuzla angekommen, mußten sie zuerst mit tausenden anderen Frauen und Kindern auf dem Flughafen campieren, denn die Stadt war mit Flüchtlingen bereits völlig überfüllt. Als sie endlich in einer Massenunterkunft einen Platz fanden, erzählt Alma, waren die Kinder in einem schlimmen Zustand: wie erstarrt, teilnahmslos. Adisa sprach nicht mehr.
Alma war selbst in sehr schlechter Verfassung. Sie war selbst noch unter Schock, dazu völlig erschöpft, sie hatte Angst um ihren Mann, hatte Angst, daß auch Tuzla gestürmt werden könnte, sie sorgte sich um ihre Kinder, wußte nicht, wie sie ihnen helfen sollte. Sie wußte nicht, wie es weitergehen sollte.
"Wenn die Mitarbeiterinnen von Vive Zene mich nicht gefunden hätten", sagt sie nachdenklich, "ich weiß nicht, was passiert wäre. Sie haben uns das Leben gerettet!"
Mutter und Kinder werden im Therapiezentrum Vive Zene aufgenommen. Sie haben dort genug zu essen, einen sicheren warmen Schlafplatz und werden liebevoll betreut. Sowohl Alma als auch die Kinder bekommen Therapie. Für Adisa wird zusätzlich eine Logopädin gefunden, um sie beim Wieder-Sprechen-Lernen zu unterstützen.
"Sie haben beide unglaubliche Fortschritte gemacht", sagt mir die Mutter, "Du hättest sie damals sehen sollen!"
Wir führen viele Gespräche mit Alma, unterstützen sie, Adis mehr Grenzen zu setzen, aber ohne Drohen und Schlagen. Und wir lenken ihre Aufmerksamkeit mehr auf Adisa, die um die Zuwendung der Mutter kämpft.
Zu Adis bekommen wir erstaunlich schnell Kontakt - hauptsächlich über das Spielen im Meer, das er - trotz Ängsten vor'm Wasser - immer mehr genießt. Bald will er am liebsten gar nicht mehr aus dem Wasser kommen.
Wenn wir ins Wasser gehen, klammert er sich zu Anfang trotz Schwimmring wie ein Ertrinkender an mich. Ich muß ihm dann erklären, daß ich so keine Luft mehr bekomme. Ein wenig kann er den Klammergriff dann lockern.
Durch dieses Festhalten und Festgehalten werden holt er sich zugleich intensive Zuwendung. Nach und nach kann er mehr loslassen. Die Entspannungsübungen im Wasser genießt er - aber immer mit Schwimmring.
Große Schwierigkeiten hat er am Anfang, sich unsere Aufmerksamkeit mit anderen Kindern teilen zu müssen. Er will sie wegdrängen, weint und kriegt Wutausbrüche. Ruhig und liebevoll, aber deutlich, erklären wir ihm immer wieder, daß wir nicht alleine für ihn da sein können. Allmählich kann er sich damit besser abfinden. Er kann es auch zunehmend akzeptieren, daß wir ihm Grenzen setzen. Und er ist nicht mehr nur auf sich selbst bezogen, nimmt auch andere wahr und kann auch liebevoll mit ihnen umgehen - zum Beispiel mit der kleinen Zejna, die er zärtlich umarmt und küßt.
Im Mutter-Kind-Spiel mit mir will er nun die Mutterrolle übernehmen und spielt sie wirklich fürsorglich und zärtlich.
Auch das Verhältnis zu seiner Schwester verbessert sich bemerkenswert: Die Geschwister rivalisieren und streiten weniger und können zeitweise sehr gut miteinander spielen. Und sie beginnen auf einander zu achten ("Warte, Adisa möchte auch mitkommen", sagt Adis zum Beispiel. Oder Adisa: "Hier ist das Wasser zu tief, da kann Adis nicht stehen").
Adis kann seine Mutter mehr loslassen und neue Beziehungen eingehen: zu uns Mitarbeiterinnen, zu anderen Kindern und besonders auch zu seinem neuen Freund Elvis, dem mit 15 Jahren ältesten Jungen in der Gruppe, der sich liebevoll und wie ein großer Bruder mit Adis beschäftigt.
Mit Adisa ist es zu Anfang nicht so leicht, Kontakt herzustellen. Sie ist voller Ängste, was sich vor allem im Meer zeigt. Sie wechselt zwischen großer Distanz und Provokation, ist gleichzeitig sehr empfindlich und reagiert sofort gekränkt.
Sie gibt schnell auf (z.B. ist sie beim Malen anfangs nie mit ihren Bildern zufrieden und will sie gleich wieder zerreißen). Sie hat große Selbstwertprobleme und fühlt sich in der Beziehung zu ihrer Mutter unsicher, was die Eifersucht auf ihren Bruder noch verstärkt.
Ihre Sprachschwierigkeiten erschweren den Kontakt zu Anfang noch zusätzlich. Wenn ich sie nicht sofort verstehe und nachfrage, zieht sie sich gekränkt zurück.
Sie "testet" uns erst mal einige Tage aus, ob sie uns vertrauen kann. Sie ist fordernd, provozierend, zieht sich dann plötzlich zurück, beobachtet uns, meidet jeden näheren Kontakt. Gleichzeitig ist spürbar, wie sehr sie sich Nähe wünscht. (Sie sieht, wie wir mit den anderen Kindern umgehen, wie diese sich Nähe und Zuwendung holen.).Sie ist im Widerstreit mit sich selbst.
Dann allmählich - auch über das Medium Meer - kann sie mehr Kontakt zulassen. Allerdings ist sie noch immer hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Nähe und der Angst davor: Im Wasser klammert sie sich (ähnlich wie ihr Bruder) an uns. Wir müssen ihr immer wieder versprechen, sie ja nicht loszulassen. Aber am Strand muß sie dann gleich wieder auf Distanz gehen und uns zeigen, daß sie "uns nicht braucht".
Doch langsam wächst ihr Vertrauen. Über die Freundschaft zur etwa gleichaltrigen Saima wird sie mutiger und ihr Selbstvertrauen wächst. Sie spielt mit Saima nun auch ohne uns im bauchhohen Wasser oder sammelt Muscheln, Schnecken, Steine und beobachtet Krebse.
Den Schwimmring behält Adisa bis zum letzten Tag. Aber stolz zeigt sie mir, daß sie jetzt auch entspannt auf dem Wasser liegen und genießen kann. Mit Schwimmring hat sie im Meer keine Angst mehr.
Auch das Verhältnis zur Mutter verbessert sich. Alma beschäftigt sich mehr mit der Tochter oder auch mit beiden Kindern. Sie ist nicht mehr so sehr auf Adis konzentriert.
Beide Kinder haben sicher noch einen langen Weg vor sich, bis sie ihre tiefen Traumata überwunden haben. Dennoch konnte die Zeit im SEKA-Haus ihnen helfen, ein Stück Angst zu verlieren, Vertrauen zu gewinnen, freier, mutiger und selbstbewußter zu werden.