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Brac, den 10.04.06
Liebe Freunde, liebe engagierte Männer,
heute wende ich mich mit einem besonderen Anliegen an Sie und möchte Sie um Ihre Hilfe bitten.
Seit mehr als acht Jahren bieten wir im SEKA-Haus (kriegs-)traumatisierten Frauen und Kindern Erholung und psychologische Hilfe. Ausserdem unterstützen wir Kolleginnen und Aktivistinnen aus Frauenorganisationen der gesamten Region durch therapeutische Entlastung, Fortbildung und Supervision darin, den betroffenen Frauen und Kindern in den ehemaligen Kriegsgebieten wirksamer psycho-soziale Hilfe leisten zu können - bei der Überwindung ihrer traumatischen Erfahrungen und dem Aufbau einer neuen Existenz.
Immer wieder waren wir in unserer Arbeit indirekt auch mit den Kriegstraumata der Männer konfrontiert - durch die Probleme der Frauen mit aggressivem, gewalttätigem oder depressivem Verhalten ihrer Ehemänner, Alkoholmissbrauch oder anderen Verhaltensweisen der Männer, die zu massiven Schwierigkeiten in der Ehe und im familären Zusammenleben führten.
Die therapeutische Arbeit mit einer schwerst kriegstraumatisierten Soldatin (siehe auch SEKA-Journal Nr.15) überzeugte uns zusätzlich, dass wir in SEKA vor den Problemen der kriegstraumatisierten Männer nicht mehr länger die Augen verschliessen können.
Leider gibt es bis heute - insbesondere in Bosnien-Herzegowina - noch immer keinerlei spezifische Hilfen für kriegstraumatisierte Soldaten. Die ehemaligen Soldaten versuchen im allgemeinen alleine und häufig isoliert mit den Folgen der eigenen Kriegstraumata fertigzuwerden: mit der unkontrollierbaren Überflutung durch Bilder aus dem Krieg, Alpträumen, die zu einer Vermeidung des Schlafens führen, mit Panikattacken, ständiger Anspannung, Anfällen von Wut, Depressionen bis hin zu Suizidgedanken, Gefühlen von Ohnmacht, Verzweiflung, Schuld, Isolation, Resignation und Misstrauen. Dazu kommt, dass die meisten aus der Armee entlassenen Soldaten um ihre materielle Existenz kämpfen müssen; dies verstärkt ihr Gefühl, wertlos zu sein, noch zusätzlich.
Viele greifen in ihrer Krise zu Alkohol oder Drogen, reagieren mit dem völligen Rückzug oder aber aggressiv. Eine zunehmende Zahl von Veteranen erleidet als Folge jahrelangen extremen Stresses (auch in jungen Jahren schon) Herzinfarkte, Schlaganfälle oder erkrankt an Krebs.
Die psychischen Folgewirkungen erschweren nicht nur den betroffenen Männern selbst das Leben, sondern haben auch massive Auswirkungen auf ihre gesamte Umgebung, ihre Frauen, ihre Kinder, wie auch die gesamte Gesellschaft. Fast täglich können wir in den kroatischen und bosnischen Zeitungen von Verzweiflungstaten kriegstraumatisierter ehemaliger Soldaten lesen: Suizide, Morde - meist an Familienangehörigen mit anschliessendem Suizid, Amokläufe....
Darüber hinaus "zementieren" die unverarbeiteten Traumata der ehemaligen Soldaten in besonderem Maße die durch den Krieg hervorgerufene ethnische Spaltung der Gesellschaft, erzeugen immer wieder neue Spannungen und dienen als Boden für die politische Manipulation der nationalistischen Parteien aller Seiten. Auf diese Weise blockieren die Kriegstraumata direkt den Friedensprozess und bilden die stete Gefahr für ein Wiederaufflammen des Konflikts.
Für SEKA - als Frauenfriedensprojekt - sehen wir zwar nicht die direkte therapeutische Arbeit mit kriegstraumatisierten (ehemaligen) Soldaten als unsere Aufgabe, aber wir wollen unsere Erfahrung und die von uns über Jahre entwickelte Methode in der Arbeit mit traumatisierten Frauen und Kindern durch Fortbildungen an männliche Kollegen weitergeben.
In intensiven Gesprächen mit Vertretern von Veteranen-Organisationen und Offizieren in der ostbosnischen Stadt Gorazde (im Mai 2004 und November 2005) stellten wir nicht nur ein hohes Problembewusstsein bzgl. der Traumatisierung (ehemaliger) Soldaten sondern auch eine grosse Bereitschaft fest, unsere Unterstützung bei der Lösung dieser Probleme anzunehmen.
Da wir leider für diese Art Fortbildungs-Projekt auf breiterer Basis keine Fördermittel bekommen konnten, entschlossen wir uns - gemeinsam mit den Vertretern der Veteranen-Organisationen in Gorazde (BPK-Kanton), wenigstens in begrenztem Maße ein Projekt für kriegs-traumatisierte Veteranen auf die Beine zu stellen, eine Art "Pilotprojekt", das sich - wenn es erfolgreich wäre - später auch auf andere Orte übertragen liesse.
Wir erarbeiteten ein Konzept für einen "Klub für Veteranen" mit integrierter Beratungsstelle in Gorazde, der mit täglichen Öffnungszeiten zu einem Treffpunkt für die ehemaligen Soldaten des gesamten Kantons werden könnte. Das "offene Angebot" des Klubs soll es für die Betroffenen leichter möglich machen, ein Vertrauensverhältnis zu den Helfern und den Professionellen aufzubauen, um dann auch allmählich Angebote wie Einzelberatung und therapeutische Gruppenarbeit annehmen zu können.
Darüber hinaus sollen im Klub regelmässig Informations-Veranstaltungen zu gesundheitlichen, sozialen, pädagogischen oder psychologischen Themen stattfinden - die auch für Familienangehörige offen sein sollten.
Für die laufenden Kosten des Klubs haben die Veteranen-Vereine einen Antrag bei den verschiedenen zuständigen Ministerien gestellt, über den leider bisher noch immer nicht entschieden ist.
Die Fortbildung der Fachkollegen in traumatherapeutischer Arbeit und die Schulung einer Gruppe von ehrenamtlichen Helfern, die im Klub arbeiten werden, hat SEKA übernommen.
Ende Februar / Anfang März 2006 begannen wir mit einem ersten Fortbildungsblock in Gorazde über insgesamt 16 Tage: 2 x 4 Tage Fortbildung für eine Gruppe von Professionellen, sowie 2 x 4 Tage Fortbildung für die Gruppe Ehrenamtlicher. (Bericht über diesen Fortbildungsblock auf dieser Website). Die Fortbildungen zeigten zum einen die hohe Motivation der Teilnehmer, gleichzeitig aber auch den grossen Bedarf an Fortbildung und besonders an Entlastung, da alle Teilnehmer selbst kriegstraumatisiert sind.
Im Sommer würden wir daher gerne mit einem gemeinsamen 5tägigen stationären Seminar fortfahren und dann die diesjährige Fortbildungsreihe im November mit einem letzten Fortbildungsblock in Gorazde abschliessen (jeweils 6 Tage Fortbildung für die Fachkollegen und 6 Tage für die Ehrenamtlichen).
Für die gesamte Fortbildungsreihe der Professionellen und der Ehrenamtlichen entstehen Kosten von insgesamt 8.970,- Euro. Bisher konnten wir für das Projekt 4.899,10 EURO an privaten Spenden sammeln. Ausserdem hat uns die Stuttgarter "Heidehof-Stiftung" einen Zuschuss für das Seminar im Sommer über 2.000,- EURO zugesagt.Zur Finanzierung fehlen uns nun noch 2.070,90 EURO (aktueller Stand vom 19.12.06).
Wenn Sie Fragen haben oder weitere Informationen haben möchten, wenden Sie sich bitte direkt an uns im Projekt: Tel. / Fax: 00387-38-222 099, e-mail: gorazde@seka-hh.de. Vielen Dank und herzliche Grüsse
Ihre Gabriele Müller (Fachliche Projektleitung SEKA und Vorstand SEKA Hamburg e.V.)